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„I je! Bon wein denn?"
„Von wein mag er wohl sein? —" Sie zog ein Kuvert ans der Jackentasche und schwenkte es üt der Luft.
Aber Traute hatte mit ihrem Falkenblick bereits die Marke gesehen. „Bon meinem Freunde aus Qnetz!" rief sie. „Bon meinem Jonathan W.! Gib her! Sie nahm den Brief. „Bier Marken darauf. Viel Porto. Es liegt eine Photographie darin. Mein Jonathan schickt mir sein Wild!"
Sie öffnete das Kuvert nicht sogleich. Der Brief sollte in Muße gelesen werden. Traute schlug vor, nach der Schlucht zu gehen. Da war es hübsch, da war es einsam, da herrschte Stimmung.
Nun kletterten die Freundinnen gemeinschaftlich über den Holzzaun und schlugen den Weg durch die Dünen nach dem Ostrooker Wäldchen ein. Es war heiß zwischen beit Sandbergen, auf denen dünner Strandhafer wuchs und in die der Wind muldenförmige Höhlungen hineingeblasen hatte. Die Mädchen nahmen ihre Strohhüte ab und hingen sie sich an die Arme. Sie hatten die Röcke geschürzt und stampften munter durch den weißen Sand, der unter ihren kleinen Sohlen davonglitt. Dabei plauderten sie unausgesetzt: cs gab ja so viel zu erzählen.
Zuerst von Suses Verlobung. Davon sprach die ganze Stadt. Aber nicht nur von dieser Verlobung, sondern mehr noch von detn, was vorangegangen war: von der erstaunlichen Tatsache, daß Konsul Friederici Herrn von Nvedon als Associo in sein Bankgeschäft ausgenommen hatte. Das war einfach zum Totlachen. An der Bö.st hatte mut Friederici denn auch gehörig geneckt. Was verpanö nm Himmels willen Herr von ?)vedon voni hohen Bankwesen! "Der Aktienmarkt war für ihn ein delphisches Mysterinin, der Hypothekenverkehr ein Buch mit sieben Siegeln; wußte er etwas vom Goldagio, von den südafrikanischen Werten, von Privatdiskvitt und Genußscheinen? Bon den Geheimnissen des Wechselprotestes, dem Auf und Ab der Montanwerte, den Rätseln der Termimnärkte? — Aber Friederici ließ sich ruhig verspotten. Avedon brachte eine Million mit in das Geschäft. Die Million gab der alte Appelmann. Der alte Appelmann wollte seinen Schwiegersohn „im Handel" wissen. Und da von den hunderten seiner „Neben- bei"-Geschäste ein paar Dutzend auch für Friederici von Interesse waren, so war die Million nicht verloren. Bei der Verlobung Suses hatten sich zwei alte Schlaumeier gefunden. 9httt konnte die heimliche Schacherei losgehen. Aber Ivedon war immerhin gut daran: er konnte beruhigt faulenzen.
Und daitn: massenhaft Neuigkeiten von der Goldenen Horde. Den Konvent der Mütter hatte man gehörig hereinfallen lassen. Die ganze Jugend hatte einstimmig beschlossen, sich von dein Maifest fern zu halten. Da war aus dem Feste denn überhaupt nichts geworden. Statt dessen hatte die Goldene Horde einen neuen Plan ausgeheckt. Man Hatte einen riesigen Wohltätigkeitsverein gegründet, der hieß „Caritas". Alle Wörreshoopner waren dabei, auch Kruse. Wahrhaftig, auch Kruse — und hinter ihm die Hundertundeins in corpore. Everstedt hatte sich des Klubs der Namenlosen versichert, Mursinna den Gesangverein herangezogcn, Otto Eggenolph die Blaue Schleife. Die „Caritas" zählte jetzt schon zweitausend Mitglieder, und nun sollte, den Müttern und Herrn von Löneysen und der hohen Klerisei und dem wohllöblichcn Senat zum Trotz, die Gesindelsaison doch noch losgehen. Auch das Kostümfest sollte bleiben: genau so, wie es geplant worden war, und zwar für den Sommer, und zwar zum Besten einer großen Stiftung für uneheliche Kinder.
„Was sagst du bloß!?" rief die Sandratt
„Ganz verrückt," antwortete Traute.
„Natürlich ist Everstedt wieder der Schöpfer aller dieser Ideen. Er hat u>ts eine große Ansprache gehalten, ni der viel von Mutterschutz und Kinderschuh die Rede war, und auch ein paar Damen ans Berlin bestellt, die Vorträge über diese Themen zugesagt haben. Infolgedessen sprechen Eva, Lili, Ellen und Henny von nichts anderem als von unehelichen Göhren und wie ihnen zu helfen wäre."
Traute blieb stehen. In lichtem Glanze des sie um- stutenden Sonnenscheins sah sie sehr finster aus.
„Ich freue mich, daß ich nicht dabei bin," sagte sic. izSti) hätte einen fröhlichen Ulk, der uns die Biedermanns-
langewcile vertreiben hilft, gern mitgiemachk. LlVer mail! soll nicht die Tragik des Lebens zur Posse herabzerren."
Tini war ganz verblüfft. Sie schob ihren Arm unter den Trautes und zog sie weiter.
