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Laukhards „Eulerkapper".
Friedrich Christian Lank Hard, Theolog, Schulmeister, Soldat, zuletzt Privatlehrer, ist eine der merkwürdigsten literarischen Erscheinungen des 18. Jahrhunderts. Auf der einen Seite in seiner Bedeutung überschätzt, auf der andern mehr als billig verdammt, gehört er doch zu den Schriftstellern, deren Werke wir als Quelle für die Kultur- und Sittengeschichte seiner Zeit nicht missenquöchten. Ein Genuß ist die Lektüre Laukhards nicht. Er schildert fast ausschließlich die Nachtseiten des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens, und auch der Vorwurf ist berechtigt, daß er mit einem gewissen Behagen bei der unverhüllten Darstellung widerlicher Szenen den Ausdruck dem Stoff anpaßt. Inwieweit Laukhard übertreibt, läßt sich heute nur schwer feststellen. Daß er es — und zwar ziemlich kräftig — tut, ist zweifellos. Schon die gerügte Einseitigkeit, der gänzliche Mangel an Objektivität trotz aller unverkennbaren Wahrheitsliebe, machen den Eindruck der Uebcrtreibung, eben weil die Gegenüberstellung mit den anderen edleren Erscheinungen des Lebens fehlt.
Für Gießen hat Laukhard besondere Bedeutung erlangt, aber Stadt und Universität brauchen ihm für den Ruf, den er ihnen verschafft hat, nicht gerade dankbar zu sein. Von seinen Werken sind es vornehmlich drei, die hierbei in Betracht kommen; der erste Band seiner Autobiographie, die „Annalen der Universität Schilda'^ und der „Eulerkapper". Von dieser ketzeren 1804 erschienenen Schrift hat die I. Rickersche Verlagsbuchhandlung im Jahre 1889 einen Faksimiledruck herausgegeben, dem sie jetzt einen zweiten Neudruck folgen läßt.*)
Der Schauplatz der tragikomischen Geschichte mit Ans- nähme weniger Kapitel ist Gießen und seine nächste Umgebung. Eine große Zahl lokaler Bezeichnungen und Personennamen sind der Stadt entnommen. Auch der „Held" mag wirklich gelebt haben, wie überhaupt die enge Anlehnung an tatsächliche Vorkommnisse und Verhältnisse unverkennbar ist. lieber diese örtlich begrenzte Bedeutung hinaus gewinnt das Büchlein großes Interesse für die Geschichte akademischen und bürgerlichen Lebens und Treibens auch anderer Hochschulen. Denn die Zustände, die Laukhard schildert, waren ohne Zweifel auf allen Universitäten in bald schwächerem, bald stärkerem Grade vorhanden.
Das Studentenleben ist gegenwärtig in einer Umbildung begriffen. Die rohen Sitten früherer Jahrhunderte wirken in schwachen Reflexen noch in unsere Zeit hinein, aber der Prozeß ihrer endgültigen Ausschaltung hat begonnen. Da mag es besonders interessant und heilsam sein, eine längst zurückliegende Stufe der Entwicklung an einer Quellenschrift in nackter, ungeschminkter Darstellung kennen zu lernen. Deshalb begrüßen wir den Neudruck, der vom Verlag hübsch ausgestattet ist und bei dem billigen Preise gewiß viele Liebhaber finden wird.
Vermachtes.
* Unter iretchen Umständen ist Lungenentzün- düng besonders zu fürchten? Ein in guter Weingegend am Rhen, ansässiger Arzt hat sich dahin ausgesprochen, daß er sich un Lause der Zeit habe daran gewöhnen müssen, die Lungenent- zundung auch bei jungen, scheinbar kräftigen Männern meist ungünstig verlaufen zu sehen. Sonst siiid die Aiissichten auf Genesung von Lungenentzündung bei jungen Leuteii mit gesunden, Herz weift gnnfttfi. Bei den an regelmäßigen Weingenuß gewöhnten Rheiu- Miiderii tauscht eben das oft so blühende ällßere Aussehen. Das Herz und die Gesäße haben gelitten und verniögen den erhöhten Anforderungen der Krankheit nicht stand z>! halten. Stach Feststel- luiigen an der Kieler Universitätsklinik iviesen die Triiiker gegenüber den andern eine aiisfallend viel höhere Sterblichkeit an Lunqen- entziindung aus: im Alter von 41—50 Jahren etwa doppelt soviel, rr-.—v--—.
n. - > Eulerkappers Leben und Leiden. Eine tragisch-komische Geschichte von Fnedr. Ehr. Laukhard. Nach der Ausgabe von 1804 zum zweiten Male neugedruckt. Alfred Töpelmann (vorm. I. Rickers Verlag) Gießen 1911: 8° 116 S.
i. A. von 51—60 Jahren das 3fache, i. A. von 31—40$. das 4fach« und iui A. von 20—30 I. gar fast das lvfache.
