Ausgabe 
18.9.1911
 
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uns entweder beiden gefallen, Mr. Hartright, oder keiner; und, was noch härter ist, Sie sind gänzlich auf unsere Ge­sellschaft angewiesen. Mrs. Beseh ist eine vortreffliche Frau, die alle Kardinaltilgenden besitzt und nicht mitgerechuet wird; und Mr. Fairlie ist zu krank, um für irgend jemanden ein Gesellschafter zil fein. Ich weiß nicht, was ihm fehlt, auch die Aerzte können es nicht ergründen, nnb er selbst ist darüber im unklaren. Ich rate Ihnen indessen, seinen kleinen Sonderbarkeiten zu willfahren, wenn Sie ihn heute sehen. Bewundern Sie seine Sammlungen von Münzen, Stahlstichen nnb Aquarellen, und Sie werden fein Herz gewinnen. Und wirklich, wenn Sie sich mit einem ruhigen Landleben begnügen können, so sehe ich nicht ein, warum es Ihnen hier nicht ganz gut gefallen sollte. Können Sie sich damit begnügen? oder beabsichtigen Sie, unrnhig zu fein nnb in ber Alltagsatmosphäre von Limmeridge House heimlich nach Abwechselung und Weutenern zu dürsten?

Auf diese anmutig scherzende Weise hatte sie weiter geplaudert ohne andere Unterbrechungen von meiner Seite, als die unwichtigen Antworten, welche die Höflichkeit von mir verlangte. Doch das zufällige WortAbenteuer", so leicht es von ihren Lippen gefallen war, erinnerte mich plötzlich an meine Begegnung- mit der Frau in Weiß und trieb mich, die Verbindung zu erfahren, welche; der Fremden Anspielung auf Mrs. Fairlie nach, zwischen der aus der Jrrenaustalt Entwichenen und der ehemaligen Gebieterin von Limmeridge House stattgesundeu haben konnte.

Selbst wenn ich der unruhigste Mensch von der Welt wäre, sagte ich, würde ich auf einige Zeit nicht in Gefahr fein, nach Abenteuern zu dürsten. Gerade in der Nacht vor meiner Ankunft in diesem Hanse hatte ich ein Abenteuer, und an. dem Erstaunen und der Aufregung, in die ich dar­über geriet, werde ich während der ganzen Dauer meines Aufenthaltes in Cumberland vollauf genug haben.

Was Sie sagen, Mr. Hartrigh't! Darf ich es hören?

Ich erzählte ihr sofort die Umstäilde, unter welchen ich der Frau in Weiß begegnet war, genau wie sie sich zugetrageu hatten, und wiederholte, was sie über Mrs. Fairlie und Limmeridge House gesa.gt hatte, Wort sür Wort.

Miß Halcombes klare, entschlossene Augen schauten von Anfang bis zu Ende meiner Erzählung begierig in die meinigen. Ihr Gesicht drückte lebhaftes Interesse und Er­staunen aus, aber weiter nichts. Sie war offenbar ebenso weit, wie ich selbst, von einer Lösung des Geheimnisses entfernt

Sind Sie jener Worte in bezug auf meine Mutter ganz gewiß? srug sie.

Ganz gewiß, erwiderte ich. Wer die Frau auch fei» mag, sie ging einst in Limmeridge in die Schule und wurde von Mrs. Fairlie mit besonderer Güte behandelt, und in dankbarer Erinnerung an jene Güte fühlt sie für alle noch lebenden Mitglieder der Familie ein zärtliches Interesse. Sie wußte, daß Mrs. Fairlie und ihr Gemahl tot seien, und sie sprach von Miß Fairlie, als ob sich beide in ihrer Kindheit gekannt hätten.

Höchst sonderbar. Ich bin der Ansicht, Mr. Hartright, daß Sie ganz recht darin taten, daß Sie dem armen Ge­schöpfe zu ihrer Freiheit verhalfen, denn sie scheint in Ihrer Gegenwart nichts getan zu haben, was bewiesen hätte, daß sie zu dem Genüsse derselben nicht berechtigt fei. Aber ich wollte doch, Sie wären ein wenig ent­schlossener in Ihren Versuchen, ihren Namen zu erfahren, gewesen. Wir müssen dieses Geheimnis aufklären. Ich denke indessen, Sie erwähnen die Sache lieber noch nicht gegen Mr. Fairlie oder meine Schwester. Ich bin fest überzeugt, daß beide ebenso wenig wie ich wissen, iver die Frau ist. Beide aber sind auch, freilich auf ganz ver­schiedene Weise, nervenschwach und leicht erregbar, und Sie würden sie nur unnötigerweise beunruhigen. Was mich selbst betrifft, so brenne ich vor Neugierde und werde von diesem Augenblicke an meine ganze Energie auf die Ent­deckung der Sache richten. Als meine Mutter bald pach ihrer zweiten Heirat hierher kam, errichtete sie allerdings die Dorfschule, gerade so wie sie noch jetzt besteht. Aber die alten Lehrer sind alle tot oder anderswohin gegangen, so daß von der Seite her keine Aufklärung zu erwarten ist. Die einzige andere Alternative, die mir einfällt »

Hier wurden wir durch das Eintreten des Dieners unterbrochen, der mich bellachrichtigte, daß Mr. Fairlie sich freuen werde, mich bei sich zu sehen, sobald ich mit dem Frühstück zu Ende sei.

