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Es ist bei Ihnen noch genau wie früher, fio traulich!" sagte er jetzt.Ihre gute Mutter hütet Sie noch wie damals, wo wir uns oft darüber ärgerten?"

Warum sagte er das? Bei seinen Worten war es ihr, alsf atmete sie peinlich den Geruch der alten Möbel und dächte mit Bitterkeit der Mutter, die er lobte.

Ja, wie damals! Es ist auch nur ein Zufall, daß Sie mich allein fanden", sagte sie und weiter:Sie haben viel erlebt in den beiden letzten Jahren, seit wir uns nicht sahen? Sie haben mehr vom Leben gesehen als ich!" Es klang herbe, wie sic so sprach.

Tas liegt doch wohl in der Natur der Dinge, daß der Mann mehr herauskommt", erwiderte er und strich sich den kleinen Bart. Fast lag in. der Bewegung etwas Selbstgefälliges.

Sie betrachtete ihn genau. Was wollte er von ihr? Konver­sation machen? Bei einem Wiedersehen nach Jahren? Kanin bedachte sie, was sie sprach:Ja, es mag wohl fo sein müssen? nian ist eine alte Jungfer, ehe man vom Leben wußte!"

Alte Jungfer! Lächerlich!" Er blickte sie voll an.

Wenn sie diese Augen sah, war sie immer froh gewesen. Nein, er hatte sich doch kaum verändert! Auch jetzt war's ihr, als mürbe cs Heller um sie.

Er stand unvermittelt auf.Ich bin nur aus zwei Tage hier, Lisa!" sagte er mit schwerem Ton üt der Stimme.

Ist also endlich deine Stunde gekommen?" dachte sie, und in ein atemraubendes Freudegefühl mischte sich doch wieder ein Zweifel: gehörte er ihr auch wirklich heute noch ganz, er, aus den sie nun lange Jahre wartete?Sie haben viel Dienst?" sagte sie als Antwort teilnahmsvoll.

Wie schön sie ist und wie liebenswert noch immer! dachte er und wußte nicht, was ihn hielt, daß er nicht jetzt gleich zu shr trat und sie ht seine Arme nahm. Warum war er denn ge­kommen, wenn er das nicht wollte? Satte er's nicht hundert und tausend Mal erwogen, daß es freilich junge, hübsche Dinger genug in der Welt gab, aber daß die Lisa doch besser und lieber war als alle anderen Frauen, daß ihn keine so glücklich machen mürbe wie sie. War's mieber nur Korrektheit, was ihn hielt, oder was sonst? Er hätte es sich nicht sagen können. . .,

In deut langen Schweigen zwischen ihnen erhob sie sich leise. Ihre Blicke hatten das Klavier getroffen. Das stand aufge­schlagen und Noten leuchteten pom Pult, Gesangsnoten.

Sie singen noch immer Piel?" fragte er, froh über diese Worte, die ihm Zeit verschafften.

Ich habe neuerdings wieder Unterricht!" sagte sic, und er hörte nicht, daß ihre Stimme dunkel klang, weil etwas ihr die Kehle preßte.

Bei einer Sängerin?" fragte er wieder, kaum mit der Ab­sicht, mehr als eine Unterhaltung zu machen.

Nein, es ist ein Herr, ein Professor von der Hochschule, der sich meiner angenommen hat", kant ihre Avtwort, und sie sah in diesem Augenblick den vor sich, von dem sie sprach, einen) Menschen, der sie heiß umwarb, der sie jeden Tag auf Knien bitten wollte, die Seine zu werden, den sie auch achtete und ver­ehrte. Aber wartete siei nicht auf den, der jetzt nahe bei ihr stand, der jung war, leuchtend jung und schön, anders lvie der andere! mit den ersten grauen Fäden im Haupthaar. Und hatte sie nicht Rechte auf die Erfüllung tausend seliger Träume in zwölf Jahren, Träume, auf denen der Schimmer fast kindlicher Sehnsucht ruhte und die darum so durch nichts aufzuloiegen waren? Ja, sie hatte ein Recht! Und als er nun ein gedehntesSo . . ?" hören ließ, sagte sie wie in Trotz:Es ist ein berühmter Mann, Haimo, und ein wunderbarer Musiker!"

