Ausgabe 
19.6.1911
 
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er warf ein paar Kameraden, die da lachten, wütende Klicke zu, er wischte sich mit dem Deich! den Münd, er stammelte etwas. Tie Heiterkeit nahm zu. Und als er plötzlich in seiner Angst und Redenot einJawohl!" rief, klang schallendes .Gelächter.

Das löste ihm jäh die Zunge, er richtete sich auf, und wie aus der Pistole geschossen kamen die Worte, mit denen er nun seine Rede schloß:

Meine Herren, es ist das erste Mal, daß ich rede. Es ist nicht so leicht, Sie können es niir glauben. Ich wünsche Ihnen bloß, daß Sie hier ständen und für mich reden müßten. Man kann doch mal eine Pause machen. Ich Wollte nämlich nur ausdrücken, daß wir alle, alle Herrn Oberst lieben und verehren, daß wir für ihn durchs Feuer gehen, und daß wir glücklich sind, daß er feilt Glück ge­funden hat. Ich soll von uns jungen Dachsen ich kann nur für die allerjüngsten reden von uns jungen Dachsen, von denen ich allein die Mre habe, vertreten zu sein, sagen, daß- iuir der gnädigen Frau Glück und Segen wün- schen, daß wir sie, wenn sie ins Regiment kommt, bewill- lommnen werden wie' eine Königin. Daß wir sie bitten, nein, daß wir überzeugt sind, daß wir wissen, sie wird unseren geliebten Kommandeur glücklich machen. Denn wir alle haben gesehen, >vie glücklich der Herr Oberst ist. Ich bitte Eure Exzellenz und meine Damen und Herren, mir als Jüngstem erlauben zu wollen, noch einmal zu trinken, wie cs jetzt zur gleichen Zeit drüben bei Tisch im Kasino alle tun werden, zu trinken auf das Wohl der Frau Ge­mahlin unseres Herrn Oberst!

Er sprach immer lachender und fröhlicher. Er strahlte übers ganze Gesicht. Er war glücklich, seine Rede beendigt haben. Nun hob er sein Glas und nahm die Absätze zusammen, daß die Sporen klirrten.

Ich aber winkte ihn heran, stieß mit ihm an und sagte zu Herzeloiden:

Siehst du, wie du ausgenommen wirst?

Dann gab ich ihm fest die Hand, und meine junge Frau reichte sie ihm auch. Aufrecht mit seiner schmalen, zwanzigjährigen Gestalt, stolz, feuerrot schritt der junge Offizier davon, als hätte er einen Sieg erfochten.

Der Kommandierende aber sagte über den Tisch mir:

Das ist ein ganzer Kerl! Wie hieß er doch? Den werde ich mir merken.

Eine Viertelstunde darauf saß Herzeloide in der Droschke, neben mir, im einfachen, grauen Reisekleid. Knapp und eng, moderner und hübscher als alles, was sie bisher ge­tragen hatte, denn nun war sie Frau und durfte auf ihr Aeußeres etwas geben. Und mir war es, wie ich sie so anders angezogen sah, als erkenne ich sie nicht, als wäre die Jugend zu ihr zurückgekehrt. Ganz beschämt habe ich, während wir zum Bahnhof fuhren, ihr gesagt, mit einem Kuß auf ihre kleine, nun mir gehörende Hand:

Du bist viel zu jung für mich, Herzeloide, *

Nur fei» Zwang, wenn der Dienst zn Ende war, so hatte ich immer gedacht, und wie ich einst Herzeloiden mit ihrer Mutter getroffen, damals in München, und ich hatte ein Billett weiter, viel weiter und nutzte es nicht aus, so war es auch immer noch geblieben. Ein Plan durfte zur Reise nicht gemacht werden. Wir fuhren nach München, ich wollte dort wieder auf der Maximiliansallee gehen, wo ich sie einst getroffen, wo ich zum Himmel anfgcblickt, per sich in seiner ruhigen Sternenpracht über uns wölbte, und ein paar Worte gesprochen hatte, die beinahe mich der Lieben genähert.

Ich wollte int Cafe Luitpold sitzen und an die Zeit vor langen, langen Jahren zurückdenken, als lvir uns hier mit jener großen Gesellschaft getroffen.

/ Auf der Fahrt nach München hielten wir uns die Hande.

Ich muß dich fühlen, sagte Herzeloide.

., Dann sprachen wir und sprachen und wurden des Redens nicht müde. Sie fragte:

Wo fahren lvir hin?

