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Uni) so brach das Unheil herein. Zum Entsetzen von Freund tob Feind, welch letzterer den Motorwagen selbstredend unter heftiges Geschützfcuer genommen hatte. Das sich selbst überlassene Auto geriet mit einem Vorderrad in den Graben, voll- führtc noch einige meterhohe Sprünge und überschlug sich dann samt Führer, Generalmajor und Jauchefaß.
Zum Glück lief der Unfall ohne besonderen Leibesschaden ab, Karlernst tonnte der Ordonnanz S. Exzellenz, die den Vorfall mit gespannter Aufmerksamkeit durch ihren Pseudoanastigmat beobachtet hatte, die beruhigende Versicherung mitgeben, daß zu ernstercreu Besorgnissen kein Anlaß vorliege. Aber lieber wollte 'er ein Dutzend lateinische Extemporale über sW ergehen lassen! als noch einmal solche Höllenfahrt.
Der Kraftwagen freilch war felddicnstunfahig geworden, Karlernst mußte den Weitermasch zU Fuß antreten. Doch' kam er noch gerade rechtzeitig genug, um Zeuge zu fein, wie die blaue Flotte eine vernichtende Niederlage erlitt.
Zur selben Stunde, als vom Kreuzberg her die ersten Schüsse sielen, war man auch hier aneinander geraten. Der Kampf drehte sich um den Besitz der von Norden her weit ins Meer Kineinragenden Landzunge, die einzige Stelle, die für einen Trnppeuübergang in Frage kam.
Mit fürchterlicher Wucht stießen die Dreadnoughts" %Uf= sammen. Dank ihrer Stabilität hatte der Anprall keine nennenswerten Beschädigungen zur Folge. Ein so erbittertes Ringen Hub an, daß die empörten Wogen weithin aufspritzten, jeder suchte bem andern die Breitseite abzugewinnen. Doch die Gegner waren sich vollkommen ebenbürtig. Nur die völlige Erschöpfung vermochte sie dazu zu bewegen, den Kampf vorläufig rinzustellen und zwecks Munitionserneuerung schnaubend und Pustend die Kriegshäfen aufzusuchen.
^Da rauschte auch schon die „Wittelsbach" heran, in ihrem! Kielwasser mit langen Abständen die übrigen Schiffe, Die rote Flotte, in gleicher Formation aufmarschiert, mäßigte daraufhin im letzten Augenblick ihre Geschwindigkeit auf halbe Fahrt und! schwenkte links und rechts zu Kolonnen ein, so daß das gegnerische Flaggschiff, die Kriegslist nicht ahnend) mit Volldampf in die Sackgasse Hineinfuhr. Von beiden Seiten Unter ein wirkungsvolles Feuer genommen, wehrte es sich mit der Kraft der Verzweiflung, desgleichen auch „Bcowulf" und „Iltis", die schnell aufgekommen tob ebenfalls vertrauensselig in die Falle gegangen waren. Letzteren ersah sich der „Terrible" zuM Zweikampf aus.
Zunächst versuchte er einen tückischen Rammstoß nach Steuer- chord des „Iltis", den dieser jedoch geschickt Parierte, um seinerseits dasselbe Manöver auszuführen. Hart streifte er schon den Bug des „Terrible", als sich sein Widersacher mit einer blitzschnellen Wendung herumwarf und den Angreifer, ihm wider alles Völkerrecht ein Bein stellend, der Länge .nach zum' Kentern brachte, worauf er sich über ihn hermachte Und ihn: zum Ueberfluß noch hös die Takellage bearbeitete. Bis auf die Haut durchnäßt,- -erhob sich der Ueberwundene, um sich einstweilen auf Trockendeck zu begeben.
Auch den andern blauen Schiffen .ergings nicht besser. Die „Zähringen", auf die man die größten Hoffnungen gesetzt hatte, war, noch ehe sie recht in Aktion tteten konnte, auf eine Untiefe gestoßen, hatte sich den Fuß verstaucht und war zum Beidrehen gezwungen worden. Am heldenmütigsten hielt sich noch- der „Greif", der sich ganz allein mit drei feindlichen Kreuzern herumschlug und dem „Bouvet" eine solche Ohrfeige verabfolgte, daß er schlingernd und jamMernd das Weite suchte.
