Ausgabe 
20.7.1911
 
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triev: alles Modelle, die man auf Ten Bildern der Wörres- Öer Maler wiederfinden konnte. Die Anwesen der Maler

en sich zwischen die Bauerngehöfte; aber überall hatte man die Erhaltung des Bauernstils gewahrt, und selbst da, wo eine neue Dachung nötig geworden war, hatte man Ntroh von künstlich dunkler Farbe gewählt, das schwer UNd wuchtig, wie eine alte Pelzhaube, auf dem Gebälk ruhte. Aus den Schornsteinen ringelte hie und da eine Rauchwolke auf: eine dicke graugelbe, die sich seltsam wand, eine feine weiße, die erst senkrecht emporstieg und dann lichte Kreise bildete, ehe sie zerflatterte.

Als Traute sich südwärts wandte, die Nußbaumreihe hinab, dem Hause Kruses zu, kam ihr Hans Eggers ent- oegen, der Tiermaler, mit einigen seiner Schüler. Sie führten einen Hammel am Strick mit sich, der jedenfalls en Plein air porträtiert werden sollte, sich aber ungemein Ungebärdig erwies, blökte Und bockte Und zu seiner zwangs­weisen Abkonterfeiung sichtlich keine Lust verspürte. Die Szene war so komisch, daß auch Traute lachen mußte, und da zwei der jungen Herren sie kannten, so wurde sie um­zingelt und befragt, was sie in dieser Herrgottsfrühe in Wörreshoop wolle. Als sie wahrheitsgenräß antwortete, daß sic aus dem Wege zu Niels Kruse fei, merkte sie wohl ein. allseitiges Erstaunen, aber es kam zu keinen weiteren Erklärungen, denn der Hammel riß. sich plötzlich los und raste davon, und her ganze Schwarm stürmte unter Gebrüll hinter ihm her.

Im Garten Kruses, spazierte dieser mit Moebius »uf und ab.

Servus, Gnädigste," rief er Traute entgegen.Die Pünktlichkeit selbst das lobe ich' mit. 'Zur Belohnung bekommen Sie zum Frühstück die ersten frischen Radieschen. Eigenste Zucht. Ich habe soeben konstatiert, daß sich meine Lenzfrüchte eines üppigen Gedeihens erfreuen. . . ."

Aber er hatte es eilig mit dem Beginn der Sitzung. Ein paar Minuten später faß Trante int Atelier, und Kruse probierte die Pose und die Lichtwirkung aus. Moebius hakle sich dazu gesetzt Und las in einem Buche. Die Vor-, Bereitungen währten lauge. Es dauerte geraume Zeit, ehe Kruse sein Modell in die rechte Stellung gebracht hatte. Nun versuchte er zu malen. Aber er war unruhig; irgend etwas störte ihn noch. Schließlich legte er den Pinsel fort.

So geht es nicht, Fräulein Köhler," sagte er.Ich muß wenigstens den Ansatz des Halses sehen. Mir fehlt eine Linie." ... Er hatte eine Truhe geöffnet, ein massi­ves, ans Eichenholz geschnitztes Schmuckstück, und kramte in ihr umher. Ein paar alte Stoffe, eine Friesenjacke, eine mottenzerfressene Kazabaikä warf er achtlos zu Boden. Schließlich nahm er ein kurzes silbernes Kettenhemdchen in die Hand, das er einmal bei einem Trödler in Padua gekauft hatte und das dermaleinst von dem Pagen einer Herzogin getragen worden war, ließ es durch die Finger gleiten, hielt es mit diskreter Bewegung an die Brust Trautes, als wolle er das Maß prüfen, und klingelte dann nach der Vierthälern.

mZwölfmark," sagte er,helfen Sie mal dem gnädigen Fräulein bei der Toilette. Sie brauchen bloß die verfluchte Taille anszuziehen Und dafür das Kettenkleid überzustreifen, Fräulein Traute das genügt mir schon. Die Phantasie hilft weiter."

Er hatte die Tür zum Nebenzimmer geöffnet, schob die Vierthälern voran und Trante hinterher.

Willenlos hatte Traute das geschehen lassen. Als Uber die Vierthälern ohne weiteres die ersten Knöpfe ihrer Pikeetaille öffnete, kriegte sie doch Angst. Sic begann sich schämen. Sie warf einen musternden Blick auf das Kclkenhemdchen und einen zweiten in den Spiegel vor ihr. Die Vierthälern zog ihr bereits die Taille aus' Darunter trug Trante eine weiße, mit einem blaßblauen Bändchen geschlossene Untertaille, die den Hals und die Arme bloß ließ. Aber die Dekollctage war geringer als bei einem Bailkostüm, und als sie nun das kurze Kettenhemdchen über die Taille streifte, fand sie, daß sie keineswegs indezent aussah. Sie war auch froh, daß die Untertaille blendend sauber war. Der silberne Panzer darüber deckte zwar nicht ihren schlanken, weißen, fein modellierten Hals, aber er erhöhte doch wenigstens den Eindruck desAngezogenseins". Er wirkte wie eine originelle Stickerei.

Sie prüfte sich nochmals im Spiegel. Nein, es war wirklich nichts än ihr auszufetzen; in jedem Ballsaal sah

man keckere Toiletten. Die Vierthälern nickte ihrem Kpiegelbilde zu und öffnete die Ateliertür.

