Ausgabe 
20.5.1911
 
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turnente eingerechnet), welches gar nicht hinreichi ihre» Anzahl gewöhnlich hiZ an hie Zahl der W

Bemerkniigen zu den nachfolgenden TagebUchsnotizen sollen Matz finden.

Schade, daß wir diese Gegend soald verlassen mußten. Schon anr 16. November erhielten wir befehl, nach Alsfeld äUfzubrechen, welches nordwestlich vont ogclsberg gelegen ist. .Das romantisch auf einer Anhöhe prarnde Schloß Alten­burg ward dem Generalstab als Anfefalt zu Teil. Es ge­hört der ehemaligen Gesandtin am prerschen Hofe, der Frau V. Riedesel, die sich ass Schriftstellerin mimt gemacht hat rind eine eifrige Freundin Preußens ist. r Eireißender Strom stürzt sich unter den Schloßfenstern brauscnd.l das Felsental hinätz Und schlängelt sich in vielen Krümmunl erst, durch das unten liegende Dorf, dann W die Stadt AlÄ- und verliert sich dem Ange hinter vielen Dörfern und» löte em flatternder! Silberstreif. In der umliegenden, ivilfanerlichen Gegend hielt ich wohl an zwölf verschiedenen Ortenredigt und CommUnion Nftt den Truppen. Am ersten Advent ich hier in der Schloß- Papelle, wo der General und sämtlic Offiziere feierlich zum Abendmahle gingen. Unser längerer feuthalt Hierselbst führte Mich Zur genaueren Bekanntschaft mit r H es-senland e. Ein schöner MenschenstamM, die alten Ken, schlank, groß und WmMig, blondgelockt, blaU von Augemd fast trotzig von Blick. Die Männer tragen ein Oberhemd -i weißer Leimvand über die andern Kleider, 'auch weiße Stletten mit einem roten Reif aNi Knie. Sic fahren mit Oct, seltener mit Pferden, Und reden zu ihnen eine ganz andersprache, als unsere Fuhr­leute, NM die Fahrt zu beschlcum oder einzuhalten. Es ist eine Art von Gesang, mit wein sie längs den Straßen zfehn. Ihre Wagen haben mir zuMder, die sehr weit aus- KsugNder stehen. Nutz hoch sintz-. Nutzem ftüd auch .Handkarren

Es ist ausfallend, daß der Verfasser, t>efc sonst überall von den Eigentümlichkeiten und Merkwürdigkeiten kleiner Städte und , Äairc deren Bewohner spricht, von der Stadt Alsfeld selbst nichts er- I schäft, wähnt, obwohl er während seines mdhrwöchentlichen Aufenthaltes 1 äjuf Schloß Altenburg sicher öfters dort gewesen ist. An manchen Stellen des Buches zeigt sich, daß der Verfasser ungenau beobachtet hat, so z. B. da, wo er von einemreißenden Strom" spricht, der sich unter den Fenstern des Schlosses den Berg hinabstiirzt. Was der Verfasser über die geringe Achtung des Volkes por der Religion sagt, und Was. er über den hessischen Pfarrerstand! berichtet, mag in vielen Stricken wohl feine Richtigkeit haben, doch hat er dabei übertrieben und zu Unrecht verallgemeinert, Äehnliches sagt er auch von den Geistlichen Schlesiens. Seiner Ansicht über die zahlreichen kleinen hessischen Dorfkirchen kann man auch nicht ohne weiteres beistimmen. Die Verhältnisse seiner preußischen Heimat, in der oft 20 und mehr Dörfer nur eine große Kirche besitzen, können nicht als vollbefriedigend angesehen werden. Trotz dieser Einzelheiten, die an dem Tagebuchsbcricht

hier , gebrmlchlich mit einem Vorderrads vor welche sie Hunde spannest« Cs ift ein sonderbarer Anblick, den Hund hier iist Zugseil trabest ztl sehen, wahrend der Führer sich mit ihm unterredet und den Karren nachschiebt. Der Esel gehört hier auch zur Hausgenossen« '* ^ern Geschäft ist, die Säcke nach der Mühle zu tragen; rr öehl. aber desto schneller, je mehr ihm aufgebürdet wird, wahr« schei.nlich um die Last desto eher los zu werden. Beim Pflugs spannt nran wohl einen Ochsen und ein Pferd zusammen, bis­weilen auch vor den Wagen, jedoch hängt mau ersterm einen Flop vor Die Augen, damit diese nicht vom Staub beschädigt werdest« ..^0 schön Und schlank auch das männliche Geschlecht der Hesien ist, so häßlich und bis zur Karikatur entstellt erscheint! das weibliche durch die unschickliche Kleidung, die es trägt. Eine spitze, kegelförmige Haube in Form eines Zuckerhuts macht das schone, runde Menschenhaupt zur Keilgestalt. Ein dicker Wulst um die Husten nebst fünf bis sechs Röchen treiben den Unter« wre ein praß empor, welcher gegen den geschnürten 06er« ir, « uiehr absticht. Hohe Absätze Machen den Fuß, welcher

