Ausgabe 
20.3.1911
 
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Wer saß, zur Seite. Der schöne, edle Jüngling mit seinem tiefen blauen Auge, der Männlichen Stirn, den reichen blonden Haaren, tnit dem Schweigen auf seinen Lippen und der ruhigen L-elbst- beherrschung in seiner ganzen Haltung, wirkte seltsam auf mich. Ich hatte das Vorgefühl, wie es einen Jüngling bei der er Pen Begegnung mit dem Mädchen befällt, dem er fern Lerzgeben wird." Bei Tafel hatte der Graf wenig Gelegenheit, sich mit dem Herzog zu unterhalten, aber als er nach Tisch entlaßen wurde, warf der Jüngling die Worte hin:Ich kemie Sie feit lange", wobei er ihm die Hand drückte, als seien sie Freunde seit Jahren Und nun entwickelte sich zwischen beiden ein ver­trautes Verhältnis, das bis zum Tode des Herzogs gedauert hat.

Ist es meine Bestimmung," so äußerte der damals Neun- zehnjährige, der sich in Klage Wer seine Einsamkeit erging, >,ein Prinz Eugen für Oesterreich zu werden, so frage ich mich, wie mich ausbilden für diese Rolle? Ich stehe vor der Wahl eines Mannes, der mich in die höheren Anforderungen und Auf­gaben des Sieges einführen tarnt; ich habe und sehe keinen solchen Mann in meiner Umgebung." Und ein anderes Mal sprach er, 'indem er leidenschaftlich beide Hände des Grafen ergriff: »Geben Sie mir Wahrheit! Mn ich wirklich etwas wert und einer großen Zukunft fähig, oder ist nichts an mir? Was denken, was erwarten Sie von meiner Zukunft? Was kann der Sohn des großen Kaisers werden? Würde Europa ihn in irgendeiner selbständigen Stellung ertragen? Wie vereinigen sich meine Pflich­ten als Franzose mit meinen Pflichten als Oesterreicher? Ja, wenn mich Frankreich riefe, nicht das anarchische Frankreich, sondern das von kaiserlicher Gesinnung ich würde kommen, und wenn mich Europa verdrängen wollte vom Thron meines Vaters, gegen ganz Europa das Schwert ziehen. Wer gibt es noch ein kaiserliches Frankreich? Ich weiß es nicht. Vereinzelte Stimmen und Stimmen ohne Gewicht sind nichts und Ent­schlüsse solchen Gewichtes verdienen und verlangen sicheren Boden. Ist es mein Verhängnis, nie wieder nach Frankreich zu kommen, so ist es mir Ernst mit dem Wunsche, Oesterreichs anderer Prinz Eugen zu werden. Ich liebe meinen Großvater ich bin ein Stück seines Hauses und werde für Oesterreich gerne daS Schwert ziehen gegen jedermann, nur nicht gegen Frankreich."

Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe! Nach Fvastk- reich kehrte der Herzog nie mehr zurück. Zwar wurden die Bourbonen in der Juli-Revolution des Jahres 1830 gestürzt, und geheime Aufforderungen ergingen an den Herzog, nach Paris zu kommen, aber der durch seine Späher gut unterrichtete Metter­nich wußte das Wenteuer zu verhindern, wie denn auch der Jüngling noch allzu wenig erfahren und trotz seines Feuers eine viel zu passiv-rezeptive Natur war, um solches Abenteuer mit Energie durchzuführen. Andeutungen, sich zum König von Griechenland machen zu lassen, fanden bei ihm keinen Anklang und waren auch Metternich und dem Wiener Hofe nicht genehm.

