Ausgabe 
18.1.1911
 
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Mittwoch öen <8. Januar

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Das Witwenhaus.

Roman von Helene von Mühlau.

(£?ortfe§ung.) (Nachdruck verboten.)

Achtes Kapitel.

Das neueste Ereignis, das einen Teil der Bewohner Des .Saalehauses in große Bestürzung und Erregung ver­setzte, kam in einem lustigen Schlitten, der fast wie ein be- guenrer Lehnsessel aussah, ungefähren.

Es war Winter geworden, und der Schnee hatte eine dichte, weiße Decke über Tal, Wald und Berge gebreitet. Auf der Saale trieb Eis, und wenn die schweren Blöcke zum Wehr htnabrollten, dann entstand ein donnerähnliches Pol­tern und Frau von Hilbach, die mit ihrem Stickrahmen am Fenster ihres Wohnzimmerchens saß, zuckte dann jedes­mal zusammen. Ihre Radel flog blitzschnell durch das ferne Gewebe; sie stickte mit haardünnem Faden den Na­menAline" in ein Batisttüchlein, zum zwölften Mal schon sert drei Tagen, und heute vor Mittag noch sollte das Mutzend fertig sein.

Die Kosy fuhr nach Halle an der Saale, um Pate zu stehen bei einem Bruderskind, da wollte sie die Tüch- lern, die für eine Braut in Halle gestickt wurden, gleich persönlich mitnehmen, denn sie verband einen doppelten Zweck damit. Erstlich sparte man das Porto für die ein­geschriebene Sendung, und dann hoffte sie auf eine sofortige Zahlung.

Sechs Mark für das Dutzend, das hörte sich gar nicht so wenig an, und wenn die Kosy bedachte, daß ihre Frau diese Zeit sonst ganz nutzlos vergehen ließ, dann schüttelte sie den Kopf und redete ihr zu, fleißig zu sein, !wnd wenn es nicht so schnell ging, wie sie es wünschte, dann wurde sie schweigsam und sah Frau Von Hilbach vorwurfs­voll an. So ruhig int behaglich warmen Zimmer sitzen !und nichts weiter tun als sticken, so einfach hinzusticheln nicht einmal zählen müssen, wie bei komplizierten Perl- vder Kreuzstichstickereien, das nannte sie ein Pläsier und kerne Arbeit,, und sie war immer ein wenig ärgerlich, wenn Frau von Hilbach sich so wenig froh über neu zugefchickte Auftrage zeigte.

Mütterchen!" sagte der kleine Junge, der sich am Fenster fern Näschen plattdrückte und sehnsüchtig auf die MehmmlSbyckte. Hans Werner, sein Freund aus der Billa Grunrng schaufelte Schnee dicht an der Saale und warf große Schneeballen auf die Eisschollen und freute sich, Abnn sre lustig den Strom hinabschwammen. Ein paar Mal hatte er seinem kleinen Kameraden zugcwinkt, aber traurig mit dem Kopf geschüttelt. Den ganzen Herbst über war er krank gewesen; kaum war ein Leiden überstanden, gleich war ein anderes da. Jetzt hustete er « ^ach heiser, und die Kosy hatte mit einem silbernen Löffel tn setnen Hals gesehen und eine Entzündung ge-^

fanden. Eigentlich sollte er im Bett liegen, aber weil das Schlafzimmer kalt war, hatte ibn die Kosy warm an­gezogen, hatte ihm ein dickes, wollenes Tuch so oft um beit kleinen, wehen Hals geschlungen, daß er kaum den Kopf bewegen konnte, und ließ ihn alle zwei Stunden Tee und heiße Milch trinken.

Auf dem Fensterbrett standen Soldaten und kleine Kanonen, und auf dem Stuhl lagen Andersens Märchen. Er aber sah zum Fenster hinaus und schluckte tapfer, daß er nicht weinen mußte, wenn Hans Werner ihm winkte.

Mütterchen," bat er,heute mittag läßt du mich heraus, wenn die Kosy fort ist, nicht wahr?"

Rein, mein kleiner Schatz," sagte Frau von Hilbach, das kann ich nicht!

Aber sie sieht es doch nicht, Mütterchen!"

Da mußte Frau von Hilbach lächeln.

Du meinst, wegen der Kosy lasse ich dich nicht heraus?" fragte sie ihn.

Das Jungchen sagte nichts darauf. Er hatte ein paar Glaskugeln am Boden gefunden, und die unterhielten ihn für eine Weile.

,/Sie sieht es doch nicht!" Diese einfachen Worte gingen der Frau von Hilbach im Kopf herum. Das Jungchen hatte recht, die gute, alte, derbe Kosy beherrschte sie. Der Kosy Wille war stärker als ihr eigener.

Einmal, während ihrer Ehe, da sie noch in Glanz und Luxus gelebt und doch auch hin und wieder ihre nachdenk­lichen Tage gehabt hatte, war ihr ein Mensch in den Weg gekommen, der ihr viel schöne, einfache Dinge gesagt hatte, die so natürlich klangen und ihr doch neu und überraschend gewesen waren. Alles hatte sie nicht behalten, aber gerade jetzt, da ihr Kind diese paar Worte gesagt hatte, kam es ihr in den Sinn, daß jener Mann damals über die Willens­kraft und die Willensfähigkeit der Menschen gesprochen hatte. Zwei Sorten Menschen gäbe es, hatte er gesagt, solche, die wollen, und solche, die sich dem Willen der anderen fügen und ganz besonders unter den Frauen gäbe es viele, deren Seelen beständig beeinflußt werden wollten und müßten. Es seien aber fast immer die Seelen ans einem edlen Metall, die in der Sehnsucht nach der Hand des Meisters zitterten, der sie formen und zum Kunstwerk machen müsse.

Frau von Hilbach hatte damals geantwortet, daß sie es wunderschön fände, sich dem Willen eines anderen, Stärkeren, so ganz und gar zu unterwerfen, aber ihr Freund war ernst geworden und hatte ihr in längerer Rede auseinandergesetzt, daß es die Pflicht eines jeden Menschen sei, einen eigenen, festen Willen zu haben, und wenn es nur für den Fall der Rot sei, denn einmal käme für jeden Menschen eine Lebenslage, in der er gezwungen sei, selbständig ohne jede Beeinflussung zu handeln.

Diese Zeit war nun für Frau von Hilbach gekommen/ aber die Sehnsucht, sich einem fremden Willen zu unter­werfen, war in ihr geblieben, ja, sie war stärker geworden, wie in den Zeiten des Wohlevoehens. und wenn sie jetzt