Wie heißt er?" stieß er hervor und trat ihr nahe. Er fühlte deutlich, daß hier etwas Feindliches war, etwas Starkes. Tas reizte ihn. Tas litt er nicht! Dazu liebte er denn doch seme Lisa zu sehr, feine alte, treue Jugendliebe! Wer wollte zwischen ihn und sie? Jähe Eifersucht trieb ihm das Blut ins Angesicht. Er griff nach ihrer Hand. Sie sah ihn .fragend, wie gleichgültig an, aber in! ihr lächelte die Klugheit des Wetbcs. Und da, plötzlich, hatte er sie umschlungen. Seine Linke preßte ihrest Leib gegen den seinen, die Rechte tastete wild und scheu über ihre! braunen Flechten, seine Augen verbrannten ihr Gesicht.

Ein wohliges Zittern überfiel sie. Ah, bas war er! Das war Ihr Held! Ihre Jugend. Nun nahm er sie! Nun kam das Glück! Ihre Knie wankten. Er hielt sie, und jetzt, jetzt fühlte sie seine Lippen auf den ihren.... O warum hatten sie srch nie geküßt, warum nie in Armen gehalten, zwölf Jahre der Liebe, zwölf lange, karge Jahre! 0 Leben, o Fugend! O wunderbare, heilige Gluten in Schmerzen und purpurnen Wonnen!--

Als nach Minuten ihre Augen sich zum ersten Male wieder klar sahen, führte er sie zu einem Sessel.Nun bist du mein!" sagte er fest und laut.Nun kann dich mir kein anderer nehmen!" Er ging int1 Zimmer auf und ab.

Sie hörte seine Worte und hörte sie doch kaum' und dachte nur Eines: warum ist er nicht bei mir und denkt an nichts Wd küßt mich? Wer er stand am Fenster, schaute hinunter, hatte sich straff aufgerichtet, als wenn er Pläne machte. Pläne? Zukunft? In dieser Stunde?

Hanno!" sagte sie leise. Zitternd kam der Ton zu ihm.

Er drehte sich ihr zu, aber er blieb, wo er war, wie gebannt. Auf ihren Gesichtszügen lag etwas, das ihm! neu war und doch auch wieder nicht ganz neu, nein, heimlich gefürchtet, eben noch, als er auf die Straße hiurbsah und kaum wußte, was er dachte.

Tiefe Schatten umrandeten Lisas Augen. Ihr Mund war schlaff, ihre Wangen blaß. Etwas Wehes, Welkes vertiefte ihre Züge. Aber das machten ja mir die dunkelgrünen Fenstervor- hänge! Die warfen ihre grämlicheit Töne auf sie. Und doch, wie war sie früher anders gewesen. Herrgott, was hatten ihr allein die beiden letzten Jahre angetan!

Langsamer als er wollte, kam er nun wieder näher. Ihm war, als.wenn er plötzlich müde würde. Unb doch kniete er vor thr nieder. Und doch sagte er wieder:Nun bist, du mein!" und streichelte ihre Hand und dachte dabei nur eins:Wie wird nun das Leben werden? Habe' ich das nicht alles bedacht, ehe ich heute hierher kam? Habe ich es nicht gewollt? Und warum schnürt mir etwas die Kehle zu, daß ich nicht ein zweites Mal tun kann, was ich so oft ersehnte? Warum küsse ich sie nicht wieder wie eben noch?"

Und sie vor ihm wartete. Ein Weilchen jvar's ein seliges Harren. Aber nun, wie sie ihn nahe sah und das eigene, gemachte Lächeln um seine Lippen, da schoß ihr mit einem Male ent Plötze liches Erkennen auf, und sie lehnte sich weit zurück. Jetzt griffen! feine Hände nach ihr' und, als suchten sie, was doch schon verloren war. Jetzt wollten seine Lippen doch wieder zu den ihren! Aber sie bog sich weiter noch hintenjüber, starrte ihn wie in Angst und Entsetzen an und wußte klar die Fragen, die et sich stellte, und schmerzlich klar auch alle Antworten!

