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Was — nach fefrrer Vermittelung zu unseren Gunsten heute?
Ja. Ich fürchte mich mehr vor seiner Vermittelung, als vor Sir Percivals Heftigkeit. Was du auch tust, Laura, mache dir den Grafen nicht zum Feinde!
Wir gingen hinunter. Laura begab sich ins Gesellschaftszimmer, während ich über den Flur ging, um meinen Brief in die Posttasche zu stecken, welche an der gegenüberliegender Wand hing.
Die Haustür war offen, und als ich daran vorbei kam, sah ich den Grafen und seine Frau draußen auf den Stufen stehen, mit den Gesichtern mir zugewandt.
Die Gräfin kam ziemlich eilig in den Flur und frug mich, ob ich fünf Minuten übrig habe, um allein mit ihr zu sprechen. Etwas erstaunt über eine solche Frage von einer solchen Person tat ich meinen Brief in die Po'sttasche und erwiderte, daß ich ihr zu Diensten stehe. Sie nahm mit einer ungewohnten Freundschaftlichkeit und Vertraulichkeit meinen Arm, und anstatt mit mir in ein leeres Zimmer zu gehen, führte sie mich hinaus auf den Rasen, welcher den Fischteich umgab.
Als wir an dem Grafen vorübergingen, lächelte er und verbeugte sich und ging dann sofort ins Haus, indem er die Haustür hinter sich zuwarf, ohne sie jedoch ganz zu schließen.
Die Gräfin führte mich langsam um den Fischteich. Ich erwartete, zur Empfängerin einer wichtigen vertrauten Mitteilung geniacht zu werden,, und war daher nicht wenig erstaunt, als ich gewahr wurde, daß der Gräfin Geheimnis einzig in ihrer Versicherung der aufrichtigsten Teilnahme nach dem, was sich heute morgen in der Bibliothek zugetragen, bestand. Ihr Gemahl habe ihr alles erzählt, ivas vorgegangen sei und wie impertinent Sir Percival sich gegen mich benommen habe. Dies habe sie in dem Grade um Lauras und meinetwillen verletzt und betrübt, daß sie beschlossen hätten, falls sich jemals wieder etwas derart ereigne, Sir Percival ihren Unwillen über sein beleidigendes Betragen dadurch zu verstehen zu geben, daß sie augenblicklich das Haus verließen. Der Graf stimme hierin ganz mit ihr überein, und sie hoffe, daß ihr Entschluß auch meinen Beifall habe.
Mir erschien dies von feiten einer so außerordentlich zurückhaltenden Frau, wie die Gräfin ist, als ein sehr auffallendes Verfahren, zumal nach dem Austausche spitzer Redensarten während unserer Unterhaltung im Boothause heute morgen. Aber trotzdem gelang es ihr, mich wenigstens eine halbe Stunde vom Hause fernzuhalten. Als ich endlich wieder in den Flur trat, sah ich mich plötzlich dem Grafen gegenüber. Er war gerade im Begriff, einen Brief in die Posttasche zu werfen.
Er fragte mich, wo ich die Gräfin verlassen habe, worauf er ihr entgegen ging.
Warum mein Nächstes war, geradenwegs zur Posttasche zu gehen, meinen Brief herauszunehmen und ihn mit einem unbestimmten Argwöhne zu betrachten, und warum mir dabei plötzlich die Idee kam, ihn der größeren Sicherheit wegen lieber zu siegeln, das sind Geheimnisse, die zu ergründen entweder zu tief oder zu flach für mich sind.
Was mich jedoch immer dazu bewogen haben mochte, ich fand Ursache, mir zu der Eingebung Glück zu wünschen, sowie ich mich, auf meinem Zimmer angelangt, anschickte, den Bries zu siegeln. Ich hatte das Kuvert auf die gewöhnliche Weise zugemacht, indem ich die mit Gummi bestrichene Spitze anseuchtete und dann fest herunterdrückte, und als ich jetzt, nach Verlauf von vollen drei Viertelstunden, die Spitze 'mit dem Finger aufzuheben versuchte, öffnete sich das Kuvert augenblicklich, ohne zu kleben oder zu zerreißen. Hatte ich es vielleicht nicht fest genug niedergedrückt? Oder war der Gummi nicht hinreichend klebrig gewesen?
Oder war vielleicht •— nein! es ist schon empörend genug, dieser dritten Mutmaßung nur in meinem Geiste Eingang zu gestatten. Ich will sie mir lieber nicht in halten und,zu belustigen, als ob er entschlossen sei, die undeutlichem Schwarz und Weiß gegenüber bringen.
Als das Diner uns versammelte, war der Graf wieder in seiner besten Laune. Er bemühte sich, uns zu unterangenehme Erinnerung an das, was sich am Nachmittage in der Bibliothek zugetragen, aus unserm Geiste zu verwischen.