Ich lachte:

Von München ab wohin lvir wvllen, bis dahin reichen nür unsere Fahrkarten.

Da sah sie mich an:

t- Ich habe eine Bitte, Fritz.

Ich streckte die Hand aus wie ein König, der angegangen wird um eine Gnade:

Sie sei gewährt.

Aber sie sprach in gedämpftem Ton, daß ich fühlte, es! soll etwas Besonderes fein:

Laß uns nach Meran gehen.

i Nach Meran--.

i Du weißt warum.

Einen Augenblick nur zögerte ich, dann nahm ich mein Weib in die Arme und küßte sie für die Zartheit, die in der Bitte lag.

In Meran sind wir als erstes Marias Grab ge- gangen.

Es war ein heißer Septembertag, windstill, und wir mußten langsam schreiten. Die Passer rauschte neben uns! während des ganzen Weges. In der Ferne zeichneten sich aus den Wiesen die weißen Mauern des Friedhofes ab!

Wir traten ein und blieben vor dem Grabe stehen. Hoch! war alles gewachsen. Jahr um Jahr waren die Triebe emporgeschossen. Die Zypressen standen dünkel vor der hellen Mauer mit ihrem schweren, tiefen Grün. Blumen blühten still und breit auf der kleinen Gruft, die Umfriedi­gung ganz überwuchernd.

Dann griff, wie unsere Augen auf die Schrift sielen/ Herzeloide nach meiner Hand:

Du hast sie sehr lieb gehabt?

Ich sagte:

: Sehr, sehr lieb.

Sie schwieg und langsam fügte ich hinzu:

So wie dich, Herzeloide.

Wir riefen den Friedhofswächter. Herzeloide gab ihm etwas, das Grab gut zu vflegen, und dann schritten wiv langsam wieder aus dem Ort des Todes hinaus.

Ein leiser Abendwind hatte sich aufgemacht. Wir waren lange auf dem Friedhof gewesen. Die Sonne versank hinter dem Marlinger Berg, es säuselte von den hohen Bäumen an der Passer, von den Wiesen klang das Zirpen der Grillen.

Ein paar Schmetterlinge taumelten umher. Wir nah­men den Pfad' durch das Grün zwischen Obstbaumreihen hindurch, und überall hing die schwere süße Last von den Zweigen, sie niederziehend fast bis an den Boden.

Wir schwiegen bett ganzen Weg. Das !var mir so lieb au ihr sie konnte schweigen. Ist es nicht eine köstliche! Kunst, nicht immer reden und reden zu müssen? Zwei Menschen wissen, daß sie sich angehörcit, untrennbar, nun­mehr auf ewig. Sie wissen, daß Blicke sprechen, daß ein Händedruck genügt, daß sie nicht mehr voneinander brauchen. Daß der andere lebt und da ist, neben ihm geht. Wozu bnj Worte?

Herzeloide schwieg. Sie war mein, mein eigen wie sie gesagt. Der Friede war über mich gekommen, das! Glück zu zweien mit einem lieben Weib, dem man gehört bis zum letzten Atemzuge.

Friede, nach dem ungestümen Sein der langen Jahre. Köstliche Stille, Ruhe, Einsamkeit zu zweien. Ich wußte/ daß ich keinen Menschen würde haben wollen als sie allein. Ich fühlte: wochenlang braucht niemand mit mir zu sprechen, sie ist mir genug.

lind cs war, als erriete sie meine Gedanken. Wenn ich das Bedürfnis empfand, still zu sein, schwieg sie wie von selbst. Und zuckte in mir der Wunsch auf, sie etwas zu fragen, so wandte sie sich int gleichen Antriebe zu mir, und von ihr kam die Frage, die ich eben auf den Lippen gehabt hatte. Die Worte nicht, aber deren Jdeenkrcis, das Gebiet, in dem meine Gedanken geweilt. So sagte ich jetzt zu ihr:

Herzeloide, wie kommt cs, daß du das denkst, was ich denke?

Sie lachte nur:

Ich kenne dich so lange.

Und wie kommt es, daß du das sagst, was ich denke?

Sie blicb stehen:

* Weil ich dich lieb habe.

Ich fragte mit einem Lächeln:

Hast du mich wirklich so lieb?

Da öffnete sie ihre Seele und redete mit beflügeltes Zunge, wie sie im scheuen Wesen des Mädchens noch nie mir gesprochen hatte:

Weißt die Stelle der Schrift, da Ruth sagt: Mein Weg ist dein Weg? Nun, du Lieber: wo du hingehst, dq