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vornan von Georg Freiherrn von OmPtedL, (Nachdruck tierboten.)
(Fortsetzung.)
Eilig war er davon. Ich blieb lange stehen. Ich wagte nicht, wich zu rühren. Ich hatte das Gefühl, als wäre irgend etwas Erstaunliches, ja etwas Furchtbares geschehen. Ich war wie gelähmt, gleich einem Reichen, der eben erfuhr, daß er all sein Vermögen verloren hat, und fortan ein armer Mann ist. Ich wagte es nicht, Marias Zimmer zu betreten, denn es Ware mir nicht mögliche gewesen, ein Wort hervorzubringen. Doch wie ich an sie dachte, die stark war, schämte ich mich meiner Schwachheit. Von ihrer Selbstbeherrschung Und Heiterkeit mußte ich lernen. Ich durchschritt die Zimmer und trat auf den Balkon, wo sie warm eingepackt in der Sonne lag. Sie lächelte, als ich kam, und flüsterte:
।— Fritz, du bist traurig, ich sehe dir's an. Aber wozu? W 'geht mir viel besser.
Ich beherrschte mich so sehr ich es vermochte, und sagte lächelnd:
t— Ja, Maria, ich ... ich' weiß es. Mit sei Dank, d'N wirst bald wieder ganz Wohl sein!
Ich hätte mir Mühe gegeben, mit Ueberzeugung zu reden, aber aus meiner Stimme zitterte die Bewegung, und aus meinen Worten klang der Zweifel. 'Das machte: ich hatte zum ersten Male in unserer Ehe gelogen. Za, zum ersten Male, denn nicht einmal eine Notlüge hatte ich angewandt bis zu diesem Tage, keine jener üblichen Unwahren Redensarten, die man meint, einem Kranken gegenüber gebrauchen zu müssen, wie: „Es wird schon besser gehen!", wenn man selbst nicht daran glaubt. .Hatte ich Maria getröstet, so glaubte ich daran. Nun brannte mir die Unwahrheit auf der Seele. Ich hatte gelogen! Schlecht und ungeschickt gelogen; denn Maria sah mich an, zweifelnd, schmerzlich. Da nahm ich ihre Hand, zog mir einen Stuhl heran, dicht an ihr Lager, und fing an zu beichten. Ich gestand, meine Worte hätten nicht dem entsprochen, fvas ich gedacht. Ich flüsterte ihr zu, wie ich wüßte, daß sie krank, sehr krank wäre. Ich sprach nichts mehr von bestimmter Genesung. Ich schüttelte all meine Zweifel, meine Bedrängnis, meinen Kummer aus in ihre starke, liebende Seele.
Und diese Frau, die da zum Tode verdammt schien, hörte wir zu mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie war stärker als ich.
Sre nahm, während ich neben ihr aufs Knie sank, Weine Hände und suchte sie mit ihren feinen zarten Finger- chen zu umspannen. Sie lächelte, während ick) ihr sagte: °,Du bist krank, sehr, sehr krank." Sie neigte ihren schmalz kleinen Kops mit dem Nahenhaar, lehnte ihn an meine
Schulter, Und blickte mich an mit ihren großen, tiefen, schwarzen Augen, so ruhig, so gefaßt, so sicher, daß rch nnch meines Kleinmutes zu schämen begann. Kein Wort sprach sie dabei, aber ihre Micke redeten, ihre Züge erzähltes ihr Händedruck beruhigte mich, ihr Anschmiegen bttes dre Geister des Zweifels und der Feigheit aus meiner Seele. Ich fühlte ja doch Maria, ich sah Maria, ich hörte ihren Atem, ich wußte, wußte, o herrliches Glück, o settge Sicherheit, sie, die meine ist, die mir gehört mit dem letzten Gedanken, sie lebt, sie atmet noch an meiner Seite, mein Alles^ meine Maria!
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Noch habe ich nicht von Herzeloiden erzählt, die mit uns in Meran weilte. Oder geweilt hatte, muß ich besser sagen, denn nach den ersten Tagen, die wir gemeinsam die Luft des Etschlandes geatmet, war sie mit ihren Kindern abgereist. Sie hatte Maria nicht und mich nur ganz flüchtig gesehen. Sie freute sich über die Begegnung, das merkte ich an ihrem Erröten, an der Hast, mit der sie ängstlich fragte, wie es Maria ginge, über sie hatte dabei ein Scheues, ein Verlegenes, als quäle sie der Gedanke, mit uns hier zusammen zu sein. Sie sagte etwas, das ich- so deuten mußte. Sie meinte: ,
Wenn man nur etwas helfen könnte! Aber Maria hat ja ihren Mann, und' alles andere ist nicht vonnöten.
„Nicht vonnöten," sagte sie. Seltsame, so seltsame Ausdrücke fand sie oft, und dann am nächsten Tage, als ich sie auf dem Pfarrplatze traf, erzählte sie nur flüchtig, sie müsse fort mit den Kindern, denen sie versprochen hätte, auch ein wenig in Arco zu sein. Ich fragte erstaunt:
— Fort, und Sie haben Maria gar nicht gesehen?
Herzeloide zögerte, bis sie sprach:
— Wir kommen ja wieder, und . . . und . . . es ist ja doch nur einer mehr.
Damit war sie jäh davon. Erstaunt blickte ich ihr nach : „Einer mehr!" So nannte sie sich! Bitter klang das, bitter, wie es nicht klingen dürfte. Aber idj dachte nicht weiter darüber nach, denn gerade an diesem Tage, als ich nach Hause kam, ging es Maria nicht gut. Sie hustete ein wenig. Sie war matt. Sie sah nicht aus wie die Tage zuvor. Ml meine Seele war bei meinem Weibe. Arme Herzeloide! An sie dachte ich nicht mehr. Was ging mich Mitleid an mit einem fremden Herzen? Was konnte meine Gedanken anderes bannen als die Frage: Wie geht es Maria? Ja, die Idee, daß es mit ihr schlechter geworden, während ich in der Stadt gewesen war, mit einem anderen Menschen gesprochen hatte, flößte mir Unruhe ein. Beschämung war es mir fast.
Ich kniete nieder an Marias Lager, nahm ihre Hand, legte sie mir auf die Sttrn uüd sammelte alle Gedanken aus den einen Wunsch- der zum Gebete ward in meiner Seele: „Gott, lieber Gott sm Himmel, mache mich nicht bettelarm und nimm mir nickt düs' Nnztge, das ich auf deiner Erde habe, mein Weibl"


