Ivar freilich nicht zu spinnen; dazu fehlte es an Kapitalien. Es kamen auch schlechte Jahre. Aber immerhin: das .Geschäft erhielt die große Familie; man konnte auch die Kinder gut erziehen lassen.
Köhler nahm seinen Marsch durch den Käfig wieder ans. Es war eine Dummheit gewesen, daß Friedrich, sein Aeltefter, ein armes Mädchen geheiratet hatte. Bei ihm hatte er mit Sicherheit auf'eine hübsche Mitgift zur Ge- fchäftsvergrößerung gerechnet. Allerdings war Friedrich keine herzbezwingende Schönheit. Immerhin: er hätte eine bessere Partie finden können als die Töchter des Kaufmanns Witt stock (Kolonialwaren), der mit seinem kleinen Ladengeschäft gar nicht zu einem Grossisten paßte.
Das „eit gros" war der Stolz Köhlers. Er war ein ganz gewandter Kaufmann. Zuweilen inachte er auch außerhalb des Gebietes seiner Felle und Häute einmal ein Geschäft, das cinschlug. Bei allen diesen Extraspäßen war gewöhnlich Jonathan W. Brigham der Rater und Helfer. Und nun wollte er gar noch die Traute heiraten!
Köhler lächelte nicht mehr. Die letzten Backenzähne bearbeiteten den Tabakwnrfel. Das Gesicht zuckte'der Länge Und Breite nach; die gesamte Faltenlage geriet durcheinander. Eh nun ja — das stand fest: die Traute konnte es sich nicht gönnen, einen armen Teufel zu heiraten. Sie war leichtsinnig. Sie hatte schon einmal mit einem Referenbar geliebelt und jetzt schien es beinahe, als habe sie sich in einen kleinen Leutnant verguckt. „Leutnant Roeßler" war ihr drittes Wort. Es kam alles vom Tennisspiel. Tas Tenuis- Mel hat der Teufel erfunden.
Köhler legte seine gelbe knochige Hand auf den bläulichen Briefbogen aus Zentral-Amerikä. Wenn Jonathan .W. Brigham wenigstens ein klein bißchen näher wohnte! Aber drüben in Guatemala — Herrgott, da sah man die Traute vielleicht int ganzen Leben nicht wieder!
Nun schüttelte Köhler den Kops. Er steckte bett Brief wieder in das Kuvert. Daun trat er an das Fenster, öffnete einen kleinen Spalt, spähte erst vorsichtig hinaus Und spuckte hierauf den Rest seines Kautabaks in den Hof. Dies geschah aus dem linken Mundwinkel nnb mit der Gewandtheit eines alten Matrosen. Dann begab er sich, den Brief in der Hand, in das Bureau nebenan.
Auch hier roch es nach Kampfer und Naphthalin. Aber die drei Menschen waren daran gewöhnt, die in dem Bureau dort morgens neun bis nachmittags sieben ihre Pflicht erfüllten. Sie rochen selber nach Kampfer und Naphthalin. .Rechts von der Tür arbeitete Fräulein Weller an ihrer Schreibmaschine. Die Maschine spektakelte laut in der Stille des Kontors. In der Mitte saß Siepmamt, der Bnch- ljalter, den Kopf ganz dicht über das Köpierbuch geneigt, Und hinter einer spanischen Wand aß Friedrich fein Frühstücksbrötchen.
, Er legte es fort, als er den Vater sah. Der setzte sich zu ihm und begann sogleich halblaut zu sprechen.
„Brigham hat geschrieben," sagte er. „Er möchte Aus- kuiist über I. G. Krause haben."
„Kaffee und Tee," antwortete Friedrich. „Goldsicher."
„Schreibt auch, wegen des Kautschuk wolle er Erkundigung einziehen."
„Es wäre gut, wenn uns das Geschäft nicht entginge. Wenn die da drüben wirklich eine neue Pflanze entdeckt haben, ist Brigham gautz der Mann, sofort eine Plantage anznlegen. Wir müßten uns dann seine Ausfuhr sichern. Der Bedarf an Ebonit steigt fortwährend."
Köhler nickte. „Vorläufig hat Brigham Liebesgedanken tat Kopfe. Lies mal!"
Er gab Friedrich den überseeischen Brief.
Während Friedrich las, kroch sein Kopf fast ganz in dw Schultern hinein. Er schnüffelte erregt durch die Nase.
Ordnungsliebend faltete er den Brief wieder nnb steckte ibn in das Kuvert zurück.
„Es ist Blödsinn," sagte er.
,Meinst du?"
. „ES ist so eine Redensart. Man verliebt sich nicht in wie Photographie."
„Du nicht und ich tticht. Aber der Manit ist Amerikaner. Dre habctt alle den Spleen."
„In Zentral-Amerika nicht. Du verwechselst das, Vater. Das Und Helle Köpfe. Mehr spanischer Einschlag." t all t-v CU > >... CC k * L: . . 9 'I 0 , .wir noch die
letzte Auskunft da, die tote beim deutschen Konsul in Guatemala über rhn eingehakt haben?"
Friedrich erhob sich Und suchte aus einem .Shannon Registrator die Auskunft heraus.
„Das war vor drei Jahren," sagte er, „als Wir die Weinlieferung bei Schlatter und Kompagnie besorgten und' für ihn bürgen müßten. Die Auskünst ist glänzend. Der Konsul schreibt, Brigham sei 1899 mit einem Jahresverdienstz von zwanzigtausenb Pesos eingeschätzt worden."
Köhler iviegte den Kopf. „Es komntt auf die Pesos an. Aber achtzigtansenb Mark wären es immerhin. Ein schöner Verdienst. Und so was ist Junggeselle."
„Ich glaube wahrhaftig, bu faßt den Antrag ernsthaft auf."
„Der Mann spaßt nie. Warten wir ab/
, „Warten wir ab. Es ist das Beste. Traute braucht freilich einen reichen Mann. Ja, Vater, was ich dir sagen wollte: sie hat mich schon wieder um zwanzig Mark angepumpt."
Bei dieser schrecklichen Nachricht erbleichte Köhler. „Und du hast sie ihr gegeben?" stieß er hervor.
„Nein, ich habe ihr nur einen Taler gegeben. Sie wollte sich einen Schleier kaufcit. Aber wo läßt sie ihr Geld?"
„Frage mich! Sie bekommt zwölf Mark Taschengeld int. Monat. Davon braucht sie sich nur ihre Handschuhe zu bc- schaffeii. Sie trägt alles zum Konditor. Sie hat immer Pralines in den Taschen. Alles vernascht sie. Der Mutter hat sie erst vor ein paar Tagen fünf Mark abgezwackt."
Tie beiden Männer saßen sich einen Augenblick stumm gegenüber, wie entsetzt über die aus der Art gefallene Tochter und Schwester. Dann sagte Friedrich:
„Klothilde meint, die Candratt bestärke sie nur in ihrem Leichtsinn."
„Das ist es eben. Das fürchte ich auch. Ich bin überhaupt nicht für diese intime Freundschaft mit einer Schauspielerin. Es kömmt nichts Gutes heraus."
„Gewiß nicht. Aber das hättest du dir schon damals sagen können, als die Sandratt herkam."
„Mein Gott, sie ist eine Schulfreundin Trautes, sie hatte ja auch einen ganz guten Ruf!"
„Klothilde sagt, auch-dcr beste Ruf einer Schauspielerin habe immer feine Schattenseiten. Und darin hat sie recht. Der Verkehr schickt sich nicht für Traute."
„Es ist nicht so leicht, das Mädchen zu überwachen, Friedrich. Wir können sie doch nicht wie bitte Nonne halten! Da ist zum Beispiel der Tennisplatz —"
„Geh mir ichon vamtkl" fier Friedrich ärgerlich ein. „Klothilde sagt, das sei die Brutstätte aller Dummheiten. Hat sie den Referendar Ueberlingen nicht auch beim Tennis kennen gelernt? Und was hat es. uns für Mühe gemacht, ihr diese törichte Liebe aus dem Kopf zu reden!"
Köhler nickte. „Sie muß schon wieder etwas haben. Kennst du den Leutnant Roeßler?"
„Warte mal — mir ist so. Roeßler — es find' zwei hier. Einer ist Artillerist, und einer steht bei den Gelben. Welcher soll's sein?"
„Das weiß ich nicht. Ich weiß bloß, daß Traute für einen Leutnant Roeßler schwärmt."
„Sie wird ihn beim Senator Delbrück kennen gelernt haben. Da verkehrt ja die ganze Garnison. Siehst du, Vater, das ist auch tticht richtig: Traute wird bei Delbrücks eingeladen, ihr aber könnt zu Haufe bleiben. Ist das in Ordnung?"
„Wir geben keine Gesellschaften, können also auch nicht in Gesellschaften gehen. Traute ist mit der Eva Delbrück befreundet. Gegen den Verkehr läßt sich auch nichts sagen "
„An sich gewiß nichts. Aber bn vergißt immer, daß gerade dieser Umgang es ist, der in Traute den Hochmut weckt. Paßt sie benn in unser schlicht bürgerliches Haus?"-
„Nein. Es ist wahr: sie ist uns eigentlich entwachsen. Woran liegt es?"
„An ihrer Erziehung, Vater. Sie ist bie älteste der Mädel, und da hast du Wunder gedacht, was bn aus ihr machen könntest. Es wäre viel besser gewesen, du hättest sie auf bas Seminar geschickt. Da hätte sie Lehrerin oder Erzieherin werben und sich ihr Geld selber verdienen kömrön. Was soll denn nun aus ihr werden? Glaube doch nichts daß ihrethalben ein Millionär aus Zentral-Amerika extra hierher kommen und sie holen toirb."-
(Fortsetzung folgt,)


