Ausgabe 
20.4.1911
 
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Voit iHitt Buchs, das feine groß angelegte Charakteristik Friedrichs deS Großen auftveist, mag die Gegenwart wohl am Meisten das Urteil über Wilhelm II. interessieren. Hodgetts jst ein ivarmev Bewunderer des Kaisers; nachdem er sich ein? gehend mit der Persönlichkeit Kaiser Friedrichs beschäftigt hat, fahrt er fort:Sein Sohn und Nachfolger, der gegenwärtige Kaiser, ist ein viel komplizierterer Charakter. Von seiner Mutter erbte er jene künstlerischen Anlagen, die bei shr so ausgeprägt waren, und auch jenes Feingefühl, das dem Genie gleichkommt und das sein Onkel König Eduard in so außerordentlichem Maße besessen hat. Der Kaiser ist vielseitig, beredt, weise und begabt, aber er ist auch fleißig, arbeitssam, gewissenhaft, pflichtgetreu und vor allen Dingen: er ist Soldat. Hohenzoller bis zu den Finger- spitzen, ist er int Innern seines Wesens auch ein Mann der Gegenwart, er ist modern, und er versteht es, die pittoresken! Wesenszüge des Mittelalters mit den neuesten Entdeckungen der Elektrizität und der Chemie in Einklang zu bringen. Es ist nicht KN viel gesagt, daß er für die deutsche Nation in ihrem gegenft wärtigen kritischen Moment ihrer Entwicklung der ideale Herrscher W. Während er die konservativen Instinkte der bei toeitem größten Mehrheit seines Volkes wachrnft, ist er selbst für den Fortschritt und die Zeichen einer neuen Zeit nicht blind und weiß ihre Bedeutung voll zu würdigen." Der britische Beurteiler hebt dann hervor, daß nur Ignoranz uitb Unwissenheit die Wurzel jenes englischen Glaubens sein können, nach dem der Kaiser nach einem Kampfe lechzt, undungeduldig eine Gelegenheit erwartet, die Kraft seiner gepanzerten Faust zu erproben".

Hodgetts weist nachdrücklich darauf hin, daß der Kaiser feinem ganzen Wesen und seinen Anschauungen nach niemals dazu geneigt sein würde, im Fälle europäischer Verwicklungen den Angreifer abzugeben, er würde sich darauf beschränken, im Fälle eines Angriffes sein Land zu verteidigen, und auf das Recht seiner guten Sache bauen. Interessant ist mich, daß der englische Kritiker bas Märchen von der Anglophobie der maßgebenden deutschen Gesellschaftskreise widerlegt. Er findet, daß ein hervorstechender Charakterzug der Berliner Gesellschaft in Wirklichkeitihre offene und unverhüllte Anglomanie" sei. Im Leben suche jedermann ^englisch auszusehen, englische Bücher und englische Feitschristest ftndet man in jedem Hause in so reichlichem Maße wie in Eng- tand selbst, und jedermann. spielt Tennis, vom Kaiser angefangen".

Ein italienischer Hauptmann von Uöpenick.