Auf ihn warf sich jetzt auch noch- der wieder frei gewordene „Terrible". Ringsum teilte der „Greis" furchtbare Hiebe aus, entwehrte sich mit durchschlagendem Erfolg mittels wohlgezielter Fußtritte eines Torpedobootes, das einen unterseeischen Angriff verüben wollte und hatte bereits den „Merrimac" mit günstigem Untergriff gepackt, ohne jedoch im- Gedränge die vorteilhafte Si- Itimtioit ausnützen zu können. Wie die Kletten hingen die Feinde au ibin1, zerbeulten ihm den Panzer und' rissen ein klaffendes! Leck in seinen Hosenboden. Umsonst rief er das unschlüssig in der Nähe kreuzende Torpedoboot 8. 2 zu Hilfe, es war diesem des hohen Seegangs wegen nicht möglich, näherzukommen; vergebens schaute er auch nach „Meteor" aus, aber der hatte gerade genug Mit sich zu tun. Da setzte der hartnäckige „Iltis" mit allein seinen indizierten Pferdekräften zu einem Durchbruchsversuch ein. Das Wagnis gelang. Wütend nahm der fliehende Panzerkreuzer Nun seinen Kurs luvwärts, wo er auf die freibeit „Dreadnoughts" stieß, die sich schon wieder wie die Kesselflicker balgten. Er hatte auch die Genugtuung, dem roten den Garaus machen zu helfen, so! daß dieser, ein trauriges Wrack, winselnd uM Gnade flehte..
Aber was sollte das der blauen Partei noch nützen, da die übrigen Schiffe größtenteils kampfunfähig und auf der Flucht begriffen waren?
Dagegen hatten sich die Feinde bereits wieder rangiert und! tu den Besitz der heiß umstrittenen Furt gesetzt. Der Tag war Wr die blaue Flotte verloren., i
Karlernst, infolgedessen nunmehr ganz auf seine Landärmee! angewiesen, kletterte schleunigst wieder den Abhang empor, denn W roten Truppen, durch den glänzenden Sieg ihrer Seemacht! erm'utigt, strebten in Hellen Haufen dem! Gänsebach.zu. Es dauerte Nicht lange, so Waren ihfre Pioniere damit beschäftigt, eine Brücke «t schlagest, das BaWMter.ial Latte» sie einem, in der Wtze
stehenden Leiterwagen entnommen. In überraschend kurzer Zeit war das schwierige Werk vollendet. Einen Vorstoß der Blauen, die Brücke zu zerstören, wiesen die vereinigten toten KriegsschiM mit allem Nachdruck zurück.
Der Nebergang begann. Ohne Verzug schwärmten die ersten Roten unter persönlicher Führung ihres Generalmajors Kleinschmidt aus und hielten den Verteidiger so lange in Schach, bis die ganze Armee am diesseitigen Ufer war. Unter den ohrenzerreißenden Klängen ihrer Regimentsmusik schoben sich die Linien unaufhaltsam vor, obwohl sie mit einem Hagel von Geschossen, überschüttet wurden.
Karlernst sah bald ein, daß seine Position auf die Tauer! unhaltbar fei. Doch ehe er den Rückzug auf die nächsthintera Bergknppe befahl, wollte er, um diesen zu decken, dem Feind seine Kavallerie-Abteilung entgegen werfen. In prachtvollem Schwung ritten die Schwadroiteii zur Attacke an, aber ihre Wucht zerschellte an dem zähen Widerstand der roten Infanterie Die Mehrzahl der tapferen Reiter geriet in schmähliche 'Gefangenschaft) wenige nur kehrten, schlimm zugerichtet, zum Ausgangspunkt zurück.