Noch im Jahre 1831 erlebte der Herzog von Reichstadt die Freude, daß ihn sein kaiserlicher Großvater zum Oberstleutnant und Bataillonskommandeur int Grenadierregiment Gynlai be­förderte. Schon im folgenden Jahre, am 22. Juli 1832, machte ein Lungenleiden seinem Leben in Schloß Schönbrunn ein Ende. Früh um vier Uhr hatte er in großer Bedrängnis gerufen:Ich gehe unter! Meine Mutter rufen! meine Mutter!" Maria Louise kam und fiel an seinem Bette auf die Knie. Kurz vor fünf Uhr verschied er. Andenken an seinen Vater, darunter eine Haarlocke, die ihm seine Großmutter Madame Lätitia und einige andere Mitglieder der Familie Bonaparte aus Rom durch den Grafen Prokosch-Osten übersandten, erreichten ihn nicht mehr. Eine von seinem Vater aus Aegypten mitgebrachte türkische Klinge, die dem Jüngling besonders teuer war, legten sie ihm aufs Totenbett. Dann hielt er Einzug in die stille Kapuzinergruft.

Das Drama war zum Schluß gelangt. Doch nicht ganz, denn als Napoleon III. den Thron Frankreichs bestieg, wurde der tote Herzog von Reichstädt von den Franzosen als Napoleon II. Anerkannt. ____________

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* Aus der Franzosenzeit in der Schweiz. HWsche Erinnerungen an das Kriegsjahr 1870/71 veröffentlicht ein ehe­maliger Seminarist von Münchenbuchsee in einem Berner Blatte: >,Es war vor 40 Jahren," schreibt er.Im Westen waren die Würfel gefallen; die französische Ostarmee war zu Boden ge­schmettert, zersprengt und in Gefahr, von dem Werderschen Armee­korps zerdrückt und gefangen genommen zu werden. Nun hieß es, nach der Schweiz durchbrechen und zwar mit Gewalt. Dem' konnte nur durch das feste Auftreten des schweizerischen Generals Herzog vorgebeugt werden. General Clichant ließ sich einschüchtern und unterzeichnete schließlich di« Kapitulation, mit anderen Worten die Entwaffnung seines Heeres und die Uebergab: des Kommandos an den schweizerischen Bundesrat. Wer weiß, welchen Verlauf die Sache schließlich genommen hätte, wenn Herzogs zuversicht- lidje Haltung den französischen General nicht von der Aussichts­losigkeit xines gewaltsamen Durchbruches durch die Schluchten des Jura hätte überzeugen können. Was dem schweizerischen

