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Dar modernisierte Luxor.

Von Pierre Loti.

Autorisierte Uebersetznng von N. Collitt

(Schluß.)

Wie die Fliegen schwärmen die Touristen zu bestimmten, schon bekannten Tageszeiten einher. Bald wird die Hotelglocke mich ihrer entledigen und ich werde zur Mittagsstunde hier allein sein. !Äber, großer Gott, wer wird mich von dem Maschinengeräusch befreien ? O! ganz in der Tiese des Tempels, in dem Teil, E wohl ernst der allerheiligste war, wie wirkt dort diese halb- verloschte Freske, die kaum noch sichtbar an der Mauer ist, über­raschend und ergreifend: ein Christus! Ein Christus mit einem byzantinischen Heiligenschein. Er war wahrscheinlich von Bar- barcnharrden auf, den hinzugefügten groben Bewurf gemalt wor­den. dieser bröckelt nun ab, und die Hieroglyphen erscheinen wieder barunter. Denn dieser Tempel hat, da er durch seine Schwere fast unzerstörbar ist, die verschiedenen Herrscher an sich vorbeiziehen sehen. Bereits in der Epoche Alexanders des Großen hatte er ein sagenhaftes Altertum hinter sich. Für diesen Er- oberm wurde eine Kapelle hinzugebaut, und später, zu Beginn des Ehriftentums, nahm man einen Ruinenwinkel, um eine Kirche darauf aufzuführen.

Die Klingeln der verschiedenen nahen Hotels rufen zur Mittagsmahlzeit, und die Touristen beginnen zu verschwinden. Während sie den Platz leeren, betrachte ich die Reliefs, die sich an der unteren Mauer hundert Meter'entlang ziehen. Es ist eine Serie kleiner Personen, die zu tausenden sich alle in der­selben Richtung ausreihen: die rituelle Prozession des Gottes Ammon. Mit der Sorgfalt, mit der die Aegypter alle Dinge vermerkten, um sie ewig zu erhalten, findet man hier die geringsten Einzelheiten eines Festtages vor drei- oder viertausend Jahren. Wie gleicht er den heutigen Volksvergnügungen! Weder die Obstverkäufer fehlen in dem Zuge, noch die Händler mit Getränken und Kuchen. Köche tragen Gänse- und Entenbraten, Neger gehen als Akrobaten auf den Händen oder verrenken sich die Glieder. Der Umzug selbst war von so blendender Pracht, wie wir sie heute nicht mehr kennen. Musikanten, Priester, Zünfte, symbo­lische Figuren und Fahnen! Mit erhobenem Bug zog das große goldene Schiff des Gottes Ammon auf dem Fluß einher, ihm folgten die Barken anderer Götter und Göttinnett seines Olymps. Alles das erzählt mir der rötliche, sorgfältig ziselierte Stein, wie er es schon vielen verstorbenen Generationen erzählt hat. Und ich glaube deutlich den Zug zu sehen.

Bald ist nientanb mehr in den Säulengängen, das lästige Geräusch der Maschinen beginnt aufzuhören; die drückende Mit­tagsstunde ist da. Der ganze Tempel ist tote von Sonnenstrahlen verzehrt, und ich sehe auf dem Fußboden dieses Steinwaldses die Schatten kürzer werden. Die Sonne, die im Lärm des Ge­schäftslebens, der Eseltreiber und der kosmopolitischen Reisenden in der neuen Stadt noch soeben Heiterkeit und Lächeln am Quai verbreitete, glüht hier in traurigem, starrem, verzehrendem Feuer. Tie Schatten werden kürzer genau tote alle Tage, alle Tage, denn der Himmel ist in diesem Land nie bedeckt. Seit fünfund­dreißig Jahrhunderten zeigt der Glutball auf diesen Säulen, diesen Friesen, auf dem ganzen Tempel, wie ein geheimnisvoller, feierlicher Zeiger mit Geduld den langsamen Fortschritt der Stun­den an. . . . Wirklich, wir, die wir Eintagsfliegen des Gedankens sind, für uns hat diese unveränderliche Fortdauer der Sonne Aegyptens troch mehr Melancholie als das wechselnde und trübe Licht unseres Klimas.