Schon war der Nahkam'pf, Ang in A«g, in vollem Gange. Um jeden fußbreit Land wurde erbittert gerungen, gellendes Mampfgeschrei erfüllte die Luft und pflanzte sich bis in die sonittagsstillen Gassen des Dorfes fort. Befehle der Vorgesetzten, fanden keine Beachtung mehr, jeder - Mann handelte und focht auf eigene Faust, aber alle eins in dem Bestreben, entweder zu siegelt, oder zu sterben. Pardon wurde weder gegeben noch genommen. . ,
Karlernst steckte resigniert den Degen ent. Er kam sich ungeheuer tragisch vor. Welchen von den vielen Helden tu ähnlicher Lage, die ihm aus der Weltgeschichte bekannt waren, sollte er sich jetzt zum Vorbild nehmen? Er dachte an Leonidas an beit Ther- mvpilen. Nein, das war schon zu lange her. Außerdem war ihm der Mann unsympathisch, weil er wegen unzureichender! biographischer Kenntnis dieses Spartiatenhäuptliiigs in der Quarta einmal eine blanke „Bier" besehen hatte. Barns? Da müßte er sich also in fein Schwert stürzen, das wollte er aber schön bleiben lassen, zudem war das hölzerne Ding zu Selbstmordzwecken nicht recht geeignet. Vielleicht Wellington frei Waterloo? Jawohl, das war das Richtige. Freilich wars ihm nicht recht klar, mit wem er die belle alliance schließen sollte. Weit und breit keine hilfsbereiten Preußen zu sehen! ,
Er saiidte einen fragenden Blick zu dem noch immer mieiitluegt auf einsamer Höhe, tfrronenben Fritz. Allein der hohe Herr fand sich nicht bemüßigt, feinen Einfluß nach irgend einer Sette gelteH zu machen. Alles ging nach Wunsch und Berechnung. Absichtlich hatte er den Roten die besten Schiffe zugeteilt, damit der Heber? gang über beit Gänsebach nicht etwa vereitelt würde, wenn er auch an einen so überwältigenden Erfolg des Angreifers nicht geglaubt hatte. Dem Kleinschmidt, der sich als ein militäriscyes ©eilte ersten Ranges erwies, mußte er nachher bet der Kritik unbedingt eilt paar lobende Worte gönnen, ohne natürlich Karlernst zu nahe zu treten. Letzteres schon deshalb nicht, weil er den Klassen- frruber nach Dienst um 50 Pfennig anzupumpen gedachte. Seme Exzellenz waren immer in Geldnöten. . ..
Indem der Herr General noch angestrengt über eine möglichst wirkungsvolle Kleidung zur Schlußkritik nachsann, gewährte er zu seinem maßlosen Erstauneii auf dem Schlachtfelde etwas, das ganz und gar nicht ins Programnr hineinpaßte. In den letzten Reihen des Siegers entftanb mit einem Male eine schier unerklärliche Verwirrung, wie Man sie etwa in einem aufgewühlten Ameisenhaufen beobachten kann. Und jetzt — der General traute seinen Augen kaum, — die ganze rote Armee schwenkte links ab zu einem Rückzug, der je länger je mehr zii panikartiger Flucht aus- artete. Und was das Tollste war, der tapfere Generalmajor! Kleinschmidt wurde ebenfalls mit fortgerissen! . . ,
Noch war Fritz sprachlos, als auch Karlernst mit 1 einen Leuten Reißaus nahm, nicht um den fliehenden Feind zu verfolgen, sondern in der angenscheinlichen Absicht, sich vor einem drohenden Unheil in Sicherheit zu bringen.
Etwas Furchtbares mußte geschehen fein. Fritz, wert davon entfernt, vor einem unbekannten Feind das Feld zu räumen, nahm den Krimstecher zur Hand und suchte aufmerksam das Gelände ab. Des Rätsels Lösung war bald gefunden.
Drüben vom Walde her kam in gewaltigen Sprüngen, drohend! den Krückenstock ,'chwingeiid, Hamijost der Feldhüter. Die, gestrige Abfuhr hatte ihn nicht schlecht gewurmt, und in der Absicht, bie! Buben heute auf frischer Tat eines Frevels zu überfuhren, war er unter heroischer Verzichtleistung auf sein allsoiintägliches Lolo- spielchen beizeiten auf der Lauer gewesen. Hinter einenr Busch verborgen, hatte er mit Ärgnsaugen den Verlauf der Schlacht verfolgt " Zwar war er nicht Soldat gewesen, aber das stand fest: wenn die Roten den Kreuzberg nehmen wollten, mußten sie unfehlbar des Bürgermeisters Kleeacker und- das Gewann nut den frisch bestellten Kornfeldern überschreiten, eine Ansicht, die von den Tatsachen glänzeiid gerechtfertigt wurde.
Jetzt war der Augenblick der Vergeltung gekommen. Wie ein Blitz ans heiterem Himmel gedachte er unter die ruchlosen Misfe- täter zu fahren. Zu seinem Aerger aber hatte ihn der Feldgeiidarm viel zu früh entdeckt und Alarm geschlagen. Die sichere Beute schÜiMte ihm zu gitterletzt noch aus dem Netz, ohne da» er dem


