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i&t bett Lüften ein Mr seine stolzen Kreise zieht. Prächtiger und büntfarbiger entfaltet sich zu beiden Seiten des, Weges die an die tausend Arten zählende Alpen-Flora der Rigi. ,Bqld erscheint der idyllische, altberilhmte Wallfahrtsort Rigi-Klösterli mit dem imposanten neuen Bahnhofe der Arth-Rigi-Bahn, der schönen Kapelle Maria zünr Schnee und den: Kapuzinerhospiz., Drei große Kurhotels 5eigen die Bedeutung des in Ivindgeschütztett Talmulde gelegenen Ortes, als eines vielbesuchten Luftkurortes! der Zentralschweiz.
Jetzt erwartet uns ein prächtiges, auf optischer Täuschung beruhendes Schauspiel. Zwischen den Rigigipfeln Dossen, Rotstock und Kulm emporsteigend beschreibt die Bahn eilten sich erhebenden Halbkreis. Die .hochalpen sind bisher durch die Rigigipfel Scheidegg 'und Schilt verdeckt worden. Auf der Weiterfahrt von Klösterli über Wölfertschen, von wo eine ebene, aussichtsreiche Straße in zehn Minuten zu deut prachtvoll gelegenen Kurhotclj Rigi-First führt, bis zu der Station Rigi-Staffel hin aber entrollt stch nun ein wundervolles Wandelpanorama von ergreifender! Schönheit, Pracht und Erhabenheit, Die. gesamte Alpenwelt scheint plötzlich lebendig geworden zu fein. Gipfel auf Gipfel steigt langsam wie aus einer Bühnenverseukung empor, reiht sich in stiller Majestät aneinander, und sobald der Zug auf der Höhe von Staffelgrat anlangt, steht auf der einen Seite der ganze gewaltige Alpenkranz vom Jura bis zu den Tiroler Firnen, vom Säntis bis zum Berner Oberland strahlend Und blendend Vor den entzückten Blicken, während auf der andern Seite urplötzlich, ungeahnt, wie auf einen Zauberschlag erscheinend, die ganze schweizerische Hochebene mit! ihren Wäldern, Strömen und Seen, ihren Städten, Dörfern und Weilern bis zum Schwarzwald und den Vogesen Hin wie ein großartiges Riesengemälde, in wunderbarer Schönheit zu unseren Füßen ausgebreitet liegt.
„Ich Habe schon ein Stückchen Welt gesehen," schreibt ein bekannter Weltreiseuder, „habe manche Bergbahn vom Kahlenberg bis zum Vesuv, vom Schafberg bis zu den Catskittes und zum Pikes-Peak in beit .Felsengebirgen benutzt. Diese Fülle von Lieblichkeit und Großartigkeit glaube ich nirgends gesehen, diesen! Respekt vor dem Schassensgeist des Menschen nie empfunden zn haben, wie auf der Fahrt von Gvldau. nach Rigi-Kulm, Die Arth- Rigi-Bahn ist die schönste Bergbahn der Welt."
Wir sind noch nicht am Ziel. Nach einigen Minuten geht der Zug weiter. Das Hochgebirge entfaltet sich in immer größerer Pracht und immer weiterer Ausdehnung. Die Riesen der Alpenwelt treten immer plastischer in die Erscheinung, von einem Heer von untergeordneten Gipfeln wie von Zwergen umringt. Da hält der Zug. — Und nun auf der das schloßartige Kulmhotel überragenden höchsten Kuppe der Rigi — welche unendliche, berauschend schöne Fern- und Rundsicht!
„Schau auf das. Land hinunter ton höher Alpcuwaud !
Da liegt's gleich einem Buch geschrieben von Gottes Hand."
Worte können es nicht ausdrücken, was die Seele, in diesen Anblick versunken fühlt; aber niemand kann das Bild ansehen, Vhne. daß es ihm sonntäglich int Herzen wird, ohne daß er einen übermächtigen Eindruck davonträgt von der strahlenden Schönheit der Erde.
Und nun denke man sich dieses von ewiger Schönheit durchleuchtete Riesengemälde in Abendstimmung, wenn die scheidende Sonne die Glctschcrkuppen mit Rosen bestreut, und die Spitzen der Bergriesen ausslammen läßt im zauberischen Alpenglühen, loder wenn die rosenfingerige Eos die Firne in Gold und Purpur taucht! Nie ist die Welt und das Hochgebirge majestätischer, als sm Kommen und Gehen des Tages. —
Wer vermag die Pracht eines Sonuenansganges auf Rigi- Kulm erschöpfend zu beschreiben'? Dai stehen, wie I. C. Heer trefflich schildert, Hunderte, an Sonntagen Tausende, int Nacht- wind, der frisch und frostig um die Felsen flüstert, und schauen nieder in die schemenhafte, totenstille Welt, die grau in undeutlichen • UMrissm unter dem funkelnden Sternenhimmel liegt. Da rötet sich, ein Fleckchen über, der dunklen Silhouette des fernen Albis- gebirges, wie ein. Karfunkelstein leuchtet es einen Augenblick auf den dunklen. Grat. Tann schwebt das Licht höher. ' Es ist der Morgenstern, der Herold der Sonne, und ihm folgt der erste schwache Streifen des Morgenrots, der sich zuckend -auswächst, btö es _bcn ganzen Osten füllt. Und langsam erhellt sich die »v 3't eöeriter Ruhe mit überraschender Schärfe der Umrisse stehen die Berge, während das Land noch dunkel liegt. Ein paar Morgeuwölkchen erglühen am Firmament und spiegeln sich in der inetallenen fläche des Zugersees; es ist, als schwämmen Rosen- stffrln durch seine ruhenden Fluten.
