Ausgabe 
20.5.1911
 
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Erlebnisse und Eindrücke eines preußischen §eld- predigers, der in den Jahren W3 und in Gberhessen und den Nachbargebieten im Quartier lag.

Von K. Dot t c r - Nlsseld.

Vor einiger Zeit wurde ich auf ein Buch aus der Zeit der Befreiungskriege aufmerksam?) in welchem ein preußischer Feld- Prediger die Eindrücke wicdergibt, die er in verschiedenen Städten Oderhessens und der Nachbargebiete, wo er int Quartier lag, gehabt hat. Das Buch trägt den Titel:Nachrichten und Be!- merkungen aus den Feldzügen des Jahres 1813 und 1814 aus: dem Tagebuch eines Feldgeistlichen in dem preußischen Heere/ nebst einer Beschreibung der Schlachten, von welchen der Bem fa'sser Augenzeuge war." Es ist im Jahre 1814 bei Friedrich Maurer in Berlin erschienen. Der Verfasser ist auf benr Titel­blatt deS Buches nicht genannt, auch ist sein Name an Inner anderen Stelle des Buches aussindig zu niacheu. Der betreffende Geistliche verließ im Anfang April des Jahres 1813 Königsberg.., Gegen Ende Juli erreichte er das Hauptquartier des General-! seldmarschalls'Blücher in Strehlen. Hier wurde er der Reserve- kavallerie als Feldprediger zugewiesen. Nach der Völkerschlachr bei Leipzig rückte er mit der Avantgarde des Wittgcnsteinschcn Heeres über Gotha, Eisenach, Hersfeld, Alsfeld, Friedberg, HoM- bnrg nach Frankfurt a. M., wo er am 5. November 1813 an­kam. Da die dortige Gegend von Truppen überschwemmt und infolgedessen Futtermangel eingetretcn war, erhielt seine Ab­teilung den Befehl, aufznbrechen und sich nordwärts bis L a it- bach zurückzuziehen. Tort sollten die Truppen, denen er äw gehörte, Kantonierungsquartiere beziehen.

Ueberall !vo er hin'kaM machte er Notizen in sein Tagebuch. Als Geistlicher richtete er sein Augenmerk naturgemäß auch auf die kirchlichen Zustände der Länder, in denen er sich nnfhielth Mit deut Eintreffen in Sau-Bad) beginnen für uns Mcjentgert Stellen, die lins an dem Buche am meisten interessieren,. Ernrg«

l)Was ein preußischer Feldprediger iirt Jahre 1813i im Quartier zu Schloß Altenburg beobachtet hat", von Profeswi; D. Fr. Herrmann. Mitteilungen des Göschichts- und AltW.ms.* .Vereins der Stadt Alsfeld 3, Reihe, Nr., 1 u, 21

M war etwas Unüberwindliches, dagegen ich nicht an- I zukämpfen vermochte, dieser Gedanke an das Ende. Kein I Most war es mir dabei, daß der Arzt mir versprochen^ hätte, ehrlich mir zu sagen, wann er meinen würde, es sei kerne I Hoffnung mehr. Nein, ich war feige jetzt, feige, grauen-t | voll feige. Ich fürchtete mich, den: Arzt zu scheu. Ich richtete es so ein, daß ich nicht ztr Haus« ivar, tocnn er erschien, und die Pflegerin, die um Maria war, mußte allem des Arztes Anordnungen eutgegeunchmen. Wenn ich bann wiedertäm mein Gott, ich verlaß ja sonst meine Frau nicht eine Minute wagte ich Schwester Agathe, zuerst gar uccht mizublicken. .Ich zuckte zusammerr, sobald sie begann:Der Herr Doktor hat gesagt. . ."

Erst wenn bann gleichgültige Sachen kämen, ward' ich mutiger. Dann ging ich zu Maria. Unter dem Eindruck, daß ihr von neuem der Tag geschenkt, war ich heiter, suchte zu scherzen und die Kranke mit dem Frohsinn zu umgeben, den der Arzt immer verlangte. Ich vergaß, ich gaukelte mir Genesung für meine Maria vor, sichere, sichere Genesung, von der doch, ich wußte es zu genau, keine Rede fein konnte.

Und' doch schöpfte ich ab und Hoffnung) denn Maria war es selbst, die nur Mut ein gab. Geduldig, gut, lieb, still, anspruchslos, bescheiden war sie immer, aber es kamen Tage, an denen schien in ihr sich etwas Besonderes zu regen, ein Aufbaumen des einst so starken, gesunden Körpers gegen die Macht der Krankheit. Dann war Maria fröhlich, streckte die Arme, richtete sich hoch auf wie einst in guten Zeiten, lachte mich an und rief:

j Heute wird nicht Rollstuhl gefahren. Heute will ich gehen. Du sollst sehen, Fritz, wie schön es wird!

Doch wenn dann die Stunde zur Ausfährt heraukam und der Lohndiener erschien mit seinem rotbezogenen Stuhl, dem immer lachenden Gesicht, der roten Nase, an der manches Mertel Roter geholfen, wenn er die Mütze mit dem roten Streifen zog:

h- 's ischt herrliches Wetter heut, so an richtiger Me­raner Dog! dann sagte Maria, die ihn doch hatte fort­schicken wollen:

m Also fahren wir!

