Ausgabe 
20.3.1911
 
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Wenn er's nur nicht gerade in der Hochsaison alle macht!" dachte sie besorgt,einen Sarg die Treppe hinunter, das genügt, um das ganze Haus leer zu machen!"

Bleiben Sie bei mir, nur noch eine Stunde, liebe Frau von Hilbach!" bat die Frau Bauunternehmer, und Frau von Hilbach blieb und ließ sich erzählen, und wieder I htt sie mit einer Fremden unter deren Schicksal, das nicht halb so hart war, wie ihr eigenes.

Als die Kosy endlich am späten Abend zu Frau von Hilbach kam, fand sie sie schon im Bett liegen. Sie hatte eine Lampe neben ihrem Bett stehen und las. Als sie der Kosy Schritte hörte, hatte sie ein Gefühl von Unbe­hagen; sie sah nicht von ihrem Buch auf. Die Kosy setzte 3 sich ans Fußende des Bettes, sprach erst von der Küsterin, | dann vom Wetter, dann fiel ihr Blick auf den Bogen mit Zahlen, der über Frau von Hilbachs Bett hing. Sie sah genauer hin; bis zum heutigen Tage waren die Zahlen ausgestrichen, es fehlten noch zweihundertfünfundzwanzig^ Tage.

Sie erlauben doch, Frau von Hilbach," sagte sie ziem­lich bestimmt,ich hab mich schon ein paar Mal geärgert, daß ich Ihnen das geschenkt habe!"

Dabei wollte sie den Bogen von der Wand lösen, aber Frau von Hilbach hielt ihn fest.

Der bleibt, Kosy!"

Die Kosy setzte sich wieder und begann von den drei- tanfeud Mark zu reden, von oen dreitausend Mark kam 6 sie auf Herrn Schmitz, sah nicht die starren Augen ihrer Herrin und wurde deutlicher, immer deutlicher.

Wie eine Prophetin stand sie schließlich am Bett Frau / von Hilbachs, die reglos vor ihr lag.

Wenn Sie allein in der Welt ständen," sagte sie j jetzt,dann könnten Sie ja tun und lassen, lvas Sie g wollten; aber da sehen Sie hin, da schläft das unschul­dige Kind, für das Sie die Verantwortung haben. Aber Sie achten nicht auf einen Wink der Vorsehung, einem braven Mann, der es treu und ehrlich mit Ihnen meint, der Ihrem Kind ein Vater sein würde, wie es sich reinen besseren wünsche.^ Wnnte, dem wollen Sie die Tür weisen _^unj)->rtm'LTen auf einen, der leere Versprechungen gemacht ""hat, auf einen, der immer in höheren Regionen schwebt, der nicht einmal einen Brief für Sie übrig hat, einen Hungerleider ---"

Kosy!" rief Frau von Hilbach entsetzt,Kosy, fein Wort mehr, ich verbiete es Ihnen! Jetzt gehen Sie, bitte, gehen Sie, ich kann Sie nicht mehr sehen!"

So!" die Kosy wurde kreidebleich.Gut, Frau von Hilbach! Zur Last bin ich noch keinem Menschen gefallen, noch keinem," und ihre Stimme wurde leis, weil sie heftig schluchzen mußte.Am ersten Juli ziehe ich, und damit Sie nicht denken, ich wäre unreell, zahle ich die Miete bis ersten Oktober, aber am ersten Juli ziehe ich! Gute Nacht!"

Sechses Kapitel.

Das hatte die Kosy selbst nicht geglaubt, daß sie es fertig brächte, mehr als eine Woche lang ihre Frau lvie Luft zu behandeln, einfach §n tun, als ob sie nicht existierte. Das Mittagessen besorgte sie zwar noch, stellte es fix und fertig auf den Küchentisch und rief Erwin zu, er solle seiner Mutter sagen, in der Küche stehe alles bereit.

Sie kümmerte sich um gar nichts mehr. Ein paar Tage nach jenem Abend der Aussprache hatte Frau von Hilbach einen Bries aus Leipzig im Geschäftskuvert er- ?ulten. Langmann hatte ihn ihr gezeigt, sie hatte ihn ogar in der Hand gehalten, aber gefragt hatte sie nicht.

Nachmittags am Brunnen, als der kleine Erwin bei ihr spielte, hatte sie den so ganz obenhin ausgeforscht, was seine Mutter für ein Gesicht gemacht habe, als sie den Brief gelesen, aber Erwin sagte:Gar keins!"

Durch Erwin hatte sie auch erfahren, wie die zwe: jungen Damen aus Berlin hießen, die für vierzehn Tage die große Stube der Natusius gemietet hatten, und Er­win hatte von selbst hinzugefügt, daß seine Mutter viel weine.

Wird wohl Ursache haben!" meinte sie halblaut, weinte auch und dachte über die dreitausend Mark nach.

