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Die weiße Frau.
Roman von W. Collins.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Sie verbrachte eine schlimme Nacht — erwachte in einem Zustande furchtbarer Erschöpfung — erholte sich aber später am Tage auf merkwürdige Weise. Meine elastischen Lebensgeister erholten sich mit ihr. Ich konnte von Percival und Madam Rubelle nicht früher als am Morgen des 26. Antwort erhalten. In der Erwartung, daß sie meine Anordnungen befolgen würden, was, wie ich wußte, der Fall sein werde, wo nicht ein ltnfall sie daran verhinderte, ging ich, um einen Wagen zu bestellen, in dem ich Lady Glyde von der Eisenbahnstation abholen wollte, und befahl dem Kutscher, um zwei Uhr am Nachmittage des 26. vor meinem Hause zu halten. Nachdem ich mich überzeugt, daß man die Bestellung ins Buch eingeschrieben, ging ich, um mit Monsieur Rubelle meine .Vorkehrungen zu treffen. Auch versicherte ich mich der Dienste zweier Herren, die mir die nötigen Atteste des Wahnsinns ausstellten. Den einen derselben kannte ich persönlich; der andere war Monsieur Rubelle bekannt. Beide waren Männer, deren kräftige Geister sich hoch über engherzige Skrupel erhoben — beide waren in einer augenblicklichen Verlegenheit — beide glaubten an mich.
Es war bereits nach fünf Uhr nachmittags, ehe ich. von der Ausführung dieser Pflichten zurückkehrte. Als ich zu Hause anlangte, war Anna Catherick tot. Tot am 25., und Lady Glyde sollte erst am 26. in London eintreffen I
Ich war überwältigt.
Es war zu spät, um umzukehren. Ehe ich noch heimgekommen war, hatte der Arzt diensteifrigerwetse übernommen, mir alle Mühe zu ersparen, indem er gegangen war, den Sterbefall und das Datum desselben mit eigner Hand zu registrieren. Mein großartiges Projekt, das bis hierher unangreifbar gewesen, hatte jetzt seine schwache Stelle — keine Bemühungen von meiner Seite konnten das unheilvolle Ereignis des 25. wieder gut machen. Ich trat der Zukunft mannhaft entgegen. Da Percivals Interessen und die meinigen noch auf dem Spiele standen, blieb uns nichts weiter übrig, als dasselbe zu Ende zu führen. Ich rief meine unerschütterliche Ruhe zurück — und spielte es weiter.
Am Morgen des 26. erhielt ich Percivals Brief, der mir die Ankunft seiner Frau mit dem Mittagszuge ansagte. Madame Rubelle schrieb ebenfalls, und zwar, daß sie abends ankommen werde. Ich fuhr in dem Wagen ab, um die echte Lady Glyde bei ihrer Ankunft um drei Uhr von der Station abzuholen, während die falsche Lady- Glyde tot in meinem Hause lag. Unter dem Sitze des Wagens hatte ich die Kleider, die Anna Catherick getragen, als sie tu
unser Haus gekommen, mitgebracht, um die Auferstehung der Verstorbenen in der Person der Lebenden zu bewirken.
Lady Glyde war aus der Station. ES gab hier beim Zusammensuchen ihres Gepäckes großes Gedränge un>5 mehr Verzug, als mir (in der Befürchtung, daß sich unter der Menge Bekannte von ihr finden möchten) lieb war. Ihre ersten Fragen, als wir abfuhren, ivaren flehende Bitten um Nachrichten über ihre Schwester. Ich erfand welch« von der beruhigendsten Beschaffenheit, tttbent ich ihr die Versicherung gab, daß sie ihre Schwester in meinem Hause s,ehen werde. Mein Haus ivar bei dieser Gelegenheit in der Nähe vom Leicester-Platze und von Monsieur Rubelle bewohnt, welcher uns im Flur empfing.
Ich führte meinen Besuch ht ein oberes Hinterzimmer, während die beiden Aerzte in der unteren Etage warteten, um die Patientin zu sehen und ihre Atteste zu schreiben. Nachdem ich Lady Glyde durch die notwendigen Beteuerungen über ihre Schwester beruhigt, brachte ich meine Freunde einzeln in ihre Gegenwart. Sie machten die Formalitäten der Sache kurz, verständig und gewissenhaft durch. Ich ging wieder ins Zimmer, sobald sie dasselbe verlassen hatten, und beschleunigte sogleich den Gang der Ereignisse, indem ich Miß Halcombes beunruhigenden Zustandes Erwähnung tat.
Der Erfolg war, was ich erwartet hatte. Lady Glyde wurde üugstlich und ohnmächtig. Zunr zweiten und letzten Male rief ich die Wissenschaft zu Hilfe. Ein mit Medizin versetztes Glas Wafser und Riechfläschchen ersparten ihr alle weitere Unannehmlichkeit und Uttruhe. Eine zweite Dosis später abends verschaffte ihr den unschätzbaren Genuß einer guten Nachtruhe. Madame Rubelle langte zur rechten Zeit an, um Lady Glydes Toilette zu übernehmen. Ihre eigenen .Kleider nahm matt ihr abends weg und die Anna Cathericks wurden ihr von den Händen der guten1 Rubelle mit der strengsten Beobachtung der Schicklichkeit am folgenden Morgen angetan. Während des ganzen Tages erhielt ich unsere Patientin in einem Zustande teilweiser Bewußtlosigkeit, bis der geschickte Beistand meiner ärztlichen Freunde mir schon früher, als ich zu hoffen gewagt, den notwendigen Befehl zur Aufnahme der Kranken verschaffte. Noch an diesem Wende (dem Wende des 27.) begleiteten Madame Rubelle und ich unsere falsche Anna Catherick nach der Irrenanstalt. Sie wurde dort mit großem Erstaunen, aber ohne allen Verdacht empfangen — dank dem Befehle, den Attesten, Percivals Briefe, der Aehn- lichkeit und der Patientin eigner zeitweiliger Geistesverwirrung. Ich kehrte sofort im Besitze der Kleider und Effekten der wahren Lady Glyde zu der Gräfin zurück, um ihr bet den Vorbereitungen zur Beerdigung der falschen Lady Glyde zu Helfen. Diese Effekten wurden später mit dem Fuhrwerke, welches zur Beerdigung benutzt wurde, nach Cumberland geschickt. Ich folgte dem Begräbnisse mtt angemessener Würde und in den tiefsten Dranerkleidern,


