Ausgabe 
17.7.1911
 
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Ntatuen und Medaillen. Natürlich erinnere ich mich noch ganz gut, mit welcher Aufregung ich als ein Bursch von 19 Jahren die lang erwartete Ankündigung empfrng, der Herr Geheimrat wolle mich an dem und dem Tage sprechen. Diese denkwürdige Audienz sand in einem klemen Bor­zimmer seiner Privatgemächer statt, welches rrngs mit Ab­güssen von Antiken und Basreliefs bedeckt war. Goethe war in einem langen grauen oder bräunlichen Oberrock gekleidet, hatte ein weißes Halstuch um und trug ein rotes Bändchen im Knopfloch. Die Hände hielt er auf, dem Rücken, genau so wie auf Rauchs Statuette. Seine Gesichts­farbe war sehr frisch, klar und rosige die Augen außer­ordentlich dunkel, durchdringend und glänzend. Ich war förmlich bange vor ihnen und erinnere mich noch, daß ich sie mit den Augen eines Romanhelden aus meiner Jugendzeit verglich, der mit einem gewissen Jemand tat Wunde stand und bis zu seinem Lebensende diese Augen in ihrem vollen schercklichen Glanz behielt. Goethe machte mir den Eindruck, als müsse er in seinem Alter noch schöner sein, als er in den Dagen seiner Jugend gewesen. Seins Stimme klang sehr voll und angenehm. Er fragte mich mancherlei über mich selbst, ich antwortete ihm, ]o gut ich konnte. Ich erinnere mich, daß ich zuerst erstaunte und dann mich etwas erleichtert fühlte, als ich merkte, daß er Französisch mit keinem guten Akzent spreche. Im ganzen habe ich ihn nur dreimal gesehen. Das eine Mal ging er in seinem Garten am Frauenplan spazieren; das andere Mal wollte er ausfahren und trug eine Kappe und einen Mantel mit rotem Kragen. Er liebkoste gerade seine kleine Enkelin, ein schönes Kind mit goldenen Locken, über dessen süßem Antlitz sich auch schou längst die Erde ge­schlossen hat.

Wer von uns Zeitschriften oder Bücher aus England bekam, schickte sie zu ihm, und er studierte sie eifrig. Frasers Magazine war damals noch neu, und wie ich mich erinnere, interessierten ihn die vorzüglichen Porträtskizzen, die es eine Zeitlang brachte. Aber eine sehr häßliche Kari­katur, die auch da erschien, legte er ärgerlich aus der Hand. >,Solch ein Gesicht, möchte man mir auch gern geben," sagte er. Ich muß aber gestehen, daß ich mir etwas klarer, majestätischer und gesunder Aussehendes, als der große Goethe war, nicht denken kann.

So hat Dhackeray den greisen Goethe geschildert, und mit derselben Pietät hat er Zeit seines Lebens das ganze Weimar dieser Zeit umfaßt. Zwar hat er 'in seinem Meister­romane seine Erlebnisse dazu benutzt, von einem deutschen Duodezfürstentume ein satirisches Zerrbild zu liefern, allein selbst durch die Satire fühlt man das Behagen hindurch, das er an den gefälligen und natürlichen Zuständen des deutschen, des weimarischen Lebens gefunden hatte. Roch nach 25 Jahren, nach einem reichen und gehaltvollen Leben, hat" Dhackeray .ausgesprochen, daß er nie eine einfachere, liebevollere, höflichere und feiner gesittete Gesellschaft ge­sehen habe,als in der lieben kleinen Stadt, wo der gute Schiller und der große Goethe lebten und begraben liegen".

verrMehtsr.

* Schuhe und Strümpfe d e r D a m e v o n h e u t e. Die gegenwärtige Mode des engen und verkürzten Rockes hat als eine ihrer erfreulichsten Wirkungen den Einfluß zu verzeichnen, den sie aus die Fußbekleidung ausgeübt hat. In unseren Zeiten ist noch nie so viel Wert aus schöne Schuhe und Strümpfe gelegt und so viel Phantasie darauf verwandt worden, wie gerade jetzt. Während inan bis vor Kurzem beinahe nur braune, schwarze und weiße Schuhe gelten ließ und als Material sür Schuhe eigentlich nur Leder in Betracht kam, soll sich jetzt die Farbe des Schuhes den zartesten Schattierungen entiveder des ganzen Kleides oder einzelner Kleidungsteile, besonders des Gürtels, der Schärpe, des Hutes anschmiegen. Unter den einzelnen Farben ist grau besonders beliebt, weil es zu Kleidern der verschiedensten Art gut getragen werden kann und weil es dem Fuße eine sehr schlanke Form gibt. Brann dagegen ist nur auf dem Lande und im Gebirge erlaubt, während sür den Strand weiß die beliebteste Farbe ist, besonders in Verbindung mit weißen Strümpfen und weißen Leinenröcken. Doch ist es erlaubt, ja wird sogar als besonders reizvoll empfohlen, die weißen Schuhe mit schwarzem Besatz, etwa mit einer breiten Sametschleise, zu schmücken. Während in den letzten Jahren infolge des Vorherrschens von Gold- und Silberschuhen das Atlaspantöfselchen fast ganz aus der Mode verschwunden war, wird es jetzt wieder in erster Linie zu Abendgewändern gern getragen und scheint einer großen Beliebtheit entgegenzugehen. Die Strümpfe sollen jetzt voll­

kommen neu gemustert sein und dürfen höchstens Stickerei auf- weisen. Sie sind um so eleganter, aus je zarterem Gewebe sie bestehen, und die feinsten sind so dünn und so durchsichtig, daß sie kaum mehr als zwei- oder dreimal getrageir werden können.