Nach dem Diner, während der günstige Eindruck, den der Graf auf uns zu machen gewußt, noch lebhaft in uns war, zog derselbe sich bescheiden in die Bibliothek zurüch um zu lesen. Laura schlug einen Spaziergang in den Anlagen vor, um die Frische des Abends zu genießen. Die Höflichkeit erforderte es, daß wir die Gräfin dazu einluden; doch diesmal hatte sie vorher ihre Weisungen erhalten und bat uns, sie zu entschuldigen.
So gingen Laura und ich allein aus.
Es war ein nebeliger schwüler Abend. Es schien —» wahrscheinlich für die Nacht schon — Regen in Aussicht zu stehen.
Wir gingen schweigend durch die schattigen Baumanlagen dem @ee zu. Tie Schwere der Abendluft war uns beiden drückend, und als wir beim Goothause anlangten, waren wir froh, uns drinnen setzen und ausruhen zu können.
Ein weißer Dunst lag tief über dem See. Die Stille hatte etwas Erschreckendes. Kein Rauschen in den Blättern, kein Vogelgesang im Holze, kein Kreischen der Wasservögel in dem verborgenen See. Selbst die Frösche hatten heute abend aufgehört zu quaken.
Es ist sehr finster und traurig, sagte Laura, aber wir sind hier ungestörter als anderswo.
Sie sprach gefaßt und schaute mit ruhigem, gedankenvollem Blicke auf die Wildnis von Sand und Nebel hinaus.
Ich versprach, Marianne, dir die Wahrheit über mein eheliches Verhältnis zu sagen, anstatt dich noch länger deinen Mutmaßungen zu überlassen, fuhr sie fort. Es war dies das erste Geheimnis, das ich vor dir hatte, meine Schwester, und ich bin entschlossen, daß es das letzte sei Und glücklich, ihr Herz erleichtern zu können, erzählte sie mir von ihrem unglücklichen Eheleben.
Es war eines Tages in Rom, sagte sie, als wir zusammen nach Cäcilia Metellas Grabe geritten waren. Der Himmel war schön und klar, und die Erinnerung, daß einst die Liebe eines Mannes dies Monument dein Andenken seiner Gattin errichtet hatte, erfüllte mich mit einer bisher nie empfundenen Zärtlichk.it für m einen Mann. „Würdest du mir ein solches Grabmal setzen, Percival?" frug ich ihn, „du pflegtest zu sagen, du liebtest mich, ehe wir verheiratet waren; aber seitdem —" ich konnte nicht sortfahren, Marianne, — er sah mich nicht einmal an! Ich ließ meinen Schleier herab, da ich es für besser hielt, ihn nicht meine Tränen sehen zu lassen. Ich dachte, er habe nicht auf das geachtet, was ich gesagt hatte, aber ich täuschte mich. Er sagte: „Komm, laß uns weiter reiten," und lachte vor sich hin, indem er mir aufs Pferd half. Dann bestieg er sein eigenes und lachte abermals, als wir davonritten. „Falls ich dir ein solches Grabmal setzte," sagte er, „so würde dies mit deinem eigenen Gelbe geschehen. Ich möchte wohl wissen, ob die Cäcilia Metella eine Erbin war und für das ihre bezahlte?" Ich erwiderte nichts — ich weinte zu sehr unter dem Schutze meines Schleiers, um sprechen zu können. Bon diesem Augenblicke an, Marianne, unterdrückte ich nie mehr meine Gedanken an Walter Hartright. Ich ließ die Erinnerung an die glücklichen Tage, wo wir einander im geheimen so innig lieb hatten, wieder in mein Herz'einkehren, um mich zu trösten. Welchen andern Trost hatte ich noch zu erwarten?
Sprich nicht mehr von Walter, sagte ich, o Laura, erspare uns doch beiden den Jammer, jetzt von ihm zu sprechen! Denk doch, wenn dein Mann dich hörte —
Es würde ihn nicht überraschen, unterbrach sie mich; wenn er mich wirklich hörte.
Sie gab diese sonderbare Antwort mit einer matten Ruhe und Kälte.
Ihn nicht überraschen! wiederholte ich. Laura! bedenke, was du sagst — du erschreckst mich!
Es ist die Wahrheit, sagte sie, und eben das, was ich dir erzählen wollte, als wir heute nachmittag in deiner Stube saßen. Mein einziges Geheimnis, als ich ihm in Limmeridge mein Herz öffnete, war ein harmloses, — das sagtest du selbst, Marianne. Der Name war das einzige, was ich ihm verschwieg, und er hat ihn entdeckt. —
Ich hörte sie, aber ich konnte nichts sagen. Ihre letzten Worte hatten die geringe Hoffnung vernichtet, die noch in mir gelebt hatte.
(Fortsetzung folgt.)
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