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wahre. Immerhin gerade jetzt ist Sparen mehr als je am Platze."

Tn wirst mir keine Vorwürfe machen können, daß ich die Groschen nicht nach Möglichkeit zusammcnhalte"

Tu ich ja auch nicht, Auguste!" Er wurde unge- duldig. Er wollte auch seinen Kautabak haben. Auguste, iich muß ins Geschäft."

Geh uur. Bloß noch eins. Wenn Everstedt seine Karte bei uns abgeben sollte, müssen wir ihn auch mal zum Abend laden oder vielleicht Sonntags zum Frühstück."

Er sah sie an. Dann, nickte er .und schüttelte zugleich den Köpf. Es war eine seltsame Kreisbewegung des Kopfes. Hierauf ging er schleunigst.

Zum Abend oder §11111 Frühstück laden das war noch nicht dagewesen. Herrgott, diese Weiber! In jedem Jahre war einmal die ganze Familie zusammen. Da kamen die Wittstockens mit Friedrich und noch zwei Schwieger­söhne: der eine war Zigarrenhändler, der andere hatte ein kleines Lampengeschäft. 'Manchmal kam auch noch Onkel Hempel, ein kleiner vertrockneter Junggeselle, der früher Kassierer am Zirkits Renz gewesen war und immer noch einen gewissen Stallgernch um sich verbreitete' seltener bie Tante Ballenstedt, die ein Mietsbureau besaß und die man trotz weitläufiger Verwandtschaft als eine Art Erb­tante betrachtete: die einzige der Familie. Bei diesen Abend­essen gab es gewöhnlich einen überbackeuen Schellfisch, den Frau Auguste so herzurichten wußte, als stelle er eine Sole au gratiu dar, und dann folgte unerbittlich ein Gänsebraten. Das Ivußten alle; denn Köhler besaß int Holsteinschen einen Jugendfreund, der Gutsbesitzer war und dessen Haupt- erfolge aiif dein Gebiete des Gänsemästens lagen. An jedem Geburtstage Köhlers trafen zwei feiste Gänse ein, und einen Tag später luurbe die Familie geladen. Das wußten wieder­um' alle und erwarteten es auch gar nicht anders. Nur die Nachspeise wechselte bei den Familienfoupers. Gewöhnlich kam zwar die Geburtstagstorte aus den Tisch, manchmal aber auch ein Flammeri mit Himbeersauce oder ein Pudding mit Chaudean. Dazu ließ Köhler aus der Schlatterscheu .Weinhandlung drei Flaschen Moselblümchen und drei St. Julien holen (wenn Onkel Hempel zugesagt hatte: vier). Das reichte immer; es blieben sogar noch Reste zu einer Weinsuppe für den nächsten Mittag.

lieber diese Familienessen hinaus hatte man sich nur in den seltensten Fällen verstiegen, wie zum Exempel bei der Einsegnung Trautes. Und nun träumte Frau Auguste plötzlich von einem ganz ausgefallenen Souper oder gar von einem Frühstück. Ein Frühstück -- das war schon die Höhe! Vielleicht mit Austern und Kaviar und Schloßab­zügen und einem echten Champagner hinterher . . . Köhler kante erregt au seinem Tabakswürfel, während die Wangen abwechselnd Fällen schlugen. Es war ja ganz verdreht. Wo hatte diese vernünftige Frau ihre Besonnenheit gelassen? Der Name Everstedt hatte sie weiß Gott ganz aus dem Häuschen gebracht. Der Paul Everstedt ach du lieber Gott, dem stand der Sinn nach ganz etwas anderem als nach so einem schlichten kleinen Bürgermädel! Der könnte jede Senatorentochter kriegen, jede einzelne, und die Henny des Oberbürgermeisters, und die gesamten Mädchen von den großen Reedereien, und sogar die älteste Komteß des preu­ßischen Gesandten. Der konnte alle kriegen.

Köhler stieß in seinem Bureau das Fenster auf, um die naphtalingeschwängerte Frühlingsluft hineinzulassen, die Vvm Speicher aus über den Hof wehte. Er war wirklich ein wenig in Erregung. Er ärgerte sich über seine Frau und dann dachte er ivieder au Paul Everstedt. Eigentlich schmeichelte ihm diese Bekanntschaft Trautes eilt bißchen. Auch zur Zeit, als die ganze Stadt über die Tollheiten des jungen Menschen sprach, hatte der Name Everstedt seinen guten Klang behalten. Na, und der Junge sollte ja endlich verständig geworden sein. Köhler entsann sich: mau hatte ihm erzählt, daß Paul Everstedt in Amerika jeden Dollar Unterstützung seitens seines Vaters abgelehnt hätte. Man hatte ihn über das Wasser geschoben, als seine Schulden auch für die Kasse des alten Herrn nicht mehr erschwinglich geworden waren; und drüben hatte Everstedt dann frei­willig die ganze harte Fron eines Verstoßenen durchge­macht und hätte es besser haben können. Aber er wollte nicht; er setzte auch zu seinem eigenen Schaden seinen Dickkops durch. Ei' Torheit; immerhin: sie zeugte von Charakter. Tiefet; snge Mensch hatte seinen eigenen Willen.

