Ausgabe 
18.10.1911
 
Einzelbild herunterladen

652

Ex ist von einem Gitter und Wachtern nm geben, unS nm tzinzutreten, muß man eine Einlaßkarte vorzeigen. Wenn man Noch wenigstens in dem gewaltigen Heiligtum allein sein könnte. Mer nein, in den profanierten Säulengängen laufen, mit dem Bädeker in der Hand, Scharen von jenen Leuten umher, die man überall trifft und die Nizza und die ganze Reviera unsicher machen. Der Gipfel des Hohns ist aber der Lärm der Maschinen, der uns bis hierher verfolgt, denn an den nahen steilen Böschungen haben hie Boote einer Reisegesellschaft angelegt.

Wir sehen Hunderte von Säulen, die schon mehrere Jahr­hunderte denen Griechenlands vorausgegangen sind und die in ihrer naiven Gewaltigkeit die ersten Vorstellungen des mensch­lichen Hirns darstellen. Einige' sind kanneliert und machen den Eindruck eines Riesenstraustes Schilfrohr. Andere wieder stehen einzeln und gleichen Papyrusstengeln; sie tragen als Kapital

Keren seltsame Blume.

(Schluß folgt.)

Marbeiter.

Wer zum erstenmal japanische Gasthäuser besucht, wird erstaunt dem Treiben der gelben Piccolos zusehen: In höchst gewandter Weise rücken sie mit Hilfe der Zehen Stühle und Sessel zurecht und wissen auch die winzigsten Gegenstände, selbst Nadeln, mit dem Fuße vom Teppich aufzuheben. Bald allerdings wird dem Fremden das Staunen vergehen; denn er merkt, daß er in einem Lande ist, in dem die Straft und Geschicklichkeit, die in der menschlichen Zehe schlummert, energisch ausgebildet und zu nützlichen Dienstleistungen bei Arbeiten aller Art herangezogen wird. Gelehrte und Künstler gebrauchen wenn ihnen beim Schreiben, Malen ober Musizieren die Hand müde wird zur Abwechselung den Fuß. Mit den Zehen hält auch die japanische Schöne beim Nähen den Stoff fest. Der asiatische Reiter umklammert den Steigbügel mit der Zehe, und der Fischer am Stroinesufer hält die Angelrute mit dem Fuße, damit die Hände zu anderer, einträglicher Beschäftigung frei bleiben. Die routiniertestenFußarbeiter" unter den Ostasiaten sind aber zweifellos die Annamiten. In China nennt man die Bewohner Annams um dieser Gewandtheit willen dasVolk der Freizeher". Die Sage berichtet, daß ein Stammvater dieses Volkes sich einst mit der krallenfüßigen Tochter eines Seedrachens vermählt habe. B»>t dieser bekrallten Ahnsrau aus Meerestiefen sollen die Anna­miten ihre geschicktenGreiffüße" geerbt haben.

Die Heranziehung des Fußes zu Arbeiten, die sonst nur die Hand besorgt, kommt nicht nur in Ostasten vor, sondern auch bei anderen Völkern, die ihre Füße frei und unbekleidet tragen, z. B. bei einigen amerikanischen Indianer- und afrikanischen Neger» ftämmen. Recht lange, man mutz sagen, bis in die jüngste Zeit hinein, glaubte man irrtümlicherweise, all jene farbigenFuß­arbeiter" seien eine ArtVierhänder" wie die Affen und dankten ihre Geschicklichkeit dem besonderen 93au ihrer Füße. Genauere Untersuchungen haben mit dieser Mutmaßung gründlich aufgeräumt. Die Füße jener Fiißarbeiter gleichen im Bau den unseren und nicht denen der Affen. Das Geheimnis der Gewandtheit beruht allein in der ständige» Hebung. Daß auch wir mit ihrer Hilfe in dieser Hinsicht dasselbe leisten können, das haben armlofe An­gehörige der weißen Rasse mehr als einmal bewiescn. Wer er­innert sich nicht noch der Bilder des armlosen Malers Sieberr, oder teer denkt nicht derFußkünstler", die sich, wie einst der berühmte Nathan, öffentlich sehen lassen? Ein bekannter Physiolog ist der Ansicht, daß wir alle ohne weiteres imstande sein würden, einen kleinen Stein zwischen die große unb die zweite Zehe zu fassen und ihn selbst bis zu 10 Meter weit fortzuschleudern. Demitach besäßen wir alle Talent zurFußkunst". Tie letztere bildete übrigens einen sehr beliebten Gegenstand der Unterhaltung am Hofe Monteznmaes des letzten Herrschers der Mexikaner. Hier lernten die spanischen Eroberer Jongleure kennen, die manches schwierige und interessant, Kunststück mit dem Fuße auszustthren vermochten.

