Donnerstag den 2\. September
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Die weiße Frau.
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
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Als ich zur Zeit des Gabelfrühstücks ins Eßzimmer trat, saßen Miß Halcombe unb eine ältliche Dame bereits am Tische.
Die ältliche Dame erwies sich, als ich ihr vorgestellt wurde, als Miß Fairlies Erzieherin, Mrs. Vesey. Ich rann wenig mehr, als mein bescheidenes Zeugnis darbieten, daß Miß Halcombes Skizze von dem Charakter der alten Dame eine durchaus getreue war. Mrs. Vesey sah wie die personifizierte menschliche Gemütsruhe und weibliche Liebenswürdigkeit aus. Ruhiger Genuß eines ruhigen Daseins glänzte in schläfrigem Lächeln aus ihrem runden, friedlichen Gesichte. .
Nun, Mrs. Beseh, sagte Miß Halcombe und sah im Gegensätze zu der gelassenen alten Dame an ihrer Serie munterer, schärfer und geschäftiger aus, denn je, was wollen Sie haben, eine Kotelette?
Mrs. Vesey legte ihre gefalteten Hände arrf den Rand des Tisches, lächelte milde und sagte: Ja, meine Liebe.
Was ist das da vor Mr. Hartright? — Gesottenes Huhn, nicht wahr? Ich glaubte, Sie äßen gesottenes Huhn lieber, als Koteletten, Mrs. Beseh?
Mrs. Vesey nahm ihre weichen Hande vom Rande des Tisches und faltete fie statt dessen auf ihrem «choy: daun nickte fie dem gesottenen Huhne freundlich zu und sagte: ja, meine Liebe. „ ,,
Mm ja, aber welches von beiden wollen Sie heute haben? Soll Mr. Hartright Ihnen etwas Huhn geben, oder ich eine Kotelette? . , -
Mrs. Vesey legte eine ihrer weichen Hande wieder aus den Tisch, zögerte träumerisch und sagte: Was Sie wollen, trteine Siebe.
Um aller Barmherzigkeit willen! Es ist eine Frage für Ihren Geschmack, meine gute Dame, nicht für den inemtgen. Ich schlage vor, Sie nehmen von beiden ein wenig und von dem Huhne zuerst, denn Mr. Hartright stirbt vor Sehu- fucht, für Sie zu tranchieren. .
Mrs. Vesey legte auch die anders Hand wieder aus den Rand des Tisches, verbeugte sich gehorsam und sagte: Wenn ich bitten darf, Sir.
Unterdessen war noch immer keine Spur bon, Miß Fairlie zu sehen. Wir Waren mit dein Gabelfrühstua zu Ende, und sie kam noch immer nicht. Miß Halcombe, deren Scharfsinne nichts entging, bemerkte die Blicke, welche ich von Zeit zu Zeit der Türe zuwarf. „
Ich verstehe Sie, Mr. Hartright, sagte sie; Sie mochten Wissen, was aus Ihrer anderen Schülerin geworden iß.
Hutes zu ver , „
und über die Ohren zurückgezogen
funden habe.
Während sie noch sprach, bogen wir in einen Schlangen-' weg ein und näherten uns einem hübschen Lusthauschen, von Holz und in Form eines Schweizerhäuschens in Miniatur gebaut. In dem einzigen Stübchen dieses Lust- Häuschens erblickte ich, als ivir die Stufen hmanstlegm, eine iunae 'Dnme. Sie ft ein b ein bin em länblichen £ifcl)c unb schaute aus Heide unb Hügel landeinwärts burch eme Lichtung in den Bäumen, wobei sie zerstreut in einem kleinen Skizzenbuche blätterte, das neben ihr lag.
Es war Miß Fairlie.
Wie kann ich sie beschreiben?
Das kleine Aquarell, das ich zu einer spateren Zeit von Laura Fairlie in dieser Stellung und Umgebung! malte, liegt vor mir auf meinem Pulte, während ich schreibe. e>ch schaue es an, und es leuchtet mir auf dem grünlich braunen Hintergründe des Gartenhauses eine leichte jugendliche Gestalt entgegen in einem einfachen Musselinlleide, dessen Muster von breiten, abwechselnd hellblauen und weißen Streifen gebildet wurde. Ein Schal von demselben Stoffe sckmiieqt sich leicht um ihre Schultern, unb ent Hemer, runder Strohhut von natürlicher Farbe und ein wenig mit Band garniert, das mit dem Kleide harmoniert, bedeckt ihr Haupt und wirft seinen weichen Schatten aus den oberen Teil ihres Gesichts. Ihr Haar ist oon einem Jo inatten, blassen Braun, daß es hier und bannt den Schatten ihres " ■ - ■ -schmelzen schemt. Es ist einfach gescheitelt
UHU uuee uic Ohren zurückgezogen, über der Stirn kaufst es sich' in einer natürlichen Wellenlinie. Die Augenbrauen sind etwas dunkler als das Haar, und die Augen von jenem schmachtenden Himmelblau, das so oft von Dichtem Kungen und so selten int wirklichen Leben gesehen wird. Lieblickie Augen in Farbe, lieblich in Form große, zärtliche, still gedankenvolle Augen — aber am schönsten durch die klare Wahrhaftigkeit des Blickes, die in ihrer innersten Tiefe ruht und durch alle Wechsel des Ausdruckes wie das Licht einer reineren unb besseren Welt hindurch leuchtest Der Reiz — so zart unb doch so deutlich ausgedruckt । den sik über W ganze Gesicht gossen, verbirgt und ver-
Sie ist bereits heruntergekommen und ihr Kopfwes los geworden: aber ihr Appetit ist noch nicht so weit zuruckgekehrt, daß sie an unserem Gabelfrühstück teilnehmen möchte. Wenn Sie sich meiner Führung anvertrauen Wollen, so denke ich, sie irgendwo für Sie ausfinden zu können.
Sie nahm einen Sonnenschirm von einem Stuhle und führte mich durch eine große Glastür am andern Ende des Zimmers auf den freien Gartenplatz. Es ist fast unnötig zu sagen, daß Mrs. Vesey am Tische sitzen blieb, auf dessen Rande sie noch immer ihre weichen Hände gefaltet l)wlt, dem Anscheine nach nunmehr für den ganzen übrigen ~etl des Nachmittags.
Ms wir über den Rasenplatz schritten, erzählte mir Miß Halcombe, daß sie in den Briefen ihrer Mutter noch keine Aufklärung über mein geheimnisvolles Abenteuer M-


