Ausgabe 
18.10.1911
 
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hart, daß du so viel mehr Rücksicht auf Graf Foscos Skrupel nehmen solltest, als aus die meinigen.

Diese unglückselige, wenngleich sehr natürliche -Anspie­lung auf des Grafen merkwürdige Gewalt über ihren Ge­mahl ließ, so indirekt sie auch war, Sir Percivals in der Asche glühende Wut wieder in Hellen Flammen auf­lodern.

Skrupel! wiederholte er. Deine Skrupel! Es ist etwas spät, damit jetzt anzufangen. Ich hätte gedacht, daß du mit all derlei Schwächen fertig gewesen wärest, als du aus der Notwendigkeit eine Tugend machtest, indem du mich heiratetest.

Sowie er die Worte ausgesprochen, warf Laura die Feder hin, sah ihn mit einem Ausdrucke in ihren Augen an, den ich, solange ich sie kannte, nie darin gesehen hatte, und wandte ihm in tiefem Schweigen den Rücken.

Diese starke Kundgebung ihrer offensten, bittersten Ver­achtung war ihr so ganz unähnlich, lag so wenig in ihrem Charakter, daß sie uns alle zum Schweigen brachte. Es lag ohne Zweifel unter der bloßen oberflächlichen Grobheit der Worte ihres Mannes noch etwas Besonderes verborgen, irgend eine lauernde Beleidigung.

(Fortsetzung folgt.)

Das modernisierte Luxor.

Von Pierre Loti.

Autorisierte Uebersetzung von N. Collin.

Das Wasser des Nils war schon gefallen und meine Dahabje, die sich durch Auffahren verspätet hatte, konnte Luxor nicht mehr erreichen. Wir legten an irgendeinem Winkel der steilen Ufer an, als die Dunkelheit niederzusteigen begann.

Wir sind unserm Ziel ganz nahe, morgen haben wir nur noch eine Stunde zu fahren," erklärte mir nicin Fährmann, ehe er sich zu seinem Abendgebet begab.

Die Nacht hatte ihre weichen Fittige über uns ausgebreitet, hier an diesem Ort, der sich nicht von anderen zu unterscheiden schien, an denen wir, ganz wie der Zufall es fügte, seit einem! Monat angelegt hatten, um den Anbruch des Tages zu erwarten. Aus den dunklen Massen unterschied man unklar Rasenflächen, auf denen hier und dort sich eine Hohe Palme erhob, deren schwarze Fächer man erkennen konnte. Fröhlich zirpten die Grillen. Fast bas ganze Jahr können sie hier ihre Musik erschallen lassen, denn in der duftenden Lauheit der Gräser Ober-Aegyptens fühlen sie sich besonders glücklich. Durch die Stille drang das Ge­schrei der Nachtvögel wie Wehklagen von Katzen. Dann wurde es wieder ganz ruhig die unendliche Schweigsamkeit der Wüste schien gewaltig herrschend alles andere zu Werbrängen.

*

Heute früh beim Sonnenaufgang schimmert wie stets alles in prächtiger Reinheit. Immer lebhafter wird airt Gipfel der lybischen Wüste die Färbung, die rosigen Korallen gleicht, und sie verdrängt die letzten bleigrauen Schatten, welche die Nacht noch am Himmel stehen ließ.

Meine Augen, die feit Wochen schon an das stets gleiche Schaufpiel des Sonnenaufganges gewöhnt sind, wenden sich ab, als ob sie von etwas Ungewöhnlichem gerufen werden, das sich eine Viertel Meile vom Fluß, am arabischen Ufer, mitten in der düsteren Ebene erhebt.

