Ausgabe 
21.6.1911
 
Einzelbild herunterladen

M.95

B

[Snr

AL

M.

Das nette Mädel.

Roman von Fedor von Zabeltitz'.

(Nachdruck verboten.)

Um 22. 'April fand Herr Franz A. Köhler, Inhaber Von Otto A. Köhler, Felle und Häute, unter den Briefen ferner Morgenpost folgendes Schreiben vor:

Quezaltenango (Guatemala), 18. 3. 05. Bereitester Freund ;

in Bestätigung Ihrer gefl. Zuschrift Vom 6.1. d. I. danke ich Ihnen herzlichst für freundliche Zusendung des Gruppen- zbtlds Ihrer werten Familie, das mir eine ausrichtrge Frerrde gewesen ist. Aus den Namen, die Sie auf den Rand der Photographie geschrieben haben, ist es mir möglich, so eine Mrt Stammtafel der lebenden Mitglieder Ihres Hauses Zusammen zu setzen. - Man muß Ihnen zugestehen, daß Sie Ihr Leben benützt haben. Alle Mitglieder Ihrer Familre gefallen mir gleich gut, am besten aber Miß Dräute, die ohne Zweifel blond ist und blaue Augen hat. Ich muß Ihnen sogar offen sagen, daß das Abbild von Fräulein Dräute einen mehr als lebhaften Eindruck auf mich gemacht hat. Ich habe mehrere Nächte von ihr geträumt und mir dann von einer alten Indianerin aus Esquipulas wahrsagen lassen. Die meint, daß ich binnen Jahresfrist eine Euro­päerin heiraten würde. Mir liegt daran, daß diese Prophetie in Erfüllung geht. Fragen Sie doch bitte einmal Fraulern Traute, ob sie nicht einen Ehrenmann wie Jonathan W. Brigham glücklich machen inöchte. Ich müßte aber baldigst sum gefl. Antwort bitten, weil ich dann das im Bau be­griffene Wohnhaus auf meiner Farm erheblich vergrößern würde. Die Saison könnten wir immer in Santiago ver­leben, wo mau sich recht gut amüsiert (französisches Theater, deutscher.Klub, Wettrennen, viele Bälle, Zirkus und ssrn Pariser Modemagazin). t

Wie Herbstbestellung habe rch notrert und werde sre bestens effektuiercn. Spitzmaus ist stark gesunken, Opossum steigt noch beständig. Einen ausgestopften Quesal fuge nächster Sendung bei. Wegen Kautschukanfrage ziehe Er- kunDigung ein. Verbinden würden Sie mich durch Auskunft über I. G. Krause, Kaffeelagerei, am dortigen Platze.

Genehmigen Sie meine besten Grüße an <5ie wie Ihre gesamte tverte Familie, insonderheit Fräulein Dräute

Ihr ganz ergebener

Jonathan W. Brigham."

Als Herr Köhler diesen Brief gelesen hatte, lächelte er. Die Helle Aprilsonno fiel in sein kleines Kontor und tuschte Wr« gelben Lasuren über das bläuliche Briefpapier und hi« steifen Schriftzüge des Herrn Brigham.

Köhler ging an das Fenster und öffnete es, weil ihn die Wonne lockte. Aber er schloß es bald wieder. Im Speicher gegenüber standen alle Luken sperrangelweit auf, und eut W,rchd ringender. GernM von Kämpfer wehte durch die Lust,

Nun putzte Köhler seine Brille, öffnete dann sein Pulk und suchte etwas. Er fand es nicht. Da wurde er unruhig. Er suchte weiter. Er sah zwischen den Adreßbüchern nach« hierauf über den Briefordnern, endlich in dem Regal mit den abgelegten Fakturen. Der schreckliche Gedanke über­schlich ihn, daß man hinter sein Geheimnis gekommen fehl könnte. Aber zum Glück fiel sein Blick in den Papierkorb« und da sah er gleich obenauf ein in ein Zeitungsblatt geschla­genes Päckchen liegen. Es mußte vom Pulte herabgefallen sein. Köhler freute sich. Sein kleines, mageres Gesicht schlug heitere Falten. Er wickelte das Päckchen,vorsichtig aus, zunächst aus dem Zeitungsblatt, dann aus einer Hüll« von Seidenpapier. Nun wurde ein Dutzend kleiner schwarzer Würfelchen sichtbar, die wie Schokolade aussahen. Es war aber Kautabak aus Kentucky. Köhler hatte sich diese Leiden­schaft als Matrose angewöhnt. Er schob ein Stückchm zwischen die Zähne und ging vergnüglich auf und ab: immer nur drei Schritt vorwärts und drei Schritt zurück, denn mehr Bewegungsfreiheit war in dem kleinen Raum nicht möglich.

Der Brief von Jonathan W. Brigham lag noch auf denk Pult. Franz Köhler lächelte sein faltiges Lächeln, wenn das Auge ihn traf. Das war ein smarter Amerikaner, dieser gute Jonathan! Verliebt sich in das Bild der Traute und will sie auch gleich vom Fleck weg heiraten. Nee, mein lieber Jonathan, so hastdumchtgesehen geben wir unsre Mädel nicht aus der Hand! Natürlich, Traute ist langsant heiratsfähig geworden. Zweiundzwanzig Jahre und recht hübsch. Kohler schob seinen Tabakswürfel in die andere Backentasche. War sie eigentlich hübsch? Die Leute sagten es. Ihm selbst war sie zu mager. Der kleine Manu mit den spitzen Knochen und dem schrumpligen Gesicht hatte nur Neigung für das ausgesprochen Füllige. Seine Auguste war schon als Mädchen von erfreulicher Rundlichkeit ge­wesen und hatte von Jahr zu Jahr behäbiger ausgelegt. Hatte ihm im Laufe der Jahre auch neun Kinder geboren: zwei lagen auf dem Kirchhof, aber sieben waren noch am Leben und schrien nach Brot. Das Nest war voll, und eine Masse Schnäbelchen taten sich auf. Da niußte gerechnet werden.

Köhler blieb einen Augenblick stehen und verschob seinen Tabakswürfel. Bald blähte die rechte Backe sich auf, bald die linke. In seinem überlegenden Gesichte zuckten die Muskeln. Er rechnete schon wieder. Erübrigt hatte er nichts. Er sollte Seemann werden, weil sein Vater es ge­wesen war. Aber der Matrosendienst war ihm zu anstren­gend. Da wurde er Schiffskoch; es war wieder nichts Rechtes. Er wollte auch seine Auguste heiraten, und die konnte er nicht mit auf das Schiff nehmen. Damals starb sein Bruder Otto an einer Blutvergiftung, und die Witwe konnte dessen Geschäft nicht weiterführen. Es war ein junges Geschäft: Felle und Häute, noch wenig eingefüM aber es nährte doch schon seinen Mann. Franz übernahm es mit geringer .Anzahlung und brachte es. in die Höhe. KeM