Ausgabe 
19.1.1911
 
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Mit Taschentüchersticken kommen Sie nicht durch, und an das Jungchen müssen Sie doch auch denken!"

Auf Frau von Hilbachs Seele legte sich die alte, schwere Last, die sie so oft zu erdrücken drohte, wenn die Kosh ihr von der Zukunft sprach.

Es mußte, mußte ja irgend etwas kommen, das sah' sie selbst ein; aber mußte es ein Mann sein, mußte es gerade solch ein Mann fein, wie der, der ihr da vorhin so verlegen gegenüber gesessen hatte? Ihm sollte sie Wohlleben und Sorglosigkeit verdanken, sollte Tag für Tag, Stunde um Stunde an seiner Seite leben, seine Interessen teilen und ihm dankbar sein, dankbar, weil er sie und das Kind einem Leben voll Sorgen entriß? Die Tränen strömten ihr aus den Augen.

Ein Manu ist was Angenehmes in jeder Lebenslage, Fran von Hilbach!" fuhr die Kosh fort.Ein Mann ist eine Stütze, ein Schutz und ein Trost, und glauben Sie, die Liebe allein tut's nicht, Frau von Hilbach, die Liebe kommt ganz von selbst, wenn alles andere stimmt, und bei dem Lasker stimmt alles, und tvenn Sie den: ein biß­chen schön tun und nach dem Mund red n, dann trägt er Sie auf Händen, und Sie sind feilt raus und werden beneidet. Was meinen Sie, was zum Beispiel die Specht für ein Gesicht inachte, wenn die im Naumburger Kreis­blatt Ihre Verlobungsanzeige läse? Tun Sie sich mal ein bißchen Zwang an heute nachmittag und seien Sie fidel; er mag das Lustige gern denn wer so viel Geld hat wie der Lasker, der hat ein Recht, sich gern zu amüsieren, ünd wenn er sich henk nachmittag wohl fühlt, dann will er Sie nächste Woche in seine Billa einladen, na, und wenn wir erst so weit sind----"

Sie fegte aus dem Zimmer heraus, hantierte in der Küche und kam zurück.

Ich hatte Sauerkohl und Schmorfleisch in die Röhre gestellt, aber nun, da ich doch erst um drei fahre, trag ich's Ihnen noch auf. Machen Sie sich nur ein bißchen nett; er kann die schwarzen Kleider nicht leiden. Tun Sie wenigstens Ihren großen, weißen Spitzenkragen um. Was so ein Mann ist, der will kajuliert feilt. Das Jungchen können Sie ruhig mitnehnien, der Hals ist besser, Und wir packen ihn gut ein. Heute abend lassen Sie ihn mal mit hier zu Abend essen, das macht einen guten Eindruck. Ich stelle alles zurecht und decke den Tisch, und Oie große Stehlampe mit dem roten Schient brennen Sie an das sieht hübsch aus, wenn die Ihnen ins Gesicht scheint!"

Frau von Hilbach mußte wieder an den Mann denken, der ihr die Worte vom eigenen Willen gesagt hatte. Mit Entsetzen fühlte sie, wie schwach sie war, schwach Und feig. Alles in ihr empörte sich gegen die gutgemeinte Zudringlichkeit der Kosh und gegen den derben, wohl- svollenden, behäbigen Mann, mit dem sie nichts Gemein­sames hatte, und doch wußte sie, daß sie sich vielleicht in den nächsten Stunden dem bestimmten, energischen Willen dieses Weibes unterwerfen, daß sie Dinge tun würde, die folgenschwer waren, ihr vielleicht eine Zukunft brachten, die tausendmal schlimmer war als eine sorgenvolle Gegen­wart.

Und wenn die Pastorin sich heute abend wieder da- zwischen mengen will," fuhr die Kosh fort,dann machen ©ie)§ ihr mal ein bißchen deutlich, daß sie überflüssig ist. Der Lasker kann alte, verschrobene Weiber nicht leiden, Und wir müssen klug sein und alles tun, was ihm gefällt. So einen Manu festzuhalten, das ist eine schwere Sache; hat mau ihn erst sicher, daun kann man schon in einem andern Ton mit ihm reden; fürs erste müssen Sie aber dafür sorgen, daß er sich wohl bei Ihnen fühlt. Wenn ich doch nur nicht gerade heute nach Halle müßte; mir bangt, daß Sie ihn nicht richtig zu behandeln wissen. Ein Daun ist Ivie ein rohes Ei, man muß Erfahrung darin haben. Wenn Sie nur wollten, in acht Tagen könnten Sie ihn um den kleinen Finger wickeln, aber wenn Sie's im Anfang verspielen, denn ist alles Ms!"

Frau von Hilbach sagte nichts mehr; eine große Gleich­gültigkeit kam plötzlich über sie. Heraus aus diesem Elend mußte sie sie fühlte es; auf welche Weise es war, das Mrfte fte nicht bedenken. Jede hilfreiche Hand, die sich Mr bot, mußte sie ergreifen. (Sic Kosh hatte ihr das tausendmal gepredigt, und gerade jetzt, da ihr Blick ans das unvollendete Taschentuch fiel, das heute in Halle ab- Lkltefert werden sollte, wollte es ihr plötzlich als ein Glück

erscheinen, wenn sie nicht mehr arbeiten, so stumpfsinnig arbeiten und grübeln mußte.

