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Er hörte förmlich, tote sie das sagte. Er Hatto sie *to so ganz, ganz in seiner Gewalt. Wemi er jetzt mitten in der Nacht die Tiir zn ihrem Zimmer öffnete und sagte: „Komm! Sei mein! Ich will dich besitzen!" — sie wäre gekommen, ohne ein Wort der Abwehr. Sie war ja am Werhnngern, sie brauchte seine Liebe nötiger wie ein Stück Brot. —
„Ja, es gibt doch noch einen Weg!" sagte sich Doktor Bergholz nach einer schlimmen Nacht, in der er das Weiblein neben sich wieder schluchzen gehört. „Ich muß wieder ein Mensch werden, ich muß neu aufbauen! Ein Jahr wird genügen, dann hol ich sie mir! Ich gehe morgen, ich gehe ins Leben zurück. An der Schwäche eines armen. Weibes Habe ich meine Kraft zurückgewonnen."
Er schlief bis in den Hellen Tag hinein, und als er erwachte, schien ihm die Welt ein anderes Gesicht zu haben. Da lachte die Dezembersonne so golden in sein Zimmer, und nebenan sprach das Weiblein, um das er sich bangte, mit seinem Kind, und heute wollte er ihr sagen, daß er ginge und daß er wiederkäme, und — —
' „Herr Doktor, um Gottes willen, Herr Doktor, stehen Sie auf! Es ist ein entsetzliches Unglück passiert!" schrie da plötzlich die Kosh und stürzte zu ihm ins Zimmer.
>,Schnell, schnell, Herr Doktor, kommen Sie!"
Vierzehntes Kapitel.
„Sehen Sie," hatte die Specht zur Hänflein gesagt, als sie abends beim Tee zusammensaßen, „ich wußte ja, toenu wir ihr noch einmal mit der Bürgermeisterei drohten, dann würde sie ruhig. Sie haben doch auch noch keinen Ton gehört heute abend, nicht wahr, liebe Frau Häuflein ?"
„Nein," sagte die, „aber glauben Sie, mir ist es unbehaglich zumut, weil sie so still ist!"
Die Specht lachte: „Aber, liebe Frau Häuflein, Sie sind wirklich merkwürdig; statt sich zu freuen, daß Sie endlich Ruhe haben, geben Sie sich einem Unbehagen hin. Sie wissen doch, das letzte Mal hat es auch nur für ein paar Tage genutzt, daun ging es schlimmer wie vorher los. Aber wenn das diesmal auch wieder so kommt, dann gehen wir wirklich zur Bürgermeisterei. Ich meine, wir haben genug Rücksicht genommen."
Die Häuflein antwortete nichts. Sie sah ein paar Mal zur Decke empor, beugte sich dann tiefer über ihre Häkelarbeit und war einsilbiger wie sonst.
Die Specht wurde schon wieder ängstlich und suchte mit allen Mitteln die Stimmung ihrer Flurnachbarin zu ?leben. Sie glaubte das am ersten zu erreichen, indem sie ich über das Schicksal der Frau Lengerich äußerte. Ihrer Ansicht nach war es eine ziemliche Anmaßung von solch einer Frau, daß sie sich so einfach unter andere normale Menschen mischte. Wenn man mit solch einem Fluch beladen ist, sollte man sich doch lieber in die tiefste Einsamkeit zurückziehen. „Was meinen Sie, Frau Häuflein?"
„Ich bitte Sie, liebe Frau Oberlehrer," sagte die jetzt nervös, „ich kann heute abend das viele Reden nicht vertragen, ich fühle mich nicht wohl."
Die Specht war ganz niedergeschmettert; sie war auf- gestanden und mußte sich Gewalt antun, ihre Aufregung zu bemeistern. —
„Herr Gott, was war das?" schrie plötzlich die Häuflein und wurde kreidebleich, die Specht aber lächelte.
„Sehen Sie, liebe Frau Häuflein, Sie haben zu früh gejubelt, der Lärm wird wohl schon wieder anfangen!"
Es blieb aber alles still, nur in dem Augenblick, da die Häuflein „Herr Gott" geschrien hatte, war ein Stuhl zur Erde geworfen worden, daun kein Laut mehr. —
„Wenn Sie nicht wohl sind, bann will ich lieber gehen!" sagte die Specht zögernd, und die Hanflein hielt sie nicht zurück. Sie reichten sich die Hände, schieden kühler und stiller wie sonst, und die Häuflein legte ihre Arbeit fort tot'b versank in tiefes Sinnen.
— —• — Seit Monaten hatte die alte Frau Lengerich Nur in ihrem Mittelzimmer gesessen, hatte die Flurtür fest verschlossen, den Schlüssel zweimal um gedreht, eine Kette vorgehangen und zwei Stühle davorgeschoben.
Das Zimmer, das nach dem Flur zu ging, war so'helle, so groß, und wenn es jemand einfiel, sie belauschen zu wollen, konnte er es vom Flur aus tun.
Das große Mittelzimmer aber war dunkler und. ver
borgener, Und in den Mkoven drang kein Lichtstrahl, und wenn man die Vorhänge zuzog, war es Nacht darin.
