Ausgabe 
18.3.1911
 
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B

Dank für die Bewirtung. Die Kosy war ganz gerührt von dieser Großmut. L . m

Also zum Gradierwerk! Immer gerade den Weg zu­rück, wo ich herkam?" fragte er.

Die Kosy packte ihre Sachen zusammen.Wenn der Herr erlaubt, ich habe denselben Weg"

Bitte!" sagte der höflich und schritt neben der be­häbigen Alten durch den Mairegen. , _

Das müssen Sie erst all im Sonnenschern scheu, Herr!" erzählte die Kosy und deutete auf eine Biegung der Saale. Bon vielen Herrschaften hab ich schon gehört, das ser fast ein Stück Tirol. Da drüben liegt die Wilhelmsburg, da müssen Sie auch mal rauf, grad vis-a-vis von unserm

*So? Sie haben ein Haus?"

Ach nein, ich nicht. Ich wohne nur drin. Was die junge Frau von Hilbach ist, die ist die Besitzerin. Auch schon Witwe, Herr, und noch blutjung."

So?"

Ja!" Die Kosy wollte noch weiter erzählen, ab^er plötzlich war es ihr, als sähe ihre Frau sie traurig und flehend an.

Hier rechts herauf müssen Sie! Wenn Sie nachher zurück zum Mutigen Ritter gehen, dann merken Sie sich einmal: das zweite Haus von der Brauerei aus ist Unseres, das lange, graue mit dem Gärtchen an der Saale, wir vermieten auch!"

Der Herr lüftete den Hut, machte eine ungeschickte Be­wegung, weil er nicht wußte, ob er ihr die Hund reichen sollte, aber die Kosy gab ihm die ihre, und er versprach, sie oft am Brunnen zu besuchen.

Den ganzen Tag ging der Kosy der Leipziger Herr nicht aus dem Kopf. Sie sah ihre Frau oft fragend an, aber sie erzählte ihr nichts.

Mr den wären dreitausend Mark eine Kleinigkeit!" dachte sie immer wieder, und wo er so viel auf einen guten Charakter gibt und wo er das Prinzip hat, daß eine Frau einmal schlechte Zeiten durchgemacht haben muß, wär meine Frau wie geschaffen für ihn; nun muß das Un­glück wollen, daß sie ihr Herz an den Doktor gehängt hat, von dem man noch nicht einmal gewiß weiß, ob er ein reeller Mann ist!"

Am Nachmittag klärte sich das Wetter auf, und die Kosy konnte stricken; das verkürzte ihr die Dienststunden ungemein und machte ihre Stimmung freudiger.

Gegen sieben Uhr kam Frau von Hilbach mit dem Jungchen nach dem Brunnen, setzte sich zur Kosy unters Blechdach und erzählte ihr, daß der Herr Bauunternehmer sich über das fortwährende Harmoniumspiel der Frau Küster beschwert habe.

Sie müssen heut abend mal zu ihr gehen, Kosy!" bat. sie,Sie werden doch am besten mit ihr fertig!"

Die Kosy brummte etwas vor sich hin pnd lugte in der Richtung nach der Rudelsburg aus. Um vier Uhr war er am Brunnen vorbeigegangen; wenn er sich eine Stunde oben aufhielt, konnte er bald zurück sein, und ----Ach, sie wußte nicht, was sie eigentlich wollte. So jung und so voll von Sorgen die Frau da neben ihr auch war, klug wurde die doch nicht.

Haben Sie auch noch über die dreitausend Mark nach- tzedacht?" fragte sie etwas unwirsch.

Frau von Hilbach sah sie erstaunt an. Sie sagte nur Kosy!", und in ihrer Stimme lag es wie Trauer und Borwurf.

Nu, ich meine eben! Ein Tag geht nach dem auderni hin, und der erste Juli ist da, ehe man sich's versieht!"

Wir haben doch gestern wieder die Annonce ins Leip­ziger Tageblatt geschickt, Kosy!" Frau von Hilbach wurde es angstvoll und beklommen zu Mut.Ich will auch noch gleich einen Brief nach Berlin schreiben!"

Sie stand auf, aber die Kosy hielt sie.

Bleiben Sie doch! Der Brief kommt doch erst morgen früh nach Berlin, ob wir den jetzt oder in einer Stundo einstecken. Ein bißchen frische Luft tut Ihnen gut. Sie sehen aus, als kämen Sie direkt aus der Großstadt, und das ist keine Reklame für die Fremden, wenn eine aus dem Ort so blaß aussieht."

