Ausgabe 
18.2.1911
 
Einzelbild herunterladen

Samstag den (8. Hebruar

'iiJ

Kl

»WM

m

KW

W s?w

߮W^O

LMMIM

Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau. (Sortfe'tiiiitg.) (Nachdruck verboten.)

Im Anfang hatte Doktor Bergholz also über der Sehnsucht des armen Weibleins, das da neben ihm seine ruhelosen Nächte verbrachte, gestanden, er glaubte es wenig­stens. Er hatte nur darüber Nachdenken wollen, wie ihr zu helfen sei, und daß er so gar keine Hilfe für sie finden konnte, hatte ihn verdrossen.

Er schlief nicht mehr so fest in seinem dunklen Alko­ven, wie in den ersten Wochen seines Hierseins; es quälte ihn, daß jemand so gaty in seiner Nähe litt, und daß er nicht helfen konnte, nud weil er ein tüchtiger Arzt war, fing er an, über die Ursache der Krankheit, an der das junge Weiblein litt, nachzudenken, denn krank war sie, ihre Seele war krank.

Fünfundzwanzig Jahre ist sie alt" dachte er,und hat ein heißes Herz und viele Sorgen, hat noch so viel unverbrauchte Kraft, glaubt uoch so fest an Glück und Wunder und Zukunft und hat keinen Menschen auf der Welt, der sie versteht, der ihr ein gutes Wort sagt."

Solange so eine Frau in der Einsamkeit lebt, trägt sie ihre schwere Krankheit mit Heldenmut und Ausdauer. Das tut sie aber nicht, weil sie niemand hat, der ihr tragen hilft. So ein Zustand ist aber nicht für die Dauer erträglich. Irgend eine Lösung mußte da kommen, das war einfach natürlich, war Notwendigkeit, und da gab es zwei Möglichkeiten: Entweder fand so ein Weiblein den Mann, der es mit all seiner großen, bangen Sehnsucht ans Herz nahm, der es verstand, seine arme, wunde Seele mit weichen Händen zu berühren und gesunden zu machen. Da­für wiirde ihn so ein Geschöpf dann mit all seinem Reich­tum, den es zu vergeben hatte, überschiitten, und so ein armes Ding hatte eine Quelle vou Licht und Wärme in sich, die nie versiegte, das wußte er. Also, das wäre die eine Lösung, und die andere?

Nun, so ein törichtes, arnteS Ding ging vielleicht eines Tages in die Welt und fand irgend einen Lumpen, den es sich durch seine eigene Brille ansah; es pichte sich diesen Lumpen heraus und quälte sich so lange mit ihm herum, bis er plötzlich so war, wie es sich in sehnsuchts­vollen Nächten einen Menschen zurechtgeträumt hatte, und dann verschenkte es sich, sand ein kurzes Gliick, das es mit bitterem Leid bezahlte, sehnte sich wieder, putzte sich einen zweiten Lumpen heraus, an den es sich wieder verschwendete, bann einen dritten und dann weiter, immer weiter, bis seine schöne, reine, klare Seele ein einziger großer Schmutz­fleck tvar, bis es von seiner reinen, traurigen Höhe her­untergeglitten war in Schlamm und Schmutz und nichts, Vichts bewahrt hatte als seine große, unerfüllte Sehnsucht.

Es war ja so leicht, die zarten, feinen Saiten auf der Seele eines solchen Weibleins zu zerbrechen und andere, derbere, aufzuziehen, und wenn sie erst einem erlaubt hatte, darauf zu spielen, daun erlaubte sie es auch dem zweiten, jedem, der sie begehrte, und wie so eine Frau im Gutsein kein Maß fand, so würde sie auch keines finden im Schlecht­sein. Man würde sie mit frechen, dreisten, begehrlichen Blicken ansehen, und schließlich würde sie gar nicht mehr begreifen, daß es zwischen Manu und Weib etwas anderes geben könnte als sinnliche Wünsche, und sie würde nur noch staunen und lachen, wenn einer sie ernst nehmen wollte---

Der Doktor mochte solche Gedanken gar nicht aus- denken.

Solch -eine ist ja viel schlimmer dran wie eine, die wirklich verdorben ist, denn sie ist so töricht, sie überlegt nicht, sie gibt einfach, gibt immerzu und sinkt so entsetz­lich tief.

Er sah das schwache, starke Weiblein vor sich, er las ihr die heißen Wünsche aus ihrem Herzen heraus. Er wußte, daß sie ihn liebte, so liebte, wie ihn nie wieder eine Frau lieben konnte, und er nährte diese Liebe, diese furchtbare Sehnsucht; er peinigte ein armes, wehrloses Geschöpf und wenn diese Liebe so groß geworden war, daß sie sie allein nicht mehr tragen konnte, dann würde er ihr Lebewohl sagen müssen, denn er konnte ihr ja nichts sein, er war ja selber einer von den Lumpen, die sie sich herausputzte, er war der Schlimmste, weil er der erste war!

Oft in der Nacht stand der Doktor auf und begann seine Mcher, Kleider und sonstigen Habseligkeiten in den Koffer Zu werfen.

Morgen xtn aller Frühe gehe ich!" sagte er sich.In aller Frühe, bevor ich sie wiedergesehen!" Aber er ging nicht!

War das nicht erbärmlich? Weil er seine Zukunft über Bord geworfen hatte, mußte ein anderer Mensch zu­grunde gehen, denn daß das Weibchen ohne ihn zugrunde gehen würde, war sicher. Er mußte sie halten, er ganz allein konnte helfen, denn er verstand sie, und so ein Weib­chen war schwer zu verstehen.

Er konnte sie ja auch gar nicht mehr lassen, er hatte in den letzten Wochen gelebt von der Wärme und dem Licht, das sie über ihn ausgoß. Sollte er nun in graue Nacht und Oede zurück, planlos- ziellos, so wie er ge­kommen ?

Und wenn er das nicht tun konnte, was dann? ? Gab es noch einen anderen Weg? Sollte er sie fragen, ob sie ein Hungerlos mit ihm teilen wollte, ihre traurige Existenz an die noch traurigere eines mit sich selbst zerfallenen! Menschen ketten?

O, er wußte, mit Seligkeit, mit all ihrer großartigen; Unvernunft würde sie jauchzen:Ja, mit tausend Freuden will ich mit dir hungern, nur nimm mich, nimm mich«'/'