Ausgabe 
21.6.1911
 
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Vorzüge und Gefahren unserer Seebäder.

Mt Vadcmecnm Wr Badegäste.

Von Dr, Max Lauen.

Der Internationale Kongreß für Meeresheilkuude, der vor $111:3^11 zürn ersten Male in Deutschland und zwar in Kolberg, jhagte, hat in seinem glänzenden Verlauf einen reichen wisseu-- Btlichen Gewinn gezeitigt und ist so zit einem! Maristem für die rschnng bet Seebäder geworden. Die wichtigen Probleme, die in der Aussprache der an praktischen Erfahrungen reichen Nord- und Ostsee- wie Mittelmeer-Aerzte mit den theoretisch arbeitenden Gelehrten zur Erörterung kamen, offenbarten eine ganz neue Medizinische Disziplin, die für die Allgemeinheit von außerordent­licher Bedeutung ist. Während man nämlich durch die Unter-« Eichungen von Zuntz und seinen Mitarbeitern über die Ursachen per Heilwirkung des Hochgebirges und seine klimatischen Verhält­nisse seit einigen Jahren genügenden Aufschluß und die nötige Klarheit erhalten hat, steht die Erforschung der Seekuren Und des Seebadeaufenthaltes noch in den Anfängen. Man ist hier bisher ganz erfahrungsgemäß vorgegangen; ja das Publikum ist zum größten Teil noch gar nicht zu dem Bewußtsein gelaugt, daß der Aufenthalt im Seebad, sobald es sich um Kranke Handels eine Heilkur bedeutet die durchaus nicht ungefährlich ist, daß neben den hohen Vorzügen, die der Meeresstrand und das Meer- wasser bieten, hier auch schwere Gefahren lauern, die nicht selten ein ungünstiges Ergebnis der Ferienreise verursachen. ,,

Eine der wichtigsten Fragen, vor die die Meereshenkunde bei der Erforschung unserer Nord- und Ostseebäder gestellt »st, ist die Beobachtung des Klimas an den, beiden Meeresküsten, Der Direktor des preußischen meteorologischen Instituts Prof. Hellmann hat nun eine vergleichentze Uebersicht über die klimatischen Verhältnisse der deutschen Nordsee- und Ostseeküsten gegeben, die- jedoch nach der ärztlichen Seite hin der Ergänzung bedürfen. Er kommt dabei für die Nordseeküsten zu dem Er­gebnis: Der Winter ist mild, das Frühjahr kalt, der Sommer kühl und der Herbst warm. An den Ostseeküsten ist der Juli und August durchschnittlich Vs2 Grad wärmer als an der offenen Nordsee, aber schon im September kehrt sich das Verhältnis um: die OstsecWste ist um VrIV- Grad kälter als die NordseMste. Der verhältnismäßig sonnigste Monat ist an der Ostsee der Juni, dem auch die geringste Bewölkung znkomMt, an der Nordsee der Mai. Die Zahl der Regentage beträgt im Jahr an den Nord- seeküsien etwa 170190 und ist um 1020 Tage größer als an der Ostsee. An der Nordsee und au der westlichen Ostsee, Ungefähr bis Darsserort, hat der April die wenigsten Regentage (10131 und der Oktober die meisten (1420). Verhältnis- mäßig trocken ist der Juni, während man in den Hauptbademonaten Juli und August mit je 1318 Regentagen im Durchschnitt zu rechnen hat. Im östlichen Teil der Ostsee haben April und Juni hie kleinste Zahl Regentage (912).