Nun hat Italien, das sich seinerzeit so trefflich über die Aben­teuer des schlauen Schusters Voigt amüsiert hat, seinen eigenen Hauptmann von Köpenick, der sogar den Helden der Köveuicker Uoenture noch überbietet, denn er hat nicht nur einmal, sondern wochenlang die italienische Polizei an der Nase herumgeführt und wäre vielleicht noch heute ein freier Abenteurer, wenn seine Erfolge ihm nicht zu Kopf gestiegen und er gar zu unvorsichtig geworden wäre. In Catania beginnt jetzt der Prozeß gegen den Ehemaligen Schullehrer Raffaele M u s m e c i, der bereits 14 Ver­urteilungen wegen Schwindeleien, Taschendiebstähls und Betrug Mf dem Kerbholz hab Seine neuen Heldentaten begann er un- Sittelbar nodj Abbüßung seiner letzten Gefängnisstrafe. Nach erlassen des Zuchthauses wandle « sich nach Catania, nm seinen Bruder aufzufnchen, der Beamter- der Polizei ist; doch der war ^zwischen nach Venedig versetzt, und Musmeei hatte kein Reisegeld. Was sollte er tun? Er ging auf die Walze, marschierte ins Mmere des schönen Siziliens und Machte dann in der Nähe von Mammacca zum erstenmal Station. Ins erste beste Bauernhaus Sing er und erklärte dem Besitzer:-Ich bin der Delegierte Cava- Aere Giuseppe Consoli, «f her Jagd nach Verbrechern habe ich Mle gute Strecke Wegs hinter mir, reichen Sie mir einen Trunk." Der Bauer beeilte sich, den hohen Herrn zu bedienen, und alsbald entspann sich ein Gespräch. Der Cavaliere Consoli erkundigte M) bei dem Landmann über den Sicherheitsdienst, er fei vom Ministerium entsandt, nut Km Ort und Stelle Nachfrage zu halten, und als er an der Wand des Bauernhauses zwei Gewehre und seinen Dolch sah, runzelte er mißtrauisch die Brauen:Haben Sie denn auch einen Waffenschein?" Der arme Bauer wurde blaß, sein Waffenschein fei vor kurzem abgelaufen und ar habe noch teilten netten. _ Mit 30 Lire Vorschuß für den neuen Waffenschein verließ derCavaliere" den Hof, und der erste Erfolg hatte fein Selbst- bswußtsein so gestärkt, daß er sich furchtlos in die Höhle der Löwen begab. Geradenwegs schritt er in die Carabinieri-Kaserue, beförderte sich hier zumKommissar Cavaliere Consoli", besich­tigte kritisch die Anstalt'und ließ sich dann, drei Carabinieri geben, littt denen er in der Umgegend eine Razzia abhielt. Er konfis- Mrte Ochsen unh Kühe, weil sie aus einem Diebstahl herrühren sollten, verhaftete reichere Hofbesitzer wegen Steuerhinterziehung: stur der befonbeten Nachricht des HerrnKommissars" war es W danken, wenn die, Verhafteten und die konfiszierten Tiere gegen Wte entsprechende Kaution einftlvetten wieder freigegeben wurden. Die erlegten Kautionen und die Ergebnisse der Haussuchungetn hatten demCavaliere" innerhalb von drei Tagen 45000 Lire gingebracht, mit denen er sich in einem Kuper erster Klasse in djie Bahn setzte und nach Palermo fuhr. Erst fünf oder sechs Tage

später kaM der Schwindel an den Dag. MusMeci las in däst Zeitungen die Schilderung, als echter Cavaliere konnte er natürlich solche Entstellungen nicht auf sich sitzen lassen und ging sogar so weit, den Zeitungen unter Berufung auf das Preßgesetz gehar- uischte Berichtigungen zugehen zu lassen. Dann aber reifte en mit einer Geliebten, die.die Laune des Tages ihm zugeführt hattze, nach Florenz, überreichte der schönen Angebeteten einen Tausend- lireschein, und als die Dame eines Morgens verschwunden war/ ging der Kommissar Cavaliere Eousoli auf die Florentiner Polizei­präfektur und erstattete Anzeige: Die Carolina Brazzini aus Neapel habe ihm einen Koffer mit tausend Lire gestohlen, er bitte, soforü Nachforschungen anft,eilen zu lassen.1 Auch die Florentiner Polizei saß dem würdigen Herrn Kommissar auf und versprach ihm alle Unterstützung. Aber der.Gipfel wurde erreicht, als Musveei nach Neapel zurückkehrte -und dort verhaftet wurde. Durch sein sicheres Auftreten-brachte er -es tatsächlich fertig, nach vier Stunden wieder. Mit vielen Entschuldigungen in Freiheit gesetzt zu werden, und er schied mit der herablassenden Bemerkung:Diesmal will ich die Sache noch durchgehen lassen." Das Schicksal ereilte ihn erst in Florenz. Er hatte sich mit der Geliebten inzwischen wieder ausgesöhnt und wollte nun bei der Florentiner Präfektur die von ihm erstattete Anzeige mieber rückgängig machen. Als er zum zweitenmal in dieser Angelegenheit aufs Polizeiamt kam, behielt Man ihn gleich da: nachdem er vier Wochen lang die Rolle des Kommissars erfolgreich durchgeführt und die italienische Polizei genarrt hatte, ereilte ihn endlich sein Schicksal.

Vsemisöhtes.

DerT r a'nriug - Tr u st". Die Finanzzeitschrift Plutns veröffentlicht folgende vergnügliche Zuschrift:Irgendwo in deutschen Landen hat man nicht umhin zu können geglaubt, eine Trauring-Konvention zu gründen. Mit dem poesievollen Zwecke: die Preise hübsch hoch zu halten. Du lieber Gott:, wir, haben uns an vieles schon gewöhnt, an Aktienbier und Aktienschokolade, Aktienschuhe und Aktienwäsche warum nicht an Konventions-Trauringe? Der Zug der Konzentration hat aber nach dem Trauring -eine recht gefährliche Richtung an­genommen. Wenn die Kohle, das Bier, das Licht, das Fleisch unb die Milch durch die Ringe, Trusts, Verbände 'tilnb der­gleichen verteuert wird, wenn gute und schlechte ausländischs Werte bett deutschen Markt bedrängen, regt sich die Oeffentlichkeit auf, in den Zeitungen tobt es, im Parlament interpelliert es, in den Regierungen werden Erhebungen angeordnet, kurz, alle verfügbaren Mannesseelen beginnen zu kochen. Haben Sie, ver­ehrter Herr Redakteur, etwas gespürt von der Revolution, die die Existenz eines Trauring-Trustes bei den Konsumenten Her­vorrufen müßte? Nichts. Ich kann Ihnen das Rätsel lösen.. Wir sind im Fasching. Und zu dieser schönen Zeit ich rechne, verehrter Herr, meiner Frau gegenüber auf Ihre redaktionelle Diskretion selbst bei einem Versuche des Zeugniszwangsverfahrensj verliert bet Trauring seinen Kurs, feine Aktualität, feine Existenzberechtigung. Wenn ich trotzdem mich mit dem Thema befasse, fo hat das feinen Grund darin, daß der Fasching ver­geht, der Trauring-Trust aber bleibt. Und ich möchte Sie daher auf die Folgen dieser neuesten Blüte unserer Kcmzentrativns- bewegnng aufmerksam machen. In Süddeutschland wird be­sonders in München ein Bovkott der betroffenen Konsumenten angeregt. Unter der Devise:Was war jetz dös!" undWir brauchen feinen Trauring" organisieren sich dieVerbrauchers Dabei ist es von 3utereffe, daß angesichts der Eigenart des monopolisierenden Produkts eine besonders schroffe Äbwehraktion des Konsums geplant ist. Sticht estwa, haß nur das Produkt der Außenseiter des Verbandes gekauft wurde nein, auf den Trauring überhaupt soll verzichtet werden. Mau ist sich hoffent­lich in Regierungskreisen über die Konsequenzen klar. Das öffent­liche Wohl, Moral, Sittlichkeit und dergleichen steht alles auf dem Spiel." Wir müssen gestehen, daß uns von einer Organi­sation der Münchener Trauring-Verbraucher" zur Bekämpfung des traurigen Trauring-Rings nichts bekannt ist. Vielleicht verrät uns jemand die Adresse der tapferen Trustbekampfer, wo!-, möglich noch vor dem drohenden Ende der Faschingszeit.

* Kompliment.Gnädiges Fräulein werden aber von Jahr zu Jahr jünger. Würde mich gar nicht überraschen, wetm Sie eines Tages der Storch brächte."

* Leicht geholfen.In diesem Kleid kann ich nicht unter Menschen geben!"-,,Na, dann geh' in den Zoologischen!,"

Lsgogriph.

Mit(&" ein unsichtbares Wesen, Mit91" zum Tieriang auserlesen.

Auslösung in nächster Nummer t

Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer:

LTosen Wiche Ischl Siebet Beiher Illinois Cicero Heine Veilchen Ottey Neisse Serbien Yeouit Beit Lllbe I-ero;

Heinrich von Syl> el.

Redaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckereh R, Lange, Gießem