vermischter.

* Hochzeitsbräuche. Mau schreibt uns: In den Nummern 156 und 157 derGießener Familienblätter" erschien der Aufsatz Die türkische Familie", eine Skizze aus den Papieren Ferhad Paschas (Baron v. Stein), worin die Sitten und Gebräuche einer türkischen Hochzeit geschildert werben. Der Aufsatz fährt bann fort: Bon diesem Augenblicke an beginnt der Kampf weiblicher List, denn die Braut trachtet unvermerkt ihren Fuß auf den Fuß des $3räutigam§ zu setzen, weil das Gelingen nach dem Volksglauben die Oberherrschaft im Hause sichert." Dieser Brauch kommt bis auf den heutigen Tag auch noch im Odenwald bei einer Trauung vor. Der Verfasser dieser Zeilen hat vor einigen Jahrzehnten folgenden Fall erlebt: Es ist Sitte im Odenwald, daß sich das Brautpaar vor dem Altar dicht nebeneinander stellt: fein fremder Gegen­stand, keine Hand, noch irgend ein Geist soll sich jetzt oder in Zu­kunft zwischen das Paar drängen, so heißt es. Nun tritt der Geistliche vor den Altar, um das Brautpaar einzusegnen. Da ver­suchen die Brautleute einander die Fußspitzen auf das Schuhwerk be3 anderen zu setzen, denn es geht die Sage: Diejenige Person, die der anderen die Fußspitze während der Trauung auf den Schuh

zu setzen vermag, wird in dem zukünftigen Hatlsstande das Regi­ment führen und dem anderen überlegen sein. Das ist genau das nämliche, wie es bei den Türken vorkommt. Die Männer der Wissenschaft können vielleicht mitteiteii, ob sich ein solcher Brauch auch bei einigen anderen Volksstämmen findet. Ein hübsches Bei­spiel dafür, daß derartige Versuche mißlingen, ist folgendes: Bei einer Trauung gelang es der Braut, ihrem Michel die Fußspitze auf den Fuß zu setzen. Michel ließ es ruhig geschehen unb Bärbel freute sich ihres Steges. Die Hochzeitsfestlichkeit dauerte bis zum hellichten Morgen des anderen Tages, bann sprach Michel zu feiner jungen grau:So, jetzt geh' ich heim zu meinen Eltern, zwischen uns beiden ist es aus. Du willst Dich zum Herrn im Hause machen, das habe ich bei der Kopulation gemerkt, als Du mir Deinen Schuh auf den Fuß gesetzt hast, das 'mache ich nicht mit." Bärbel erschrak heftig, beim Bliche! zeigte bei seiner Siebe ein bär­beißiges, zorniges Gesicht. Mit weinerlicher Stimme versicherte bie überlistete Bärbel: nie unb nimmer wolle sie in der Ehe die Herrschaft an sich reißen. Michel solle nur bableiben und ihr diesen Schimpf und solch eine iSchande nicht antun. Michel blieb und das Ehepaar ist gut miteinander ausgekommen.