Indes nahm ihm ihr Wehren, der Duft ihres Körpers, die weiche Berührung ihrer Arme, die ganze Nahe des Weibes endlich das verstandesmäßige Grübeln. In seinem Blick flammte das­selbe Feuer wie vordem.Lisa!" hörte sie seine Stimme heiserl flüstern. Da kämpfte sie schwer einen einzigen Augenblick. Dann entglitt sie ihm und staub auf.

Er sah nicht den todtraurigen Blick, der ihn traf. Lächelnd stand sie vor ihm. Wie durfte sie nun so lächeln!

Hanno", sagte sic mit merkwürdiger Freundlichkeit,laß/ laß sein! Tu irrst! Wir sind nicht mehr für einander . . . '

Aber was ist . . . ?"

Nein, Haimo, sei still. Ich will nicht lügen: ich liebe dich sehr, sehr. Aber ich bin nun doch zu alt geworden und du) zu jung geblieben beim Warten. Tas Warten ist ein eigen! Ting. Das weiß ich jetzt. Es war schön, daß mir gleichen Alters sind, früher! Heute nicht mehr!"

Wieder wollte er sie unterbrechen und fühlte doch, daß er mit jedem Einwand lügen mußte. Aber sie ließ ihn nicht zu Worte kommen.Tn hast noch so viel vor dir, Hanno", sagte sie,DU solltest überhaupt noch warten, ehe bu dich bindest! Und wenn wir zwei uns heiraten, da wäre ich eine alte Frau, meint bu in, der frischesten Kraft ständest. Ich glaube, bu brauchst auch etwas ganz anderes als ich es bin, jetzt. Es geht nicht, cs geht nicht an, Hanno. Ich gebe dich frei!"

Aber Lisa, wie kannst du so sprechen! Immer habe ich mich nach dir gesehnt! Keine Frau versteht mich wie bu, keine liebe ich wie dich! Und bann, nach bem, was heute, eben getoejen ist--"

Sie seufzte tief, aber sie sah ihn glücklich an.Was eben) gewesen ist? Unfer erster Kuß? Unser einziger Kuß? Ach, Hanno, wolltest bu ihn mir nicht gegeben haben?"

Ta stürzte er auf sic zu. Wie schön sie nun wieder war, wie frauenhaft erhaben, wie gütig, wie herrlich! Wer wie sie ihn auch diesmal mit ausgestreckter Hand ablvchrte, wie war sie da so fern! Was war cs nur, was hatte sic so gewandelt? Unb warum zögerte er, ihren Widerstanb zu brechen? Warum hatte fein Allerinnerstes aufgeatmet, als er es hörte, das Wort: Ich gebe dich frei!

Geh', Hanno, geh', lass' mich allein! Alles Glück dir int Leben! Es kann dir nicht fehlen. Ich will fauch weiter an dich denken, aber du mußt frei fein. Ich will es so!" . . .

Im Zintmer war es nun lange ganz still. Tic Sonne schien ins Fenster und spielte ,auf dem Muster des Teppichs. Kleine Stäubchen tanzten goldig in ihrem Lichte, und doch tpar alles so grau. Ihm war, als schwände etwas einmal Besessenes, Herr­liches, Großes in unerreichbare Fernen. Sie lächelte ihn an und kämpfte gegen die Tränen. Und beide meinten doch, daß leder neue Händedruck, ja gar .ein zweiter Kuß sie fangen könnte in Schlittgeit und Banden, die .eilt langes Leben unerträglich machen mußten. ,, _ . ,

Wie seltsam", sagte er mit leiser Stimme,zwölf yafjre liebten wir uns, fugten es uns nicht und wußten es hoch. Hundert­mal trieb es mich, dich zu küssen, ach wie oft! Und nun, int Augenblick, wo ich es tat, schickst bu Mach fort!"

Wie seltsam", buchte sie,sind dte Männer, daß sie erwägen, und betrachten können, wo ihr Herz verbluten sollte! Unb doch! war es ihr ein Trost, weil sie ihn so liebte

Geh'!" sagte sie wieder,laß mich allem!" Fast hatte sie hinzugefügt: fei barmherzig! Aber noch hielt sie an sich.

Ta ging er.Du hast es so gewollt, Lisa!" sagte er und