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7,Nein. Ich möchte nicht gern. Ich glaube, Per Vater Macht sich sowieso schon Hoffnungen., . Uh, Tini, ich verkaufe mich nicht!"
„Uijeh, wie fürchterlich! Verkaufen. .Sklavenmarkt. Mädchenhandel. Es ist gräßlich! Warte Pen Mann doch erst ab."
„Ich warte auf keinen Wann!"
Da schaute Tini sie von der Seite an und lächelte ein wenig boshaft.
„Hast du nie auf einen gewartet?" fragte sie.
Sie waren den Hang hinabgestiegen und durchquerten die Sohle der Schlucht. Traute blieb stehen und bückte sich.
„Hilf mir ein paar Vergißmeinnicht pflücken," sagte sie.
Tini kniete sofort nieder und griff mit voller Hand' in die blauen Blumen. Und wieder lächelte sie, während! sie die Freundin mit ihren lustigen Augen forschend an sch ante.
„Es sieht gar zu hübsch aus. Traute, wenn sich deine Bäckchen plötzlich färben!"
Traute warf ärgerlich ihren Sonnenschirm fort und ließ sich neben Tini in die Kniee.
„Nein," rief sie, „es ist abscheulich! So wie ich mich Lücke, schießt mir das Blut in das Gesicht! — Natürlich — jetzt habe ich auch noch einen Flecken im Kleid! Wer ist daran schuld? An allem nur du!"
Aber sie küßte dabei die Freundin. Und Tchi küßte sie wieder und flüsterte ihr dabei in das Ohr:
„Traute, jetzt weiß ich es: du wartest. Sage mir nicht auf wen. Aber warte nur ruhig — er wird schon kommen. Und dann halte ihn fest."
*
Das Wetter schlug um. Es Eanteit Sturmtage. Der Himmel war ganz voller weißer Wolken, wie in Watte gepackt. Der Wind blies vom Meere herüber und schnellte die Wogen bis über die Strandpromenade. Auf dem fest- gestampften gelben Sande zerrannen unaufhörlich die Gischtsäume.
Traute mußte im Hause bleiben. Sie schlief noch länger als sonst und frühstückte im Bette. Zuweilen stand sie erst am Nachmittag auf. Eine erschlaffende Trägheit hatte sich ihrer bemächtigt. Das Denken machte ihr Mühe. Wenn sie sich an das Fenster setzte, um in einem Roman zu schmökern, vergaß sie, was sie auf der Seite vorher gelesen hatte. Ost fiel ihr das Buch aus der Hand; sie ließ es dann müde liegen und starrte hinaus ins Freie: auf den im Winde wirbelnden Dünensand, auf die Wolkenpackung am Himmel, auf die sich überstürzenden glasigen Wogen.
Die schläfrige Ruhe tat ihr wohl. Anfänglich hatte ihr das Herz geschmerzt,. wenn sie an Eberstedt dachte. Das war jetzt vorbei. Er stand immer noch vor ihr Und neben ihr: überall, wo sie auch! war, und selbst, wenn sie abends die Augen schloß, sah sie ihn nah. Aber nur schemenhaft, löte von lauer Dämmerung umweht. Er war ein verblassendes Bild geworden. Es war fast, als rege sich in der weichen Schlaffheit, der sie sich hingab, ihr Erinnerungsvermögen nicht wehr in alter Frische.
In diesen Sturmtagen besuchte sie niemand. Abends saß sie öfters in der Küche Lei Frau Möchel und ließ sich von ihr Klatschgeschichten erzählen. Die Möchel wußte viel. Sie war während der Saison Wäscherin Uno lief in allen Logierhäusern herum und durchschnüffelte ihre Geheimnisse. Da wußte sie denn von einem Senator aus Hamburg, der sich in Sonderkvoog immer mit einer Tänzerin getroffen hatte, und von einem Pärchen, das sich als Mann und Frau ausgab, aber gar nicht verheiratet war, und von einer Gesellschaft junger Herren, die in der Villa Freiluft ganze Tage beim Spiel verbrachten.
Von diesen Geschichten träumte Traute dann in der Nacht. Sie träumte jetzt viel wirres Zeug, und obwohl sie lange schlief, fühlte sie sich beim Aufstehen immer zerschlagen Und matt. Sie sehnte sich nach ihren langen Spaziergängen zurück Und war glückliA als sie eines Morgens erwachte Und ihr die helle Sonne in das Gesicht schien, Der Sturm war vorüber; Glanz und Gleiß lag wieder über der Welt.
Nun kamen auch neue Besuche. Einmal der Vater; einmal die Mutter mit Helene; einmal Alfred und Rolf. Und an einem wunderschönen Tage flatterte ein Schwarm junger Mädchen in das Haus; Lili> Eva,- Henny, und Ellen. Efe kleidMn W letzt WMAWey glMMM- Gy MM
eine neue Caprice gefunden. Sie trugen alle vier elfenbein-' sarvene Kostüme mit türkisblauem Saum am Rock unK türkisblauem Kragen an der Jacke; dazu weiße Stranö- mützen mit einer vergnügten Puschel und rote Stiefeichen und jede einen Spazierstock mit silberner Krücke.
