Samstag Sen 1\. Januar
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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Nachdem die Kosy das Zimmer verlassen, sank Frau von Hilbach auf den Stuhl (am Fenster. Hier hatte sie heute morgen gesessen und hatte um ein Glück gefleht. Nun war es so schnell gekommen, aber in einer Gestalt, die sie erschreckte.
Noch war es Zeit, noch konnte sie zurück, nur einen Kampf mit der Kosy hatte sie zu bestehen, daun war alles wieder, wie es gewesen.
Aber was dann? was dann?
Die Kosy hatte soeben behauptet, daß die Liebe ganz von selber käme, iuenn alles andere stimmte, und genau dieselben Worte hatte ihr vor Jahren der eigene Vater gesagt, als er vergeblich versuchte, ihr von einer Ehe mit dem lustigen, leichtlebigen Herrn von Hilbach abzuraten. Wenn aber zwei so verschiedene Menschen wie ihr Vater Und die dicke Gemüsefrau so ganz dasselbe sagten, dann mußte etwas Wahres daran sein, und daß Geld eine Rolle — ja, überhaupt die größte Rolle im Leben spielte, das hatte die arme Frau von Hilbach in diesen zwei letzter: Jahren bitter genug erfahren.
Mit einem leisen Seufzer nahm sie das Jungchen an die Hand, ging mit ihm ins Nebenzimmer und holte die Kleider aus dem .Schrank, die sie auf der Kosy Wunsch an leg en sollte.
Um drei Uhr pünktlich sauste der Schlitten wieder am Saalehaus vorbei, machte ein paar Häuser weiter kehrt und hielt vor der braunen Tür. Herr Lasker sprang heraus, klingelte, wurde von dem kleinen Erwin glückstrahlend empfangen und überreichte seiner Mutter, die fertig im schwarzen Plüschmantel und schwarzem Hut mit weißem Schleier im Hausflur stand, ein großes Bukett. Es war aus Chrysanthemen, Reseden und ein paar Veilchen zusammcngebunden, war ein bißchen steif und umfangreich, aber jedenfalls gut gemeint, und es war ein Wunder, daß mitten im Winter hier überhaupt etwas von Blumen aufzutreiben war.
Herr Lasker war in sichtlich animierter Stimmung; sein Gesicht strahlte, und er sah so satt und zufrieden und dabei doch so angeregt und couragiert aus, daß etwas wie Behagen und Lebensfreudigkeit von seiner Person ausgiug Und auf seine Mitmenschen überströmte.
Er hob Frau von Hilbach in den Schlitten, setzte den Kleinen auf den schmalen Rücksitz, nahm die Zilgel, schnalzte mit der Zunge, und dann flogen sie davon. Das Jungchen jauchzte, und Frau von Hilbach fand plötzlich, daß es schön, wunderschön war, ein bißchen verwöhnt zu werben, und sie empfand etwas wie Dankbarkeit siir den dicken
Herrn Lasker, der sie für Stunden aus ihrer TrübsaE erlöste.
„Also nach der Katze?" fragte er, und Frau von Hil- bach nickte.
„Was meinen Sie, wenn wir erst ein bißchen Nach Pforta zu steuern und nachher an der Katze landen? Ihr» alte, dicke Haushälterin hat ja anders verfügt, aber wenn Sie meinen?"
„O, ja — ja!" jubelte Frau von Hilbach, und er fahf sie lachend an.
„Das gefällt Ihnen, was? Haden Sie lange nichß gehabt — so was — wie?"
„Nein, lange nicht!" sägte Frau von Hilbach nachdenklich und ein wenig ernüchtert.
„Nu, denn mal los!" Er spornte die Pferde an, und wie sie die breite Chaussee erreicht hatten, ließ er die Zügel locker, lehnte sich int Wagen zurück und sah sich seine Nachbarin an.
Frau von Hilbach errötete und erbleichte unter feinen Blicken. Sie versteckte ihr Gesicht in den Blumen, zupfte dem kleinen Jungen die Mütze zurecht und suchte vergebens nach einem gleichgültigen Wort, das ihr aus den Verlegenheit helfen sollte. Ihr war, als läge etwas Zudringliches, etwas Selbstbewußtes, ja — fast etwas Freches in den Blicken dieses Mannes, der ihr heute morgen so verlegen gegenübergestanden hatte. Sie sah nicht mehr die weite, weiße Landschaft, sie fand es nicht mehr schön, in dem weichgepolsterten Schlitten über den Schnee dahinzugleiten — sie wußte nur noch, daß sie sich in einen Lage be,and, die ihrer nicht würdig war.
Nach einer Weile wandte Lasker seinen prüfenden, lächelnden Blick von ihr ab, schob ihr die herabgefallens Decke über die Knie und fragte etwas unvermittelt:
„Nu sagen Sie um alles in der Welt, wie sind Sie zu der alten, griesgrämigen Bude ha gekommen?"
„Mein Mann hat das Haus geerbt!" erklärte Frau von Hilbach.
„So — so! Aber das ist doch kein Grund, daß so eine junge Frau sich da hereinsetzt. Das ist doch fein Leben für Ste!"
Frau von Hilbach schwieg, aber eine heiße Blutwelle schlug ihr ins Gesicht.
„Ne, das nenn ich kein Leben!" fuhv Lasker fort. „Nicht vierzehn Tage hielt ich's in dem Kasten aus. Was machen Sie denn den ganzen ,Tag?"
„Man lebt eben so dahin', sagte Frau von Hilbach traurig.
„Man lebt so dahin!" lachte er. „Wie kann man nur so dahinleben in Ihrem Alter? Wie alt sind Sie denn? So auf Mitte der Zwanziger würd ich Sie taxieren, und da lebt man so dahin! !--Wer wohnt denn sonst
noch in der Bude?" fragte er, als seine Nachbarin schwieg. „Das muß doch eine Unmenge Räume in dem Kasten geben, und alles so klein und winklig und niedrig. Da sollte«


