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sonst. —
Sie hatte auch so viel Angst und wußte nicht, vor was. Oft saß sie stundenlang mit an g chatten em Atem und lauschte. Es war ihr, als hörte sie Schritte, als polterte man an ihre Tür, durchsuchte ihre Zimmer, sah unter Betten, hinter Schränke und wollte gehen, da sah man sie im Lehnstuhl und zerrte sie heraus und legte ihr Ketten
manu gab ihr einen Bleistift, er wollte hereinkommen, aber wie sie r^n in der Uniform sah, entsetzte sie sich und 'hC6 ,hier"chreiben Sie mal hin, Frau Lengerich!" erklärte die Kosh und sah kopfschüttelnd auf die alte Frau mit dem wirren Haar und der schmutzigen Nachtjacke.
Frau Lengerichs Hand zitterte heftig, ein jeder Buch- stabe verursachte ihr Qual.
Was' war das? Wozu mußte sie ihren Namen
an, und---
Sie lauschte wieder, sie lauschte jeden Tag, es kam niemand, nur zweimal in der Woche die freundliche Berta von nebenan, die ihr erzählen mußte, daß niemand sich e .... ------,
um sie kümmerte, daß die Welt da draußen in ihren alten I c , einen" Spalt in Empfang. Der Briefträger Lang- Bahnen fortrollte, daß niemand ahnte, daß sie hier oben I öurct) emen^pan saß und sich ängstigte.
Zweimal am Tag ging Frau Lengerich eine Weile lang in der Borstube des Alkovens umher und lauschte. Sie stieg dann auch auf einen Stuhl und tastete mit der Hand auf einen Schrank und vergewisserte sich, daß es hier oben stand, daß niemand es ihr genommen hatte, und wenn sie es in der Hand hielt, lächelte sie, so, wie so ein armes, gequältes Geschöpf noch lächeln kann und dann las sie: „Gift" und sah den Totenkops, der unter dem Worte „Erst" i scheiben? SmÄ» - * ** M «ä&mäss
In Frau Häufleins Küche hatte sie es stehen sehen; die | reichte chr den B t- . . . , & . ... .
hatte es einmal tropfenweise nehmen müssen, als sie magen- I Sie mußte sich auf emen Stuhl setzen, die Knre zitterten krank gewesen war. Es sollte ein starkes Gift sein, das ganz I unter ihJ , , .
sicher wirkte, und Frau Hänflein hatte es ihrer Köchin ge- | (Fortsetzung solgt.)
aeben, damit sie es in die Saale werfe, aber die Köchin I --------—
hatte es in der Küche stehen lassen. I «
Einmal, als die Frau Lengerich unten gewesen war, I UCt MÜNÜfkNtk «ÖtttCVul.
um Frau Hänflein noch einmal dringlich zu bitten, ihr! Von Carl Eonte Scapinellst
in der Küche sprechen konnte, hatte sie das Fläschchen ae- S ©W Ät eine Schar Helfershelfer Mü
schen, und sie hatte danach greifen müssen. Als dre Köchin I g^^cht, die über Nacht fast ihre Arbeit beginnen. Die Tafeln dann am Herd hantierte, hatte sie es in die Tasche geschoben I per Plakattnstttute, die bis jetzt rein materiellen Dingen, PflanM« Und war herausgeschlichen tote ein Dieb, der einen unge- I fetten, Suppmwürzqn uff. gedient, läßt er mit tot chckend yM Mren Schatz erbeutet et. I Ballszenen Mleben. Jeden Montag, leben Mittwoch und SaE
eh, »nalü'ck für ffe daß sie nicht arbeiten müßte, daß sie , f- Das Fläschchen war dichter Fröund, sie liebte eL ihren Geist aus seiner früheren Stump/heit hdraustveten I sie strich zweimal am Tag liebkosend über den Totenkopf^ fi-c. ..„s. nnfinn rii hertfert in arübeln zu leiden. ■—• j der daraus gemalt war, und sie sprach mit ihm, erzählte
16 hatte verqessen daß ch? Georg cir Zeitlang kein ihm ihre Geschichte, von all ihrer Qual und von ihrer gutE stiller Mensch gewesen war; in ■ Erinnerung großen Angst, daß man kommen und sie aus ihrem
lebte er als der brave, gute, genügsame Vater ihres Kindes, j Lehnstuhl rechen wurde, so wie man ihren Georg heraus-
der seiner Frau den Verdienst gab, der mit seinem Jungen | gerissen hatte, und man würde ihr Ketten anlegen und sre
fhipftP nnd Sonntaas mit Frau und Kind in irgend ein I fortschleppen, fort--—
Rnzert oder in den Wakd gegangen war. „Mein liebes, kleines Fläschchen!" flüsterte sie dann
Aber in der Leitung hatte doch gestanden, daß er ein I und drückte es an das zitternde Herz, nahm auch wohl den
Mörder war, und aus dem Lehnstuhl heraus hatte man I Stopfen ab und hielt es unter die Nase und schauderte ibn ins Zuchthaus geschleppt, aus dem Lehnstuhl heraus, I zurück! — , . ,z „ ,, ..
