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Das Witwenhaus.
Roman von Helene von Mühlau.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Gut und solid war der angezogen: gestickte Weste, feine, gestreifte Beinkleider, Stiefel, die nach Maß gemacht waren aus gutem, solidem Leder und einen steifen, schwarzen Filzhut mit Seidenfutter. Ein Mensch, der sich so kleidete, war etwas. Nach der Kleidung konnte man immer ziemlich sicher auf den Charakter schließen. Das Gesicht war gutmütig, ein bißchen in die Breite geraten, und wenn die pfiffigen, hellblauen Aenglein nicht ihre eigene Sprache geredet hätten, dann hätte man ihn für einen Gemütsmenschen der besten Sorte halten können.
Auf dem Hinterkopf waren die rotblonden Haare schon ein bißchen dünn, das hatte die Kosy gleich gemerkt, wie er nur ein bißchen den Hut gelüftet hatte; aber der Schnurrbart war eigentlich flott zu nennen, der war mit Brillantine und Bartbinde gepflegt und riß das ganze Gesicht heraus.
„Was man so vornehm nennt, ist er ja eigentlich nicht gerade, trotz seiner anständigen Kleider!" schloß^die Kosy, „aber einer von denen, die nicht zu verachten sind; wenn der mir erzählte, daß er drei Häuser oder eine gutgehende Fabrik oder sonst was Reelles besitzt, dann glaubt' ich ttym das aufs Wort!"
„Das hat gilt getan!" sagte der Leipziger, nachdem er seinen Kaffee geschlürft hatte, „das war ein richtiges Labsal. Nun muß man nur noch überlegen, was man mit dem übrigen Dag anfängt!"
„Nu, wenn ich mir einen Vorschlag erlauben dürfte, dann würde ich raten, heut die Rudelsburg fahren zu lassen. Da ist der Weg doch ein bißchen schlüpfrig, und Aussicht ist auch keine. Vielleicht geht der Herr ein bißchen ans Gradierwerk und atmet unsere schöne Salzluft, oder drüben durch die Promenade in den Kurpark, da haben wir eine iPpf p'ßofrß — ——"
„So so! Das gibt's hier auch?"
„Nu, was denken Sie?" — die Kosh tat ordentlich beleidigt — „unser Bad hat doch schon seinen Namen, und jedes Jahr vergrößern wir uns!"
„Dem Lokalpatriotismus nach sind Sie wohl Hiesige'?"
„Geboren, ja! Wer nur bis zum Zwölften Jahre hier gelebt, dann war ich Waise und bin unter fremde Leute gekommen, bis zum achtzehnten Lebensjahr, dann geheiratet und zwei Jahre darauf verwitwet, wieder geheiratet, diesmal zehn Jahre lang, fünf Jahre Witwe und wieder geheiratet!"
„Und wieder Witwe?" fragte der Herr, als sie stockte.
„Wieder Witwe!" antwortete die Kosy und wischte sich eine Träne aus den Augen. „Man kann viel durchmachen im Leben, und manches Mal mußt ich sagen; Herr, deine Wege sind wunderbar."
Der Leipziger sah teilnahinvoll auf seine nett! Freundin. , ,
„Ja, ja," seufzte er, „man kann viel durchmachen. Sre sind dreimal Witwe geworden, das nenn ich hart, und da wär im Grunde Ihr Schicksal ja noch schlimmer tote das meinige. Aber wenn Sie meine Frau gekannt hatten, einfacher Leute Kind, — mit Stube und Kammer haben wir angefangen —, und nun konnten wir uns leisten, was wir wollten und noch viel mehr. Vierhundert Aroeiter beschäftige ich allein in meiner Papierfabrik, und da mußte sie weg, — im besten Lebensalter und hatte sich noch so viel vorgenommen. Diesen Sommer wollten wir mit Vergnügungsdampfer nach Algier und Tunis und nachher Schweiz oder Tirol, alles war fest, da legt sie sich hin und stirbt, gleich nach Weihnachten! Mit einfacher Influenza hat's angefangen, und an schwerer Lungenentzündung ist sie zugrunde gegangen. 9hm laß ich alles fahren. Was soll ich allein in Algier und Tunis? Keine Courage mehr! Keine Energie! Wenn die Frau fehlt, fehlt alles!"'
Die Kosy sah ihn ganz erschüttert an. Fast hätte sie seine Hand gedrückt.
„Aber, bester Herr," tröstete sie, „in Ihrem Alter! Noch kein graues Haar auf dem Kopf und in den Verhältnissen, da können Sie doch alle Tage einen Ersatz haben."'
Traurig schüttelte der Herr den Kopf.
„Ersatz? Was verstehen Sie unter Ersatz? Meine Frau, die hatte ein Herz von Gold und eht Kindergemüt und wußte doch, was sie wollte. Zuletzt war sie ein bißchen stark geworden, aber noch vor fünf Jahren sahen ihr die Leute aus der Straße nach, weil sie so niedlich war. Fraui und Frau ist ein großer Unterschied! Sehen Sie, meine Frau, die hat mich geheiratet, wie ich noch nichts toav und nichts hatte. Die hat mit mir erworben, und wenn ich mir nun denke, daß eine andere so einfach ins fertige Nest kommen soll und mir vielleicht ohne Liebe ihre Hand reicht, nur weil ich was habe, ne, dann lieber allein. Einer Frau muß es einmal schlecht gegangen sein, dann schätzt sie das Gute erst, aber heutzutage — "
In der Kosy Kopf begannen allerlei^edanken zu hüpfen, die ihr ordentlich heiß machten; sie mußte sich den Schweiß von der Stirn wischen. Sie sah sich ihren Nachbarn noch einmal genau an.
„Schade! schade!" dachte sie, „jedes Detail an ihm ist hübsch, und doch, der Gesamteindruck---"
Sie verglich ihn mit dem Doktor. Worin der groß« Unterschied zwischen den beiden lag, das wußte sie nicht.M Dieser hier sah eigentlich noch stattlicher aus als Doktor! Bergholz, besonders im Gesicht gesunder und freundlicher, Ihr Geschmack, wenn sie jung wäre und zu wählen hätte, wäre dieser hier gewesen, ganz abgesehen davon, daß er was Reelles hatte ----aber---
Sie schüttelte den Kopf. Der Herr Zog sein Port«, monnaie, legte ein Markstüa auf den Tisch und sagte schönen


