Ausgabe 
19.7.1911
 
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Fürs erste setzten die pflichteifrigen Reorganisatoren täglich drei Stunden Exerzieren ans demSäuwasem" an, degradierten sämtliche Chargen zu dummen Rcl'rnten, legten sogar, zeitweise in edler Selbstverleugnung als ausbildende Korporale ihre hohe Feldherrenwürde ab und fuhrwerkten eine volle Woche hindurch Mit den Jungen, das; ihnen Hören und Sehen verging. Hieran sch!offen sich die Uebungen gegen den markierten Feind, dessen Mannschaften man auf höchst unverfrorene Art dein Korps der Wild- und Vogelscheuchen entnahm, wodurch sich die Zahl der Antimilitaristen um Hannjost, des Dorfes Feldhüter, vermehrte.

Als dieser ehrenwerte Beamte bei der Manöverleitung per­sönlich Einspruch erhob, wurde er von Fritz entsetzlich angehaucht, wohingegen Karlernst, in dem sich der zukünftige Dr. juris regte, den: Beschwerdeführer bedeutete, das; er in vorliegendem Falle nicht kompetent sei, da besagtes Delikt sich keinesfalls als Flur­diebstahl qualifiziere, sondern höchstens als grober Unfug aufzn- fassen sein würde, den zu verfolgen lediglich der Polizeidiener Hanmvillem zuständig sei, außerdem ließe sich über die Vorans- sehungen einer Strafwürdigkeit int Sinne letzteren Vergehens noch sehr streiten, weil seiner - nämlich Karlernst Möllers Ansicht nach ein Dolus nicht als vorliegend zu erachten und überdies kein Mann der Kompagnie von ihm dem Feldhüter Hannjost Mispel in flagranti ertappt worden sei, so daß unzweifelhaft von der Anklagebehörde der ebenso langwierige wie kostspielige Indizienbeweis angestrengt werden müsse, deut er Karlernst als Bevollmächtigter der hier anwesenden Herren mit Ruhe ent­gegen sehen könne. Spruchs, griff nachlässig an die Mutze und wandte sich mit einer schneidigen Kehrtwendung seinen Leuten zu.

Einem solchen Platzregen juristischer Spitzfindigkeit war der etwas einfältige Hannjost nicht gewachsen. Brummend schüttelte er das Haupt und trottete ab.

Wartet nur", murmelte er vor sich hin,ich kriege euch hoch noch einmal, und das eher, wie ihr denkt!"

Inzwischen nahm die angefangene tlebung ihren planmäßigen Fortgang. Das sprungweise Vorgehen klappte ausgezeichnet, auch betreffs der Geschicklichkeit im Anpassen an die natürlichen Deckungen int Gelände war nur Lobenswertes zu sagen, des­gleichen bemühte man sich mit schönem Erfolg in den Schützen­linien Fühlung äit halten. Ein jeder war mit ganzem Herzen bei der Sache. Das zeigte sich recht deutlich bei dein grandiosen .Sturmangriff.

Tät tnttättät tättättät tüt!"

Wie die Wilden nähmen die Knaben den Rest der Anhöhe und verdroschen den bek'lagensiverten Feind dermaßen, daß nur noch ein armseliges Häufchen Lumpen und Anmachholz übrig blieb.

Das alles erkannte Fritz in seiner Schlußkritik rückhaltlos an,nur mehr Ruhe im Glied, sage ich, Ruhe, das ist die un­erläßliche Grundbedingung, das fortwährende elende Gequassel muß unterbleiben, ihr seid doch keine alten Waschweiber, was?!"

Herr Hauptmann gestatten," erlaubte sich Karlernst zu diesem Punkte zn bemerken, daran war ja wohl zum Teil der dämliche Ziviliste von vorhin schuld."

Mögen recht haben, Leutnant, jawohl, dämlicher Ziviliste, gut gesagt, müßte eigentlich entafst werden, ganz gemeiner Kerl, pötz!"

Der alte Grashüpfer soll ja ruhig sein, er ist meinem Baier Noch vom vorigen Jahr her einen Sach voll Korn schuldig," Mischte sich nun der mit den Artikeln des militärischen Anstandes nicht völlig vertraute Sohn des Gemeinderechners ins Gespräch,

Doch Fritz wies den Vorlauten barsch in die ihm gebührenden Schranken zurück.

