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Sie mal zu mir y'erauskonuuen, jd'ä würden Sie staunen, öft wohl alles vermietet bei Ihnen?"
„Ja — alles!"
„So! Na, das ist doch wenigstens ein Glück. Mer
Wohnt denn noch drin?"
„Lauter Frauen!"
„Lauter Frauen? Famos! Wohl auch Witwen?"
„Ja, nur Witwen!"
„Ne, ne!" sagte Lasker, „lauter Witwen, famos! Wie Viel benn?"
Frau von Hilbach zählte. „Sieben," sagte sie, „nein, eigentlich acht, denn eine hat noch eine alte Mutter Lei sich!"
„Acht Witwen!" Lasker fand das großartig. „Was denn für welche? Alt? jung? schön? häßlich? Erzählen Sie mal ein bißchen!"
„Ach, das sind alles Frauen, die viel zu tragen haben, sie müssen auch alle sparen außer der Frau Häuflein, die in der ersten Etage wohnt. Die ist auch noch nicht alt, aber sonst ist keine junge im Haus!"
„So!" sagte Lasker. „NU, und wie leben Sie denn zusammen? Geht das denn friedlich zu? Acht Frauen so dicht aufeinander, das wär mir ein bißchen riskant!" „O, es geht ganz gut!" meinte Frau von Hilbach und machte eine Bemerkung übers Wetter, denn der Ton, ,in dem Herr Lasker mit ihr sprach, gefiel ihr nicht.
„Nu, und die Polenwitwe führt Ihnen die Wirtschaft, was? Das ist ein forsches Weib, hat sich mächtig für Sie ins Zeug gelegt. Na, die meint's wenigstenrs gut mit Ihnen!" Sie hatten Pforta erreicht, und er ließ ihr die Wahl, pb sie nach Naumburg fahren und dort in der Konditorei Furcht am Markt ihren Kaffee ,trinken wollten, oder ob sie nach der Katze umkehren sollten.
Sie entschied sich zur Katze, nnb er wandte um, gab dann dem Jungen die Peitsche zum Spielen und fuhr fort, Frau von Hilbach auszufragen.
Seit wann sie Witwe sei, woher sie stamme, warum |ie so allein wohnte, ob sie keinen Anhang habe, wie viel ihr das Haus jährlich einbringe und wie hoch ihr« Witwen- vension sei — alles wollte er wissen, und alles beantwortete sie, leise und kraurig, und eine Empörung, die in ihr aufsteigen wollte, kämpfte sie tapfer nieder.
„Geld ist Macht!" Das hatte sie oft genug erfahren, tmb einer, der in so gesicherter, glänzender Position lebte, der hatte Wohl das Recht, sie, ein .armes, vergrämtes, hilfloses Ding auszufragen und zu staunen und diesem Staunen Worte zu verleihen, die ihr weh taten, die sie schmerzten wie scharfe Nadelstiche.
Wie sie wieder im Städtchen waren und über die Brücke nach der Katze zu flogen, da leuchtete die Sonne blutrot über bem Schnee, und all die Berge und der weiße -Wald ringsum schienen wie in Glut getaucht. Das war fo wunder-wund erseh ö n — wie ein Märchen so schön, und Frau von Hilbach träumte. Der Mann, der neben ihr mß, war nicht mehr der reiche Lasker aus Mehrendors, per sie mit lächelnder Unverschämtheit ausfragte, er war der andere, der, den sie noch nicht kannte, von dem sie aber geträumt hatte, so lange sie zurückdenken konnte — schon längst, bevor Herr von Hilbach in ihr Leben gekommen war. Und in diesem Augenblick wußte sie, daß dieser andere einmal in ihr Leben kommen würde, heute Nicht und morgen nicht, aber einmal — einmal kam er doch, und aus ihn mußte sie toarten durfte sich nicht verschenken, vergeuden, weil das Leben augenblicklich ein wenig hart mit ihr umging.
Zwischen ihr und ihrem behäbigen Nachbar tat sich <tne weite Kluft auf. Etwas wie Freude, wie Sieges- dewußtsein stieg in ihr auf.
„Nein, nein, Kosy!" dachte sie, „und wenn du dich Wuf den Kopf stellst, den Gefallen tu ich dir nicht!"
Sie wurde plötzlich übermütig, scherzte mit Herrn Lasker und wußte nicht, daß dieser Umschwung in ihrer Stimmung ihm ausnehmend gefiel.
(Fortsetzung folgt.)
Roderich ve»kedix.
ßWä 100, Wiederkehr seines Geburtstages (21. Januar). : Von Heinrich See (Berlin).
