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sehen. Wären Sie vielleicht so gütig, diese Schublade mit Münzen in den Schrank zurückzuschieben und mir die nächste zu reichen? Bei dem unseligen Zustande meiner Nerven ist mir auch die geringste Anstrengung im höchsten Grade. zuwider. Jawohl. Dank Ihnen.
Als praktischer Komrnentar zu der liberalen, gesellschaftlichen Theorie, von der er mir soeben ein Beispiel angeführt, belustigte mich Mr. Fairlies kaltblütiges Ersuchen einigermaßen. Ich tat die eine Schulblade an ihren Platz zurück und jtib ihm die andere. Er begann sofort mit den Münzen' zu spielen, indem er sie während der ganzen Zeit, die er mit mir sprach, mit motten Blicken betrachtete und bewunderte.
Tanke tausendmal und bitte um Verzeihung. Interessieren Sie sieh für Münzen? Ja? Sehr erfreut, daß wir außer unserer Liebe zur Kunst auch diesen Geschmack gemein haben. Jetzt, was unsere pekuniären Arrangements betrifft — bitte, sagen Sie mir — sind dieselben für Sie befriedigend?
Vollkommen befriedigend, Mr. Fairlie.
Sehr erfreut. Und — was sonst noch? Ah! ich entsinne mich. Ja wohl. In Bezug auf die Entschädigung, welche Sie so gütig fein wollen, für den Vorteil, den mir Ihre Talente in der Künst gewähren, anzunehmen, wird mein Intendant am Ende jeder Woche Ihre Wünsche entgegennehmen. Und — was sonst moch? Sonderbar, nicht wahr? Ich hatte noch viel mehr zu sagen, und es scheint, ich habe alles vergessen. Würden Sie vielleicht die Güte haben, zu klingeln? In jener Ecke. Ja wohl. Danke Ihnen.
Ich klingelte; ein neuer Diener trat geräuschlos pin, ein Ausländer mit einem stereotypen Lächeln und schön gebürstetem Haar, jeder Zoll ein Kammerdiener.
Louis, sagte Mr. Fairlie, ich habe heute morgen einige Memoranda in meine Notiztäfelchen eingetragen. Hole fie. Bitte tausendmal um Verzeihung, Mr. Hartright. Ich ftirchte, ich langweile Sie.
Da er, ehe ich ihm noch antworten konnte, ermüdet die Augen schloß und er mich ohne allen Zweifel unbeschreiblich langweilte, so saß ich. stille und betrachtete mir die kostbaren Bilder an den Wanden. Unterdessen verließ der Kammerdiener das Zimmer und kehrte gleich darauf mit einem kleinen Buche von Elfenbeintäfelchen zurück. Mr. Fairlie ließ, nachdem er sich erst durch einen leisen Seufzer die Brust erleichtert, mit der einen Hand das Buch aufklappen.
Ja. Ganz recht! sagte Mr. Fairle, die Täfelchen betragend. Louis, nimm jene Mappe herunter. Er deutete, indem er sprach, auf mehrere Mappen, welche auf einem Mahagonitischchen neben dem Fenster lagen. Nein, nicht die mit der grünen Rückseite — da habe ich meine Federzeichnungen von Rembrandt brüt, Mr. Hartright. Interessieren Sie sich für Federzeichnungen? Ja? Sehr erfreut, daß wir noch einen Geschmack gemein haben. Die Mappe mit der roten Rückseite, Louis. Lasse sie nicht 'fallen! Liegt sie sicher auf dem Stuhle? Denken Sie, daß sie sicher liegt auf dem Stuhle, Mr. Hartright? Ja? Sehr erfreut. Wollen Sie mich verbinden, indem Sie sich die Zeichnungen ansehen? Louis, geh hinaus. Was du für ein Esel bist! Siehst du nicht, daß ich die Täfelchen halte? Warum niminft du sie mir da nicht ab, ohne daß man es dir erst sagt? Bitte tausendmal um Verzeihung, Mr. Hartright; Bediente sind solche Esel, nicht wahr? Bitte, sagen Sie mir, wie Ihnen die Zeichnungen gefallen? Sie kamen in einem fürchterlichen Zustanide aus einer Auktion, -— es schien mir, wie ich fie das letztemal besah, als ob ihnen noch der Geruch abscheulicher Mäkler- und Trödlerfinger anhaftete. Können Sie sie wirklich in die Hand nehmen?
Obgleich meine Nerven nicht zart genug waren, um den Geruch der blebejischen Finger, welcher Mr. Fairlies Nase so beleidigt hatte, wahrzunehmen, so war doch mein Geschmack hinlänglich gebildet, um mich! in den Stand zu etzen, den Wert der Zeichnungen anzuerkennen. Sie be- tanden größtenteils aus wirklich wertvollen Proben eng» ischer Wasserfarbenmalerei.
Die Zeichnungen sollten sorgsam ausgespannt und aufgeklebt werden, entgegnete ich, und sind meiner Ansicht nach jvohl —
Ja, ha haben Sie ganz recht, erwiderte er müde, das Wäre, glaube ich, alles. Wenn sonst noch etwas zu be-- sprechen wäre, habe ich's vergessen.