nebst dem rotgezwickelten Strumpf bis an die Knie zu sehen ist/ Mszusetzen sind, verliert er doch nicht an seinem Wert. 'Inter- I Sonntage erscheinen sie schwarz ge-

essant ist der Vergleich der Marburger Universität mit der Gießener I n].« : «HK-- 1°}. bon /onen in der Hand, sondern alles!

Hochschule, die Mitteilung, die er über die Lebensweise und die I reilu e^ert Wassereimer, den sie mit Sitten der Bewohner des Hessenlandes macht und vieles andere. I vieler Bekckiiner^ ö tragen konnten, stellen sie mit

Lassen wir ihn nun selber reden. fte ein «eine" KiE ö» welchem Behuf

Am 8teit November vorigen Jahres (1813) trafen wir in I natürliche Tragen rächt sich'die^Mtur^anO"ihnm^^einew Laubach ein, welches dem Grafen von Solms gehört. Wir I niedergedrückten Hals imb einen frXeitiwt Sh'oöf; toeldien fie lvaren schon am Rheine gewesen, mußten aber wegen Futter- I aber eher für eine Schönheit als für einen Fehler "-m Kalten Mgels und vor dem großen Gedränge bei Frankfurt einige scheinen. In ihrem Hauswesen herrscht nichts weniger als Rem« Tagereisen zuruckgehen. Das Städtchen Laubach liegt am Fuße I lichkeit; sie lieben vielmehr den Schmutz deraestalt daß sie den des Vogelsberges in einer wilden und rauhen Gegend, die jals I Löffel niemals waschen, sondern chn der kvmvendiösen ffiürae eine Fortsetzung des Thiiringer Waldgebirges anzusehen ist. Die I wegen bloß durch den Mund ziehen- auch finden lw es be- Fulda fließt östlich durch diese Bergwildnilse; westlich entspringen I quemer, aus der uugespültcn Tasse zu trinken Bei Tische »w die Wetter, Nidda, Lahn und andre kleine Ströme aus diesen beten wird für nnansMdiggehalten" und die'fünf LauMstüöL Anhöhen, müssen aber durch tiefe Schluchten sich krümmen imtz zu lernen ist bei Kindern höherer^ Ä

winden, bis sie ihr Tröpslein Wasser dem aroßgebietend«i Vater I lernte die vierzehnjährige Tochter eines Predigers kennen welclw Rhein zutragen. Wer sollte es glauben, daß in diesen abresonder- I die zehn Gebote nicht wußte, und doch sollte sie eben konfirmier« ten Waldeinöden die freundlichen Musen wohnen? <zch fand I werden. Die Achtung für den geistlichen Stand ist hier fn tief zst Laubach eine schöne Bibliothek von beinahe 30 001 Bänden gesunken, daß ich lieber ein ®tf S AW!

auf dem Schlosse des Grafen, der ein ausgezeichnet^ Freund hessischer Prediger. Ihre Hauptbeschäftigung^ist die Jaad Man

der Sitterntni- ist. Alle Prachtwerke der deutschen, englischen, I sieht sie mit der Flinte in der Hand^ von Hunden bealeiteW

französischen und italienischen Klassiker finden sich Her in schönem I daherziehen. Weder an ihrem Gespräche noch mi ihren Meiderw

Einbände sammen. Auch alle nur möglichen Zeitschiften. Für I erkennt man ihren Stand. Sie gehen in buntfarbigem' Anzum

unsere Offiziere ist dies, ein anziehendes Gastmhl, Schillern, das Saar ä la Titus, und lieben KaAenspiel und Wesii- daher

Goethen und Wieland wird, am freundlichsten mgtsp.ro ehen. I sie in Gesellschaften sehr gelitten sind. Sie studieren' vorher!

Das Städtchen Schotten, wo ich GotteskenH und Abend- I W Anekdoten, um die Gesellschaft lustig zu machen. Einer vvw

Mahlsfeier hielt, liegt so versteckt und unzugäsiUch ftn Gebirge, I mi.e mir ein Offizier versicherte, eine Predigt über!

daß die Leute sich verwunderten, wie hier eßstal Kriegsvölker I »em Weinfasse, UM die Anwesenden zu belustigen!! Die Mehr« zu ihnen gekommen sind. Sonst wären sievon den Kriegs-i Iaht lebt in befremdender Unbekanntschaft mit der Sitteratuti stürmen verschont geblieben; denn die Wogt, .die Europa er- I «wook ,foloenoe ErfahNing, die ich machte, ein redender Beweis! schlitterten, schlugen an ihre Felsen an, ölst sie zu erreichen.- | tsin Geistlicher, den ich am 2ten Dezember besuchte, fragte! Sse leben in glücklicher Verborgenheit vo Tuchweberei und I Mch, von wo ich gebürtig wäre; ich erwiderte:Bei Memel."'

Spinnen. Fleiß und Genügsamkeit sind ist Tugenden. Den I -Ärmel , sagte e-x, ,üvo liegt das?" Ich antwortete scherz«

Namen soll der Ort von schottischen Kolonrn erhalten haben, I vaft: -,Am Kaspischen Meere."Mein Gott", rief er aus>

die sich zuerst hier ansiedelten. Auch das er'Licht des .Christen- I kMnUien Sie her!" In den Kirchen ist wenig

tiiMs kam aus Schottland hieher. Bonicius, der von den I Polizei, oiePredigtentweder Moral oder Politik, selten Religion.: Friesen erschlagen ward, irrte vor taufe) Jahren lange in I Utty ci*;c» schmachtet nach höherm Trost vom Himmel, erj dieser Gegend Herum, bis er an dem Ort wo itzt Fulda steht, I Ergeht vor Durst, aber die am Brunnen stehen verwehren es Dien Platz im Walde fand, um ein Klar zu bauen, welches. I ft ftm «iit 4.romen oeä Heils zu laben; sie reichen ihm den vor den Anfällen der Sachsen verborgen Nd gesichert läge," I Becher dar, aber ach, der Becher ist leer!

Nachdem sich der Verfasser über die Mütung dieses Klosters. I «,,«. Äuigen Tagen fiel mir die! gedruckte Predigt eines' für die Kulturentwickelung ausgesprochewat, fährt er fort: I mliisthen Geistlicheii, die er im ^zahre 1807 nach der Schlacht!

- ' bei Friedland gehalten, in die Hände. Sollte man glauben, daß

der Hauptsatz also lautet:Das Unglück unserer Feinde (Preußen) ist. unser Gluck geworden." Ein kalter Schauer überlief mim bei diesem uuchrist.lichen Gedanken. Fast ein jedes Dorf und! Dorschen hat seine eigene Kirche, die aber jedesmal über alle Beschreibung klein, eng und finster ist. In solcher Kirche kann! Man nicht die geringste Andacht haben, und das heißt, die Reli­gion ui die Tasche stecken oder einschachteln. Gott will angebetet! sein in einem erhabenen Tempel, nicht aber in einem Karten« Häuschen Wie viel herzerhebender ist es aber im alten Preußen, am ^030 Dörfer eine große Kirche im Mittelpunkt haben? Allev wallfahrtet hinauf am Sonntage, wie nach Jerusalem; Bekanntschaften werden gemacht, ost Bande des Herzens geknüpft, und die Dörfer betrachten sich als eine Familie, die zu cinc§! Paters Hause hingehören; statt daß hier zu Lande ein Dorf von dem andern keine Notiz nimmt, jedes sich als ein abgesondertes Ganze betrachtet. Mau fragt oft vergebens nach dem Wege von einem Dorfe zum andern. Die Leute wissen und kennen nur ihre zwanzig Häuser, die ihre Welt sind. Ein anderer übler Um­stand ist dieser, daß 4 bis 5 Dörfer ost nur einen Prediger haben, der alle ©omit-age 45 mal predigen und von einem Dorf zu Miß nach dem andern laufen muß. Wer ein wenig Menschen« temitniä hat, weiß es, wie ekelhaft es dem Redner wird, den­selben Vortrag zum zweiten oder dritten Male zu halten. Etz muh ein -saalbader werden, er mag wollen oder nicht. In keinem Lande sind die Geistlicyen schlechter besoldet als hier, wo sie lährli.ch zwei- bis dreihundert Gulden Einkünfte haben (alle Emo-

" "jet, ihre Kinbev, Men, oft M hie