* Eule n. Unverstand und Aberglaube sind die beiden Faktoren, aus welchen die Verfolgung der Eule entsteht. Sie ist bie Katze unter den Vögeln, der passionierte Mäusejäger, wodurch sie sich schon als nützlicher Vogel legitimiert, ganz abzusehen von dem großen Nutzen, den sie in sogenannten Maikäferjahren durch massenhaftes Vertilgen der Maikäfer stiftet. Selbst der als ärgster Feind der Niederjagd verschriene Ulm verdient insofern mildere Beurteilung, wie et sie gewöhnlich erfährt, als auch er Feldmäuse in großer Zahl vertilgt. Dank den Bestrebungen der Tierschützer erfahren die Eulen neuzeitig mehr Schonung als früher. Doch was nützt dies, wenn daneben die Möglichkeit besteht, daß sie sich zu Hunderten in Habichtseisen fangen können, was doch mindestens ebenso nachteilig wirkt wie das Fehlen hohler, sogenannterEulen­bäume" zu Nistzwecken für sie. Zn dem den Eulen nachgesagten Vogelfänge sind sie des langsamen Fluges wegen nicht befähigt, unb auch die Sperlingseule, der reichliche Vertilgung von Spatzen nach­gesagt wird, beschäftigt sich tatsächlich nur wenig mit Spatzenfangen, führt ihren Namen auch nicht nach dieser vermutlichen Tätigkeit, sondern nach ihrer Winzigkeit im Vergleich zu ihren Gattungs­verwandten. Alles in allem genommen, sind bie Eulen in Feld und Wald überaus nützliche Tiere, bie man nicht nur ernstlich schonen, sondern auch kräftig schützen sollte.

humoristischer.

* A.':Was ist Ihre Frau eigentlich für eine Landsmännin?" ' B.:Eine Engländerin." A.:Eine Engländerin? Dann wstndert es mich aber, daß bei Ihnen zu Haus so eine polnische Wirtschaft ist."

* De r Pa n to ffel h eld. Vater:Warum brummt denn Mama so?" Söhnchen:Sie kann den Hausschlüssel nicht fin­den!" Vater (erleichtert):Gott sei Tank, das ist wenigstens ein Gegenstand, den ich nicht verlegt haben kann!"

* Besucherin:Ein arrogantes Mädchen, Ihre Köchin!" Hausfrau:Ja, ja; ich hätte ihr auch schon längst gefünbigt,- aber , ..." Söhnchen:. . . sie hat noch für sechs Monate den Lohn Ku kriegen! Nicht wahr, Mama?"

* Maliziös, A.:Ich sitze jetzt den ganzen Tag auf dem Rad." B.:Na, na, ich sah Sie erst gestern daneben! liegen."

* Ein Jubiläumsgeschenk. Die Frau weckt ihren betrunkenen Mann mit einer Ohrfeige, nachdem sie ihn lange mit dem Ortsschulzen gesucht hat. Manu:Aber, Mathilde, heute, an dem Jubiläumstag, wo luir fünfundzwanzig Jahre ver­heiratet sind, gibst du mir eine Ohrfeige?!" grau:Jawohl , eine! Die andern bekommst du zu Hause noch!"

Diamanträtsel.

Auflösung

In die gelber nebenstehender gigur sind bie Buchstaben a a c d e e h i i i i k k 1111 mm n r s w w w berart einzutragen, daß bie wagerechten Reihen folgendes bedeuten:

1. Einen Buchstaben.

2. gigue eines mittelalterlichen Heldengedichtes.

3. Russische Stadt.

4. Männlichen Vornamen.

5. Mathematische gigur.

5. Vogel aus der Ordnung der Taucher.

7. Einen Buchstaben.

Die senkrechte und wagerechte Mittel- - reihe ergeben das Gleiche.

in nächster Nummer.

Auflösung der altägyptischen Hieroglyphen in voriger Nummer: Wer sich grämt, der wirb bald grau.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck unb Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießew