690
ändert die Keinen sonstigen natürlichen menschlichen Mängel desselben dergestalt, daß es schwer ist, die beziehungsweisen Vorzüge und Fehler der anderen Züge zu beurteilen. Es ist schwer zu erkennen, daß der untere Teil des Gesichts nach dem Kinne zu fast zu zart gebildet ist, um zu dem oberen im richtigen Verhältnisse zu stehen; daß die Nase, indem sie dem Adlerbogen entging!, ein wenig nach der entgegengesetzten Richtung hin abgewichen ist und die ideale Geradheit übertreten hat; und daß die lieblichen, gefühl- vollen Lippen an einem kleinen nervösen Zucken leiden, die sie, wenn sie lächelt, ein wenig auf einer Seite in die Hohe zieht.
Mit dem lebhaften Eindrücke, den der Liebreiz ihres schönen Gesichtes und Kopfes, der sanfte Ausdruck ihrer Züge und die einnehmende Einfachheit ihrer Manieren hervorbrachten, vermischte sich ein anderer, der mich auf nebelhafte Weise etwas wie einen Mangel fühlen ließ. Einen Augenblick schien es, als ob ihr etwas fehle, im nächsten, als ob der Mangel in mir sei und mich verhinderte, sie zu verstehen, wie ich sie hätte verstehen sollen; und das Widersprechende an der Sache war, daß dieser Eindruck immer am stärksten schien, wenn ich mir des Reizes und der Harmonie ihres Gesichts am deutlichsten bewußt und doch dabei durch die Ahnung einer Unvollständigkeit verwirrt ward, der ich durchaus nicht näher auf die Spur kommen konnte.
Die Wirkung dieser sonderbaren Laune meiner Einbildungskraft (wofür ich es damals hielt) war nicht geeignet, mich während dieses ersten Zusammentreffens mit Miß Fairlie austauen zu lassen. Die wenigen freundlichen Worte des Willkommens, welche sie sprach, fanden mich kaum gefaßt genug, sie auf die übliche Weise zu erwidern. Da Miß Halcombe mein Zögern bemerkte und es ganz natürlicherweise einer augenblicklichen Blödigkeit zuschrieb, so nahm sie das Gespräch wieder so unbefangen und bereitwillig wie gewöhnlich auf und schlug eine kleine Ausfahrt vor.
Wir setzten uns daher mit der guten Mrs. Beseh in einen offenen Wagen und blieben nahezu drei Stunden aus.
Auf dem Rückwege hatte ich die Damen selbst die Ansicht wählen lassen, welche sie -am Nachmittage des folgenden Tages unter meiner Aufsicht zeichnen sollten. Als sie sich zurückgezogen hatten, um ihre Dinertoilette zu machen, und ich in meiner kleinen Wohnstube allein war, schien mein Frohsinn mich plötzlich zu verlassen. Ich war unruhig und unzufrieden mit mir und wußte kaum warum. Vielleicht wurde ich mir zum -ersten Male bewußt, daß ich Unsere Spazierfahrt mehr in der Eigenschaft eines Gastes, als in der eines,Zeichenlehrers genossen hatte. Jedenfalls aber war es mir -eine.große Erleichterung, als die Stunde des Diners mich aus'meiner Einsamkeit rief und wieder in die Gesellschaft der Damen des Hauses führte.
VII.
Als ich in den Salon trat, frappierte mich der sonderbare Kontrast mehr der Farbe als des Stoffes der- Kleider, die sie jetzt trugen. Während Mrs. Beseh und Miß Halcombe (jede nach der Weise, wie es am besten zu ihrem Alter paßte) reich gekleidet waren ■— die erstere in silbergrauer, die zweite in blaßgelber Seide, welche so schön mit dunklem Haar und dunkler Hautfarbe harmoniert ■—, trug Miß Fairlie bloß ein -einfaches, beinahe allzu schlichtes iveißes Musselinkleid. Es war vom reinsten Weiß und wunderhübsch gearbeitet; aber es war bei alledem ein Kleid, wie es die Tochter eines armen Mannes hätte tragen können, und gab der Erbin von Limmeridge House, was die äußere Erscheinung betraf, ein ärmeres Aussehen, als das ihrer Erzieherin.
Als das Diner vorüber war, kehrten wir alle in den Salon zurück. Obgleich Mr. Fairlie (in Nachahmung der erhabenen Herablassung- jenes Monarchen, der Titians Pinsel -aufgehoben hatte) seinem Kellermeister Befehl gegeben, mich zu fragen, welchen Wein ich nach Tische zü, trinken, wünsche, war ich vernünftig genug, die Damen um Erlaubnis zu bitten, den Tisch nach Sitte anderer zivilisierter Länder während meines Aufenthaltes in Sim» meridge House mit ihnen zugleich verlassen zu dürfen.