Das sind Privatsachen, Musketier Herlnänn, das geht uns hier gar nichts an, halten Sie gefälligst Ihren Rand, bis Sie gefragt werden! Verstanden?"

Dann ließ der Hauptmann zum Kreise rechts Und links schwenken, um die Tagesbefehle für den morgigen Sonntag bekannt zu geben. Zunächst beförderte er sich und "Karlernst zu Brigade- generälen, beim cs sollte ein Gefecht im Divisionsverbaud statt­finden, zu welchem Zweck er im Handumdrehen 'je ein Regiments Artillerie, Kavallerie sowie eine Pionier- und Maschinengewehr­abteilung aus der Erde stampfte. Ein großer Tag stand bevor.

Kerls," schloß er seine fulminante Ansprache,es wird zuversichtlich erwartet, daß ihr euere volle Schuldigkeit tut, oder ihr sollt mich von einer Seite kennen "lernen, die hm die"

hier versetzte er seinem imaginären Gaul, "der offenbar Un­ruhig geworden war, ein paar kräftige Sporenstöße "von einer Seite kennen lernen na, werden ja sehen Stillge- standcn! Tretet weg!"

Ja," gelobten sich alle Buben,wir werdens 'schon machen".

Und sie eilten schleunigst nach Haus, denn schon zog der Kuhhirt mit seiner 'brüllenden Herde zu Tal, da wars höchste Zeit zum Abendessen. Die Herren Generäle hatten sich eine Zigarette angezündet und schlenderten in angeregter Unterhaltung hinterdrein.

*

15 Minuten vor 3 Uhr standen, wie befohlen, "am folgenden Nachmittag, tadellos ausgerichtet, die Brigaden in Reih "und Glied. Anzug und Gewehr waren bereits nachgesehen und in bester Ordnung befunden. Nicht ein Knopf fehlte "an Rock und Wams, auch nicht das vorschriftsmäßige Putzzeug in den die Stelle des Tournisters vertretenden Schulranzen, Ausnehmend

fein machten sich auch die als Säbeltroddel an den Seitengewehreni befestigten, mit dicken Ouasten geschmückten, buntfarbigen Trachten- strumpfbänder, die der Garderobe von Schwestern uud"Freundinnest zwangsweise entliehen waren. Tie Kammerunteroffiziere hatten wirklich das Menschenmögliche geleistet.

Dessenungeachtet raste Otto Kleinschmidt, der dienstälteste Offi­zier, in der Hoffnung, vielleicht irgendwo noch einen verborgenen Fehler ans Licht zu ziehen, wie ein 'Besessener die Fronten auf und ab. Dabei imitierte er den Berittenen nicht ohne Geschieh indem, er bei jedem" Sprung die Absätze "mit vernehmbaren Geräusch zusaiuinenschlug.

Achtung," schrie .da einer,sie kommen!" Da bogen die Generäle auch schon im sausenden Galopp um die Ecke. Kaum, daß Otto noch Zeit fand, sein Kommando:Stillgestanden Augen links!" abzugeben.

Morjcn Leute!" rief Fritz leutselig.

Er hatte sich ein Brillenglas als Monokle vors Auge geklemmt Und schnitt, in dem krampfhaften Bestreben, den .Scherben sest- zuhälten, die lächerlichsten Fratzen.

Morgen, Herr General!" schallte es "ihm wie aus einer Kehle entgegen.

Ter General ließ rühren, stieg vom Pferde, d. h. von deut siunkelneuen Piafsavahesen, den er seiner Mutter hinterlistig aus- gedreht hatte, und bat die berittenen Herren Offiziere zu sich. Zum allgemeinen Erstaunen war er über Nacht abermals avanciert Und zwar zum kommandierenden General. Aus taktischen Gründen, wie er erläuternd hinzufügte. Er beabsichtigte nämlich die Leitung des Ganzen zu übernehmen, dahingegen sollten Karlernst Nutz Otto je eine Brigade führen.