Der.einzige Punkt, der uns noch zu besprechen übrig bleibt, Mr. Fairlie, sagte ich, betrifft, wenn ich nicht irre, den Unterricht, welchen ich zwei jungen Damen im Land- schaftsinalen erteilen soll.
Ah! ganz recht, sagte Mr. Fairlie. Ich wollte, ich fühlte /uich lvohl genug, nm in diesen Teil des Arrangements cinzugehen — aber dem ist nicht so. Die Damen, die den Vorteil Ihrer freundlichen Dienste genießen sollen, Mr. Hartright, müssen für sich selbst entscheiden und bestimmen. Meine Nichte liebt Ihre bezaubernde Kunst. Sie versteht sie gerade hinlänglich, um sich, ihrer eigenen Mängel bewußt zu sein. Bitte, geben Sie sich Mühe mit ihr. Ja wohl. Ist sonst noch etwas da? Nein. Wir verstehen einander vollkommen — wie? Ich habe nicht das Recht, Sie noch länger von Ihrer schönen Beschäftigung abzuhalten— wie? Seh r angenehm, alles ungeordnet zu haben — solche Erleichterung, Geschäfte gemacht zu haben. Würde es Ihnen bar auf ankommen, Louis zu klingeln, damit er die Mappe auf Ihr Zimmer trägt?
Ich werde fie selbst hintragen, Mr. Fairlie, wenn Sie es erlauben.
Wirklich? Sind Sie kräftig genug dazu? Wie angenehm, so kräftig zu sein! Wissen Sie es gewiß, daß Sie sie nicht fallen lassen werden? Sehr erfreut, Sie in Limineridge zu haben, Mr. Hartright. Ich bin so leidend, daß ich kaum hoffen darf, viel von Ihrer Gesellschaft zu genießen. Leise mit den Vorhängen, bitte, das geringste Geräusch derselben geht wie ein Messer durch meine Nerven. Jawohl. Guten Morgen!
Als sich die wassergrünen Vorhänge und die beiden beschlagenen Türen hinter mir geschlossen hatten, stand ich einen Augenblick in der kleinen runden Vorhalle stille und tat einen langen, tiefen Atemzug der Erleichterung. Es war, wie wenn man nach tiefem Untertauchen wieder an die Oberfläche des Wassers kommt.
Sobald ich mich gemütlich in meinem eigenen hübschen Atelier für den Morgen niedergelassen hatte, legte ich mir ein Gelübde ab, nie mehr in die von Mr. Fairlie bewohnten Gemächer zurückzukehren außer in dem höchst unwahrscheinlichen Falle, daß er mich mit einer speziellen Einladung beehren würde.
Die noch übrigen Stunden des Morgens vergingen mir angenehm genug in der Beschäftigung, die Zeichnungen zu besehen, auszulesen, ihre zerrissenen Kanten zu beschneiden und in anderen notwendigen Vorbereitungen^! ehe ich das Aufkleben beginnen konnte.
(Fortsetzung folgt.)
Zugendliebe.
Von &an§ Schmidt-Kestner.
Die beiden saßen in den alten, plüschüberzogene« Sesseln der „guten Stube", wo über dem Sofa nichts als die vielen Photographien hingen, wo am Fenster der runde Blumentisch' mit seinen matten Blumenpflanzen stand, wo der Schrank an der Wand und der Schreibtisch mit ihren formunsinnigen Aussätzen von einer Zeit redeten, die wohl anderes zu tun hatte, als sich um Tinge des Geschmacks zu kümmern. Die beiden paßten da eigentlich gar nicht hinein. Er trug einen modischen, eleganten Anzug, hatte den Schnurrbart kurz gestutzt, hatte gepflegte Hande mit blanken Fingernägeln. Sie war ein Dust von lichtem Weiß. In weichen Falten umfloß es ihre schlanke Gestalt. Eine rote Blume, eine lebende, trug fie im dunkelbraunen Haar. Jhsce Augen, waren groß und schön und blickten, als wüßten sie von manchen Dingen, die viele nicht wissen. Sie hatten St.il, —r alle bejjdo! Und so paßten sie wenig in ihre gleichgültig-farblose Umgebung!..
Paßten sie selbst zueinander? Ja und nein. Zwei junge, stattliche Menschen, — wohl gleichen Alters und eben darum auch wieder der Mann so anders als das Weib, so viel, viel jünger! Aber das wußten sie wohl beide nicht. Ihr Wesen war in allem gur: wir sind für einander geschaffen!
„Ihre Fran Mntter ist nicht daheim, Lisa?" hatte er gesagt, als er kam, und seine Augen waren leuchtend gewesen.
„Nein, Hanno, Mama wird sehr bedauern ---" hatte fie
geantwortet und getan, als ob sie nicht lachen müßte. Zwölf Jahre gings nun schon so, daß sie sich bei den Vornamen nannten, aber das „Sie" bewahrten .und alle die anderen lächerlichen Formen wie eine nützliche Wehr zwischen verfrühter Erobererlust und hingebenden Wünschen. Zwölf Jahre kannten sie sich. Mit der Tanzstunde hatte es begonnen, mancher Brief war geschrieben, manche Blume gesandt, mancher Reim verfertigt. Ja, die Reime! In denen durfte man „Du" sagen, schon weil bann die Verses leichter flössen. Und doch war solch ein „Du" nicht bindend, nicht allzu schwer zu nehmen