All diese meteorologischen Beobachtungen haben aber, wie Hellmann selbst hervorhebt, für den Arzt nur ganz geringe oder gar feine Bedeutung. Die.Aufnahmen enthalten nämlich, was die Feststellung des für den Kurgast in Betracht kommenden See- Aimas angeht, zwei Fehlerquellen. Einmal befinden sich, die Meteorologischen Stationen, deren Angaben der bisherigen Vestim-- . mung des Klimas zugrunde liegen, nicht am Strande, der für den Badebesucher der hauptsächlichste Aufenthaltsort ist, geben also für die von höher gelegenen Stellen oft stark abweichenden Witte- rnngsverhältnisse am Strande keine Anhaltspunkte, dann aber beziehen sich die durchschnittlichen Angaben auf Tag und Nacht, während für unsere Zwecke nur das KliMä am Tage in Frage kommt. So lassen sich über so wichtige Fragen, wie die nach der Dauer des Sonnenscheins oder nach der Richtung und stärke des Windes am Strande, noch keine genauen Antworten geben. Einiges jedoch über den Unterschied des Nordsee- und Ostsee- Klimas stellt schon jetzt vollkommen fest. Die Ostsee hat von Mitte März bis Ende Juni ein sehr beständiges, an scharfen Seewinden reiches Wetter und glatte See. Die Nordsee wiederum weist in den Seebädern, die nicht durch Dünen geschützt sind oder im Watten­meer liegen, wie z. B. in Helgoland, Norderney, Sylt, grade cm Juli und August ein scharfes Seeklima auf mit herben Seewinden Und starkem Wellenschlag, dagegen nähern sich die geschütztes^ Nordseebäder, lvie Wyk-Südstrand auf Föhr u, a., dem Klnna der Ostsee. z . .. ~ ,

Aus diesen Feststellungen ergibt sich, daß der, der Seerluna Haben will, im Juli und August die Ostsee; meiden wird.. Anderer­seits wird man einen Patienten, der leicht erregbar ist, nicht gilt schlafen kann und stark ruhebedürftig ist, in kein ungeschütztes Nordseebad schicken, ebensowenig ältere Menschen, die an einer schon vorgeschrittenen Arterienverkalkung leiden, oder, leicht erreg­bare Kinder. Leute, die nur erholungsbedürftig, sind, jnerben. laber gerade int ungeschützten Nordseebad! die beste Kräftigung finden. Erregbare Naturen, die nicht so viel Wind und Kälte haben dürfen, werden sich int geschützten Nordseebad am wohlsten fühlen oder im Ostseebad, Ivo ein größerer Schutz durch bewaldete Dünen und die Möglichkeit von Waldspaziergängen vorhanden ist. Auch können diese Bäder schon früher im Frühjahr und länger im Herbst benutzt werden, was sehr wichtig ist, da ans dem Kongreß Wr Meeresheilrunde wiederum wie öfters schon von hervorragen- fesii Autoritäten betont wurde, haß Mr durch l a n g d a n e r uhe

Kuren wirkliche HeilungM erzielt werden. Die Sanatorien <m der Ostsee und den geschützten Teilen der Nordsee, in denen Kranke 1 tag ganze Jahr bleiben können und die z. 1B. für Kinder auch Schuleinrichiungen haben, erzielen vorzügliche Erfolge, wenn der Aufenthalt lange genug ausgedehnt wird. Bei den Seite n - To Ionien aber ist es ein großer Fehler, daß die Kinder erst im Sommer ans Meer kommen und nur kurze! Zeit dableiben; der Aufenthalt müßte schon Ende März beginnen und länger dauern.

Bis auf die bereits erwähnten Unterschiede ist das Klima an, Nord- und Ostsee vielfach gleich. Vor allem hat man sich ganz älsche Vorstellungen gemacht, wenn man glaubte, der größere Salzgehalt des Nordseewassers beeinflußte auch die teuft,, Kochsalz befindet sich überhaupt nicht in der Seeluft, es sei denn, daß ein verspritzter Tropfen der Brandung in die Luft sort- gerissen wird. Weder am Strande, noch auf den Wandelbahnen, auch nicht bei hohem Seegang, ist ein Salzgehalt in der Luft zu puren, soviel man auch davon, fabelt. Daß der Salzgehalt jer Nordsee größer ist als der Ostsee, ist also für die Luft ganz gleichgültig. Dagegen zeichnet sich die Seeluft durch besondere Reinheit aus und darauf ist der Eindruck zurückzuführen, den tnickn oft jam Strande hat,- als ziehe man die Lust leichter /tu die Lungen ein, genau so wie int Hochgebirge, wo das gleiche Phänomen aber vor allem auf die Luftverdünming znrückzufuhren ist. Wegen dieser besonderen Lustreinheit werden an der see asthmatische Beschwerden glänzend beseitigt. Die Muskeln der Luftröhrenäste, die in der schlechten Landlust tn einem dauern­den Reizzustand bleiben, erhalten hier Ruhe und das befördert bte Heilung. , . ~