Bei dieser Mitteilung stieg in Martes Philipps Brust ein bitterer Groll auf, weil er sich schmählich zurückgesetzt fühlte.. Als Bruder einer erwachsenen Schwester, die durch ihr Ver­hältnis mit einem Sergeanten der 116er seine Familie in enge Beziehungen zum aktiven Heere gebracht hatte, glaubte er, eben­falls höhere Ehren beanspruchen 'zu müssen. Er gab seinem Zorn über die ihm widerfahrene Demütigung auch unverholnenen, Ausdruck. Infolgedessen entstand ein kleiner Wortwechsel, und es war nahe daran, daß der sonst sehr tüchtige Soldat feinest Abschied eingereicht hätte, als der diplomatische Karl noch in letzter Minute vermittelnd einsprang.

Vielleicht", erkundigte er sich bei dem Erbosten,willst du den Oberbefehl über die vereinigte Radfahrer- und Auiomobil- labtcihmg übernehmen?"

Sofort hellte sich Philipps Antlitz" auf und strahlte wieder; vor Vergnügen. Tas war ganz sein Fall. Hastig raunte er der väterlichen Hofraite zu, nm einen geeigneten Kraftwagen für seinen persönlichen Gebrauch zu requirieren.

Also, meine Herren", fuhr S. Exzellenz nach diesem glück­lich erledigten Zwischenfall fort,um von der unserer heutigen Ucbuitg zu Grunde liegenden Idee zu sprechen, ist die Gefechtslage wie folgt: Eine rote Armee Brigade Kleinschmidt hat in der Gegend von Biedenkopf die Bahn überschritten mit dem Auftrag, eine blaue Armee Brigade Möller in ihrer festen Stellung am Kreuzberg anzugreifen und nach Süden zurück­zuschlagen. In ihrem weiteren Vordringen ist sic genötigt, den als tief ins Land einschneidenden Meeresarm gedachten Gänsc- bach zu überschreiten. Beide Gegner verfügen über entsprechende; Hilfskräfte zur See, Geschwader, die, von Osten und Westen einander nähernd, am Nordabhang des Kreuzberges aufeinander­stoßen werden. Die Flotten haben Befehl, den Uebergang der roten Armee zu Unterstützen, hezw. zu verhindern."

Hier unterbrach Fritz seinen Vortrag durch eine Kunstpause, Hirt den Eindruck zu studieren, den fein großartig angelegtes Operahwnsplan auf den Generalstab machen würde.

Das ist alles gut", wandte der im Majorsrang stehende Hamipeiers August ein,aber wo sollen wir denn die Kriegs­schiffe hernehmen?"

Auch dafür ist gesorgt", gab Fritz bereitwilligst Auskunft, ich bitte die Herren Kommandeure mir zu diesem Zweck _un» gefaxt 20 Leute zur Verfügung zn stellen, welche die See­macht repräsentieren werden."

Sogleich ließen Karlernst und Otto biß gewünschte Anzahl seetüchtiger Fahrzeuge vom Stapel lausen "unb vor die Front fteuern.

Die beiden wohlgenährtesten unter ihnen bestimmte der Er­findungsreiche zuDreadnoughts", ferner waren nach Maßgabe ihres Tonnengehaltes vertreten die Linienschiffe:Wittelsbackst, Zähringen",La Moire" undBellone", die gepanzerten Kreuzer Iltis",Beownls",Meteor",Greif",Merrimac",Cour- bet",Bonvet" undChasseur", außerdem vier Torpedoboot« der beschränkte Matineetat gestattet leider nur eine gering« Zahl dieses nützlichen Typs und endlich wurden zwei durch­aus friedlich gesonnene Jungen aus dem Nachbardorf, dre sich zu ihrem Unglück zn weit vorgewagt hatten, kurzer töanb, zum .Seedienst gepreßt und der Kriegsflotte als Frachtdaiiipserstiunes I u. II" trotz ihres lebhaften Protestes beigegeben.

Während die Brigaden Marschkolonne formierten, setzte sich S. Exzellenz an der Spitze des in rechts rangierter Kiellinie aufgestellten Geschwaders in Trab und führte es mit 13,8 Knoten Geschwindigkeit den Gestaden des Gänsebachs zu..

Unten an gelangt entledigten sich die Kriegsschiffe ihrer .Schuhe