Ausgabe 
20.3.1911
 
Einzelbild herunterladen

179

Gott im Himmek, Sperr Schmitz, mein Lebtag hab ich noch keinen Menschen um Gelb gebeten, und für mich tat ich's ja auch nicht, und wenn ich bei lebentwigiem Leib ver­hungern müßte aber die Frau---"

Herr Schmitz war aufgestanden.Man hat so seine Prinzipien! Morgen früh sag ich Ihnen Bescheid, adieu!"-

(Fortsetzung folgt.)

Der Herzog von Reichstädt.

Zum 100. Gebnrtjstag, 20. März 1911»

Von Georg Buß.

In der Fürstengruft des Kapuzinerklosters zu Wien ragt lnmitten eines 1826 angegliederten Gewölbes ein hochgesockelter, erzgegossener, von den Insignien der Kaiserwürde gekrönter Sar­kophag, mit der Inschrift:Franciscus I. Justitia regnorum fundameutum." Zu Füßen des Sarkophags ruhen in schlichten Särgen die Gemahlinnen des dreimal vermählt gewesenen Kaisers Franz, und unweit davon, rechts am Eingänge, schläft in langem, schmächtigem Sarge des Kaisers Enkel, der Herzog von Reichstädt, Sohn Napoleons I. und der Maria Louise, geborenen Erzherzogin von Oesterreich.

Zwischen den irdischen Resten von Großvater und Enkel stehend, steigen in unserer Seele alte Bilder auf, geeint zu einem ergreifenden Drama, das für des Theognis pessimistisch-elegische Weisheit redet:

Gar nicht sein, das wäre dem Erdgeborenen das Beste, Und niemals zu erschau'» Helios' sengenden Strahl."

Der Hauch erhabener Schwermut ist über die Hauptgestalten des Dramas, den jugendlichen Herzog von Reichstadt und den entthronten Kaiser der Franzosen hingebreitet: der Sohn ver­zehrt sich in Sehnsucht nach dem Vater, uitd dieser, aus dem einsamen Felsen von St. Helena trauernd, sehnt sich nach dem Sohne, den ihm die allmächtige Hand Metternichs für immer entrissen hat. Der Sohn war drei Jahre alt, ein zartes, bild­schönes Knäbchen, als der Vater ihn zum letzten Male sah: es war kurz vor jenem 20. April 1814, an dem der zur be­dingungslosen Abdankung gezwungene Kaiser nach erschütterndem Abschied von der Garde Schloß Fontainebleau verließ, um sich nach Elba einzuschissen. Den Knaben hatte man nach Schönbrunn $uin Großvater, dein guten Kaiser Franzel gebracht, und dort ift er auch Zeit seines Lebens geblieben. Napoleon mag während des kurzen Siegesrausches, den er nach der Rückkehr von Elba genoß, gewähnt haben, den Sohn in seine Arme schließen zu können, aber das unerbittliche Schicksal zwang den Schlachten­gewaltigen nieder: das englische LinienschiffBellerophvn" nahm denGeneral Bonaparte" an Bord, Segel wurden gesetzt, der Anker gelichtet, der Kiel durchfurchte den Atlantischen Ozean, und für immer versanken hinter dem Gefangenen Frankreichs Küste er hat den Sohn nie wiedergesehen.

Als der Knabe am 20. März 1811 geboren wurde, hob sich ein Alp von Napoleons Brust, denn der heißersehnte Leibes­erbe war da! Die Scheidung von der liebenswürdigen Josephine, die, trotz ihrer zahlreichen Schwächen und Kapricen, trotz ihres Leichtsinns, ihrer Freundschaft mit leichtlebigen Damen und ihrer Neigung zu kleinen Jntriguen, eine sympathische Erscheinung ist, und die Vermählung mit der Erzherzogin Maria Louise war ja nicht nur aus Gründen der Politik und in der Absicht ge­schehen, mit einem der ältesten und vornehmsten Herrscherhäuser Europas verwandtschaftlich verbunden zu sein, sondern auch in der Hoffnung, daß durch einen Sohn dre Thronfolge in direkter Linie gesichert werde.

Mit dem stolzen TitelKönig von Rom" kam das Knäblein zur Welt. Es lag in goldener Wiege, es war gebettet in Spitzen, es wurde ebenso wie die Mutter besungen in hochtönenden Versen, die alle auf den Refrain hinausliefen, daß nun erst das Glück der Franzosen vollkommen sei. Vor allen aber strahlte in Freude der Kaiser, und allüberall, wo die Macht des Korsen gebot, Mußten Freudenfeste gefeiert werden auch auf deutscher Erde.

Wie ein Hohn auf den deutschen Stolz klingt es, was Ernst Wehden als Selbsterlebtes über die Feier zu berichten weiß, die am 9. Juni 1811 in Köln a. Rh. begangen wurde. Am Vor­abend Glockengeläute, Salut der in der Nähe des Domes auf­gestellten Kanonen und Stadtböller, und am Festtage ein präch­tiger Zug, der sich aus dem Dome entwickelte und die Stadt durch­zog. Die tanzenden Heiligen-Knechte und Heiligen-Mägbe mit ihrem lustig springenden, fahnenschwenkenden Fähnrich und Führer nach mittelalterlicher Weise an der Spitze, dann die altköluischm Trommler und Pfeifer, die Vorsteher der Bauerbänke, die Bauer- Meister in ihren uralten Kostümen, die Schüler der Sekundär- Schule, die Steinmetzen und Zimmerleute mit geschmückten Werk- insignien, hoch zu Roh ein Ritter in voller Rüstung mit wallen­dem Helmbusche, das alte, mächtige Stadtbanner tragend, das zwei Lanzenträger unterstützen mußten, weiter die Zünfte mit ihren Fahnen und Insignien, und nun der Triumphwagen Napo­leons mit seiner Büste, umgeben von Göttergestalten, Allegorien oller Tugenden und den zehn sogenannten Rosenbräulen, die am

weißen Sonntag des Jahres 1810 zur Erinnerung an die Ver- mählungsfeier des Kaisers mit Invaliden getraut worden waren so ging es vorwärts unter schallender Musik, Paukenwirbel, Trompetengefchmetter und dem Klange der Glocken, Gastereien^ Volksfpiele, Mastklettern, Feuerwerke und Tanzvergnügungen bil­deten den Schluß des Festes. Und wenige Jahre später? Der Schrecken Europas war entthront, die Franzosen waren von deutschem Boden abgezogen, was an die Fremdherrschaft erinnerte, wurde niedergerissen, das französische Volk aber jubelte in Massen^ aufläufen und in schwungvollen Dithyramben Ludwig XVIII. zu an den kleinen König von Rom dachten nur noch wenig« Menschen. Man ist versucht, mit Horaz zu rufen:Odi profanunt vulgus!" , J

Der stolze TitelKönig von Rom" wandelte sich alsbald für das Kind, das nach dem Willen des Vaters der Beherrscher der Welt werden sollte, erneuernd das alte Imperium, in den! schlichten TitelHerzog von Reichstadt". Anfangs gedachte man, ihm eine kleine Krone in Aussicht zu stellen: seiner Mutte« Maria Louise war durch den Vertrag von Fontainebleau 1814 das Herzogtum Parma mit dem Rechte zugesprochen worden, diesen Besitz auf ihren Sohn zu vererben., Aber auch aus dem Krönchen wurde nichts, denn auf Grund eines zu Paris am 10. Juni 1817 geschloffenen Vertrages der verbündeten Mächte wurde dem Knaben sein Erbrecht auf Parma zugunsten des Sohnes der Königin von Etrurien entzogen. Das gab den Anlaß, daß ihm fein Großvater Kaiser Franz für den Todesfall des Großherzogs! . Ferdinand III. von Toskana, eines österreichischen Erzherzogs, die Herrschaft Reichstadt und die dazu gehörigen, ehemals pfalz- bayerischen Domänen in Böhmen zusicherte und ihm 1819 den Titel eines Herzogs von Reichstadt verlieh. So war die Her­kunft des Knaben unter dem neuen Titel halb und halb verhüllt..