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Der Tempel ist jetzt endlich völlig einsam, und jedes Geräusch in der Nähe hat aufgehört.

'Eine von höheren Säulen eingefaßte Allee, deren Kapitale aufgeblühte Papyrnsblumen darstellen, führte mich zu einem ge­schlossenen Ort, fast einer Stelle des Grauens, wo sich eine Ver- einignitg von Riesen befindet. Zwei, die zehn Meter hoch wären, wenn sie sich erheben würden, sitzen auf Thronen zu jeder Seite des Eingangs. Die anderen, an den drei Seiten dieses Hofes ausgereiht, stehen in der Säulenweite und machen Miene, schnellen Schrittes daraus hervvrzugehen und auf mich zuzuschreiten. Es sind Verstümmelte darunter, die gar kein Gesicht mehr haben und Nur noch die Haltung bewahrt haben. Aber die, welche unverletzt geblieben sind weiße Gesichter unter der breiten Sphinxhaube öffnen die Augen groß und lächeln. Einstmals war hier der Haupteingang, und Riesen hatten die Mission, die Menge zu empfangen. Wer Trümmer, gewaltiges Geröll, haben die großen Ehrenpforten versperrt, umgestürzte Obelisken atis rosigent Granit liegen davor. So wurde dieser Hof ein unfreiwillig verschlossener Raum, wo man nichts mehr von den Dingen draußen sieht, in Augenblicken der Ruhe verschwindet die moderne Umgebung mir aus dem' Gedächtnis, ebenso vergesse ich Tag, Jahr und Jahr­hundert inmitten dieser riesenhaften. Gesichter, deren Lächeln das Fliehen der Zeiten verachtet. Die Granitsteine, zwischen denen Man hier eingemauert ist Und in schrecklicher Gesellschaft lassen nur an dem Blau des Himmels die Spitze eines ganz mähen alten Moscheeturmes sehen: ein bescheidenes Reis des Islam, das vor einigen Jahrhunderten zwischen diesen Ruinen hervor- s^roßte, als sie schon mehr als dreitausend Jahre alt waren; eine Keine Moschee, die auf dem Trümmerhaufen entstanden ist

tmd ihn durch ihre Unverletzlichkeit beschützt. Oh, welche S» Nf/^EN, Dokumente bedeckt und hütet zweifellos diese Moschee ntt ihrem Säulengang - denn niemand würde wagen die Ende heiligen Manern zu durchwühlen.

Mehr und mehr erfüllt die Stille den Tempel.' Zeigen auch ^5,?^^fch°tten die Mittagsstunde an, so sagt doch nichts, ZAFm Jahrtausend die ntzigen Minuten angehören. Dieses! Schweigen und ähnliche Mittagsstunden, welche die im Hinterhalt FF; den Säulengängen ausgestellten Riesen schon vorbeiziehen sahen, wer wurde sie zahlen können?

AstF °?bn, in der blauen Glut verloren, kreisen Raubvögel, qF r JFaraorteit waren es dieselben, sie breiteten in der Fit ihr ©efteber ebenso aus und stießen dieselben Schreie aus.

Zeiten wiederholen sich die Tiere und die Pflanzen genauer als die Menschen, fte blieben unveränderlich bis in ihrs geringsten Einzelheiten.

~ Seber ber Riesen um mich herum, von hohem Wuchs, einen Fuß vorwärts gestreckt, tote für einen schweren und sicheren Marsch, den nichts mehr aufhalten kann, umschließt leidenschaftlich in einer seiner zusammengeballten Fäuste, die an den muskulösen Armen sich krummen, eine Art geringelten Kreuzes, das in Aegypten das Abzeichen ewigen Lebens war. Das symbolisiert auch die Entschlo;senheit, die in ihrem Gange liegt: ihr ganzes Vertrauen hangt an dem kläglichen Spielzeug, das sie in der Vaud halten, und in triumphierendem Gang überschreiten sie die schwelle des Todes. . . . Dasewige Leben", der Traum, nie <tn das Nichts zurückzusinken, verfolgte die menschliche Seele seit ihreni Ursprung, besonders zu beit Zeiten, da ihr Aufschwung Große hatte. Die Unterwerfung ohne Widerstand in der Er­wartung, als letztes die einfache Verwesung ertragen zu müssen, ist, das Charakteristische der Phasen der Dekadenz und Mittel­mäßigkeit.