Auch Traute sollte heute noch viel au Everstedt denken. Um die Mittagszeit erschien ein Dienstmaun int Köhlerschen Hause. Er brachte ein funkelnagelneues Damenrad, ein großes Bukett Rosen und einen Karton. In dem Karton lag ein entzückender Frühlingshut, bei dessen Anblick Frau Auguste die Hände zusammeitschlug und die Augen aufriß. ©inte scheue Empfehlung," sagte der Dieiistmanu, und reichte Traute einen Brief. Während sie ihn las, wechselte rasch die Farbe in ihrem Gesicht. Röte flog über ihre Wangen, und dann wieder ein blasser Schatten. Auch ein Lächeln kam, das aber etwas Krampsiges hatte: ein ner­vöses Lächeln, das an ihren Mundwinkeln zu zerren schien. Die feinen Brauen, dunkler als ihr Haar, stiegen herab und schoben sich naher aneinander; die Nasenflügel zitterten,

Everstedt schrieb:

Mein sehr verehrtes gnädiges Fräulein!

Die Nachforschungen haben ergeben, daß Ihr meuch­lings entflohener Hut nichts als eine formlose Masse ist. Der Regen hat ihn erweicht, die nasse Erde hat ihm eine unbeschreibliche Farbe gegeben; von einer sogenannten Krempe ist keine Rede 'mehr. Ich glaube, das Hütchen hatte auch ein Band, und irre ich nicht, war es lilien­weiß. Aber das müssen die Kaninchen gefressen haben, denn es ist unauffindbar. Aehnlich Tragisches habe jch von Ihrem Rad zu vermelden. Der Reifcngummi hat sich losgelöst, dasMetall krümmt sich wie ein getretener Regen­wurm; die Bremsvorrichtung örcmst nicht mehr, die Räder haben sich aus regulären Kreisen in flache Ovale verwandelt. Kurzum, es ist kein Fahrrad von gewöhnlicher Art, sondern eine phantastische Abnormität, die man "mir zngeschickt hat. Da ich nun neben den elementaren Geschehnissen einen guten Teil Schuld an der trostlosen Verwüstung Ihres Eigentums trage, so bitte ich Sie herzlichst, den beifolgenden Ersatz gütigst anzunehmen und die Rosen als ein Zeichen meiner ausgezeichneten Verehrung betrachten zu wollen, womit ich verbleibe eines gnädigen Fräuleins gehorsamst ergebener

Paul L. Everstedt." (Fortsetzung folgt.j

Die Schlacht am Gänsebach.

Eine Dorfjungengeschichte von G. Zitze r.

Seit dem Manöver war die Schuljugend rein aus Semi Hänschen. Die beliebtesten Spiele verloren zusehends ihren Reiz, die Gnmmibälle samt den Schlaghölzern trauerten einsam in irgend einem verlassenen Winkel, und der vielbegehrte Klicker, nm den man sich vor kurzem iioch den ganzen Tag gerauft imd in den Haaren gelegen hatte, erlitt einen so rapiden Kurssturz wie nie zuvor.

Dafür klagten die Gartenbesitzer über ausfallend häufige Beschädigung ihrer Lattenzämie und rätselhaftes Verschwindenj der schönsten Bohnenstangen.

Kein Wunder, wo sollte auch die Menge der Seitengewehre und Lanzen Herkommen, mit denen jeder Junge, der einiger-, maßen was auf sich hielt, .stolz bewaffnet einherschritt? Wer! aber über einen richtigen Helm, eine abgelegte Feldmütze oder einen Sabel aus Stahl verfügen tonnte, der durfte des aufrichtigen; Neides seiner Kameraden versichert sein.

Alle Nachmittage rückten die Abteilungen mit Janitscharen- musik zum Felddienst ans. Trommel, Pfeifen, alte Gießkannen und ein ausgedientes Nachtwächterhorn bildeten den Grundstock des Jnstrumenteiikörpers. Und so wäre sicher was Ersprießliches im Soldatenhandwerk geleistet worden, wenn nicht der leidige Hochmutsteufel seinen Unkrautsamen in die Herzen der jugend­lichen Kriegsmänner gesäet hätte.

Jeder zweite Bube wollte nämlich, wenn nicht Hauptmann/ so doch wenigstens Feldwebel oder Unteroffizier sein. Allemal vorm Antreten gabs darum eine gewaltige Zänkerei, bis alles geregelt war. Die Armeerangliste erlebte ungezählte Auslagen.

Ein Glück, daß noch rechtzeitig der Karlernst und der Fritz vom städtischen Realgymnasium zu den großen Herbstferien cin- trafen! Den Spektakel besehen und das Oberkommando an sich reißen, war eins. Willig fügte sich das Kriegsv-olk den Anord- nungen der Beiden, kamen sie doch direkt ans der Garuisonstiadl und mußtcns also wissen. 1

Zn seinem tiefsten Befremden sand Fritz die Einzelausbildung! der Leute schauderhaft vernachlässigt, die Griffe mehr wie mäßig/ den Anzug unordentlich und überhaupt

Jawohl, eine total verlotterte Gesellschaft", fiel ihm Karl- ernst hier in die Rede,das kann unmöglich so weiter gehens das muß anders werden!"

Und sie beschlossen, mit eisernem Besen aufzukehren, KM das rückständige Heer auf eine der Neuzeit .angemessene Höhe der Ausbildung zu bringen.