So groß nun bei rechter Anwendung die Vorzüge des «eebadcs sind, so bedenkliche Gefahren können sich auch einstellen, wenn Man sich nicht der Behandlung eines erfahrenen Arztes anvertrantz Niemand wird ein stärker auf das Herz wirkendes Mittel ohne ärztliche Verordnung entnehmen, eine Kur an der See aber glauben sich viele selbst verschreiben zu können. Elf Monate nn Jahr macht sich ja der gewöhnliche Kurgast feine ordentlich« körperliche Bewegung; im Seebad tritt dann zn der meist schweren! Kost Und dem täglichen Arbeiten am Strande, dem anstrengenden Wandern im Sande, lauter Dingen, die die Herztätigkeit in An­spruch nehmen, noch die Wirkung des SeeklimaS und gar des Seebades. Es gibt wohl keine stärkere Anstrengung des Herzens! als ein Bad in der Nordsee au einem wellenreichen Tage., Während beim Wannenbad nur eine Verengung der Hautgefäße Und Erweiterung der Bauchgefäße eintritt, ohne daß das Herz, stärker arbeitet, tritt beim Seebad noch eine sehr starke Zu­nahme der Pulszahl und eine erheblich intensivere Tätigkeit des, Herzens hinzu. Daher stellen sich nicht selten dabet oder danach vorübergehende Herzschwäche, Ohnmachtsgefühl, ja leichte Schlag- Unfälle ein. Deshalb ist vielen, vor allem Leuten mit Herzschwäche oder Arterienverkalkung, das Baden überhaupt zu verbieten oder; zum mindesten das Baden in einem Nordseebad mit feinem stär­keren Wellenschlag. Was aber Kinder anbetrifft, so ist es eine von den Badeärzten festgestellte Erfahrungssache, daß die Klemen schlechter gedeihen und sich erholen, wenn sie zu früh, d. h. vor deut zehnten Tag nach dem Eintreffen oder wenn sie zu oft und W lange baden. Die Kinder bekommen, wenn diese Vorsichtsmaß­regeln nicht beobachtet werden, leicht Darmkatarrh, Halsentzün­dungen und statt der erhofften Kräftigung zeigt sich zunehmende Blutarmut. Das ist int Ostsee- und noch im erhöhten Maße int Nordseebade der Fall. Ebenso ist, vor dem Herumplantschen der Kinder mit bloßen Füßen int Wasser, dem sogP adde I n ', zu warnen, weil eine zu starke und plötzliche Abkühlung erfolgt. Die gleichen Symptome stellen sich hier ein, wie bet dem Mißbrauch des Badens. Auch Wind und Sonne soll Man sich nicht zn rücksichtslos und int Uebermaß aussetzen. Doch sind Lu ftba»er,; richtig angewendet, ein ganz bedeutender Heilfaktor, . eite <ind besonders an der Ostsee zu gebrauchen, anstelle des vielen nicht! zuträglichen Seebades. Solche Liegekuren, längere Zeit nackt aus- geführt, an geschützten Stellen in der Nähe, des Strandes, iw sie hie Ostsee so vortrefflich darbietet, tun unruhigen, erregten Men­schen sehr gut. Sie dürfen aber nicht übertrieben werden, sonst, besteht die Gefahr der Hairtverbrenilniig. Die vielverbreitete An­sicht, daß die braune Farbe der .Haut von Gesundheit zeuge, ist ein Irrtum. Etwas Wahres ist freilich daran, denn die Lounen- strahlen besitzen eine große Heilkraft und lassen z. B. skrophulose Hauterkvankungen verschwinden. Beim Luftbad muß der Kops geschützt sein, sonst ist die Gefahr eines Hitzschlages nicht aus-

Sh ist denn, wie überall in der Welt, auch bei Seeküren Lickt neben Schatten, Gefahren stehen neben den Vorzügen und es ist Aufgabe und Ziel der Meeresheilkunde, alle Schädigungen ausznscheiden und den Segen der Seebäder in reiner, durch Nichts beeinträchtigter Form wirken zu lassen.

Geschickte der Postwesem im GroWrZsgium Hessen.

Bon M. Koehler und R. Goldman»,

5. Erster Postlehnsvcrtrag mit Taxis.

Die durch Errichtung der fürstlichen Ober-Postdirektion durch- geführte einheitliche Leitung des hessischen Landespostwestms war für dessen Fortbestehen nach den politischen. EretgiWen des nntzrcs.