Zuerst scheint es eine Anhäufung hoher Felsen zu fei»; in dieser geheimnisvollen, zauberischen Stunde sind sie wie von einer blaßlila Farbe übergossen, wie durchsichtig schimmern sie. Und die Sonne, die sich zögernd aus der Wüste hervorwagt, beleuchtet sie schräg, als ob es ihr Freude machte, die Umrisse frisch rosig zu umranden... Sind es überhaupt Felsen, nein, denn als man sie deutlicher erkennt, sieht man gerade, symetrische Linien. . . Nicht Felsen, aber wohl architektonische Massen, groß und übermenschlich, die den Eindrucks fassi ewiger Dauer­haftigkeit erzeugen und aus denen zwei Obeliskenspitzen scharf wie Lanzen hervorragen. . . Ach ja, jetzt habe ich verstanden: Theben!

Theben! . . . Gestern abend, als es in dunkler Verborgen­heit lag, glaubte ich mich nicht so nahe. Aber es hätte nichts anderes sein können, als die ewige Stadt; denn nichts auf der Welt kann wie diese Erscheinung wirken. Mit respektvollem^ Schauder begrüßte ich die einzige und erhabene Ruine, deren Anblick mir schon seit einer Reihe von Jahren vorschwebte, ohne daß! mir das Leben bis jetzt Zeit ließ, diesen Wunsch zu erfüllen.

Jetzt aber auf nach Luxor, das schon zu Zeiten der Pharaonen eine Vorstadt der königlichen Residenz war und bis heute deren Hafen geblieben ist. Hier, wird mir gesagt, muß man feine Dahabje aulegen, um sich in die fabelreichen Paläste zu begeben, auf die jetzt das Licht der ausgehenden Sonne fällt.

Die Ketten, die uns auf den: Fluß halten, werden angezogen während man auf meinem bronzenen Fahrzeug dazu dasselbe Lieh anstimmt, das alt wie Aegypten ist, betrachte ich weiter die

ferne ErscheiUung. Aus den Morgennebeln, die sie Mir viel­leicht noch zauberischer gestaltet hatten, löst sie sich heraus. Die aufsteigende Sonne mit ihrem klaren Licht läßt alle Einzelheiten bester erkennen, und vollständig zertrümmert, schief, zusamm en- gestürzt zeigt sie sich mitten in der schweigsamen Ebene auf dem gelben Wüstenteppich. In reiner Pracht steigt die Sonne höher, Und nut ihrer Jugend und ihrer Schrecken erregenden Dauer scheint sie alles zu erdrücken. Denn sie hat schon feit unzähligen Jahrhunderten und Jahrhunderten dieselbe runde Form gehabt, dieselbe Klarheit ihres Diskus, und hatte ihren täglichen Lauf über den Wüstenstrecken lange begonnen, ehe das einstige Theben auftauchte. Diese Probe von Herrlichkeit bedeutete einen ziemlich merkwürdigen Aufschwung für die menschlichen Pygmaeen, denen wir später nicht gleichkameir übrigens müssen die Bauten sehr schwach und spottschlecht gewesen sein, denn sie.brachen zusammen, nachdem sie kaum vier Jahrtausende bestanden. . .

Eine Stunde später landen wir in Luxor. Welche Ent­täuschung !

Schon auf zwei Meilen Entfernung sicht Man den Winter- Palast. Das Bauwerk, das sich seit einigen Jahren am Nil er­hebt, ist schnell entstanden und sehr modern aufgefiihrt. Doch ernennt man bei dem gewaltig großen Hotel die leichte Bauart. Zwei- oder dreimal so hoch wie der bewunderte pharaonische Tempel, richtet sich die unverschämte, schmutzig gelbe, mit Gips. abgcputzte Fassade in die Höhe. Natürlich verunstaltet sie die ganze Umgebung schändlich. Steht auch die kleine arabische Stadt mit ihren weißen Häuschen, ihrem- Moscheenturm und ihren Palmen noch da, erhebt sich auch der berühmte Tempel mit seinem schwer- faffigen osirischen Säuleuwald und spiegelt sich wie einst in dem Wasser des Nils, es geht doch zu Ende mit Luxor!

Welche Menschenfülle ist hier! Das gegenüberliegende Ufer ist aber völlig vereinsamt, mit seinen Streifen goldenen Sandes Nnd den am Horizont rosig gefärbten Bergen, die mit Mumien angefüllt sind.