in dem er auf einen glücklichen, ruhigen Tod gehofft hatte. Sie schlief schon lange nicht mehr m ihrem Bett, sie
Sie konnte alles vergessen, daß er getrunken hatte, daß I zog sich gar nicht mehr aus. Sre aß und trank nur, wenn er roh und brutal und ungerecht gewesen, über all das der Hunger sie trieb oder wenn Berta sie ermunterte. Sie war der dichte Schleier der Bergessenhieit gebreitet, aber I dachte nur noch mit jener ungeheuren Klarheit unv das eine war nicht auszustreichen: Er war ein Mörder ge- | Schärfe, mit der ihr armer Geist jetzt denken konnte, wenn wesen er war im Zuchthaus gestorben, und sie war seine I sie im Dunkeln saß, und wenn sie nicht dachte, kam die Frau, die Mutter seines Kindes, war die Witwe eines j Angst und packte sie an der Kehle, und ste hatte dann gern Mörders. — I geschrien, aber das durfte fle nicht. Sie konnte Lichts
Ihr armer Geist, der ihr Leben laug in einem dumpfen I Lautes hören, das hätte sie erschreckt, hätte ihr armes Herz Halbschlummer gelegen hatte, war nun erwacht, um sie un- wieder so entsetzlich zittern gemacht.
sägliche Leiden erdulden zu lassen. Dieser Geist hätte sich Sie lauschte nurimmer,hen gänzenTag lauschte ste. herausgerungen aus Kleinheit und Alltäglichkeit und war Früher hatte das Ticken der Uhr sie tn ihrem Lauschen ge- gewachsen zu einer entsetzlichen Größe und wuchs von Tag zu stört, nun hatte sie ein Tuch darüber gehangen und hatte Tag und war wie ein wildes Tier, ivie ein toller, rasender die Berta gebeten, ste aufzuziehen. Sie lebte über Raum Däinon und gaukelte ihr Bilder vor, die sie mit Schauder, und Zeit hinweg, sie wußte nicht, war es Abend, Morgen Entsetzen und doch mit Wollust erfüllten. vder Mittag, sie dachte nur und fürchtete sich und lan;chte.
Besonders wenn es hell war, wenn die Sonne ihr «luf | lauschte, lauschte! — w t+
den Dielen zitterte oder in tausend hellen Farben draußen „Doch — e» hat geklopft! k^te fle «ttsetzt und hielt auf der Saale flimmerte, war ihre Qual unerträglich. j die Hand auf das Herz und duckte sich zusammen m dem
Sie mochte kein Licht, keine Sonne mehr sehen, Dunkel- I großen Sesfel, „es hat geklopft, o Gott, mein ®ott .
heit, Nacht suchte sie, und darum war sie mit ihrem Lehn- | vergrub das Gesicht in Wbn Händen, sie Sog f ch
stuhl in die dunkelste Ecke ihres Alkovens geflüchtet und saß em Tuch über den Kops, ab^ tte hörte doch es klopfte^
hier, Stunde um Stunde, Tag um Tag und ließ sich von dem ! es polterte an ihrer Tür, und letzt rüttelte man am
Wehr draußen eine dumpfe, ewig gleichförmige Begleittmg Schloß. Tinrfp sie rufen
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Glieder schmerzten sie, und ihr Gang war schwerer tote | l^schta Brief, weiter nichts!" rief die
Kosh" „machen Sie doch auf, nur ein Bries!"
„In den Kasten, ach bitte, in den Kasten!" flehte Frau Lengerich. Sie hatte doch extra den Kasten anbringen lassen, damit der Briefträger nicht zu ihr mußte. Die Berta sah jedesmal, wenn sie kam, nach, ob etwas brtn stak. „Bitte in den Kasten!" flehte sie noch einmal. —
„Ne, ne, Frau Lengerich. Sie müssen schon aus- niachen, der ist eingeschrieben, da müssen Sie Ihren Namen darunter schreiben!" rief die Kosh, und die Frau Lengerich begann die Stühle vor ihrer Tür fortzuschieben, zog chS Kette zurück, drehte den Schlüssel nnt und nahm den Bries


