Ausgabe 
20.7.1911
 
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Donnerstag den 20.3uli

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Das nette Mädel.

Moman von Fedor von Zobeltiß>s (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Traute steckte den Brief ivieder in das Kuvert.

Bringen Sie Rad, Bukett und Hutkarton dem Herrn zurück, der Ihnen die Sachen gegeben hat", sagte sie ruhig, und bestellen Sie ihm meinen Dank."

Der Dienstmann begriff anfänglich nicht recht und schaute Trante verwundert und blöde an. Diesen Augen­blick benutzte Frau Auguste, Traute rasch in das Neben- Kimmer zu ziehen.

Wo ist das alles her?" fragte sie hastig.

Bon Eberstedt. Aber ein Geschenk, oas ich nicht an- Nehnren will."

Die Mutter zuckte mit den Schultern.Spiel doch Nicht die Hochmütige! Was ist denn dabei!? Behalte wenigstens den Hut. Er kostet sicher seine sechzig Mark."

'Ich möchte meine Hüte nicht der Gnade des Herrn Everstedt verdanken. Begreifst du nicht, daß diese ganze Sendung eine Frechheit ist?"

Du bist wirklich nicht klug. Traute. Es ist die Auf­merksamkeit eines liebenswürdigen jungen Mannes, dem seine Mittel auch eine gewisse Freigebigkeit erlauben. . . . Aber ich will dich nicht hindern, zu tun, was du für richtig hältst. Ueberlege bloß, daß du Herrn Everstedt durch die Rücksendung vor den Kopf stößest."

Traute nickte.Es soll mir recht sein." Sie ging wieder nach der Tür. Da hielt die Mutter sie noch einmal zurück:

Traute, sei vernünftig," bat sie.Willst du nicht janders: gut so nimm Rad und Hut nicht an. Mer die Rosen behalte."

Ich will nicht!" rief Traute heftig Und sprang aus dem Zimmer. Nebenan stand noch immer der Dienstmann, Has große Bukett in der Hand, zwischen Hutkarton.und Rad.

Wat schallt denn nu sin, Frull'n?" fragte er.

Traute wiederholte ihren Auftrag, nahm ihr mageres kleines Portemonnaie zur Hand und gab dem Mann ein Fünfzigpfennigstück. Der aber wollte es nicht nehmen. «,Nee", sagte er,danke, Frull'n is all all'ns betolt. Retur ook all. Herr Everstedt het mi secht, ick schall 'm seggen, dat all'ns richtig afgeben is. De' ward abers Logen moken, wenn ick nu mit de ganze Backbeerens wedder änkumm'! Obers ick kann dat nu jo nich anders-moken denn will ick man wedder gohn."

Und er ging. Traute atmete auf. Die Mutter aber war tagsüber mürrisch und übel gelaunt. Nichts war ihr reckt. Am Nachmittag mußte Traute mit Helene, Pauline Uno Theachen auf dem Kanaldamm spazieren gehen. Das tat sie ungern, denn aus dem Damm waren um diese Zett

nur Kindermädchen zu sehen. Helene schob das Wägelchen Theas, Traute ging, Pauline an der Hand, hinterher.

Die Kinder schwatzten miteinander, indes Traute still blieb. Sie war blasser als sonst. Es zuckte und tanzte vielerlei durch ihren Kopf. Sie dachte an die nächste Zeit, und wie alles kommen würde. Das Kostüm für das Maifest würden die Eltern ihr schon schenken. Sie wollte es sich auch billig einrichten und als Allerleirauh gehen: in einer härenen Kutte, mit aufgelösten Locken, die sollten über ihre Schlittern fallen. Wer dann fehlte ihr noch so vielerlei.. Der Vater wurde immer sparsamer. Ihre Sommertotlette stand schon fest: ein Organdikletd mit einem Pompadour- Muster. Das war alles und war was Rechtes. Sie brauchte viel mehr. Ihre Wäsche war in schrecklicher Verfassung; sie hätte auch so gern ganz kleine, zierliche Taschentücher gehabt, aus Batist mit buntem Rande, tote Suse Appelmann sie immer trug. Und vor allem brauchte sie neue Schuhe: sie wollte ein paar gelbe.haben, und möglichst auch ein paar weiße aus Satinleder.

Nun würde sie sehr traurig. Der Gedanke, was für ein armes Mädchen sie war, und daß sie doch alles ent» behren mußte, was sonst das Leben an heiteren Farben hat, stimmte sie ganz schwermütig. Sie fuhr mit der Hand über ihre Augen. Das sah Helene und war erstaunt.

Warum weinst du denn, Traute?" fragte sie.

Da lachte Traute und antwortete:Ich weine ja gar nicht, Dummchen. Mir ist bloß ein Sandkorn in das Auge gekommen oder so etwas . . ."

*

Am nächsten Tage traf ein Telegramm aus Wörres- Hoop ein. Es kam von Mels Kruse und lautete:Bitte Freitag vormittag pünktlich elf Uhr. Pastor Moebius ist bestellt, auch für Frühstück gesorgt."

Nun kam bei den alten Köhlers noch einmal die Schick- lichkeitsfrage zur Erwägung. Schwägerin Klothilde hatte sich sehr energisch gegen dieses Modellsitzen ausgesvrochen, aber Friedrich dafür. Auch bei ihm verscheuchte die An­wesenheit des Pastors Moebius alle Bedenken. Da war gar nichts zu fürchten; außerdem: Niels Kruse war ein großer Künstler es konnte immerhin als eine Ehre gelten, aus einem seiner Bilder verewigt zu werden.

Da Traute kein Rad hatte, so mutzte sie mit der Dampf­bahn nach Wörreshoop fahren. Sie hatte sich niedlrch gemacht: schon ganz sommerlich in ihrem Hellen Ptkee- ftetb und dem Blumenhut. _ x

Auf der Heide war nichts mehr von der letzten Stutflut zu spüren. Stille Sommerglut lag über dem Grasmeer: ein weißliches Flimmern.

Wörreshoop war selbst Statton der Dampfbahn, dte von hier aus bis cm das Meer führte, bis nach Sonderkroog. Traute schritt das Dorf hinab. Ein alter Bauer begegnete ihr, ein Mann mit tiefbraunem, zergerbtem Gesicht mch schwarzen Augen; dann eine hübsche junge Frau; dann ein barfüßiger Junge, der eine Gänseherde vor sich her-