Sie wandte sich zu mir ünd flüsterte mir zu, als wäre das der wahre Grund:

i Er ist nun nral gekommen Und freut sich auf feinen Verdienst.

Dann wurde sie in den Rollstuhl gesetzt, ängstlich zu- gedeckt, und die Fahrt ging hinaus aus dem kleinen Gar­ten, den Winkelweg entlang, während ich nebeuherschritt, die Hand auf der Lehne, als müsse ich mit dabei sein, mit schieben, mit leiten, daß. die Kranke mich in ihrer Nähe fühle. Langsam, ganz langsam fuhren wir in der windstillen, sonnendurchtränkten Luft. Es war um die Mittagsstunde. Hoch stand der feurige Ball am Himmel und brannte auf uns herab, strahlend, wohltuend in feiner belebenden Wärme.Wo Sonne, da Licht; wo Licht, da Gesundheit" pflegte der Arzt zu sagen.

Maria sog die Strählen ein in ihre kranke Lunge mit tieferen Atemzügen als sonst, während ihre lieben Schul­tern sich jetzt immer so schnell bewegten, ganz anders als in früherer Zeit.. Sie schloß- die Augen, während wir durch das blendende Licht fuhren, und ab und zu blinzelte sie mir entgegen, als wollte sie sich überzeugen, daß ich- noch- neben ihr schritt. Dann machten wir Halt irgendivo an einer geschützten Stelle, wo eine Bank stand, der Stuhl wurde gedreht, daß die Sonne von der Seite kommen sollte, und ich setzte mich-, dicht neben mir die Kranke, die mir ihre kleine Hand zu: halten gab. Wir deckten einen Zipfel des Schals darüber, den Maria der Vorsorge halber immer int Wagen mit sich führte, um damit, wenn die Fahrt durch schattige Stellen ging, beschützt zu werden. So hielten wir uns heimlich-, daß die Vorübergehenden es nicht sehen sollten.

Wie viele kamen da vorbei! Alle fast warfen einen Blick auf die schöne junge Frau, die so hilflos in ihrem Stuhle lag, so weiß, so blaß in ihrem rabenschwarzen Haar.

Maria fragte mich, und sie lächelte dabei: f Was werden die wohl voti ntir denken?

j Daß krank gewesen bist und dich nun erholen sollst Mer in Meran!

Maria blickte mich kurz von der Seite an. O, ich sah' M wohl! Und: dieser Blick schien zu sagen:Gen

wesen?" Aber sie sprach nichts mehr. Nach einer Weile begann sie: 1 'L-*

Fritz, glaubst du auch daran?

h- An was?

- Daß ich mich erholen werde?

tDu sollst dich erholen!

Du. . . sollst... gab sie nür leise zurück. Es wär, als suche- sie diese Gespräche gerade jetzt, eben hier, wo der Vorübergehenden wegen wir au uns halten Und die Fassung bewahren mußten. Mer ich hatte sie verstanden. Wollten wir nicht wahr gegeneinander sein? Ich preßte ihre Hand unter der Decke. Sie gab den Druck zurück, so fest es die zarten Finger konnten. Wir sahen uns an, lange, lange, lange, während ab und zu der Saud neben uns knirschte utib jemand vorüberkam unwillkürlich mit einem Blick auf die Gruppe. , .

So lange schauten wir Nus in die Augen, bis nur alles verschwamm, ein Schleier niederging, ein salziger, feuchter Vorhang, der mir die Aussicht nahm in jenes Fraueuauge neben mir, das mein war, mein wie lange? Und so viel Schleier sanken nieder und lösten sich zn einer Sekunde freien Durchblicks auf Marias Antlitz, daß meine Wangen naß wurden von der Flut. Da wandte ich mich zum Lohu- bteuer, der, während der Rollstuhl hielt, sich immer he- scheiben ein Stück zu entfernen pflegte. Prantner oder Lots, wie er sich lieber nennen hörte, stand da, die Hände in den Taschen, und starrte auf die Mauer des Weingartens vor ihm. Ich rief:

Was gibt's denn dort?

s Eidechsen t- gab der Lois zurück.

-Ich ging zu ihm und sah auf die in der Sonne bient berib'e Wand weißen Gesteins. Gewahrte aber nichts, nur meine Tränen suchte ich zu überwinden.

An diesem Tage kam ein Brief von Herzeloiben. Sie schien beschämt über ihre Flucht aus Meran. . Sie stellte sich zur Verfügung, falls sie irgendwie und- irgendwann einmal nützlich sein Tonne. Ganz bestimmt, so schrieb sie, erwarte sie eine Mitteilung, ein Telegramm von uns. Ich sagte es ihr zu, und sie antivortete auf einer Aufichtspoft°t karte aus Riva, wohin sie einen Ausflug unternommen hatte, sie zähle darauf, benachrichtigt zit werden: mit dem nächsten Zuge würde sie bann kommen.

(Fortsetzung folgt.)