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Das nette Mädel.
Roman von Fedor von ZobeltiA, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Die Zähne Trautes gruben sich in die Unterlippe. Einen Augenblick schwieg sie, dann antwortete sie in scharfem Tone:
„Du magst recht haben. Hätte Moebius den Vorschlag gemacht, so wäre er ein edler gewesen. Bei Eberstedt wird er zum Zynismus."
Darauf hatte auch Tini nichts mehr zu erwidern. Sie war zu klug, nm nicht ohne weiteres zu begreifen, was Trante meinte. Nur kannte sie Eberstedt besser. An eine Niedrigkeit hatte er gewiß nicht gedacht. Diese Stiftung für uneheliche Kinder sollte einfach ein Handschuhschlag in das salbungsvolle Bürgergesicht der freien Stadt sein • — ein Jagdhieb in die Fratze der Moral. Aber da Tini ihrem geflüchteten Freunde doch einen kleinen Groll nachtrug und keine Lust hatte, seine Verteidigerin zu spielen, so schwieg sie lieber.
Man war nun im Walde. Fichtenwald: hochstämmige Nadelbäume mit riesigen Wipfeln, die ihnen Äehnlichkeit mit Pinien verliehen. Ein Rieseln von Sonnengold flimmerte über den Boden, den -dicke Streu deckte. Aber durch diese tote braune Schicht drängte sich schon überall lebendiges Frühlingsgrün: namentlich Farren zu Häuf und großblättrige Hirschzunge, und sogar der Waldwurz schob hie und da bereits sein orchideenartiges Spargelköpfchen hervor.
Ein Schlängelpfad führte durch den Wald-, der bald seinen Nadelcharakter verlor. Bilchen und Birken gesellten sich zil den Fichten, und als der Boden sich zu senke,: begann und feuchter wurde, verschwanden die deutschen Punen ganz und machten alten Buchen Matz., Nun wurde auch der Untergrund belebter; junge Schößlinge trieben empor, und in einem ganzen Meer von feinrippigen Farren wm- stete da und dort ein blaugrüner Machandelstrauch sich als phantastischer Klumpen ein.
Die löbliche Kurverwaltung hatte es glücklicherweise noch nicht für nötig erachtet, ihre Verschönerungssucht bis hierher auszudehnen. Nur einen Pavillon hatte Graf Hönigswäld für angebracht gehalten, obschon er ein zweckloses Dasein führte. Er stand auf einem felsigen Vorsprung der Talmulde und war aus Holz gebaut und jnfolge- dessen schon ziemlich verfallen. Auch hatten Efeu und Benushaar sich seiner bemächtigt und ihn halbseitig mit grünem Gespinst überzogen, so daß er wenigstens südwärts einen ganz anmutigen Anblick gewährte, während seine nördliche Trümmerhaftigkeit keine Deckung fand. Eine Laune der Natur hatte hier vorjährig eine Quelle entspringen lassen. Das Wässerchen lvar noch innerhalb des
Pavillons zutage getreten und hatte sodann die Holzwand unterwühlt, auch das Holz selbst teilweise zermürbt und durchfressen und floß in feinem klarem Streifen bis zum Abhang des Felsvorsprungs, um nun mit fröhlichem Geplätscher einen Tiefsprung in die Schlucht zu tun. Es rann dann durch die ganze Sohle der Schlucht und verschwand plötzlich unter einer Anhäufung riesiger Steinmassen, zweifellos den letzten Resten einer Endmoräne. Daß das Wasser einen unterirdischen Abfluß haben mußte, war klar, aber zu einer geologischen Untersuchung hatte sich noch niemand Mühe gegeben. Die Schlucht war jedenfalls in hohem Maße romantisch; den geheimnisvollen Bach mit seiner blauen Umkränzung von Vergißmeinnicht und wilden Veilchen und die moosbewachsenen erratischen Blocke fand nlan auf verschiedenen Bildern der Wörreshoopner Maler wieder.
Die Freundinnen hatten sich ein Plätzchen am Nordrande der Schlucht gesucht: unter einer wunderschönen alten Buche, deren mächtiger, mit frischem Grün belaubter Wipfel Schutz gegen die Sonne gewährte. Hier setzten sie sich nieder: Tini ohne Rücksichtnahme auf ihr helles Kleid, während Traute vorsichtig ihr Taschentuch unter sich ausbreitete. Sie bildeten eine hübsche Stasfabe zu der anmutigen Szenerie; zu ihren Häiipten lockte ein Fink und zu ihren Füßen wand sich eine kleine Lazerte durch das Gras, um sich einen sonnigen Fleck zu einem kurzen Fruhlings- trauin zu suchen.
Mit einer gewissen Feierlichkeit nahm Traute den Brief aus Guatemala wieder vor und sprach dabei:
„Mir ist so, als enthielte er eine neue Werbung, Tini. Mein' Herztakt hat nicht mehr den alten Rhythmus. Er schlägt im Daktylus. Mir ist so, als brächte dieser Schreibebrief atwas Unerwartetes. Mir ist so anders als sonst."
„Das ist dir immer bei Beginn großer Situationen," sagte Tini. „Weißt du noch, als wir Max Roeßler erwarteten und statt seiner der Dheaterdiener kam?. uw, Traute, ist der Roeßler denn wirklich seiner prinzipiellen Lämmerhaftigkeit treu geblieben und hat nichts von sich hören lassen?"
Da zuckte Traute zusammen und antwortete: „Ach, Tini, du weißt ja uoch gar nicht . . . Ich habe Romane erlebt, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, ^ch kann iiur nicht alles erzählen. Aber daß es mit Max aus ist, sollst'du wenigstens wissen."^
„Aus?!" ries die Sandratt. „Traute, wahrhaftig ganz aus?!"
„Ganz aus."
Nun küßte Tini die Freundin. „Ich gratuliere von Herzen Das ist eine Nachricht, die mir wohltut wie em Törtchen mit Cremefüllung. Traute sei froh Ein Mann« vor dem man eine so kolossale Achtung haben muß, ist nichts für unsereins,"


