— 43 —
Neugierde intb’ ein Unbegrenztes Verlangen nach kindischem' Besitz, das der Knabe mit wachsenden Jahren bald auf diese, bald auf jene Weise, wie es die Kräfte seines kleinen Beutels erlauben wollten, zu befriedigen suchte. Zugleich aber bildete sich die Vorstellung von dem, was die Welt alles hervor bringt, was sie bedarf, und was dieBewohuerihrerverschiedeueuTeilegegen einander answechseln."
Der letzte Satz deutet au, wie hoch die Bedeutung der Messen im G es ch ä fts leb en der Zeit anzusetzen ist. Wie heute wohl einzelne Geschäftszweige im Jahre eine bestimmte Zeit besonders lebhaften Verkehrs haben, so bildeten damals die beiden Messen die Brennpunkte auf allen Gebieten des Handels und Wandels. In der Hauptsache kaufte und verkaufte man int Jahre nur zweimal, jedesmal für ein halbes Jahr. Dazu hatten die Messen einen solch universalen Charakter, was die zum Verkauf gestellten Erzeugnisse der Natur und Kultur antaugt, daß sie an keiner heutigen Einrichtung des Handels ihresgleichen haben. In manchem Betracht lassest sich ihnen heute die großen gewerblichen Ausstellungen zur Seite stelleir. Mau bekommt einen Ueberblick über den Umfang und die Leistungsfähigkeit der technischen Und gewerblichen Kultur. Während aber die, Ausstellungen gleichsam nur eine Mustersammlung bieten, breitete die Wesse sogleich die Produkte selbst vor dem Käufer aus. Dabei war die Messe nicht nur Waren-, sondern ein ebenso bedeutender Geldmarkt. Oster- und Herbstmesse zu Frankfurt waren die üblichen die Fälligkeits- und Erfüllungsterntine bei Geldgeschäften für die Stadt selbst und ihre Umgebung im weitesten Sinn. Reste dieses Brauches haben sieh bis heute erhalten. Meine letzte Schuhmacherrcchuung z. B. ist datiert „Frankfurter Ostermesse 1910."
Die Herbstmesse 1 745 erhielt ein besonderes, festliches Gepräge dadurch, daß zur selben Zeit die Kaiser- kronung Franz I. stattsand. Goethe sagt von ihr: „War die Krönung Franz des Ersten nicht so auffallend prächtig wie jene (die Karls VII.), so wurde sie doch durch die Gegenwart der Kaiserin Maria Theresia verherrlicht, deren Schönheit ebenso einen großen Eindruck auf die Männer scheint gemacht zu haben als die ernste, würdige Gestalt und die blauen Augen Karls des Siebenten auf die Frauen. Wenigstens wetteiferten beide Geschlechter, dem aufhorchenden Knaben (Goethe) einen höchst vorteilhaften Begriff von jenen beiden Personen beizubringen." -
Von dem Treiben in der alten Reichsstadt während dieser Wochen läßt sich in einem kleinen Ausschnitt bei einiger Phantasiearbeit ein ziemlich deutlich umrissenes Bild geivinnen aus 'den nüchternen Zahlen einer mir vorliegenden Meßrechnung aus dem Fürstlichen Archiv zu Gedern. Sie ist geführt von dem „Hofmeister" des Fürsten Friedrich Karl zu Stolberg-Gedern, Christian Ernst von Berkfeld, und umfaßt die Zeit vom 18.< September bis 28. Oktober.
Stellt tunn Vergleiche an zwischen den im folgenden angeführten Preisen für die einzelnen Waren und Arbeitsleistungen mit den heutigen, so ergibt sich int ganzen, daß der Geldwert e'in vielfach höherer war'als heute. Hausfrauen werden mit Wehmut lesen, wie „billig" damals alles war. Diese Billigkeit ist indessen durchweg nur eine scheinbare. Man brauchte beim Kauf weniger an Geld auszugeben als heute, nahm aber auch beim Verkauf oder für seine Arbeit weniger ein. Die anscheinende Billigkeit ist nur der Ausdruck des höheren Wertes des Tauschmittels, des Geldes. Ehe einzelne Posten der „Ausgabe" angeführt werden, sei zum Verständnis einiges über das Wertverhältnis der üblichen Geldsorten vorausgeschickt.
Gemeiniglich wird gerechnet mit Gulden, abgekürzt „sl." florinum; Albus — „alb." und Kreuzer — „Kr.". Auf eilten Gulden gehen 30 alb. oder 60 Kr. Seltener lautet ein Posten aus „Kopfstücke", deren drei auf einen Gulden gerechnet werden. Ein „Batzen" ist gleich 2 alb. oder 4 Kr. Größere Summen, namentlich auf Wechseln und dergl. werden meist in Reichstalern angegeben; ein Taler ist gleich anderthalb fl. Beim Pferdekauf ist üblich die Karoline, gleich 9 fk. 10 alb. Ein Dukaten ist 4 fl. 9 alb. wert.
Für den Vergleich mit unserem heutigen Geld sei bemerkt, daß bei Einführung der Reichswährung 1 fl. .= 1,70 Mk. gerechnet wurde.
Der erste Posten der Ausgaben lautet: „Den 18. Sept, vor 4 Pferde von Wauberg, welche mich von da nach Frank
furt gefahren, weilen keine Pferde zur Frohnde zu bekom- 111 en waren, 1—- 8 sl." Bis Glauberg, einem Stolbergd- schen Dorf in der Wetterau, waren jedenfalls eigene Pferde aus Gedern benutzt worden. Die Gemeinde hatte offenbar die Verpflichtung, die Bespannung für das herrschaftliche Fuhrwerk zu stellen. T<r aber keine Pferde auszutreiben waren, mußte Bezahlung eintreten. Als „Trinkgeld denen Leuten, ivelche gefahren", werden 12 alb. verrechnet. „Verzehrt unterwegs bis Frankfurt 15 alb. —i Sperrgeld des Abends in Frankfurt vor die Chaise mit 4 Pferden 16 alb." Der Hofmeister stieg ab int „schwarzen Bock", siedelte aber bald nach einem für den Fürsten samt Gefolge und Dienerschaft für die Dauer des Frankfurter Aufenthaltes gemieteten Hause, dessen Besitzer Petsch hieß, über. „Vor meine Bagage aus dem schwarzen Bock üt das neue Quartier zu bringen" werden am 20. Sept. 6 alb. verrechnet. Mit Philipp Jakob Petsch war ein Vertag geschlossen worden, nach dem er „alle in dem Haus; befindlichen Zimmer, mit nöthigen meubles versehen, überläßt, daß selbige so wohl von gnädigster Herrschaft als dero- selbeit suite bewohnt werden können.....Weiter gibt
H. Petsch einen Stall vor 10 Pferde, .... wird der im alten Haus befindliche Schuppen eingeräumt, um die Chaisen darinnen zu stellen. ... In zwei herrschaftliche Betten werden von Gedern die erforderliche Betten und Bettzeug mitgebracht, nicht weniger sind die Leuchter, Lavoirs, Thee- machinen gleichfalls von gnädigster Herrschaft anzuschaffen, so viel vor höchst dieselben nötig ist, das übrige hingegen lieffert H. Petsch. . . . Bor dieses vorbeschriebene Quartier samt meubles zahlen Jhro Hochfürstl. Durchlaucht vor zwei) Monat Acht Hundert Gulden. ... Da auch H. Petsch übernommen, gn. Herrschaft zu eßen zu geben, und des Mittags Sechs wohlappretirte Speißen samt einem desert, des Abends aber nur vier Schüßeln (Gänge) zu geben, so wird dafür vor jede Persohn des Mittags Ein Gulden und zehn Kr., des Abends aber vierzig Kr. gerechnet; hingegen fournieren (stellen) gn. Herrschaft das silberne serviee und Tischzeug. Würden zuweilen ein großes trac- tement (Essen mit Einladungen) und mehr als das ordentliche vorbeschriebene erfordert, soll solches der Billigkeit gemäß weiter bezahlet und aeeordieret werden."
Außer dem Fürsten waren in Frankfurt, zum Teil nur vorübergehend, die Fürstin, ein Prinz und eine Prinzessin, Außerdem ein Edelsräulein, von Krafft, und ein Page, „Dem Pernquenmacher vor eine Woche den Pagen zu aeeom- modieven — 1 fl. 10 alb." kommt mehrmals in der Rech- nnng vor. Die Bedienung bestand aus sieben männlichen Personen und zwei Mägden. „Sieben Laqueien und vier Leuthen aus dem Stall (Kutscher und Pserdeburschen) Kost;- gelb vor 2 Tage 11 fl." und so mehrmals, jedes Mal 5y2 ff. für den Tag, wird öfters angeführt. Ebenso „denen behden Mägden Kostgeld" 20 Kr. täglich. Ferner kommt „für den Soldaten Peter jeden Tag" in Ansatz der Betrag von 12 alb. Des Hofmeisters persönlicher Diener erhielt täglich 15 alb. für Kost.
Ta in dem gemieteten Haus einige Aenderungen, Durchbruch einer Türe usw., vorgenommen werden mußten, entstanden mehrere kleinere Ausgaben, so „20 alb. denen Ar- beitsleuthen zu vertrinken gegeben, damit sie desto geschwinder arbeiten und das Hauß fertig machen sollten." Daß sie auch abends noch arbeiten könnten, wurde „vov eine Wachsfäckel zum leuchten 1 fl. 10 alb." ausgegeben.
Das Heu wird eingekaust zu einem Reichsthaler für den Centner. Das Wieggeld für die Fuhre macht laut Wieg- zettel 6 alb. Das Stroh wird mit 2 alb. für „1 Bausch" bezahlt, das „Malter Haffer" kostet 8 Kopfstück. Zur Beleuchtung werden aufs erste „t/4 Centner Jnschlitt Lichter" angescha'fft für 5 fl. 8 alb. „Vor zwei Zuber zuinPferde- tränken" sind verrechnet 16 alb., und „vor Kehrbesen in den Stall „4 alb. „Vor 4 Maaß guten und 2 Maaß schlechteren Wein, so man holen laßen, weilen der Wein in dem Faß noch nicht gekäufft," kommen in Ansatz 4 fl., „vor eine Boutl. (Flasche) Champagner Wein 1 fl. 6 alb., 4Boutl. Burgunderwein ä 40 Kr. — 2 fl. 20 alb., „vor 8 Stück Ci- tronen" 20 alb., und „vor eine Melone" 15 alb. Als „des Herrn Dvetor Walthers Magd Trauben gebracht" erhielt sie 12 alb. Trinkgeld.
Wie dem Un terHaltun gs- und B er gnü gungs- bedürfnis gedient wurde, lassen die Posten erkennen: „Vor 7 Zettel in die teutsche Commoedie, das billet ä 2 fl. 12 alb.
16 fl. 24 alb.; Kor 6 Zettel in die Pantomine oder