Ein Lächeln der Erinnerung geht über Großmamas Gesicht, Jra fit tzÄW Mmyt — sie denkt an ihre Brautzeit, gn die
Krinoline, die sie damals trug und an das bescheidene TheaterchM der kleinen Vaterstadt, wo die Bühnenrampe noch mit Oellampen! beleuchtet wurde. Ja, das Theater damals! So gelehrte schöne! Sachen wie heute wurden damals freilich nicht gespielt. Auch die Dekorationen und Kostüme waren damals nicht so nobel. Tu lieber Gott! rechts drei Kulissen, links drei Kulissen, durch die die Schauspieler kamen und verschwanden, quer darüber ein paar bfunte Streifen Leinwand, hinten ein Prospekt, an dein das Al eiste, was zum Schauplatz gehörte, nur angemalt war, dazu ein paar Dutzend Stühle und Tische oder eine sogenaincte Rasendank, die _ aus einem grün angestrichenen Kasten bestand. Und wie dürftig und zerschlissen das alles! Fast immer stellte die Szene ein Zimmer oder einen Garten oder einen Wald dar. Nur au! den feierlichen Abenden, wenn Schiller und Goethe gespielt wurde, war es manchmal anders. Doch Schiller und Goethe ■— die waren gilt für die Backfische. War man erst ein stolzes Bräutchen und ließ man sich am Arme des Herzallerliebsten im Theater sehen, dann ging es zu den neuen, den modernen Stücken. Keinen! größeren Genuß, keinen heitereren und gemütlicheren Abend konnte man sich dann versprechen, als wenn der Name Roderich Benedix auf dem Zettel stand. Kotzebue war schon unmodern geworden, die Birch-Pfeiffer galt schon damals als barbarisch und Gustav von Moser war noch im Kommen. Aber Bcnedi;? Die feinsten! Hostheater wie die kleinsten Schmieren und Liebhaberbühnen beherrschte er ohne Unterschied. Alt und Jung, Vornehm und Gering! erfreute und erwärmte sich in gleicher Weise an ihm, denn nicht nur die Träne des Lachens, sondern auch die Träne der Rührung wurde diesem Dichter geopfert. Fand man sich in seinen Stücken doch tote bei keinem anderen Dichter in den geliebten eigenen vier Wänden wieder. Vergaß man doch oft, daß man im Theater faß, Unter lauter zärtlichen Verwandten saß inan — und „Die zärtlichen Verwandten", richtig, so hieß ja auch sein berühmtestes! Stück. Und „Der Vetter" hieß ein anderes. Und dann „Den Störenfried", auch so eine lustige und doch auch eigentlich ganz! ernsthafte Familiengeschichte, wo der Dichter das Schreckbild der bösen Schwiegermutter auf die Bühne bringt und damit dem Lustspiel,einen neuen Typus zuführt, so ergiebig und so überreich an Nachfolge fast wie Gustav Freytags Konrad Bolz. „Aschenbrödel", „Die relegierten Studenten", „Das bemooste Haupt", „Doktor Wespe", „Tie Dienstboten" — alle blicken sie aus längst vergangenen Tagen, selber tote Mitglieder in er einzigen lieben Famllie, Großmama aus guten Augen oertraut und freundlich und auch nicht ohne ein bißchen Wehmut an. Ja, das war damals noch eine geruhsame, eine gemütliche, eine genügsame Zeit. Und der Dichter, der von der Bühne seinen Humor darüber ftreutei,- aus einem so reichen Füllhorn, daß man gar nicht merkte, wieviel Philisterei, Krähwinkeltum und Engherzigkeit er damit zudeckte! — der wäre nun schon hundert Jahre alt? Großmama mag es kaum glauben. Sie hat zu Anfang des deutsckt-französischew Krieges ihren Dichter in Leipzig einmal persönlich gesehen —> ein fleischiges, mildes, kluges Gesicht mit reichem weißen Haats und Vollbart.
In einem allen Band der Gartenlaube hat Roderich BenedtA sein Leben und Dichten mit eigenen wenigen Worten geschildert« „Ich habe keine großen Abenteuer erlebt, ich habe eben nur erlebt, was Tausende und abermals Tausende erleben . Ist doch bei einem Schriftsteller das innere Leben wichtiger als sas äußere . . . Ich bin in Leipzig geboren und habe in traulichem Familienkreise eine glückliche Jugend verlebt. Das Andenken an meine herrlich« Mutter ist mir unvergänglich. Sie hat mir durch ihren Tod den bittersten Schmerz meines Lebens bereitet. Sie starb kurz vorher, als ich den ersten Erfolg errang. Die Freude über diesen war ein kleiner Dank meinerseits für ihre Liebe gewesen — ich habe ihr diesen Dank schuldig bleiben müssen" — schreibt er. Man sieht hieraus, wie schon die Kindheit und die Gemütsveranlagung des Dichters seinem Schaffen die Richtung gab. Nach Absolvierung! des Gymnasiums wendet er sich, dem bekannten „unbezwinglichen" Drange folgend, dem Beruf als Schauspieler zu. Als damatischey Dichter debütiert er zum erstenmal und gleich sehr erfolgreich in; Mainz mit seinem so populär gewordenen Schauspiel „Das bemooste Haupt". — Bezeichnend für die politische Rolle, bte der Student damals in Deutschland spielte, ist es, daß diesem Stüch die Hoftheater verschlossen blieben. Andere liierarische Arbeiten, von gerade nicht großer Bedeutung folgten, was den jungen Schauspieler schließlich veranlaßte, feinen Beruf aufzugeben und sich ganz der Schriftstellerei — vorübergehend an den Theatern ist Köln, Elberfeld, Frankfurt, auch der Tätigkeit als Regisseur unbj Direktor, und in der rheinischen Musikschule in Köln als Lehrer zu widmen. Aber aus dem Theaterbureau mit seinen Aufregungen! und Jutriguen drängte es den weder von Herrschsucht noch von; Eitelkeit geplagten Manu immer mehr in die stille Studierstube^ Er verlegte seinen Wohnsitz nach seiner Vaterstadt Leipzig, wo er sich den Doktortitel erwarb — „wozu mich der Wunsch veranlaßte," wie er schreibt, „nicht mit einer Lüge in der Welt herumzulaufen,' da man mich immer Doktor nannte, ohne daß ich es war". Hiev verheiratete er sich zum zweitenmal uns hier starb er am 26. September 1873. Auf sein Grab legt heute, wenn es eine Dankbarkeit! gibt, die ganze deutsche Bühnenwelt — nein, die Bühnenwelt aller fünf Erdteile den Kranz. Denn von den mehr als hundert Stücken« die er geschrieben hat, ist ein großer Teil auch ins Englische« Französische, Vlämische, Holländische, Dänische, Schwedische»«


