tzerzeloMe.
M»man von Georg Freiherr» von O m p t e b a.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Bald' saßen wir alle zusammen. Die ganze Gesellschaft war in der Oper gewesen and wollte nur noch, ehe man in die verschiedenen Hotels ging, eine Kleinigkeit genießen. Wer die Bekannten von Leristows waren, ist mir entfallen, nur eines jungen Mädchens entsinne ich mich, neben das ich zu sitzen kam, während Herzeloide mir gegenüber blieb. Das Mädchen ließ mich fast Bedauern empfinden, daß meine Einsamkeit unterbrochen worden, denn es schwatzte unaufhörlich. Sie schien es geradezu als ihre Pflicht zu betrachten, mich nicht einen Augenblick zur btuhe kommen zu lassen. Das klapperte wie ein Mühlenrad: „München wäre schön, sie könne kein Bier vertragen, aber sie tränke es doch, und in ihrem Hotel wären sie sehr gut uutergebracht, aber die Glyptothek hätte sie sich gespart, wenn auch LenbachsAtelier interessant wäre, nur der schroffe Temperatniluechsel, den hätten sie übrigens in Breslau auch, aber die Winde aus Rußlauo dazu, immerhin, gedünstete Leber esse sie gern, auch einen dänischen Onkel besäße sie, obwohl er eigentlich gar kein Däne wäre, denn er lebe in Paris. — Nicht wahr, das ist eilte Stadt! Aber dazu muß man verheiratet sein oder Amerikanerin, oder sehr viel Geld haben. Mögen Sie Uhde? Voriges Jahr waren wir in Zermatt. Wir reifen Nämlich jedes Jahr, nur einmal hatte Mama die Masern."
So ging es ununterbrochen. Ich dachte: hat die einen Klaps? Ein paar Mal versuchte ich zu widerlegen — nn- möglich, sie war, während ich noch sprach, bei Chopin, und als ich da hinüberglitt bei hausschlachtener Wurst. Schließlich begnügte ich mich zuzustimmen, doch auch das ging nicht, denn sie -begann mir sofort zu widersprechen. Nur widerlegte sie Dinge, die ich nie behauptet hatte.
Nach einer halben Stunde war ich vollkommen mürbe. Wenn sie behauptet hätte, ich wäre eine junge Dame und sie selbst mein Wachtmeister, ich würde sofort zugestimmt haben. Ich wagte gar keine Antwort mehr. Ich nickte, trank ab und zu und hatte nur den einen Wunsch: „Zahlen! Zahlen!" Mein Blick irrte hilfesuchend im Kreise, ob denn die Herrschaften noch nicht an Aufbruch dächten, aber es schien nicht so. Da streifte mein Auge Herzeloide. Ich wollte über sie fortgleiten, doch sie sah mich mit solchem Ausdruck an, daß ich in ihrem Gesicht zu lesen begann. Und ich las ein: „Ach, Sie Armer, wie bedaure ich Sie!", ein solches warmes Mitgefühl, ja säst eine Angst nm mich, als litte ich fürchterlich, als schnitten ihr meine Qualen in die Seele.
Da ward jäh die Brücke zwischen uns geschlagen. Wir hatten etwas Gemeinsames. Während meine Nachbarin iveiterschlMtzte^ blickte ich Muäber Herzeloide, Md wir
verstanden uns. Das Mitleid, das ich drüben fand, ließ mich alle Redenot vergessen. Ich betrachtete mich nicht mehr als den Angegriffenen, den Ueberschwemmten, der in all dem Wortschwall elend zu ertrinken drohte, sondern das! redselige Jüngferlein begann alle Schrecken zu verlieren. Ja, ich mußte mich überwinden, nicht zu lachen. Ich Horts gar nicht mehr zu, sondern blickte immer zu Herzeloide hinüber, und während ich meiner Nachbarin ein ernst-erstauntes. Gesicht machte, das bei allen ihren fabelhaften Gedankens sprünqen zu sagen schien: „Ach nee!", lachte Meine Seels laut auf über dieses putzige, schwabbelnde Menschenkind an meiner Seite und Pflog Zwiesprache mit dem stummen Wesen, dessen blaue Angen mir Drost zusprachen: „Geduld, Geduld, die Nacht bricht ein, da niemand wirken kann, auch diese Zunge wird müde, auch diese Kinnbacken werden schlaff, Geduld, Geduld, alles Leid — selbst die Geschwätzig- fett endet hienieden!"
Sie endete. Man brach aus. Draußen vor dem Cafe wurde Abschied genommen, nur Leristows und ich hatten den gleichen Weg. Ich erinnere mich noch, daß einer der Herren in bezug auf meine Elster mich ganz begeistert! fragte: „Nun sagen Sie mal, ist das nicht ein gescheites Mädchen?" Ich aber sandte in meiner Herzensangst und' Not, indem mir bei dem Gedanken ganz warm ward, ein solcher Abend wie heute tonnte sich wiederholen, ein Stoß-, gebetlein zum Himmel, das etwa geläutet haben mag! „Lieber Gott, laß deine Gnade unverdient leuchten übet mir Armen und nimm meine Nachbarin zu dir, oder so du nicht willst, lasse sie mir nie wieder auf deiner Erde be-, gegnen!" _
Der Abend war frisch, Ivie meist auch im Sommer in! München, die Lust herb, eins Erquickung nach dem einge- schlosssnen Raume, dem Rauch und dem Geschwätze Ich schritt zwischen Mutter und Tochter. Sie schwiegen beide. Dis ältere Dame war müde vom Tage, Herzeloide aber schien zu empfinden, was mir fehlte: Stille. Wir sprachen kein Wort miteinander und haben uns doch unterhalten. Wir blickten uns nur ab und zu an, aber darin lag Frage und Antwort. „Nicht wahr, ich soll nicht sprechen?" schien ihr Ange zu sageu, und meines gab die Entgegnung: „Dank sür Ihr Zartgefühl!"
Unsere Schritte hallten in dem schweigenden Abends auf den Steinplatten des Bürgersteiges. Sonst war es ganz still, kein Wagen führ, nur ans der Ferne klang einmal ein Geräusch des Lebens zu uns, ans der Weite des Platzes her überkommend. Wir gingen an den Häusern hm. Drüben int grünen Dunkel der Anlagen ahnte man hier und da ans .einer Bank ein Paar. Zwei und zwei sähe,! wch menschliche Schatten stehen, aber alle Schatten waren stumm. Sie hielten sich nur bei der Hand und verstanden sich so,, auch ohne daß die Lippen sich bewegten, wie wir uns veri standen, die wir im Sternenlichts gingen. —,
Sterne waren am ganzen schwarzen Himmel entzünde^
wohin in dem langen Spalt zwischM HächeM Md Mnmeq