Warten Sie draußen, sagte Miß Halcombe, inbent sie auf ihre schnelle, lebhafte Weise statt meiner antwortete, Mr. Hartright wird gleich hiliallskornnren. Was ich sagen wollte, fuhr sie fort, indem sie sich wieder zu mir wandte, wir besitzen eine große Sammlung von meiner Mutter Briefen, die sie au ihren und meinen Vater geschrieben hak. In Ermangelung aller anderen Mittel, uns Aufklärung; zu verschaffen, will ich den Morgen dazu antoeitbcn, meiner Mutter Korrespondenz mit Mr. Fairlie durchzusehen. Er liebte London und war sehr oft von seinem Landsitze ab­wesend, nnb sie war gewohnt, ihm bei solche» Gelegen­heiten Berichte über alles zu schreiben, was sich in Lim- meribge zutrug. Ihre Briefe sind voll Don ihrer Schule, für die sie ein großes Interesse fühlte, und ich denke, es ist mehr als wahrscheinlich, daß ich etwas entdeckt haben werde, sobald wir einander Wiedersehen. Das Gabelfrüh­stück ist um zwei Uhr, Mr. Hartright. Ich werde dann das Vergnügen haben, Sie meiner Schwester vorzustellen, und den Nachmittag wollen wir bann dazu verwenden, in der Nachbarschaft spazieren zu fahren und Ihnen alle unsere Lieblingsaussichten zu zeigen. Also auf Wieder­sehen um zwei Uhr.

Sie nickte mir mit lebhafter Grazie und bezaubernder vornehmer Vertraulichkeit zu und verschwand durch eine Tür am unter» Ende des Zimmers. Sobald sie mich ver­lasse», ging ich auf den Vorplatz hinaus und ließ mich von den: Diener zu Mr. Fairlie führen.

V.

Mein Führer ging mit mir zu dem Korridor hinauf, auf dem das Schlafzimmer lag, in welchem ich die ver­gangene Nacht zugebracht hatte. Er öffnete die Türe nebenan und ersuchte mich, hiueinzuseheu.

Ich habe Befehl von meinem Herrn, Ihnen Ihr eigenes Wohnzimmer zu zeigen, Sir, sagte der Man», und Sie zu fragen, ob Sie mit der Sage und dem Lichte zufrieden sind.

Ich wäre in der Tat schwer zu befriedigen gewesen, hätte nicht das Zimmer sowohl, wie alles, was dazu ge­hörte, meinen Beifall gehabt. Das Bogenfenster zeigte dre- felbe wunderschöne Aussicht, die ich in ber Frühe schon von meiner Schlafstube aus bewundert hatte. Die Ein­richtung war vollkoninien an Luxus und Schönheit. Es war das niedlichste, luxuriöseste kleine Wohnzimmer, das mir je vorgekommen, und ich lobte es mit dem wärmsten Enthusiasmus.

Der feierliche Diener verbeugte sich nut eisiger Ehr­erbietung, als ich meine Lobsprüche erschöpft hatte, und öffnete dann schweigend wieder die Tür, um mich in den Korridor hinauszulassen.

Wir bogen um eine Ecke und betraten einen zweiten langen Korridor, an dessen äußerstem Ende angelaugt wir eine kleine Treppenflucht hinaufstiegen, über einen Heinen, runden Vorplatz gingen und endlich vor einer Tür sttu- ftanbeu, die mit einem dicken, dunkeln Wollenstoffe be- fchlage» mar. Der Diener öffnete diese Tür und führte mich ein paar Schritt weiter a» eine zweite; öffnete diese ebenfalls und zeigte dadurch zwei Vorhänge von blasser, wassergrüner Serbe dicht vor uns; zog den einen geräuschlos zurück, sprach leise die Worte:Mr. Hartright" aus und verließ mich.

(Fortsetzung folgt.)

Geschichte des Postwesens im Grotzherzogtuin Hessen.

Von M. Koehler und R. G o 1 dman n, (Schluß.)

1, Rückblick auf die Entwicklung des Telegraphenwesens in Hessen; Vereinigung der Post und Telegraphie.

Im Jahre 1876 erfolgte die Vereinigung der Post und Telei- graphie zu einer einheitlichen Verwaltung.

Ein kurzer Rückblick, auf die Entwicklung des Telegraphen­wesens wird von Interesse fein.

Optische Telegraphen, wie sie in Frankreich feit 1792 ton Claude Chappe angelegt und zu hoher Vollkommenheit gebracht wurden, lassen sich auch im Gebiete des heutigen Großherzogtums Hessen nachweisen. Am 13. Marz 1813 Beauftragte der Kaiser! Napoleon Abraham Chappe, den jüngsten Bruder des Erfinders,; mit der Herstellung einer optischen Telegraphen-Linie zwischen Metz Und Mainz. Me Arbeiten wurden sogleich in Angriff genommen! Und schon am 29. Mai des gleichen Jahres fand der erste tele­graphische Nachrichtenaustausch zwischen Metz und Mainz statt.;