General an Streitkräften zur Verfügung stand, hätte! dämalH bei dem Mangel an Organisatton nach dem Urteil von Fach-, leuten kaum genügt, den gewaltsamen Durchbruch zu verhindern. Auf der Linie BielBern führten Anfang Februar Tag für Tag die Extrazüge Tausende Soldaten der Bourbaki-Armee nach Bern» darunter auch die braunen Söhne Afrikas: Tnrkos, Zuaven, auch Spahis, meistens freilich Franzosen selbst; die meisten waren noch gut erhalten, viele aber auch in erbärmlichem Zustande, fo daß ihnen der nahe Tod aus den hohlen Augen schaute. Das war eine eigenartige Schau für uns Seminaristen zu München? buchste. Von einem geregelten Unterricht war in jenen Tagen keine Rede mehr. Nachdem der Hauptttansport durch die Bahnzug« abgeflaut war, hieß es, es käme noch eine Abteilung der Kaiser? garde daher. Der Boden war hart gefroren, und der eine und andere von uns legte auf dem Turnplatz das Ohr auf den Boden, um dadurch Kunde vorn Herrannahen des Zuges zu er­halten. Eines Morgens hieß es, daß man deutlich das Getralst höre und daß die Reiter im Anzug seien. Dem war wirklich so. Ganz Münchenbuchsee war auf den Beinen, das seltene Schau­spiel zu genießen. In Körben und auf Karren waren Lebens? mittel für die Reiter hergeschafft worden. Dem Reiterzuge folgten etwa fünfzig Pferde ohne Sattel und Zaum und olMe jede Führung. Urplötzlich rief ein Reiter von geradezu riesenhafter Gestalt einem neben ihm stehenden Knaben zu: Bueb, reich mir für 'ne Hanbbatze Bäredräck!" Es war ent deutsch- sprechender Elsässer. Der Bub trabte nach einem Laden und brachte ihm das Gewünschte. Dann hieß es aufsteigen, und der Zug trabte weiter, Bern zu, und mit Scheffel mag wohl mancher von den Reitern gefühlt haben:Und wir ziehen stumm, ein geschlagenes Heer! Erloschen sind unsere Sterne!" Ins Dorf selbst kam eine ziemlich große Abteilung von Internierten. Was wohl alle mit bitterem Unwillen erfüllte, war die Wahrnehmung, mit welcher Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit die armen fran­zösischen Soldaten von ihren Ofsi'zieren und der Feldgendarmen« behandelt wurden. Für die schweren Leiden bewiesen die meisten auch nßjt das mindeste Mitgefühl, und mancher dieser 'Offiziers würde aus "höchst unliebsame Weise die "Bekanntschaft mit derben Bernerfäusten haben machen müssen, wenn sich zu solcher Aus­einandersetzung nur passende Gelegenheit geboten hätte. Unter den Internierten befanden sich auch Vertteter der Kunst, Scl-au- spieler und ein hervorragender Sänger von der Großen Oper in Paris, der weiß Gott auf welche Weise zu der großen Ost- armee verschlagen worden war. Mit diesen Vertretern der Kunst veranstaltete die damalige erste Seminarklasse eine Konzertauf­führung im Musiksaal des Seminars; der Ertrag fiel natürlich den Soldaten zu. Die herrlichen Vorträge des Opernsängers riffen die Zuhörer zu stürmischem Beifall hin. Eine weiters Nummer des Programms bestand in einer Vorstellung aus dem Gebiet der Fechtkunst. Ein Wachtmeister, der i'n Afrika gedienil hatte, brachte eilt besonderes Bravourstück zur Schau: mit seinem Chassepot bewaffnet, erwehrte er sich der vier Gegner, die auf ihn etnbrangeit, bald mit Bajpnettstoß, bald mit Kolbenschlag, alles mit blitzschnellen Bewegungen. Leider mußten sowohl, der Opernsänger wie der Fechwirtuose nach der Vorstellung wieder in den Arrest wandern, aus dem sie zu der Vorstellung abgeholt worden waren . . ."

* Nicht passend. Ein junger Ehemann hat mit seiner Frau eine Szene wegen eines Hutes. Endlich große Versöhnung und man beschließt, ins Theater zu gehen. Der Ehemann schaut nach was gegeben wird: JD, weh," meint er,das heutige Stück Sjt schließlich doch nicht ... es wird Teil gegeben, da dreht

die Geschichte auch um einen Hut!"

* Verschnappt. Herr:Fürchtet sich denn Ihre Fräst Nicht, wenn Sie sie in der Nacht so allein lassen?"O neinl Wenn ich nicht zu Hause bin, da hat sie immer beim Bette einen tüchtigen Stock stehen!"

*Ach, gnä' Frau," sagte das Mädchen,da ist ein armen Mann an der Tür mit Holzbeinen."Aber Mary," war die tadelnde Entgegnung der Dame,was können wir mit Holzbeinest anfangen? Sagen Sie ihm, wir brauchten keine."

versteckratsel.

Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in folgenden Wörtern versteckt sind, wie die Silbean" inWanderer".

Waldmühle Dreißigerausschuß Regenwetter Leumund Ratten'änger Haselnuß Schwabenstreich Leithammel Jnnungsmeister Gerichtskosten Eisenbahnzug Tunftfch. Auslösung in nml'ster Wummer.

Auflösung des Leiterrätfels in voriger Nummer: E E

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Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl 'scheu UniversttätS-Buch- und Steindruckerei. R. Lang«, Gieße»