Frau von Hilbach blickte zur Wilhelmsburg hinüber, die hob sich jetzt in der Dämmerung wunderbar weich vom Himmel ab. Ein paar Wochen noch, dann lag sie im heißen Sonnengkauz und sah aus wie eine junge Königin,

und wenn der Sommer erst da war, dann ging es bergaS mit dem Warten, dann kam der Herbst, den sie so liebte, und--

Da standen wieder die Dreitausend vor ihren Augen und fingen an, um sie herumzutanzen.

Kosy", sagte sie verzweifelt,wenn sie mir das Haus nehmen, gehe ich in die Saale, ich kann das nicht ertragen!"

--Nein, welche Freude! welches Vergnügen! Bitte mein Herr!"

Frau von Hilbach sah bei diesem plötzlichen Aufruf auf und blickte den behäbigen, blonden Herrn an, als fei er ein Wunder.

Ein Badegast aus dem Ritter, Frau von Hilbach, ich habe heute morgen seine Bekanntschaft gemacht. Spier, meine Frau, die Besitzerin von dem Haus, Sie wissen schon!"

Der Herr reichte Frau von Hilbach die Hand und setzte sich zwischen sie und die Kosy auf die Bank. _ Er sprach zuerst von der Rudelsburg, die er ganz nett fand, dann von seinem Hotelzimmer und daß das Essen überraschend gut sei und erzählte von den schönen Zeiten, da er mit seiner Frau gemeinsam gereist war.

Der Herr ist nämlich Witwer!" erklärte die Kosy und sah ihre Frau an, die still neben dem Fremden saß.

Sie sind auch schon alleinstehend, hab ich gehört?" sagte der jetzt teilnehmend.So was ist hart, nicht wahr? Das fühlt einem keiner nach; und im Grunde, wenn man so bedenkt, ist eine alleinstehende Frau ja noch schlimmer dran wie ein alleinstehender Mann!"

Das will ich meinen!" antwortete die Kosy für ihre Frau,und ganz besonders, wenn sie ein Haus hat, das fortwährend repariert sein will und wo man die Hypo­theken kündigt!"

Kosy!" Frau von Hilbach errötete, aber die Alte fuhr fort:

Das macht nichts, Frau von Hilbach! Der Herr hat mir auch seine Schicksale erzählt, und Armut schändet nicht!"

Nein, Kosy, nein! Sie sollen cs mcht erzählen!" Fran von Hilbach war ganz erregt, und der Herr meinte gutmütig zur Kosy:

Na, wenn sie's durchaus nicht will, indiskret bin ich nicht!"

Die Kosy überlegte einen Augenblick, dann war sie mit sich im Reinen.

Frau von Hilbach, man soll gewiß nicht jedem alles sagen, das kann schädlich feilt; aber ebenso schädlich kann es auch werden, wenn man allzu verschlossen ist. Sehen Sie sich mal hier den Herrn--ach, ich weiß den

Namen noch nicht"

Schmitz!" Der Leipziger verbeugte sich leicht.

Sehen Sie sich mal den Herrn Schmitz an, Frau von Hilbach. Der hat es auch aus nichts zu was gebracht, das hat er mir heut morgen beim ersten Mal Sehen er­zählt. Jetzt hat er eine Papierfabrik von vierhundert Arbeitern und womöglich noch ein eigenes Haus."

Zwei!" ergänzte Schmitz.

Nu, sehen Sie! Zu wem wollen Sie mehr Ver­trauen haben, als zu so einem Herrn, und wo wir doch gerade jetzt in Leipzig, in seiner Vaterstadt, annonciert haben"

Der- kleine Erwin kam angesprungen, und die Kosy ries ihn herbei.

Unser Jungchen!" stellte sie ihn stolz vor und strich ihm über die Locken; der Herr nahm den Kleinen (tu,| seine Knie und zeigte ihm seine dicke, goldene Uhr.

(Fortsetzung folgt.)

Erlebnisse im Zebruar Ms.

In Versailles.

Ich erzählte am Schlüsse des Monates Januar 1871 von meinen Erlebnissen im Schlosse Maintenon an der Eure, von unseren Hoffnungen auf den Frühling und auf den von uns lange ersehnten Frieden.

Am 6. Februar hatte sich der Prinz so weit erhalt, daß et auf Anraten seines Arztes die Fahrt nach Versailles machen konnte. Nach seiner Abfahrt fühlte ich mich in dem weiten Schlosse sehr vereinsamt. Nur der stattliche Kastellan mit seiner Familie und ich wohnten darin. Dank unserem Telegraphen hatte ich kurz vorher erfahren, daß meine, die 22. Division in Elboeuf stehe. Es war ihr nicht erspart geblieben, nach ihren Kreuz- und Ouer- zügen zwischen Paris, Orleans und le Mans nun auch noch