* Ist das Sterben schmerzhaft? In Charles Beard» leysGeneral Practitioner" untersucht ein Mitarbeiter dieser medi­zinischen Zeitschrift die Frage, woher die den meisten Menschen tief innewohnende Furcht vor dem Sterben kommt; sür ihre Beant­wortung begnügt er sich nicht mit dein Schlagivort des Selbst­erhaltungstriebes oder bem Goetbe'schen Ausspruch von der süßen Gewohnheit, zu leben". Er geht von der Annahme aus, daß diese Furcht von Vorstellungen herriihrt, die wir in früher Jugend samt der Gespensterangst und manchem anderen Aber- glaciben durch Erwachsene eingeimpst erhalten haben, die entiveder selbst an die Schmerzhaftigkeit des Sterbens glauben oder sich der Erweckung der Todesfurcht zum Zwecke der psychischen Einschüchte- rung bedienen, und sucht den Nachweis zu erbringen, daß das Sterben ein rein vegetativer Akt ist, der bem schmerzlosen Ver­welken einer Blume gleicht. Der Empfiiiblichkeitsgrab der Körper­zellen und speziell der Gesühlsnerven stehe in bestimmter Abhängig­keit von der Unversehrtheit der sensorischen Nerven, und jede das allgemeine Wohlbefinden des einzelnen mindernde Einwirkung führe durch den lähmenden Einfluß der sich anhäufenden Kohlensäure dazu, daß die Nervenknoten ihre Reizbarkeit verlören und die der Schmerzempfindung äquivalenten Erregungen in den Bahnen der Nervenfasern nicht mehr gehirnwärts weiterlaufeit ließen, so daß im Gehirn das Bewußtsein ober gar ein schmerzhaftes Gefühl des Sterbens gar nicht mehr zur Vorstellung komme und höchstens die Empfindung übrig bleibe, wie man sie beim Einschlafen hat. Man könne die Empfindung in diesen Momenten auch mit dem Gefühle eines durch Opium und andere narkotische Mittel Eingeschläferten vergleichen, bei dem die Gehirntätigkeit so tief herabgesetzt sei, daß eben dadurch selbst das Schmerzgefühl während des Vollzuges einer tief eingreifenden Operation ausgeschaltet sei. Als Beweise hierfür werden auch die in der Narkose vorgenommenen Vivisektionen, die Zeugnisse von für tot gehaltenen und die Aeußerungen van Sterbenden angeführt, die aus Anruf nach über ihren Zustand Aus­kunft geben kannten. Es werden ferner eine Reihe von berühmten Männern zitiert, die sichtlich ohne Schmerzempfindung verstarben, und es wird schließlich auf das Beispiel der meisten kleinen Kinder verwiesen, die lächelnd wie beim Einschlafen aus dem Leben scheiden. Die hier kurz wiedergegebene Theorie wird sicher nicht ohne Widerspruch bleiben, obgleich sie in sehr vielen, vielleicht den meisten Fällen zutrifft. Schließlich kommt es auch nicht aus den einzelnen Moment des Sterbens, sondern auf das an, was ihm in kürzerer ober längerer Dauer vorangegangen ist, auch die nagende Sorge um liebe Angehörige und körperliche und seelische Qualen, und man braucht' in dieser Hinsicht nur an Goethe zu erinnern, der zwar schmerzlos gestorben, aber am Tage vor seinem Tode doch lange, qualvolle Stunden gräßlicher Todesangst und Unruhe durchkämpsen mußte.

* EinFrechdachs.Pump ist doch ein Frechdachs sonder­gleichen!"Wieso?"-Neulich borgt er sich meinen Frack; heul' brauche ich ihn selber und schicke einen Dienstmann hin. Was bringt er mir ? Den Pfandschein und den Rest des Geldes!"

* O weh!Warum hast du denn Angst vor dem Onkel, mein Kind?"Anna sagt, er drückt einen ganz tot, toetta er einen umarmt!"

* Nicht seine Schul d. Richter:Habe uh Ihnen nicht beim letzten Mal gesagt, als Sie hier waren, Sie sollten sich nicht wieder hier sehen lassen?!", Vagabund:Das habe ich ja auch den Gendarmen gesagt; "be>- sie wollten ja nicht hören und mich nicht auslassen!"

Buchstabenrätsel.

al, ch, co, ck, er, er, ba, fl, iah, gel, i, n, nt, neu, os, rei, t, la, tr, u, vo, z, zu.

Aus vorstehenden Silben und Buchstaben fallen fünf Wörter gebildet und derart untereinander gesetzt werden, daß die Anfangs­buchstaben von oben nach unten und die Endbuchstaben von unten nach oben gelesen, den Namen eines Klaviervirtuosen und Kompo­nisten ergeben. Es bedeuten aber die einzelnen Wörter folgendes:

1. Militärisches Vergehen.

2. Badeort in Schlesien.

3. Bekannte Erscheinung auf dem Weltmeere.

4. Geistlichen Liederdichter.

5. Gefiederten Sänger.

Auflösung in nächster Nummer,

Auflösung des magischen Quadrats in voriger Nummer:

iedaktion: K. Neurath. - Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße»