Ausgabe 
20.2.1911
 
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Das Witwenhaus.

Sioittan von Helene von Mühlau.

Gortsetzung.) (Nachdruck verboten.!

Aber -dann war em anderer in sein Leben gekommen, Der leidenschaftlicher und intensiver lebte wie er. Der wollte hoch kommen, der verleidete dem armen Herrn Lengerich fein dummfrohes Dasein, lockte ihn heraus aus der Sphäre der Wuuschlosigkeit und Zufriedenheit, und Herr Lengerich ließ das kleine Fünkchen in seiner Seele zu lodernden Flammen entfachen, er wollte jetzt plötzlich etwas,, er strebte. Eine Ungeduld, eine Leidenschaft hatte ihn gepackt, er konnte nicht mehr acht Stunden am Tag an seinem Pult stehen, er kündigte. Er wollte Glück, Reichtum, wollte hochkommen.- Sein Weib war ihm nicht mehr das, was es ihm gewesen; sie konnte ihm nicht folgen, sie wollte nicht in die Höhe, wollte weiter waschen, putzen und sich auf armselige Sonntage freuen und Groschen au, die Sparkasse bringen, und sie ward eine Last für den Manu, den sie bisher so vollkommen ausgefüllt hatte.

Wenn sich aber ein Mensch einem Wunsch, einem Streben, einer Idee so ganz und gar, mit Leib nnb Seele hmgegeben hat, -dann rast er über alle Hindernisse hinweg, Um sein Ziel zu erreichen. Er glaubt,' es geht bergauf, aber es geht in Wirklichkeit in rasendem Lauf bergab, und so ein armer Mensch, ohne eigentliche Größe, nur verführt, nur irregeleitet, verzweifelt an sich selbst und verlr-ert sich und muß sich betäuben.

Uitd eine Kerirrung zieht die andere mit sich. Hat er aufgehört, seine Tage durch die regelmäßige Arbeit auszufüllen, so fühlt er eine Leere, er denkt immer noch, etwas Großes zu wollen, und geht von einem Irrtum in den anderen.

Zu Hause sieht er Tränen und hört Klagen, das kann er nicht aushalten. Er läuft ins Wirtshaus, er sieht auch eine, feie ihm besser gefällt als fein verhärmtes Weib, er läßt sich betören. Sein armes bißchen Vernunft stirbt W, pud sein Kopf, fein ganzes Herz sind ausgefüllt von Wahnidee!!. Ach, die arme Frau Lengerich erfuhr wohl Ute, me etwas von all den inneren Qualen ihres armen Georg: die wußte nur: er war auf schlimmen Wegen, aber sre gab die Hoffnung nicht auf, ihn zurückzuführen zu etneln vernunfttgen Leben, redete ihm gut zu, und wenn er spat abends schwankend und polternd nach Hause kam, führte sie ihn zu dem großen Lehnstuhl, weinte und flehte rhu an, ein anderer Mensch zu werden, ließ sich zurück- froßen und kam doch immer, immer wieder.

Ihr Georg war doch ein nüchterner, ein guter Mensch! Sie kannte ihn doch besser als all die andern. So wie er letzt war, blieb er nicht, nein, so nicht, das müßte sich

ändern, wüßte sich bald, bald ändern; so ging das nichß weiter.

Der Fange war ja nun auch schon vierzehn Fahre alt« hatte schon Verstand und sah, was um ihn herum vov- ging, es konnte nicht so bleiben.

Frau Lengerich betete jeden Abend zum lieben Goth, daß er eine Aenderung schicken möge, und Gott erhörte sie.

Sie hatte still am Herd gesessen und ihn zurückerwartet. Seit zwei Tagen hatte er nicht mehr getrunken, hatte io ort- karg und mißmutig neben ihr gesessen. Ach, ob er wort­karg war oder nicht, das galt ihr nichts, wenn er nur da war, ioenn er nur heute wiederkam!

Und er war gekommen

Versteck mich, hörst du, versteck mich!" hatte er ge­schrien,sie sind hinter mir, ich hab ihn erschlagen versteck mich, Weib!"

Sie war erstarrt gewesen einen Augenblick lang, be­täubt, so als ob einer sie mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen hätte, aber er riß sie heraus aus ihrem Ent­setzen und brüllte:Versteck mich! Schnell!"

Sie hatte nach einem Versteck gesucht, sie wollte ihn unter das Bett, hinter den Schrank, auf den Boden ver­stecken, aber das war ihm nicht sicher genug. Da hatte sie ihn zu dem großen Lehnstuhl geführt, und er hatte sich zusammengeduckt hineingesetzt und hatte sich mit Kleidern bedecken lassen. Das sah aus, als ob sie achtlos dahin­geworfen wären, das war ein gutes Versteck.

Was dann in der nächsten Stunde vor sich ging, das wußte Frau Lengerich nicht mehr genau; sie wußte nur« daß zivei Männer ihr Haus durchsucht, jeden Winkel, jede Ecke durchstöbert hatten, unter jedes Bett, hinter jeden Schrank, in jede dunkle Kammer hatten sie geblickt, aber an dem Sessel waren sie achtlos vorübergegaugen, zwei­mal schon, und sie waren schon in der Tür, da mußte der Georg sich bewegt haben. Im Ru waren die beiden Männer an dem großen Stuhl, hatten die Kleider zur Erde geworfen, und dann nein, das hatte Frau Lengerich nicht gesehen, sie hatte nur noch ein Klirren von Ketten gehört, dann war sie eingeschlafen, und als sie zu sich kam, war nur der kleine Georg noch bei ihr und eine mitleidige 'Nachbarin, die ihr das Entsetzliche erklären mußte.

Sie hatte eine Zeitlang dann fit einer großen, dunklen Nacht gelebt, aber ihr Geist war auf lichten Pfaden ge­wandelt, denn sie lag im Fieber bei ihres Georgs alter Mutter, lange, lange. Man pflegte sie, war gut und sreund- lich zu ihr, und sie war glücklich wie ein Kind.

Dann aber kam der Alltag, sie wurde gesund, sie be­griff das Entsetzliche, und von jener Zeit an war sie eine alte Frau und führte nun seit zwei Jahrzehnten das Leben« das sie heute noch im Saalehaus lebte.

Eine kleine monatliche Rente von dein ersparten GM ihrer eigenen und Georgs Mutter schützte sie vor bient Kampf ums Dasein. Es war ein Glück vieKeMß