* Eine eigenartige Flucht. Vor kurzem ivurde in einem Untersuchungsgefängnis in Moskau die Flucht eines Arrestanten entdeckt, die ziinächst völlig rätselhaft erschien. Der Entstohene war der 20jährige Iwan Woinow, der wegen verschiedener Verbrechen angeklagt war, u. a. wegen der Mitwirkung bei der Beraubung eines Zuges auf der Station Pawlowskoje. Die Untersuchung der Zelle des Flüchtigen hatte kein Ergebnis. Das Türschloß und das Fenstergitter waren in Ordnung, der Fußboden weder untergraben, noch aufgebrochen. Auch während des Spazierganges im GesäugniZhof waren keinerlei Zwischenfälle vorgekommen, die möglicherweise den Zweck gehabt hätten, die Aufmerksamkeit der Wächter abzulenken. Wie sich aber später herausstellte, hatte der Flüchtling gerade den Spaziergang zu seiner Flucht benutzt. Es gelang ihm, unbemerkt in die im Geiängnishof befindliche Kapelle zu gelangen, in der die Leiche eines Arrestanten auigebahrt ivar. Die Kapelle hatte nur einen Ausgang, man konnte sie also nur durch dieselbe Tür verlassen, durch die man hiueingekommen war. Woinow versteckte sich nun zunächst hinter dem Sarg und wartete, bis der Spaziergang, beendet war und der Hof sich leerte. Darauf kroch er in den Sarg, legte sich auf den Toten und deckte sich mit dem Leichentuch zu. Unbeweglich, nut verhaltenem Atem, lag er so den ganzen Tag, in der steten Furcht, entdeckt zu werden. Er hörte Leute kommen und gehen, hörte sie über seine Flucht reden, bis endlich alles ruhig wurde. Nachts kletterte er daun hinaus, nachdem er gegen zehn Stunden mit dem Toten zugebracht hatte, kroch auf alten Vieren über den Hof und schwang sich über die Mauer. Lange war ihm allerdings die Freiheit nicht beschieden, denn ehe noch vierundzwanzig Stunde:, vergangen waren, wurde er entdeckt und im Augenblick, als er eine Schenke betreten wollte, verhaftet.
* W i e die Ladung von Schiffen gewogen wird. Bis vor kurzem gab es nur ein Mittel, die Ladung schwimmender Fahrzeuge zu wägen: sie mußten einzeln, Stück für Stuck, außerhalb des Schiffes abgewogen werden. Der italienische Ingenieur Emilio de L o r e n z i hat nun eilte Vorrichtung ersonnen, mit deren Hilfe man die Ladung wägen kann, wenn sie im schwimmenden Schifte ist. Das ist besonders bequem, wenn es sich um einheitliche Ladung, etwa Kohlen, handelt, lieber die Arbeitsweise dieser Erfindung, die Lorenzi „Porhydrometer" getauft hat, macht die „Nature" jetzt genauere Mitteilungen. Der Porhydrometer beruht im wesentlichen auf dem ersten Teile des Gesetzes, das die Physiker als „archimedisches Prinzip" bezeichnen: ein Körper, der in eine Flüssigkeit getaucht wird, verliert so viel von seinem Gewicht, wie die verdrängte Flüssigkeit wiegt. Der eingetauchte Körper ist bei der Wägung von Schiffsladungen zunächst das unbelastete, bann das belastete Schiff, aber nicht an diesem selbst wird die Wägung vorgenommen, sondern an einen, ganz kleinen Schwimmkörper, der in das Schiff eingebaut ist, und alles, was für das Schiff selbst gilt, im verkleinerten Maßstabe zeigt. Von der Brücke aus geht senkrecht abwärts bis zum Kiel ein hohler Zylinder, der am unteren Ende durch eine ganz enge Röhre mit dem Meerwasser verbunden ist. Natürlich erreicht der Wasserstaud in diesen. Hohlraume, der oben offen ist, die gleiche Höhe, wie außen am Schiffe. In den, Zylinder schwimmt im Wasser ein besonders geformter Schwimmkörper, der genau so geformt ist, daß seine Eintauchung der des Schiffes entspricht. Je nach der Tiefe feiner Eintauchung kann man an einer Skala, die einer Brückenwage ähnelt, unmittelbar ablesen, wie groß die Belastung des Schiffes ist.
* $ a I f ff) aufgefaßt. Richter (zu einem in einer Körper-, Verletzungssache geladenen Zeugen): „Was hat der Angeklagte zu Ihnen gesagt?" — Zeuge: >,Er schlägt mir das Dach diu." — Richter: „Sind Sie Hausbesitzer?"
SitatenrätfeL
Aus jedem der folgenden Zitate ist ein Wort zu nehmen, so daß sich ein neues Zitat ergibt:
1. Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräff; von Krieg und Kriegsgeschrei.
2. Jeder freut sich seiner Stelle, Bietet den, Verächter Trutz.
3. In großes Unglück lernt ein edles Herz siff) endlich finden, .....
4. Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist Unsinn;
Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen.
5. Du hast Diamanten und Perlen, Hast alles, was Menschenbegehr!
6. Dachtet ihr, der Löwe schliefe, weit er nicht brüllte?
7. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.
8. War es immer wie jetzt ? Ich kann das Geschlecht nicht begreifen, Nur das Alter ,st jung, ach! und die Jugend ist alt.
Auslösung in nächster Nummer.
, Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer r r,ppm — Heine - Ille — Linie - Inn — Philipp - rillen - Ili - Nil - Eße - Niel;
Philippinen.
Kebaftion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und SteindruckerH, R. Lang«. SieK