Die Kosh erriet ihre Gedanken sie räumte die Taschentücher beiseite.

Ja, das da haben Sie dann auch nicht mehr nötig/ meine liebe, kleine Gnädige. Wie eine Prinzessin werden Sie leben, und Sie sollen mal sehen, in einem Jahr hat der Lasker die alte Bude hier niebergeriffen und eine Villg aufgebaut, die sich sehen lassen kann. Seien Sie nur klug heut nachmittag, erzählen Sie auch lieber nicht zuviel von Ihrer Vergangenheit. Alles, was traurig ist, mag er nicht gut leiden. Gefallen tun Sie ihm schon, dchs hat er mir vorhin draußen gesagt, nur ein bißchen rötere Backen müßten Sie kriegen und ein bißchen üppiger werden in der Figur, das mag er gern leiden. Das kommt aber nachher alles von allein, und wenn Sie die Kosh als! Wirtschafterin engagieren, die füttert Sie heraus.

So aber nun ein bißchen dalli! Komm, Jungchen, essen und dann geht's mit dem neuen Onkel im Schlitten fort. Aber die Locken will er dem Jungen abschiieiden lassen, Frau von Hilbach, lauge Locken für einen Jungen, das geht ihm wider die Natur. Nu in solchen kleinen Eigenheiten müssen Sie sich fügen das muß jede Frau, und wenn sie klug ist, tut sie's auch. Was eine kluge Frau ist, die läßt dem Mann seinen Willen in allen kleinen Dingen, damit er meint; er wär der alleinige, der be­stimmt, das schmeichelt ihm, und ein Manu ist nun ein­mal so, daß er immer und immer geschmeichelt sein will. Hat ihn die Frau bann erst so weit, baß er fest davon überzeugt ist, daß er die Herrschaft im Haus hat, darin ist sie bald oben auf und kann tun und lassen, was sie will. Aber nun flott, flott, Frau pon Hilbach, damit er nicht warten muß, wenn er kommt. Warten, das können die meisten Männer nicht vertragen. So essen Sie mal einen ordentlichen Happen, damit Sie sich ein bißchen lustig fühlen heut nachmittag, und trinken Sie auch ein Schlückchen Wein das macht Courage!"

Wenn Sie nur nicht soviel schwatzen wollten, Kosh!" sagte Fran von Hilbach, aber sie lächelte dabei. Mir tut der Kopf schon weh, und wenn Sie noch mehp sagen, vergesse ich eins über dem andern!"

Die Kosh hatte das Jungchen auf den Schoß ge­nommen und fütterte es mit Rotkohl und Schmorfleisch. Ein Löffelchen für Mama, ein Löffelchen für den lieben Papa im Himmel!" kommandierte sie, und wie er nicht mehr mochte, flüsterte sie ihm leise ins Ohr:Ein Löffelchen für den neuen -Papa!"

Lassen Sie den Unsinn, Kosh!" sagte Frau von Hil­bach, der es plötzlich wieder sehr beklommen zumut wurde. Wenn sie dachte, daß der JungePapa" zu diesem fremden Mann sagen sollte, dann überlief sie ein sonderbares Angst­gefühl. Diese ganze Sache, die die Kosh da eingefädelt hatte, kam ihr vor wie ein unreines, häßliches Geschäft.

So, nun lauf ich schnell über die Brücke zum Kauf­mann und besorge Aufschnitt für heute abend. Ich stelle alles parat auch ein bißchen Selleriesalat und ein paar! marinierte Heringe, das ißt er gern. Aus Tee macht ev sich nichts, und Flaschenbier ist auch nicht sein Geschmack. Ich werd einmal mit Spechts Minna reden, vielleicht läuft die in denMutigen Ritter" und holt einen Krug Pilsener. Heut abend dürfen wir nicht auf den Groschen sehen, das' kommt alles wieder ein. Nun aber flott, flott flottl Der Lasker ist pünktlich!"

(Fortsetzung folgt.)

Aus einer frankfurter herbftmeßrechnung vom Jahre \X^.

Von Friedrich Germer.

Was um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Messen'/ im Frühjahr und Herbst jeden Jahres, für die Frankfurter Kinder bedeuteten, hat Goethe geschildert im ersten Ka­pitel vonAus meinem Leben":Hatte man .... kaum ein halbes Jahr hingebracht, so traten schon die Messen wieder ein, welche in den sämtlichen Kind er köpfen eine unglaub­liche Gärung hervorbrachten. Eine durch Erbauung so vieler Buden innerhalb der Stadt in weniger Zeit ent­springende neue Stadt, das Wogen und Treiben, das Ab- laben und ,Auspacken der Waren, erregte von den ersten Momenten des. Bewußtseins an eine unbezwingliche, tätige