brei gleichen, kaum verstümmelten Riesen, die an der Ostsette des Hofes, vor den zusammengestürzten Blöcken sich auf- reihen, stellen wie alle anderen Ramses den Großen, bett Zweiten, Fr/. Bildnis unsinnig oft in Theben nnd Memphis ver- vtelfältigt wurde. Aber jene drei haben ein. mächtiges, feuriges Leben bewahrt. Ihre Gesichter sind so frisch, als wäre man erst gestern damit fertig geworden, sie zu meißeln und zu polieren. Zwilchen den riesenhaften, rötlichen Pfeilern mit den stämmigen Sitzen, treten ihre weißen Erscheinungen hervor, jeder kommt aus» seiner Säulenöffnung heraus, und wie die Soldaten int Manöver,' gehen sie int gleichen Schritt. In diesem Augenblick fällt die Sonne scharf auf ihre Köpfe und ihre seltsamen Hauben und leuchtet auf ihr unbewegliches Lächeln; sie wirft die Strahlen auf ihre Schultern und ihren nackten Rumpf zurück und läßt durch ihr Licht die Athletemnuskeln stärker erscheinen. Jeder der Kolosse Umschließt mit der Hand sein symbolisches Kreuz. In gewaltigem Schritt stürzen die drei Ramses vorwärts, erhabenen Hauptes, lächelnd, in begeistertem Marsch zur Ewigkeit.

Oh der Mittagsstrahl, der diese weißen Stirnen streift und' langsam, ganz langsam auf der Brust beit Schatten des Kinnes nnd des osirischen Kinnbartes verschiebt! ... Wenn man daran denkt, feit wie langer Zeit, in demselben Schweigen, derselbe Strahl von demselben unbeweglichen Himmel fällt, nm dasselbe ruhige Spiel anzusehen! . . . Ja, ich glaube, die Nebel, die Regen­güsse unserer Winter auf diesen großen Ruinen, wurden weniger traurig und weniger schrecklich sein, als die Ruhe einer so ewigen Sonne.

Plötzlich fängt wieder ein dummes Geräusch an und läßt die Lust erzittern. Die Dampfmaschinen nehmen ihre Arbeit von neuem auf. Damen mit blauen Brillen, mit dem Baedecker in der einen Hand und denFilms" in der anderen, erscheinen toieber. Die Touristen verlassen die Hotels zu berfeiben Zeit, da bte Fliegen erwachen. Der Mittagsfriede in Luxor ist M Ende. _

Etwas vom Glauben an zauberttästiges Feuer in alter Und neuer Zeit.

Mitgeteilt von Pfarrer Zinn in Herbstein.

Gegen die Ma nl-undKlauens suche. Unter diesem Stichwort berichtet in ihrer letzten NummerTie Dorfkirche" ans Holstein, wo zurzeit wie bei uns, die Maul- und Klauenseuche den Bauersleuten viele Sorgen macht, folgendes Kuriosum:Um Mitternacht sah man wiederholt an allen Kreuzwegen in der Nähe des bei Hamburg gelegenen Torfes Duvenstedt kleine Feuer auslohen. Wer nach dem Grund des nächtlichen heidnischen Spukes fragte, erfuhr, daß die Duvenstedter auf diese Weise die Manl- urib Klauenseuche zu bekämpfen hofften. Eineweise" Person; hatte ihnen nämlich für Geld und gute Worte den kurzen Rat erteilt, an Kreuzwegen nachts einen lebendigen Frosch zu ver- brennen. Alsbald mußten zahllose Frösche den Opfertod in de« Flammen sterben."Alter Aberglaube," sagt der Durchschnitts- zeitungsleser und legt lächelnd das Blatt beiseite. Wer aber in der Religions- und Volkskunde etwas bewandert ist, sieht in dieser Notiz derDorfkirche" eine merkwürdige Bezeugung der wunder­baren Zähigkeit, mit der die religiösen Vorstellungen unserer hech- nischen Vorfahren sich viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende hin­durch aller christlichen Predigt und aller modernen Mftenschaft