Zweimal in der Woche kam ein Mädchen zum Reinigen der Wohnung, das kochte der alten Frau das Essen und holte ihr beim Kaufmann ein, was sie brauchte. Sie ließ sich immer gleich für eine halbe Woche kochen, dann hatte sie Ruhe. Wenn dieses Mädchen kam, mußte es dreimal! an die Flurtür klopfen und ein Stichwort rufen, dann kam Fran Lengerich aus ihrem Alkoven vor und öffnete, und die Gegenwart dieses Mädchens tat ihr wohl. Die toast freundlich und zutraulich und wenn die alte Frau, sie fragte, ob niemand sie belausche, ob niemand sich! über sie beklage, ob sie nie etwas Besonderes über sie gehört habe, dann gab ihr das Mädchen freundliche Antwort und tröstete sie und versicherte ihr, daß kein Mensch sich um sie kümmere.
Das tat der Frau Lengerich wohl, und sie schenkte denk Mädchen Geld und zeigte ihr, wo sie ihr Geld verborgen hielt, und jeden Monat mußte das Mädchen an die Bürgermeisterei und eine kleine Rente für die Fran Lengerich holen. — So war das Leben erträglich für sie; sie hatte Ruhe. Kein Mensch der Welt kümmerte sich um sie.
In die dunkelste Ecke des Alkovens hatte sie sich ein eit Sessel gerückt, einen großen Sessel ans Urväter Zeiten. Darin hatte der Vater und der Großvater ihres Mannes gesessen, und beide waren darin gestorben, weil sie int hohen Alter in keinem Bett mehr liegen konnten.
Ruhig und voll Frieden waren sie in diesem Stuhl eingeschlafen zum ewigen Schlaf, und ihr Georg hatte den alten Stuhl in Ehren gehalten. Darin konnten noch ein paar Generationen zur ewigen Ruhe eingehen.
Er war so breit und bequem, es konnten gut zwei! Menschen auf einmal darin sitzen, und Fran Lengerich dachte an eine Vergangenheit, die ihr weit so weit ziriialig.
Sie und ihr Georg hatten so manches Mal zu zweien in diesem Stuhl gesessen, sie hatten auch zu dreien darin gesessen, nachdem der kleine Georg gekommen war, und sie hatten oft gesagt, daß es wohl auf der ganzen Welt keinen ähnlichen uralten Stuhl gäbe, der so viel Glück, so viel Seligkeit beherbergte, denn sie hatten sich lieb, sehr, sehr lieb gehabt. —
Einfache, schlichte Leute waren sie äußerlich gewesen, gehörten zu der großen Durchschnittsklasse von Menschen, die nicht arm und nicht reich, nicht eigentlich gebildet und doch aufnahmefähig sind, zu jenen Menschen, denen das Leben in fest vorgeschriebenen Bahnen verläuft, die so sicher auf dem bequemen Mittelweg des Daseins wandeln, daß eine Verirrung vollkommen ausgeschloffen erscheint.
Ja, solche Menschen waren die Lengerichs gewesen, solche, die keine Tiefen zu sehen bekommen, die aber auch nie ahnen dürfen, wie es über ihnen aussieht; sie gehen glatt an allen Extremen vorüber, leben froh und einfach ihre Tage'hin, freuen sich eine ganze Woche auf dbn Sonntag, tragen pflichttreu ein paar erübrigte Groschen ans die Sparkasse, und all ihr Glück, all ihren Kummer finden sie in kleinen Alltäglichkeiten, die das Leben so mit sich bringt.
Bei solchen Leuten weiß mau nicht viel von unglücklichen Ehen, von Langeweile und Unverständnis. Die sind so fest aneinandergeschweißt durch den gemeinsamen Besitz, durch die Kinder, durch das Versprechen, das sie sich am Altar ablegten, daß eine Macht, die sie auseinander zu reißen vermöchte, schon ganz gewaltig groß sein müßte.
Bei solchen Leutchen wächst auch keines über den andern heraus, keines sagt nach Jahresfrist erschrocken zu sich selbst r „Wie kam ich dazu, mein Leben an diesen Menschen, der mir doch so ganz fremd fit, zu fetten ?" Nein, so ein Mann, der tagsüber an seinem Pult steht und schreibt, was ihm diktiert wird, so eine Frau, die an ihrem Herd steht und kocht, die wäscht und putzt und ihre Kinder pflegt, die bleiben zusammen klein und glücklich, für die gibt es keine Entfremdung, keinen Schmerz, den sie nicht gemeinsam tragen, und wohl auch kein Glück, das der eine ohne den andern genießen möchte. Sie werden.so schön stumpf und vernünftig zusammen, sie trotten vor ihrem Lebenswagen dahin wie ein Gespann Ochsen; sie ziehen und ziehen und luerben zusammen ntübe, und .ihre einzige Angst gilt dem Gedanken, daß vielleicht der eine einmal vor dem andern dahin muß.
Und doch, in eines jeden Menschen Seele, und sei sie noch so klein und eng, lebt doch etwas, wovon der anders


