Ausgabe 
18.1.1911
 
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ebenfalls nicht fremd- war. Als nun das Christentmn den ger­manischen Glauben verdrängte, konnte man nicht glauben, daß, die einst so Mächtigen tot wären. Um Bergkuppen und rätselhafte Höhlen, mit denen früher ihr Kult verknüpft gewesen, schwebt« Noch ihr Geist; sie selbst aber waren durch den.neuen Gott hinein­gebannt in Fels und Erde, lebten dort fort mit unterirdischer Macht! Ntlb mochten,wohl wiederkommen zu ihrer Zeit. Um diesen mytho­logisch-heidnischen Kern rankten sich nun mannigfache fremde Ele­mente, um die deutsche Kaisersage hervorzubringen, die man treffend mit einem Teppich verglichen hat, gewoben aus dem! Goldglanz heiliger Legenden, aus dein bunten Prunk orientalischen Phantastik und den feinen starken, die Kette bildendem Fädest nationaler Gemütstiefe lind deutscher Innerlichkeit. Franz Kam- pers, der uns eine umfangreiche Geschichte der deutschen Kaiser-» Idee geschrieben hat, geht in seinen gelehrten Nachweisungen bis auf die litessianischen Erwartungen der Juden und Römer zurückweist als den Urgrund der deutschen Sage die verzücktell Schwärmereien und Zukunstsvisiouen des ersten, christlichen Jahrhunderts auf, wie sie in der Apokalyse ihre graitdiosc Gestalt gewonnen. Ten ersten Eindruck auf die ger- Mauische Welt machten aber ivohl die aus solch religiöser Ekstase geborenen byzantinischen Weissagungen des Methodius, die das Auftreten eines großen Kaisers am jüngsten Tage verkündetem In der Welt beherrschenden Macht Kaiser Karls, der dem römisch- byzantinischen Imperium ein abendländisches Reich auf der Grund­lage deutschen Wesens entgegenstellte, schien die Idee eines solchen idealen christlichen Herrschers bereits verkörpert, und als der Gewaltige dahingiug, spanir die Sage um ihn ihre leuchtenden! Fäden; doch ivaren es hauptsächlich die Franzosen, die die Karls- legende ausbildeten. Ten rettenden Messiaskaiser erwarteten die französischen Sibyllen aus ihrem Herrscherhause; griechisch« Prophezeiungen sagten von deutschen Herrschern das Schlimmste voraus. Einem lateinischen Drama, denr TegernseerSpiel vorn Antichristen", war cs Vorbehalten, der Sage von einem welt­beglückenden Fürsten zum erstenmal einet: rein deutschnationalen Gehalt zu geben. Den Stofs dieses für die Entwicklung unseres Nationalbewußtseins bedeutsamen Werkes bildet die alte byzan­tinische Legende, daß der letzte Kaiser nach Jerusalem ziehen, seinen! Scknld im Hain Mamre an einem dürren Baum auchängen, Krone Mrd Zepter auf Golgatha niederlcgen und Gott das Reich über­geben werde. Vor der Herrschaft Gottes aber werde der Antichrist die Gewalt an sich reißen und die Schrecken des jüngsten Gerichts herbeiführen. Als den idealen Kaiser, der das Reich des Herrn vorbereite, schildert der Tegernseer Mönch denKönig der Deut­schen" und fein deutliches Vorbild ist Friedrich I. der Rotbart.

Wer die phantastischen und inbrünstig fanatischen Hoffnungen auf das Wiedererwachen abendländischer Kaiserherrlichkeit, die dumpfen Schmerzen, die die gesunkene Größe des römischen Kaiser­tums in deutschen Herzen erweckte, sie klammerten sich nicht an die Gestalt des ersten, sondern des zweiten Friedrich unter den Stauffen. Der alte Kantpf zwischen Kaisertum und Papsttum hatte in seinem verzweifelten Ringen, in seinem erschütternd . jähen Ende einen großartigen, alle Momente der mittelalterlichen Kultur noch einmal zusammenfassenden Höhepunkt erreicht. Zwei Menschenalter hindurch blieb er der letzte Kaiser des Abend­landes. Kein Wunder, daß um seine von einem geheimnisvollen Zwielicht der Tämonie umspielte Persönlichkeit sich, im Guten wie im Schlimmen, die Prophezeiungen und Legenden konzentrier­ten. Den unabhängigen Freigeist, der als erster sich von der religiösen Macht zu befreien und einen modernen Staat aufzu- 6 au en versucht, bezeichnete der Gründer einer mythischen Sekte, Abt Joachim von Floris, als den Antichrist, dieZuchtrutp der Kirche", die vor dem jüngsten Gericht das Reich des Teufels herbeiführe. Tiefem apokäliplischen Schreckensbild desgroßen Ketzers" aber stellte man in Deutschland ein anderes entgegen: freilich sei er derletzte Kaiser" gewesen, aber fein Antichrist, sondern der Reformator der Kirche, der Vorläufer eines Größeren, einesdritten Friedrich", der in seiner Gestalt erscheinen werde. Um sein Ziel zu erreichen und das heilige Grab in Jerusalem zu erobern. Tie mytische, von Wundern und Phantasmen er­füllte Zeit der Kreuzzüge und die aufgeregt schwärmerische Stim­mung, die die Lehre Joachims von Floris auch in Deutschland entfesselt, verschmolzen in diesen Hoffnungen und Visionen mit­einander. Ans dem tiefen Sehnen des Volkes ward der deutsche Kaisertraum geboren, in dem der so plötzlichentrückte" Kaiser Friedrich II. mit den: orientalischen Priesterkönig Johannes und dem germanischen Götterfürsteu zu einer einzigen machtvolle^ Gestalt zusammenwuchsen.

Tie Sage von dem Fortleben Friedrich II. taucht zunächst in Sizilien auf; es heißt, der Kaiser sei in den Aetna versetzt Morden, wobei mit den feuerbergenden Vulkan wohl die Hölle gemeint war. Auch Dietrich von Bern soll im Aetna gehaust haben, wie ja überhaupt der germanische Bergkult an solchen Borstellungen haftete. Wird doch der Kyffhäuser in einer Ur­kunde von, 1277Wuotansberg" genannt! Tie Lokalisierung der Sage in Deutschland war also schon vorbereitet; aber das Gerücht, daß Friedrich nicht tot sei, wurde, als es über die Alpen drang, vor allem mit einigenfalschen Friedrichen" ver­knüpft, die bald darauf auftraten. Allerlei joachimitische Prophe­zeiungen wurden auf den thüringischen Markgrafen Friedrich den Freidiger: bezogen. Man glaubte schließlich, daß in ihm der

Kaiser auserstanden sei. 1284 wurde zu Wetzlar ein falscher Friedrich, der viele Anhänger besessen, verbrannt. Die Leute suchte:: in der Asche nach seinen Knochen, und als sie nichts Rechtes fanden, sprachen sie, es sei doch der wahre Kaiser Fried­rich; getvesen, dessen Leib aus den: Feuer entrückt sei und der eines Tages in seiner Herrlichkeit wiederkehren werde, wiederkehren! müsse. Dieser zuversichtliche Glaube der Bolksphantasie war gegen Ende des 13. Jahrhunderts schon allgemein in deutschen Landest verbreitet. Bei der 100. Wiederkehr des Todestages Friedrichs (1348) meinten viele, so berichtet der Chronist Johann vost Winterthur, der Kaiser werde in größter Biachtfülle erscheinen, auch wem: er in 1000 Stücke zerschnitten und zu Asche ver-i brannt worden wäre." Er werde die armen Frauen und Jung­frauen reichen Männern zur Ehe geben und umgekehrt, ein ge­rechtes Reich aufrichten, dann mit. zahlreichem Heer übers Meer fahren und auf dem Oelberg oder bei dem dürren Baum der Biacht entsagen. In dem Bestreben, diese Sage völlig zu nationa­lisieren, setzt nun der deutsche Volksgeist an die Stelle des dürren Baumes" der orientalischen Sage die germanische Esche und mit den: Kaiser Friedrich II., der als Zauberer und Däinost aus der Hölle des Aetna in den Sagen auftaucht, verschmilz- Wotan, der Gott, von: Christentum ebenfalls zu einem teuf­lischen Spuk erniedrigt, aber nach dem Volksglauben in alter Pracht im Fencrberg thronend. Der thüringische Markgraf Fried­rick) der Freidige trägt dazu bei, daß die Sage sich besonders in Thüringen ausbildet. DerWotansberg", dem die ihn krönende; Burg von Kyffhausen damals schon den Namen gibt, erscheint zuerst in der thüringischen Chronik des Johannes Rothe (um! 1420 als Sitz des Jdealkaisers Friedrich. Während er zunächst auf der Höhe weilt, wo einst Wotan geopfert wurde, wird en allmählich wie der bergentrückende Lichtgott in das Innere des Berges verbannt, erhält des heidnischen Götterkönigs Raben, die ihn umkreisen, und zuletzt sogar den blitzrotfunkelnden Bart des germanischen Tonnergottes Donar, der nun auf den crstest Friedrich, den Rotbart, die Phantasie führt.

Friedrich II., der stolze Individualist, der zumeist fern vost Teutschland geweilt, war dem deutschen Bolksgemüt immer fremd geblieben. So kam es denn, daß man mit dem roten Bart des Tor an die Stelle des Enkels de:: viel stärker in der! Erinnerung haftenden großen Ahnherrn die kaiserliche, echt deutsche Heldengestalt Friedrich Barbarossas setzte. Neben der Kaisersage tirn Friedrich I., die uns zuerst in «tznern Volksbüchlein vost 1519 entgegentritt, lebte in der Reformationszeit die Sage von der Wiederkunft Karls des Gr. auf, die man in allerleiPraktiken" an Karl V. anknüpfte. Tie Karlssage wurde von den: Uuters- berg bei Salzburg und dem Odenberg in Niederhessen lokalisier^ wie überhaupt viele Berge ihren schlafenden und wicderkeh-rendest Kaiser, so einen Otto den Großen, Heinrich den Vogler odest Karl V., erhielten. Doch über all diese Lokalmythen triumphierte im allgemeinen Bewußtsein des deutschen Volkes die Sage voM Barbarossa im Kyffhäuser, die ihre heute überall bekannte Form in allen Einzelhcitei: im 16. Jahrhundert erhielt und so nach mannigfachen Erzählungen im 17. Jahrhundert von Georg Kehrens in seinerHercynia curiosa" (1703) erzählt wird. Aus dieser! Quelle schöpften die Brüder Grimm ihre Fassung und Rückert den Stoff zu seiner Ballade; in diesen beiden Ausprägungen! hat dann der deutsche Kaiserlrann: seine eigentliche welthistorisch« Rolle gespielt, und als ein hehres, anfeuerndes Bild dem deutschen Volke in bei: Freiheitskriegen und der ganzen langen Zeit des Einheitsstrebens vorangeschwebt. Immer wieder tritt die tröstende, Hoffnung verheißende Gestalt Barbarossas vor das geistige Auge der Seher und Sänger, um sie lohen die hellest Flammen der nationalen Begeisterung, um den Kyffhäuser kreisen mit bei: schwarzen Raben die düstern und lichteren Gedanken! der Patrioten. Und endlich wird es klar, daß der neue Barbarossa! erstanden ist, ein Herrscher aus den: Hoheuzollernstamm, dem so viele Friedriche entsprossen, an die so inauche Prophezeiungen! geknüpft. Ein Wilhelm aber war es, der vor nunmehr,40 Jährest den alten Kaisertraum zur Wirklchkeit machte:

Nun alter Barbarosse

Leg friedevoll Tein müdes Haupt zur Ruh, Ottoneu ihr, Tu Kaiser Karl der Große, Nun schlaft in Ehren in der Marmortruhi Im Silberbart ein würdiger Genosse '

Gesellt sich eurem hohen Reigen zu." (Karl Gerock.)

Zauberkunststücke.

Siegfried batte die Erlaubnis erhalten, zu seinem Geburtstage zwei seiner Freunde einladen zu dürfen. Um für recht interessante Unterhaltung zu sorgen, hatte sich das Geburtstagskind vorgenommen, seinen beiden Gästen drei Zauberkmistslückchcn vorzufüyren.

Siegfried befaß eine kleine schwarze Wandtafel. Vor diese führte er seine Freunde und rief:Paßt mal auf, jetzt will ich euch mal was vorzaubern I Max und Otto, sagt mal, ist die Tafel be­schrieben oder unbeschrieben?"Natürlich unbeschrieben, da brauchst du eigentlich nicht erst zu fragen I" lachte Max. Aber das wollte Siegfried wohl nur hören. Er nickte, nahm einen Wisch- lavpen, der schon reichlich mit Kreide beschmiert war und sagte: Mit diesem Lappen hier will ich mal in ganz zierlichen Buch-