Als Maria Louise im Frühjahr 1816 nach Parma zog, hielt man vorsichtigerweise den Sohn in Schönbrunn zurück. Vim Herz und Gemüt hat diese Frau nicht besessen. Ihre jüngst veröffentlichten Briefe zeigen zur Genüge, daß ihr das tragisch Schicksal ihres Gatten keinen großen Kummer bereitet hat. Nach Napoleons Tode hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als sich mit ihrem Oberhofmeister, dem Feldmarschalleutnant Grasen von Nei- perg, morganatisch zu vermählen eine Ehe, aus der ein Sohn, der Graf, spätere Fürst Montenuovv hervorgegangen ist. Allzu tief ist ihre Zuneigung zu dem Sohne aus erster Ehe nicht gewesen, wenn auch anzuerkennen ist, daß andere harte Vor- kommnisse auf Rechnung der Metternichschen Politik zu setzen sind. Einigermaßen versöhnend, weil mütterlicher und zärtlicher ist ihr Verhalten später, besonders in den Leidenstagen des Sohnes, gewesen.

Ein Lichtblick in dieses Drama gewährt das Verhalten des! gutmütigen Kaisers Franzel. Er hatte den Enkel liebgewonncn, ließ ihn Tag für Tag stundenlang in seinem Arbeitszimmer spielen, nahm feine Mahlzeiten, soweit es die Repräsentation zuließ, gemeinsam mit ihm ein, pflegte ihn auf kleineren Reisen mitzunehmen, teilte mit ihm den Landaufenthalt und suchte nach Kräften alle kindlichen Wünsche zu erfüllen. Das hatte aur Folge, daß der Enkel Zeit seines Lebens dem Großvater in Ver­ehrung zugetan war. Als Jüngling hat er diese Zuneigung wiederholt anderen Personen gegenüber betont. In dem Grafen Moritz Dietrichstein hatte ihm der Kaiser einen Mentor und Erzieher gegeben, der sich int Verein mit hervorragenden Lehrern eifrig der Ausbildung des Zöglings widmete. Was Geilt, Witz und Wisfen betraf, konnte ja der Kaiser persönlich seinem Enkel nicht viel bieten.

So hatte sich der Enkel an die zu halten, die ihm zur Förde­rung seiner Kenntnisse zugewiesen waren. Aber zum Jüngling herangewachsen, scheint er lieber seine eigene Bahn gewandelt zu fein, wenigstens klagte der Gras Dietrichstein, daß der junge Herzog nur geringe Ausdauer in den ihm vorgezeichneten Studien zeige. Und der Grund dieser mangelnden Ansdauer? Nun, die Vorliebe des Jünglings für kriegswissenschastliche Studien. Er­füllt von Begeisterung für das strategische Genie seines Vaters, trachtete er, ihm als ein großer Kriegsheld gleichzukommen. Für Frankreich das Eckiwert zu ziehen, Frankreich wiederzugewinnen, war sein glühendster Wunsch. Und wenn das nicht angurge, wemg- stens für Polen einzutreten, oder für Oesterreich ein zweiter Ritter Eugen zu werden. 1 1 c . ,

Derjenige, der rhm nähergetreten war und dem er rückhaltlos Vertrauen schenkte, war der Graf Prokosch-Osten, nachmals öster­reichischer Feldzeugmeister und Botschafter. Als aus den Kreisen der Widersacher des an den Felsen von St. Helena geschmiedeten Kaisers Stimmen laut wurden, die ihm sogar die Eigenschaften ciue§ großen Feldherrn absprachen, schrieb der Gras in warmer Verteidigung Napoleons den Aufsatz:Die Schlachten von' Lianh, Quatebras und Waterloo", der, gedruckt in der Oesterreichschen Militärischen Zeitschrift vom Jahre 1818 in der Armee groß« Ausmerkfamkeit erregte und vielen Beifall fand. Dieser Aufsatz war die Brücke, die ihm den Zugang zum Herzen des juttgert Herzogs geöffnet hatte. Im Jahre 1830 kam er zum ersten Male mit dem Jünglmg zusammen. Der Hof befand sich damals in Graz. Der Graf hatte die Ehre, zur kaiserlichen Tafel zu- gezogen zu werden.Ich saß der Kaiserin gegenüber," so schreM er,und hatte den Herzog von Reichstadt, der dem Kaiser gegen-