Traute trat ein, und im selben Angenblick zuckten ihre Hände unwillkürlich, und sie machte eine Bewegung, als wolle sie die Brust bedecken. Die Anwesenheit Moebius' genierte sie plötzlich.

Moebius merkte ihre Verlegenheit. Er stand auf, und auch auf seinem Gesicht verdunkte sich ein wenig die Farbe. .Aber er behielt seine weltmännische Gelassenheit bei.

Sehr hübsch," sagte er.Ich begreife Kruse. Zum Kopfe gehört notwendig der Halsansatz."

Ganz famos," rief Kruse. Er stellte Traute in die Sonne.Donnerwetter, ist das ein feiner Ton! Schade, daß ich Mondlicht brauche. Es ist das Verfluchte, daß man sich immer behelfen mUß! Warum kann ich Sie nicht bei Mondlicht malen? Na ja 'ich weiß' schon, es geht eben nicht. Moebius, sieh bloß die wundervolle Linie vom Kinn abwärts zum Halse! Ree sieh nicht erst her- setz dich lieber oder geh raus. Willst du nicht im Wohn-, zimmer warten? Dies Fräulein steht Unter meinem Schutz."

Moebius lächelte. Es merkte keiner, daß etwas wie ein Schauer über seinen Rücken ging und ihn leicht er­zittern ließ.

(Fortsetzung folgt.)

Vie Schlacht am Günsebach.

Eiste Dorfjungengeschichte von G. Zitze r (Schluß.)

Die Roten schienen sich wenig um den Kugelregen zu. Sümmern'., Sie entwickelten sich mit größter Kaltblütigkeit und strebten in, langen Sätzen dem Tale zu. Zum nicht unerheblichen Mißfallen des Manöverleiters, der, umgeben von seinem Gefolge, auf ein« samer Höhe thronte.

sinmutig wandte er den Gaul.

So'ne Verrücktheit, s'ist einfach nicht zum glauben, na> denen wollen wir bei der Kritik nachher ordentlich den Schweine- Hund machen Herr Leutnant, bitte!"

Ein Paar kurze Worte, und schon sprengte der Adjutant über Stock und Stein davon, um im Auftrag S. Exzellenz an den! Führer der Roten die liebenswürdige Anfrage zu übermitteln? ob er denn übergeschnappt sei?

Selbst in Laienkreisen war man über die merkwürdige Taktik des Generalmajors Kleinschmidt verwundert. Lieschen, das in den letzten Wochen ein gut Teil Manöberzuschaucrweistzeit auf­geschnappt hatte, zeigte sich geradezu entrüstet:Wenn es Ernst wäre, bann hätten sie alleweil schon mehr Tote als Lebendige."

Die Wirkung der Generalsbotschaft war nach Ankunft des Reiters bei denen da drüben sofort sichtbar. Der rote Feldherr ging von nun an schonender mit den ihm anvertranken Menschen­leben um. Seine Soldaten krochen jetzt aus allen Vieren.

Töss töff tösf!"

Philipp der Automobilist, meldete sich bei der diesseitiges Brigade zu Stelle. Es war ihm nach mancherlei Irrfahrten gelungen, einen Handkarren mit einem darauf befestigten .Jauchefäßchen aufzutreiben. Noch buchend vor Anstreuguug, er hatte den Kraftwagen bergan schieben müssen, erwartete er die Befehle des Brigadiers.

Ah gut, ausgezeichnet!" lobte ihn Karlernst erfreut,imrr- lich großartig, wollen gleich mal Probefahrt nach der Wasser- kante unternehmen."

Damit schwang er sich behend auf das Jäuchefäßchen.Ab­fuhren", befahl er,vierte Geschwindigkeit!" Philipp faß eben­falls aus und drehte wie ein Wahnsinniger an der Kurbel., Vergebens, der Motor wollte nicht anspringen. Der Chauffeur legte fein. Gesicht in bedenkliche Falten. Ohne Zweifel, eine! Panne schlimmster Art.

Der Generalmajor spielte den Ungnndigen:Zum Douuer- wetter, Mensch, wirds bald?"

Gleich, gleich, Herr General."

Philipp lag auf dem Rücken unter feiner Maschine, wo et umständlich mit dem Schraubenschlüssel hantierte. Er wollte den Becher seines Triumphes bis zum letzten Tropfen auskosten. Die Kameraden, wie auch das übrige Publikum, sollten sehen, was für ein Kerl er war. Endlich war das störrische Auto dank seiner außerordentlichen Fachkemitnis wieder felddienstfähig.

Los!"

Philipp ergriff in Ermanglung eines Steuerrades die Deichsel, Worauf sich das Gefährt unter gütiger Mitwirkung einiger Mus­ketiere in Bewegung setzte. Zuerst noch langsam', dann mit jeder Sekunde an Schnelligkeit gewinnend, sauste es den steilen Feldweg hinab, daß die Schärpe des Generalmajors nur so tut' Winde flog. Der tapfere Kriegsheld bekäm's jetzt mit der Angst zu tun, kalter Schweiß netzte seine Stirne. Verzweifelt klammerte er sich an ben Lenker fest und behinderte diesen dadurch an der Steuerung.