Der Salon, in den ivir uns fetzt für den Rest des' Abends zurückgezogen hatten, lag zur ebenen Erde Und war von derselben Größe wie das Frühstückszimmer. Große Glastüren -am unteren Ende führten auf eine Terrasse, die ihrer ganzen Länge nach mit .einer Masse von schönen
Pflanzen geschmückt war. Die gute Mrs. Beseh (wie imulev die erste, die sich setzte) nahm Besitz von einem Armsessel! in einer Ecke und schlummerte bald darauf ein. Auf meine Bitte setzte Miß Fairlie sich ans Klavier, während Miß Halcombe das Durchlesen der Briefe ihrer Mutter fort- setzte. —
- Miß Fairlie musizierte wohl eine Stunde. Dann aber verleitete sie die Schönheit der Mondlichtlandschast, aus die Terrasse hinauszutreten, und ich folgte ihr. Miß Halcombe war so in ihre Lektüre vertieft, daß sie unser Fortgehen! nicht zu bemerken schien.
Wir waren wohl kaum fünf Minuten draußen vor der! Glastür gewesen, und Miß Fairlie knüpfte eben auf meinen Rat ihr weißes Taschentuch, um sich' gegen die Nachtluft zu schützen, um den Kopf, als ich Miß Halcombes Stimme — leise, eifrig und verschieden von ihrem natürlichen lebhaften Tone — meinen Namen aussprechen hörte.
Mr. Hartright, sagte sie, »vollen Sie einen Augenblick Herkommen? Ich habe mit Ihnen zu sprechen.
Ich trat augenblicklich wieder ins Zimmer. Das Klavier! nahm etwa die Mitte der inneren Wand ein. An dem von der Terrasse entferntesten Ende des Instrumentes saß Miß Halcombe, auf bereit Schoße die Briefe zerstreut lagen, von denen sie einen in der Hand und dicht ans! Licht hielt. An dem Ende, das der Terrasse am nächsten' war, stand ein niedriger Sessel, auf dem 'ich Platz nahm; ich war so nicht »veit von der Glastür und konnte deutlich Miß Fairlie sehen, wie sie wiederholt an derselben vorbei kam, indem sie langsam int hellen Glanze des Mondes» von einem Ende der Terrasse bis zum andern ging.
Bitte, hören Sie den Schluß dieses Briefes, sagte Miß Halcombe, und sagen Sie mir, ob derselbe irgendwie Licht! aus Ihr sonderbares Abenteuer auf der Straße nach London wirst. Der Brief ist von meiner Mutter an ihren zweiten Gemahl, Mr. Fairlie, und vor ungefähr elf oder zwölf Jahren geschrieben. Zu jener Zeit hatten Mr. und Mrs, Fairlie und meine Schwester Laura schon jahrelang in diesem Hause gelebt, und ich war abwesend, um meine Erziehung in Paris zu vollenden.
Ihre Sprache und ihr Aussehen waren ernst und, wiö mir es schien, auch ein wenig unruhig. In dem Augenblicke, wo sie den Brief zum Lichte emporhielt, ehe sie anfing ihn zu lesen, ging Miß Fairlie an der Glastür vorüber und schaute einen Augenblick zu uns herein; da fte; uns aber beschäftigt sah-, ging sie langsam weiter.
Miß Halcombe fing zu lesen an, wie folgt:
„Es wird Dich langweilen, mein lieber Philipp, fortwährend von meinen Schulen und Schülerinnen zu hören. Aber ich bitte Dich, die langweilige Einförmigkeit unseres Lebens in Limmeridge und nicht mich deshalb zu tadeln. Uebrigens habe ich Dir diesmal wirklich -etwas Interessantes über -eine neue Schülerin mitzuteilen.
Du kennst doch die alte Mrs. Kempe im Torfladen? Nun, nach jahrelanger Kränklichkeit hat der Arzt sie endlich aufgegeben, und sie stirbt jetzt langsam dahin. Ihre einzige lebende Verwandte, eine Schwester, kam vorige Woche hier an, sie zu pflegen. Sie kommt den langen Weg aus Hampshire her, sie heißt Mrs. Catherick. Vor vier Tagen besuchte mich Mrs. Chaterick und brachte ihr einziges Kind mit, ein liebliches kleines Mädchen, etw-g ein Jahr älter als unsere liebe kleine Laura —"
Bei dem Satze gerade ging Miß Fairlie wieder an der offenen Tür vorbei. Sie fang leise eine der Melodien vor sich hin, die sie zu Anfang des Abends gespielt halte.
(Fortsetzung folgt.)
Herbst.
Wenn nach eingebrachter Ernte der Wind über drtz Stoppeln weht, wenn in unseren Gärten die Sonnenblume in goldener Pracht ihr Haupt erhebt über die im Blütenschmuck stehenden Georginen und Astern, dann hält der Herbst seinen Einzug Und bringt uns seine hellen Da-gö mit her klaren Atmosphäre, welche b'em Auge einen säst unbegrenzten Blick in die Weite gestattet. Die Tage haben schon bedeutend abgenommen; dichter, feuchter Nebel lagert am frühen Morgen über Feld und Flur; alles Blattwerk der Pflanzen ist infolge der Hellen Nächte mit dichtem Tau bedeckt, der sich mit der fortschreitenden Jahreszeit bald in Reif verwandelt. Nachdem das Gruminet der Wiesen eingebracht ist!,- bildet bald die blattlose Herbstzeitlose oen