„Huh!" rief sie. „Warum so pedantisch, Mäusekatze? Das Amüsement zum Besten der Wohltätigkeit ist doch immer üblich gewesen — und bringt auch die höchsten Einnahmen. Der Erlös hcs Maifestes fließt in die Kassen des See- mannsheims. Warum sollen wir nicht auch einntal lustig sein, um durch unsere Lustigkeit unglücklichen Würmern die trübselige Kindheit lindern zu helfen? Sei doch nicht so kleinlich, Traute."
„Das bin ich nicht, Tini. Ich habe auch gewiß nichts dagegen, wenn man Basare und Bälle arrangiert, um die Kassen wohltätiger Stiftungen zu füllen — wie des Seemannsheims. Und wäre aus dem geplanten Maifest ein Stelldichein lockeren Ueberntuts geworden: es hätte mich gar nicht geniert — int Gegenteil, es hätte mich wahrscheinlich köstlich amüsiert. Aber unter der Flagge der Wohltätigkeit für die frechen Launen des Herrn Everstedt einen gewissen festen Stützpunkt zu schaffen, das paßt mir nicht. Nein, das paßt mir nicht! Und nun gar--ja, Tin st
hast du denn nicht auch das Empfinden, daß zwischen eurem ausgelassenen Maskenfeste und der Stiftung pir uneheliche Kinder ein Widerspruch klaffen würde, den auch der wohltätige Zweck nicht ausfüllen könnte?"
„Nein," sagte Tini, „durchaus nicht. Ob man zum Besten von alten Seeleuten oder von unehelichen Kindern vergnügt ist, scheint mir ganz gleich zu sein."
Traute warf verärgert den Kvpf zurück.
„Du will st mich nicht verstehen!" rief sie.
„Ich möchte sehr gern. Und ich glaube dich auch zu verstehen. Du würdest dich mit teilte Worte gegen die VeranstaltuLg sträuben, wenn sie von einem andern als Everstedt ausgegangen wäre."
(Fortsetzung folgt.)
ZeuerMhr in alter und neuer Zeit.
Von Dr. Friedrich S p r e c n.
Ter rote Hahn hat wohl selten seinen feurigen Kamm so oft und drohend zum Himmel gereckt, wie in diesem trockenen, heißen Sommer, in dem kein Tag vergeht, ohne daß bei uns in Deutschland und überall auf der Welt große Feuersbrünste in Städten, Bädern, Dörfern ausbrechen und riesige Waldbrände wüten. Tas verheerende Element erhalt in der glühenden Wärme der Lust, in der allgemeinen Dürre gefährliche Bundesgenossen, findet reiche Nahrung und Ausbreitung in den erhitzten, leicht Feuer fangenden Stoffen, die sich überall darbieten. Mer der. Mensch steht diesem Zerstöruugswcrk des Feuers nicht machtlos gegenüber; im Lause der Jahrhunderte hat er sich Waffen geschmiedet, mit benen er mutig den Kamps aufnimmt gegen den erbarmungslosen Feind, und gelingt es ihm auch nicht, die Brandgefahr zu beseitigen, so glückt es ihm doch häufig, sie zu beschränken und einzudämmen. Eine „Wehr gegen daS Feuer" ist wohl so alt wie die Menschheit; vielleicht hat ein von selbst entstandener Waldbrand in Urzeiten Schrecken und Segen des Feuers dem erstaunten Sohne der Tertiarzeit zugleich beschert! Eine systematische Bekämpfung des in seiner Wut so furchtbaren Elementes ivurde ja doch erst von den Kulturvölkern unternommen; die Nachbarn taten sich zusammen, um dem vom Unglück Heimgesuchten zu helfen: eine fteiwilligc Feuerwehr entstand. Noch wichtiger aber war die Feuerwache, die den Brand rechtzeitig! melden mußte. Deshalb gab es bei den Israeliten, Aegyptern und Griechen Wächter, die nachts die Runde machten und im Falle einer Brunst Alarm schlugen. Ein ausgebildetes regelrechtes Lösch wesen wurde jedoch erst von ben Römern geschaffen.
Das Rom der Republik ist von Bränden heimgesucht worden, wie kaum eine andere Stadt. Die Hügel ivuchsen allmählich durch den stets höher sich aushäufenden Schutt der Brandruinen. So entschloß sich denn endlich Augnstus int Jahre 6 n. Chr., cind Berufsfeuerwehr von 7000 Mann zu errichten, die ganz militärisch nach dem Vorbild einer Legion orgaitisiert war. Die 7 Kohorten, vvn denen jede die Wache für 2 der 14 Stadtbezirke Roms tzu versehen hatte, standen unter deut Befehl voü Tribunen, während das Oberkommando der „Präfekt der Nachtwachen" führte. Patrouillen durchzogen die Straßen; sobäld sie erneu Brand entdeckten, schickten sie nach allen Seiten Leute, die mit dem Rufe: „Wasser! Wasser!" alles in Erregung versetzten. Die Alarmglocken ertönten; aus der „Hauptfeuerwache" erlten tut chanfmarsch die Kohorten, mit Eimern, Aexteu, Stangen,^ Leitern bewaffnet; zugleich fuhreit die öffentlichen Spritzen ans, Fremch vermochten all diese Maßregeln nicht viel gegen die Macht des Elements. Das beweisen die Riesenbräude. die iw


