Ausgabe 
18.10.1911
 
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Manieren des Grafen zn mißdeuten, als er begierig febcnt Worte lauschte, das von meinen Lippen fiel.

Während dieser Fragen und Antworten waren wir alle langsam durch die Anlagen zum Hause zurückgekehrt.

Als wir über den Flur gingen, trat Sir Percival aus der Wibliothek uns entgegen. Er schien in Eile und sah Naß und sorgenvoll aus, war aber dessenungeachtet in seiner höflichsten Laune, als er uns anredete.

Ich muß euch leider verlassen, begann er, ich habe eine lange Fahrt vor eine Sache, die ich nicht gut verschieben kann. Ich werde morgen zu rechter Zeit wieder da fein; ehe ich aber gehe, möchte ich die kleine Geschüsts- formalität beseitigen, von der ich heute morgen sprach. Laura, willst du in die Bibliothek kommen? Es wird dich keine Minute aufhalten, eine bloße Formalität. Darf ich Sie ebenfalls bemühen. Gräfin? Ich wünsche nur, daß ihr, du und die Gräfin, Zeugen einer Unterschrift seid, weiter nichts. Kommt gleich, um die Sache zu er­ledigen.

Ich blieb einen Augenblick allein in dem Flur stehen, während mein Herz heftig pochte und schlimme Ahnungen sich bei mir einschlichen. Dann wandte ich mich zur Treppe und stieg langsam hinauf nach meinen: Zimmer.

Gerade als ich die Hand auf die Türklinke gelegt, hörte ich Sir Percival mir von unten zurusen:

Ich muß Sie bitten, wieder herunter zu kommen. Es ist Foscos Schuld, nicht die meine, Miß Halcombe. Er hat irgendeinen unsinnigen Einwand dagegen zu machen, daß seine Frau Zeugin ist, und mich daher genötigt, Sie zn bitten, zu uns in die Bibliothek zn kommen.

Ich trat sofort mit Sir Percival ins Zimmer.

Sowie ich hereintrat, kam der Graf mir entgegen, um mir seine Erklärung zu geben.

Ich bitte tausendmal um Vergebung, Miß Halcombe, sagte er. Sie wissen, welchen Charakter man in England meinen Landsleuten beilegt? Wir Italiener sind nach des guten John Kulls Dafürhalten alle von Natur hinter­listig und argwöhnisch. Nehmen Sie gütigst an, daß ich um nichts besser bin als meine Landsleute. Ich bin ein hinterlistiger, argwöhnischer Italiener. Sie haben dies selbst schon gedacht, verehrte Dame, nicht wahr? Nun gut! Es macht einen Teil meiner Hinterlist und meines Argwohns aus, etwas dawider zu haben, daß die Gräfin Zeugin von Lady Glydes llnterschrift sei, wenn ich selbst ein Zeuge bin.

Es gibt auch nicht den Schatten eines Grundes sür seine Weigerung, sagte Sir Percival. Ich habe es ihm erklärt, daß das englische Gesetz seiner Frau sowohl als ihm gestattet, Zeugen bei derselben Unterschrift zu sein.

Ich gebe es zu, sagte der Graf. Das Gesetz von Engt- länd sagt ja, aber Foscos Gewissen sagt nein. Er spreizte seine dicken Finger über seiner Brust aus und verbeugte sich feierlich, wie wenn er uns hiermit sein Gewissen als einen erhabenen Zuwachs der Gesellschaft vorstelle.

Ich bin bereit, dazubleiben, sagte ich. Und falls ich keine Gründe sehe, meinerseits Einwendungen zu machen, dürfen Sie aus mich als Zeugin rechnen.

Nunmehr verlangte Sir Percival von Laura, sie solle das Dokument, das er einem Schrank entnahm, unter­schreiben. Laura machte Einwände und erklärte das Do­kument erst lesen zu wollen, bevor sie es unterzeichnete.

Wie lange willst du mich noch warten lassen? fragte er gereizt. Ich sage dir noch einmal, daß zum Lesen keine Zeit ist: das Gig wartet vor der Tür. Ich frage dich ein für allemal: willst du unterschreiben oder nicht?

Sie hielt noch immer die Feder in der Hand, ohne sich jedoch irgendwie zum Schreiben anzuschicken.

Falls meine Unterschrift mich zu irgend etwas ver­pflichtet, so habe ich doch gewiß das Recht, zu wissen, was diese Verpflichtung ist? sagte sie.

Er nahm das Dokiiment und schlug zornig damit auf den Tisch.

Nur heraus damit! rief er. Du hattest ja immer solch Talent, die Wahrheit zu sagen. Kehr' dich nicht an Miß Halcombe oder Fosco r sage nur gerade heraus, daß du mich beargwöhnst.

Der Graf nahm eine Hand aus seinem Gürtel und legte sie Sir Percival auf die Schulter. Sir Percival warf fie gereizt ab. Der Graf legte sie mit unverminderter 'Gelassenheit wieder hin.