Herr Schmitz war enttäuscht, daß die junge Frau sich nicht mehr blicken ließ. Was nutzte es ihm, daß die alte Bxunnenfrau ihm täglich von neuem versicherte, das

sei nur Schüchternheit bei ihrer Frau. Er war doch nicht der Mann, vor dem eine Frau wegläuft. Er hatte doch Herz und Gemüt, und ob sie was hatte oder nicht, danach fragte er nicht. Sie gefiel ihm, er hätte die Sache gern perfekt gemacht. Wenn er sich jetzt ver- lobte, konnte er im Spätherbst heiraten, und es hätte ihm Spaß gemacht, sie herauszufüttern und sie hübsch zu putzen.

Eine, der es so miserabel gegangen ist, die 'schätzt nachher ein gutes Leben, genau wie meine Emma!" sagte er oft und sah sich das Harrs an und berechnete im ge­heimen, wie viel Quadratmeter Flächeninhalt es hätte.

Die Kosy ging vorsichtig mit ihrn zu Werke. Wenn sie sich nachts das gutmütige, behäbige Gesicht ihres Brunuenfreundes vorstellte und ihn in seiner breiten Sprache reden hörte, dann war es ihr, , als könnte erl nichtnein" sagen, wenn sie ihn so recht eindringlich bat, ihrer Frau dock) die dritte Hypothek auf ihr Grundstück zu geben, auch wenn er ihr nicht näher treten durfte. Am Morgen, wenn er neben ihr auf der grünen saß und so betrübt aussah, weil sie sich svieder nicht sehen! ließ, fand sie nicht den Mut, mit ihrer Bitte herauszu­rücken. Und doch mußte etwas geschehen In drei Tagen reiste Schmitz ab; wenn man ihn so einfach ziehen ließ, bann war alles verloren, denn die Kosy sah alles richtig voraus, und irgend eine Stimme sagte ihr, daß ihre Frau schlechte Nachrichten aus Leipzig und Berlin er­halten-Chatte warum sollte sie sonst meinen, da sie doch schon vermietet hatte und um ihre Kursremden be­neidet wurde.

Endlich, an einem Maimorgen, der so wunderschön war, daß er sich förmlich auf Herrn Schmitz' breitem, guten Gesicht widerspiegelte, nahm sie sich ein Herz:Herr Schmitz, ich weiß, daß meine Frau nicht gut an Ihnen gehandelt hat--"

Herr Schmitz sah sie groß an.

Leugnen Sie es nicht, Herr Schmitz, Sie haben was übrig für meine Frau, ich hab einen guten Blick für so was, und ich hätt Ihnen gewünscht, daß Sie mehr Glück gehabt hätten. Aber sehen Sie mal, Herr Schmitz, wenn einer wirklich edel ist, der gibt auch, wenn er nichts dafür empfängt, und diesen Edelmut trau ich gerade Ihnen zu."

Herr Schmitz räusperte sich und errötete unter der Kosy forschendem Blick.

Hm," sagte er,woranf lvolleir Sie denn heraus?" Nu, Herr Schmitz, ich will ganz offen sprechen. So weit ich Ihre Verhältnisse übersehe, können dreitausend Mark Sie nicht ruinieren, und wenn Sie nu wissen, daß für einen anderen Menschen alles davon abhängt, für eine unselbständige, alleinstehende Frau, Herr Schmitz, auch wenn sie nicht Ihre Gattin wird und wo sie es Ihnen öoch mit fünf Prozent verzinst, und daß alles pünktlich gezahlt wird, dafür sorg ich, und wo doch unser Haus dis fchöue Lage hat-----"

Sie verwirrre sich immer mehr, und Herr Schmitz -ausperte sich stärker

Nu, Herr Schmitz?"

Einstweilen versteh ich noch gar nichts!" meinte der .,-nb seine Aeuglein bekamen einen schlauen, überlegenden .Ausdruck.

Nu, die Dreitausend sollen Sie ihr an die dritte Srclle geben, Herr Schmitz, nur daß sie zur Ruhe kommt, schläft ja nicht mehr, sie --"

Die Kosy mußte weinen.

Hm, hat die junge Frau Sie beauftragt?"

I bewahre, bewahre! Kein Sterbenswort weiß sie und darf auch keins wissen. Die verhungert lieber, als daß sie einen um Geld bäte, lieber, guter Herr Schmitz!"

Sie legte ihre breite, verarbeitete Hand auf sein« roten Finger.

.Wo Sie doch ein so gutes Herz haben, denn ein Mann, der seiner Frau so nachtrauert wie Sie der Ihren, der hat ein gutes Herz. Das findet man heutzutage selten^ und wo es doch für Sie nicht einmal verloren ist!"

Schmitz sah vor sich hin.

Ich hab nie voreilig gehandelt in meinem Leben! Dadurch bin ich zu was .gekommen. Ich muh erst eine Nacht darüber schlafen!"

Die Kosy sah ihn flehend an.Ueber dreitausend Mark eine Nacht schlafen, Herr Schmitz, ein Mann, der vier­hundert Arbeiter beschäftigt und Wei eigene Häuser hat..