Armes Luxor! An den steilen Ufern haben eine Reihe von Touristenbooten angelegt, eine Art zwei- oder dreistöckiger Kasernen, die jetzt den Nil von Kairo bis zu den Katarakten unsicher machen sie pfeifen, und ihre Dampfmaschinen machen einen unerträg­lichen, erschütternden Lärm . . . Wo werde ich für meine Dahabje ein etwas ruhigeres Fleckchen finden, das mir die Beamten der Reisegesellschaften nicht streitig machen?

llcbrigeus bemerkt man nichts mehr von den Palästen Thebens, die ich gegen Abend aufsuchen will. Wir sind ihnen nicht mehr so nahe wie in der Nacht; während unserer nwrgenblidjen Fahrt ist die Erscheinung nach und nach in die lichtüberfluteten Ebenen zurückgetreten. Dann versperren auch der Winter-Palast und alle neuen Bauten die Aussicht.

*

Ohne Frage ist der modernisierte Quai von Luxor amüsant, au dem ich um zehn Uhr morgens bei klarem, flammendem Sonnen­schein ausschiffe! Dem Winter-Palast reihen sich in demselben pomphaften Stil Läden an. Alles, was Touristen brauchen, wird dort verkauft: Fächer, Fliegenklatschen, Mützen und blaue Brillen. Dann zu Tausenden Photographien der Ruinen. Außer­dem noch Spielereien der Juden: alte Negermesser, Pantherfelle und Gazellenhörner. Selbst die Indier strömen in Massen zu btefent improvisierten Jahrmarkt herbei und bringen Stoffe ans Radschpoute und Kaschmir. Aber vor allen Dingen drängen sich die Mumienhändler vor und zeigen Särge von geheimnisvollem; Aussehen, Binden, Totcnhände, Götter, Skarabäen, tausend! beängstigende Dinge, an denen der alte, geheiligte Boden schon seit Jahrhunderten unerschöpflich zu sein scheint.

An den Schaufenstern entlang, unter den spärlichen Palmen und den Häusern Schatten suchend, gehen Abgesandte der Pluto- Iratie der ganzen Welt hin und her: dieselben Schneider haben sie angezogen, ihre Hüte sind auf dieselbe Art garniert, und ihre Nasen hat der Sonnenbrand gleichmäßig rot gefärbt. Die stein­reichen Töchter der Chicagoer Kaufleute streifen Prinzessinnen. Unverschämt drängen sich die jungen frechen Beduinen dazwischen und bieten den schönen Reisenden ihre mit Damensätteln ver­sehene Maultiere an. Damit diesem Babylon nichts fehle, laufen sehr eilig ganze Scharen von Herren und Damen der Reisegesell­schaften an uns vorbei. . . .

Hinter den Lüden ragen am Quin wieder große Hotels empor. Aber sie wirken nicht ganz so aufdringlich, wie ber Winter-Palast. Sie sind nicht so hoch und auf arabische Art nut weißem Kalk verputzt. In dem Gewirr der Palmen scheinen sie sich verbergen zu wollen. v . _ ,

Nun haben wir endlich den gewaltigen Tempel von Luxor erreicht, der so iuenig hierher zu gehören scheint, wie der un­glückliche Obelisk, der mitten auf der Place de la Concorde steht und den Aegypten uns schenktc. Am Rande des Nils erhebt sich ungefähr dreihundert Meter lang die wunderbare Stemgruppe. Zu den Zeiten außerordentlicher Pracht schuf man mit Begeiste­rung auf diesem Boden den hohen, gewaltigen säuleuwald auf Wunsch von Amenophis und des großen Ramses. , Wie schon mußte er früher gewesen fein, als seine prächtige Wirrnis über die Weiten dieses Landes hinwegragte, das leit Jahrhunderten tit Verlassenheit und Schweigen liegt . .

-Heute, wenn man die Bauwerke ringsumher sieht, kann man sagen, daß der Tempel aufgehört hat, zu. existieren.