Natürlich hatten sie ungeheuer viel zu erzählen. Sie! schleppten Traute mit sich und legten sich in die Strand-, sonne und schjnabberten durcheinander. Wenn die eine berichten wollte, fiel sofort die andere ein,- und die dritte! und vierte ließ .auch! nicht aus sich warten. Mer Traut« kannte schon den Wirrwarr der Stimmen und hörte das! Wissenswerte heraus. Das wär freilich etwas Erstaunlich esb
Dewa wär weg!
Dewa war plötzlich nach Amerika gefahren. Dewa hätte! weder Abschiedsbesuche gemacht noch irgend einem Menschen Adieu gesagt. Sein Platz unter der großen Mittelsäulei der Börse war eines Tages leer geblieben, und da hatte; Mursinna den alten Dewa gefragt, wo denn der Fred sei.- Und der alte Dewa hatte ganz ruhig geantwortet: „Der ist heute früh nach Neuyork abgedampft; er soll mir drüben eine Filiale einrichten."
Die vier jungen Mädchen witterten ein Geheimnis hinter dieser plötzlichen Wreise; die ganze Goldene Hord« witterte Aehnliches. Aber man sollte es nicht glauben; kein Mensch hatte herausgekriegt, was das für ein Geheimnis sei. Sicher eine Liebesgeschichte; man konnte nur ahnen.- Heuny glaubte an eine Liaison mit der Fritzi Strizzi, der Soubrette aus der Walhalla. Die Bändelei hätte dem alten Dewa nicht gepaßt, und da sei der Fred denn auch gleich zu Kreuze gekrochen.
„Er war immer ein Waschlappen," sagte Lili.
„Wesch wie Schlagsahne," fügte Eva hinzu, und Henny rief:
„Für so einen Mann würde ich danken! Sein Vater hat; ihn am Gängelbande — der durfte nicht mucksen. Traute^ wie gefallen dir unsre Kostüme?"
(Fortsetzung folgt.)
Geschichte des Yostwesens im Grotzherzogtum Hessen.
Von M. Koehler und R. Goldmann.
Wie unzureichend die -durch den neuen Etat ausgestellten Gehaltssätze waren, zeigt am deutlichsten die Tatsache, daß der Fürst von Taxis bereits am 23. März 1847 in Anbetracht der anhaltenden Teuerung der notwendigsten Lebensbedürfnisse den Postbeamten und Postunterbediensteten bei dem Ober-Postamt in Darm- 8adt, den Postämtern in Mainz, Worms, Gießen, Bingen und ffenbach eine einmalige Teuerungszulage bewilligte.
Es erhielten der Ober-Postmeister 100, die Vorsteher der! 5 Postämter je 70, 17 Postsekretäre.je 50, 8 Postassistentcu und Kanzlisten beim Ober-Postamt je 40, 49 Postunterbedienstete (Briefträger, Postschaffner und Wageumeister) je 20 bis 30 Äuldcm
Die Ruhegehaltsansprüche der Beamten regelten sich nach deut „Edikt über die ösfentlichen Dienstverhältnisse der Hessischen Civil- Staatsbeamten" vom 12. April 1820. Jeder Beamte erhielt nach fünfzigjähriger Dienstzeit beim Ausscheiden den Titel und die volle Besoldung, nach vierzigjähriger Dienstzeit den Titel und 9/io der Besoldung. Bei Dienstunfähigkeit standen den Beamten in den ersten 10 Jahren seit dem Eintritt in den Staatsdienst 7/io>. in den zweiten 10 Jahren 8/i0 und bei späterem Austritt 9/ia ihrer Besoldung als Ruhegehalt zu,
V, Die Post in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1867.
Wie überall, so nahm auch in Hessen um die Mitte dep vierziger Jahre das gesamte Verkehrswesen einen gewaltigen Aufschwung. Was die Buchdrucker'kunst, die Entdeckungen der Seefahrer und die Reformation für die Verkehrsentwickeluug des 15. Jahrhunderts waren, in dem wir die ersten Anfänge einer wirklichen Post fanden, das waren für die Mitte des 19. Jahrhunderts die Ersiuduug der Dampfmaschine, ihrs Nutzbarmachung für Fabriken uni) Beförderungsmittel und die in allen Gesellschaftsklassen durch zahlreiche staatliche und soziale Verbesserungen geweckte und fortschreitende Allgemeinbildung.
Der unter dem Einfluß dieser Fortschritte rasch sich steigernd« Verkehr erforderte vor allem schnellere Beförderungsmittel.
Jm> Jahre 1846 wurde die Main-Neckarbahn zwischen Frankfurt und Heppenheim kurz nach ihrer Eröffnung den Postdienstzwecken nutzbar gemacht, indem ihr die Taxissche Verwaltung iste Beförderung der „Brief-Felleisen" (verschließbare Lederrauzen zur Verpackung der Briefposten) übertrug, Boni 5. Sepmuber desselben Jahres ab fand dann erstmals die Beförderung von Post- Mketm mit dieser Eisenbahn statt, nachdem die Verhandlungen zwischen Taxis und dm beteiligten Regierungen von Baden, Hessen und der freien Stadt Frankfurt zum vorläufigen Abschlusst SÄÄÜlW MUK ßa jMg Wichtung wurde häMch M ÄÄ


