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Tag für Tag still und' ergeben an ihrem Stickrahmen saß, dann war ihr einziger Wunsch der, daß etwas von außen kommen möge, was sie befreite, hinausführte uns einer Enge, in der sie nicht lange mehr atmen konnte.

Heute an diesem klaren, kalten Wintermorgen war sie Nervöser und ungeduldiger als je zuvor; die Hand, die die Nadel führte, begann zu zittern, der Faden riß entzwei, And vor ihren Augen flimmerte es.

Drei Buchstaben noch!" seufzte sie,lieber, lieber Gott, wenn du nnr doch noch einmal ent Glück, so ein ganz winzig kleines Glück schicken wolltest!"

Das hatte sie laut gesagt, und der kleine Junge stand Mit großen Augen vor ihr.Warum betest du denn am Tag, Mütterchen?" fragte er, aber seine Mutter antwortete Nicht. Da ging er wieder ans Fenster und sah auf die Straße, und Frau von Hilbach schämte sich vor ihrem Jungen, sie stickte mit fliegender Eile und murmelte dabei leise, ganz leise:Nur ein ganz kleines Glück nur eine Abwechselung nur irgend etwas aus der Welt lieber Gott ich bitte dich!"

Mütterchen!" schrie der Junge plötzlich,Mütterchen v ein Schlitten! Guck doch mal wie ein ganz großer Stichl, wo zwei Menschen drin sitzen können!"

Der Schlitten mit seinen Hellen Glöckchen, von zwei kleinen Pferden gezogen, !var blitzschnell am Saalehaus vorübergeflogen; aber das Glockengeläut hielt noch an er macht kehrt, flog wieder vors Saalehaus, uitb ehe Frau von Hilbach und ihr Junge aus dem Staunen heraus- kamen, hielt er schon vor der braunen Tür, ein behäbiger, Nett und freundlich ausfeheuder Herr stieg aus, warf die Zügel über die Pferde und zog au der Klingel.

Im Nu war das ganze Haus lebendig; in allen Etagen öffneten .M) Fenster. Die Specht war die halbe Treppe heruntergelaufen und beugte bat Kopf vor; selbst die Frau Natusius war von ihrer Strickmaschine ausgefahren Und hatte die Tür nach den: Flur einett Spalt toeit ge­öffnet aber niemand dachte daran, die Haustür aufzu­schließen.

Frau von Hilbach stand in ihrem Zimmer tmb hatte die Hand aufs Herz gelegt, das ihr so seltsam schlug, und das Jungchen hielt sich erschrocken an ihrem Kleid fest. Mer Schlitteninsasse nmßte zum zweiten Male klingeln.

Nun rannte die Specht die Treppe hinab imb stieß säst den kleinen Erwin von Hilbach um, den seine Mutter zuni Oeffnen hinausgeschickt hatte.

Der behäbige Herr hielt eine Karte itt der Hand.Fran von Kasczyskowsky ich möchte Geflügelhändlerin Frau von Kosezyskowskh sprechen. Sie wohttt doch hier?"

Die Specht war sprachlos. So ein feiner Herr wollte hie ordinäre Gemüsefrau besuchen?

Ja," sagte sie etwas geringschätzig,da müssen Sie sich ins Hinterhaus bemühen; die wohnt nicht im eigent- licyen Haus, hier den Berg herauf, die zweite, kleine Tür, da wohnt sie!"

Danke, danke!" sagte der Fremde und wollte gehen, aber th geschah etwas Ueberraschendes. Das Pförtchen in der ersten Etage wurde ausgerissen, schlug gleich darauf krachend zu, und dann polterte etwas die weiße Holztreppe herunter und- machte sie knarren und stöhnen. Die Kosh in voller Reisetoilette mit braunrotem Kleid, schwarzer Man- tille und einem Capotehütchen mit fliegenden Bändern ftatib atemlos im Hausflur.

Herr Lasker, ach, lieber Herr Lasker! Sie sind's also Wirklich!" rief sie in einer Erregung, die ihr fast die Sprache benahm.Ach, und gerade heute, wo ich fort muß nach Halle zur Taufe nein, nein wie sich das unglücklich trifft 1"

Herr Lasker hätte ihr herzlich die Hand gedrückt.

Nun, nun," sagte er,so eilig wird's wohl nicht sein!"

Er sprach laut und ein bißchen schmatzend und sah dabei um sich. Die Specht stand noch immer neben ihm, und yie Häuflein hatte sich auf der Treppe postiert; auch die Pastorin war von ihrem zweiten Stock heruntergekommen Und sah staunend auf das Wunder im Hausflur, und auf dem schmalen Weg zwischen Haus und Gärtchen hatte sich eine kleine Schar von Schulkindern und Dienstmädchen ver­sammelt. Herr Lasker zog seine goldene Uhr.

Halb ein Uhr," sagte er,und vor drei Uhr geht kein Zug nach Halle!"

»Ja, ja," sagte die Kosh,von hier MS nicht, aber

ich ivollte zu Fuß nach Naumburg machen ttnb daun mit dem Personenzug auf die Weise hätte ich eine Mark gerettet aber so natürlich Besuch geht vor! Da ist unser Jungchen!" sagt sie stolz- und nahm den kleinen Ertvin von Hilbach aus den Arm.Gib's Patschhändchen, Jungchen, und sagGuten Tag", der Onkel meint's gut!" Herr Lasker strich ein wenig verlegen über die blonden Locken des Jungen, kramte in seiner Tasche und zog ein kleines Paket heraus.

Hier, mein Sohn!" sägte er gutherzig, aber der Kleine hatte sein Köpfchen an der Kosh Schulter versteckt und rief: Mütterchen, ich will zu Mütterchen!"

Nun, Herr Lasker, dann kommeit Sie mal zu meiner Frau, die ist dritt im Zimmer und weiß noch kein Sterbens­wort von Ihnen; die wird staunen!"

Sie öffnete die Tür zum kleinen Wohnzimmer, schob Herrn Lasker hittein, folgte ihm, nachdem sie einen trium- phterenden Blick aus die Versammlung im Flur geworfen hatte, und warf die Tür zu.

Erlauben die Herrschaften, daß ich Sie bekannt mache!" sagte sie und sah mit einem unbeschreiblich frohen Gesicht auf die ganz bleich geworbene Frau von Hilbach.

Herr Lasker, mehrfacher Villettbejitzer und Rentier aus Mehrendorf hinter Großheringen Frau Leutnant von Hilbach! Bitte, nehmen btc Herrschaften P atz!"

Sie nahm Herrn Lasker den Hut aus bet Hand und schob ihm ehtett Sessel zu.

Frau von Hilbachs Herz klopfte noch imtner, aber nicht in einer freudigen Erregung; irgend ein banges Gefühl stieg in ihr auf.

Dieses Ganze war eine abgekartete Sache, man hatte etwas mit ihr vor, wovon sie nichts ivnßte; der derbe, gutmütige Mann, der ihr gegenüber saß, wollte etwas von iM und da sie doch so ganz und gar nichts besaß, außer dem alten, grauen Haus und dem goldlockigen Kind, konnte er nur ein begehren, sie selbst und dieser Gedanke machte ihr das Herz erschauern in einer namen- losen Atigft.

Sie vermochte nicht zu sprecheu, warf der Kost; halb vorwurfsvolle, halb flehentliche Bncke zu und war glück.ich, als der kleine Junge auf ihren Schoß kletterte und sie stürmisch umarmte, so daß ihr Ge'icht verborgen war.

(Fortsetzung folgt.)

Aaisertraum und Uaisersage.

Zum 40. Gedenktag der deutschen Kaiserkrönung. 18. JanuM Von Tr. Kurt Haack.

Tas deutsche Kaisertunt und die deutsche Reichseinheit, die der 18. Januar 1871 uns nach langem Ringen und Kämpfen ge- schenkt, waren die Erfüllung eines uralten, durch die Jahr- bunderte genährten Traums, einer Sehnsucht, die tief im Herzen der Germanen geschlummert. Vier Dezennien sind nun schon! die Hoffnungen ttnd Wünsche, die in den früheren Generationen so heiß tmd leidenschaftlich sich geregt hatten, gestillt: der in so vielen Visionen und Weissagungen erschaute und erflehte Kaiser- traum hat egten machtvollen Ausdruck gefuirden. Von der Höhe dieses stolzen Besitzes, den wir heute beglückt genießen, wendet: sich aber der Blick auch gerne zurück nach dem gährenden Chaos gestaltloser Erwartungen und allmählich Gestalt gewinnender Pro­phezeiungen, aus denen die deutsche Kaiseridee erblühte und die deutsche Kaisersage geboren wurde. Jir diesen phantastisch-poep tischen Bildungen des deutschen Volksgeistes hat ja alles geheime Sehnen und laute Verlangen nach einem idealen Herrscher, Führer und Helfer sein wundervolles Symbol gefunden; darum knüpften! auch -an die Gestalt Barbarossas die Bestrebungen der nationalen! Einheitsbewegung au, und als König Wilhelm sich die Kaiserkrone aufs Haupt setzte, da umjubelten ihn Tichtermund und Volkes! Stimme als bett Wiedererwecker des mittelalterlichen Mythos, als den berufenen Nachfolger des alten Friedrich Rotbart. Auf dem Kyffhäuserberg ist denn auch das Denlinal errichtet worden^ das die Erfüllung des deutschen Kaisertraums im ehernen Bildnis verherrlichen sollte. Dem neuen Kaiser bot der Imperator der Sage sein lange gewahrtes Zepter und den fleckenlosen Schild von! des Reiches Macht und Herrlichkeit.

Bis tief in die Vorstellungskreise des germanischen Heiden- tums reichen die Keime unserer Kaisersage zurück. Ihr, frühestes Vorbild ist der Frühlingsmythos von Wotan, dem dis Felder! segnenden Gott, der den Winter über in der Wolkenburg in dem! Wolkenberg mit seinem Totenheere dem Sieg der Sonne ver­zaubert entgegenträumt. Auch die Hoffnung aus 'eine Wiederkehr- rende Jdealgestalt, den von bösen Hödur getöteten Lichtgott Balder, findet sich schon in der Religion der alten Deutschen, denen der! allgemein verbreitete Gedanke von, derEntrückung" großer Heldest