Beherrsche deine unglückselige Heftigkeit, Percival, sagte er. Lady Glyde hat recht.

Recht! rief Sir Percival aus. Eine Frau hat recht, ihrem Manne zu mißtrauen?

Du bist ungerecht, mich des Mißtrauens gegen dich zu beschuldigen, sagte Laura. Frage Marianne, ob ich nicht recht habe, zu verlangen, daß man mich mit dem In­halte dieses Dokuments bekannt mache, ehe ich es unter­schreibe?

Ich will durchaus nicht, daß an Miß Halcombe appel­liert werde, erwiderte Sir Percival; Miß .Halcombe hat mit der Sache nichts zu tun.

Ich hatte bisher nicht gesprochen und hätte es auch jetzt viel lieber nicht getan. Aber der bekümmerte Aus­druck auf Lauras Gesichte, als sie dasselbe zu mir wandte, sowie die impertinente Unbilligkeit im Betragen ihres Man­nes, ließen mir keine andere Wähl, als um ihretwillen meine Meinung auszusprechen, sobald sie dieselbe forderte.

Verzeihen Sie, Sir Percival, sagte ich, aber als eine der Zeugen der Unterschrift wage ich zn mutmaßen, daß ich allerdings etwas mit der Sache zu tun habe. Lauras Einwand scheint mir durchaus billig, und was mich selbst betrifft, so kann ich nicht die Verantwortung einer Zeugen­schaft übernehmen, wo sie nicht zuvor deutlich davon unter­richtet ist, was sie unterschreibt.

Eine trockene Erklärung, bei Gott! rief Sir Percival aus. Wenn Sie sich wieder einmal zu eines Mannes Hause einladcn, so rate ich Ihnen, Miß Halcombe, daß Sie nicht die Partei seiner Frau gegen ihn nehmen in einer An­gelegenheit, die Sie nichts angeht.

Ich sprang auf, plötzlich als ob er mich geschlagen hätte. Aber meine Liebe zu Laura half mir, Gott sei dank, so daß ich mich stillschweigend wieder setzte. Sie wußte, was ich litt und unterdrückte, und eilte mit überströmenden Augen zu mir herum.

Komm her und unterschreibe! rief Str Percival von der anderen Seite des Tisches.

Soll ich? frug sie flüsternd. Ich wills tun, wenn du mir's sagst.

Nein, entgegnete ich. Das Recht und die Wahrheit sind auf deiner Seite; unterschreibe nichts, das du nicht zuvor gelesen hast.

Komme her und unterschreibe! wiederholte er in seinem lautesten, aufgebrachtesten Töne.

Der Graf, welcher Laura und mich mit schweigender Aufmerksamkeit beobachtet hatte, legte sich zum zweiten Male dazwischen.

Percival, sagte er, ich bedenke, daß ich mich in der Gegenwart von Damen befinde. Sei so gut, dich auch daran zu erinnern.

Sir Percival wandte sich sprachlos vor Wut gegen ihn. Des Grafen eiserne Hand faßte seine Schulter fester, und seine sichere Stimme wiederholte ruhig: Sei so gut, wenn ich bitten darf, dich auch daran zu erinnern.

Sie blickten einander an. Sir Percival^vg seine Schul­ter langsam unter des Grafen Hand fort, wandte langsam sein Gesicht von ihni ab, blickte eine Weile finster auf das Dokument, das auf dem Tische lag, und sprach dann meh!r mit der verdrießlichen Unterwürfigkeit eines gezähmten Tieres, als der schicklichen Ergebung eines überzeugten Mannes.

Ich wünsche niemanden zu beleidigen, sagte er. Wer die Hartnäckigkeit meiner Frau würde einen Heiligen um seine Geduld bringen. Ich habe ihr gesagt, daß dies Do­kument eine bloße Form ist, und was will sie weiter? Noch einmal, imi)1 zwar zum letzten Male, Lady. Glyde, wollen Sie unterzeichnen oder nicht?

Laura kehrte an seine Seite zurück und nahm die Feder wieder auf.

Ich will gern unterzeichnen, sagte sie, wenn du mich nur wie ein urteilsfähiges Wesen behandeln willst. Es ist mir einerlei, welches Opfer man von mir verlangt, so lange es sonst niemanden schaden oder schlimme Folgen haben

Wer spricht von Opfern? unterbrach er sie mit einer halb unterdrückten Wiederkehr seiner früheren Heftigkeit.

Ich wollte nur sagen, fuhr sie fort, daß ich keine Zu­geständnisse verweigern werde, die ich in Ehren machen kann. Warum sollte es dich so heftig gegen mich auf­bringen, wenn ich zögere, ein Dokument zu unterschreiben, über welches sch gar nichts weiß? Ich finde es ziemlich