Mittwoch den 20. September
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Die weiße Frau.
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Ich sah mich in einem großen, hohen Zimmer mit einer prachtvollen geschnitzten Decke und einem Teppiche, der so dick und Weich war, daß er sich wie Lagen von Sammet unter den Füßen anfühlte. Die eine ganze Seite des Zimmers nahm ein Bücherschrank aus einer seltenen, getäfel- ten Holzart ein, die mir völlig neu war. Er war nur sechs Fuß hoch, und oben darauf standen Statuen in regelmäßigen Entfernungen voneinander. Auf der entgegen» gesetzten Seite standen zwei altertümliche Schränke, und zwischen und über denselben hing ein Bild der Jungfrau Mit dem Christuskinde, das durch Glas beschützt wurde und unten am Rahmen auf einer vergoldeten Platte den Namen Raphaels trug. Zu meiner Rechten und Linken, als ich innerhalb des Einganges stand, waren Chiffonnieren und Pfeilertischchen, die mit Figuren von Meißner Porzellan, seltenen Basen, -Elfenbeinschnitzereien und Spielereien und Merkwürdigkeiten aller Art, die von Gold, Silber und Edelsteinen funkelten, bedeckt waren. Am untern Ende des Zimmers mir gegenüber verbargen Vorhänge von derselben wassergrünen Seide, wie die an der Tür, die Fenster und milderten das Sonnenlicht. Das auf diese Weise hervorgebrachte Licht war unendlich weich, geheimnisvoll und wohltuend; es fiel gleichmäßig auf alle Gegenstände im Zimmer, machte die tiefe Stille und das Ansehen absoluter Abgeschlossenheit noch eindrucksvoller und umgab mit einem angemessenen Nimbus die einsame Gestalt des Gebieters des Hauses, welcher in teilnahmloser Ruhe in einem großen Lehnstuhle ausgestreckt lag, an dem auf der einen Seite ein Lesepult und auf der andern ein kleiner Tisch angebracht waren.
Mr. Fairlie mochte zwischen 50 und 60 Jähre zählen. Sein bartloses Gesicht war mager, verlebt und von einer durchsichtigen Blässe, aber nicht runzelig; seine Nase war groß und gebogen; seine Augen von einem matten, gräulichen Blau, groß und hervorstehend, und die Ränder der Augenlider etwas gerötet; er hatte wenig Haar, doch war es weich anzusehen und von jener hellen/ sandähnlichen Farbe, welche von allen am letzten den Uebergang zum Grau verrät. Er trug einen dunkeln Rock von einem Stoffe, der weit leichter war als Tuch, und eine Weste und Beinkleid von untadeligem Weiß. Seine Füße waren auffallend klein und mit Strümpfen von lederfarbener Seide und kleinen bronzeledernen Pantöffelchen bekleidet. Zwei Ringe schmücketn seine zarten, iveißen Hände, deren Wert selbst meine unerfahrene Beobachtung sofort als beinahe unschätzbar erkannte. Im ganzen hatte er ein schwächliches, matt reizbares, überfeines Aussehen — etwas eigentümlich und
unangenehm Zartes, da man es an einem Manne fand) und das doch zu gleicher Zeit, wenn man es sich an der Erscheinung einer Frau dachte, unmöglich natürlich oder angemessen erschienen wäre.
Als ich näher zu ihm herantrat, entdeckte ich, daß er nicht so völlig unbeschäftigt sei, wie ich zuerst vermutete. Unter anderen seltenen und schönen Gegenständen, welche auf einem großen runden Tische neben ihm standen, war ein Miniaturschrank von Ebenholz und Silber, der in kleinen Schubladen, die mit dunkelblauem Sammet ausgeschlagen waren, Münzen von allen Formen un dGroßen enthielt. Seine zarten, weißen Finger spielten gleichgültig mit etwas, das meinen unerfahrenen Augen wie eine schmutzige, zinnerne Medaille mit unebener Kante aussah, als ich in achtungsvoller Entfernung von seinem Stuhle stehen blieb, um ihm meine Verbeugung zu machen.
Sehr erfreut, Sie in Simmeribge zu haben, Mr. Hart- right, sagte er mit einer kläglichen, krächzenden Stimme, die auf nichts weniger als angenehme Art einen hohen Mißton mit einer matten, schläfrigen Aussprache verband. Bitte, setzen Sie sich. Und bemühen Sie sich gefälligst, nicht den Stuhl zu rücken. Bei dem unseligen Zustande meiner Nerven ist jede Art von Bewegung unbeschreiblich schmerzhaft. Haben Sie Ihr Atelier gesehen? Sind Sie zufrieden damit?
Ich habe das Zimmer soeben gesehen, Mr. -Fairlie, und ich versichere Sie —
Er unterbrach mich mitten im Satze, indem er die Augen schloß und eine seiner weißen Hände flehend in die Höhe hielt. Ich schwieg voll Erstaunen, und die krächzende Stimme beehrte mich mit folgender Erklärung:
Ditte, entschuldigen Sie mich. Wer wäre es Ihnen wohl möglich, etwas leiser zu sprechen? Bei dem unseligen Zustande meiner Nerven ist jeder laute Ton eine unbeschreibliche Tortur für mich. Sie werden entern Kranken verzeihen? Ich sage Ihnen nur, was der beklagenswerte Zustand meiner Gesundheit mich allen Leuten zu sagen nötigt. Ihr Zimmer gefällt Ihnen also, Mr. Hartright?
Ich konnte mir nichts Hübscheres oder Beuqemeres wünschen, entgegnete ich, indem ich meine Stimme bis zum Flüstern herabsenkte.
Sehr erfreut. Sie werden Ihre Stellung hier gebührend anerkannt finden, Mr. Hartright. Es ist nichts von dem abscheulichen, barbarischen, englischen Vorurteile gegen die gesellschaftliche Stellung eines Künstlers in diesem Hause. Ich habe so viele Zeit meines früheren Lebens int Auslands zugebracht, daß ich in dieser Beziehung meine insularische Haut gänzlich abgeworfen habe. Ich wollte, ich konnte dasselbe von den vornehmen Ständen — abscheuliches Wort, aber ich muß wohl Gebrauch davon machen — unserer Nachbarschaft sagen. Aber sie find entsetzliche Goten und Vandalen in der Kunst, Mr. Hartright. Leute, versichere ich Sie, die vor Erstaunen große Augen gemacht haben würden, hätten sie Karl V. Titians Pinsel aufheben