Da glüht ein Leuchten am Finsteraarhorn auf, seine Spitze brennt. -t.asi.st der erste Morgeustrahl. Jetzt hat die Sonne die Jnngsrau gekngt, ton Gipfel zu Gipfel zuckt das Licht, auf jeden lvdcrt eine Flamme, und an den Flanken niederwärts rinnen die Feuer. Die Berge wachsen auf int Taumel des jungen Lichts. Da rollt die sonne über den Albis empor, und verändert ist die Welt, lieber den Rigi ertönt das Alphorn, jene einfache Akkorden- ivlge, die ,0 scksticht ist, wie ein Gebet, und ans der Diele tönt Derdengeläut. Nun beginnt die Landschaft in warmer Tages- beleuMung zu glänzen, die Seen funkeln, und die Berge stehen Wchherrlich da. Ein Hauch von stählerner Frische und Gesundheit geht durch die Welt.
So zeigt sich die Rigi an schönen Frühlings- Und Sommertagen bei einer Ausfahtt mit der Arthl-Rigi-Bahn, während dem Fußgänger die meisten Schönheiten und kleberraschungen entgehen. Aber nicht nur auf der Bergfahrt schauen wir diese Herri lichtesten alle; die Fahrt zu Tale ist nicht minder entzückend nnt> bietet ganz besondere eigenartige Reize, namentlich wenn man den letzten Abendzug der Arth-Rigi-Ba-hn benutzt.
Wieder ist die Strecke zwischen Kulm und Klösterli, aus welcher wir die tiefsten, ergreifendsten Eindrücke gewinnest. Wir faHren hinab; allein wir glauben, die Alpenwelt versinkt vor ststs; einer der Berggiganten nach dem andern verschwindet, wie in einet; Bühstenverscukung, und wenn der letzte hinter der Scheidegg hin- uutergetaucht ist, bemächtigt sich unser eine tief wehmütige Stimmung des Abschiedes von der hehren Alpenwelt. .Diese Stintmustst hält indessen nicht lauge an; denn hinter der Station Rigi-Klösterli entfaltet sich nun ein sarbmfattes Gemälde ton großer Pracht und Lieblichkeit, ... . m
Wie zwei ungeheuere Fackeln treten die in intensivem Rot erglühenden Kalkfelspyramiden der beiden Mythenstöcke plötzlich in die Erscheinung, die mächtige Absturzstelle des. Goldauer.Bergsturzes a'm Roßberg ist wie in Blut getaucht; auf dem riesigen Trümmerfelde leuchten die.zahllosen, haushohen Nagelfluhblöckß wie Glühwürmchen durch das sie umspinnende Grün; die sonst grauweiße Zinggelenfluh bei Seewen funkelt in purpurner Glut, und die fernen Häupter der Schwyzer- und Glarner Berg- gewaltigen, die Gletscher und Firnen des Hochgebirges überflutet das Alpenglühen vom zartesten Rosa bis zum dunklen Rot und in das Violette hinein. Das entzückende Ärther- und Schwyzer- Tal aber ruht, von dem Gol.de der untergehenden Sonne über- gofsen, mit feinen funkelnden Bächen, Weiern und Seen Und den unzähligen, durch das vergoldete Grün der ■ Bäume und Matten glühende» Fenstern, Giebeln und Dächern wie ein wunderlieb-' liches Idyll zu unseren Füßen, während aus allen Dörfern und Kapellen feierlich und harmonisch gestimmt die Abendglocken klingelt und der Natur, wie auch dem Frieden suchenden Herzen, zur Ruhe läuten ' K- v. R,
Thackeray bei Goethe.
3u 11t 100. Geburtstage DH ackerays , 18. Juli.
Als Thackeray, der weltberühmte Verfasser des „Eitel- keitsmarktes", dessen 100. Geburtstag England und mit ihm die Welt am 18. Juli feiert, 19 Jahre alt war, begab er sich nach. Weimar, das damals von jungen Engländern int Interesse ihrer weiteren Ausbildung „zum Studiums Vergnügen und der Gesellschaft wegen" gern aufgesncht wurde. Es war dies im Jahre 1830. Goethe stand am tiefen Abende seines Lebens und sein Ruhm, seine Verehrung hatten sich bereits über.ganz Europa verbreitet. Thackeray hat dort eine glückliche Zeit verlebt, über die er Jahrzehnte später in einem Briefe an Lewes, beit Goethebiographen, selbst einen hübschen Bericht gegeben hat.
Durch den ihm befreundeten Attachs'bei der englischen Gesandtschaft in Weimar, W. G. Lettsom, wurde Tlsacke- ray auch bei Hofe und in der besten Gesellschaft eingefiihrt, und mit Rührung erinnerte er sich noch später an hie einfach-liebenswürdigen Verhältnisse, die im damaligen Weimar herrschten. Der Großherzog und die Großherzogin empfingen die jungen Engländer höchst freundlich und gastfrei. Der gesellige Verkehr war sehr belebt: die.Hofdamen hatten ihre bestimmten Abende, und zwei- bis dreimal in der Woche war Theater, wo sich das Publikum wie in Familie befand und fühlte. Aber die große Sonne des weimarischen Lebens blieb doch Goethe, und lvas Thackeray von ihm und seinen Begegnungen mit ihm erzählt, fesselt noch heute unser Interesse aus das lebhafteste.
Obgleich sich Goethe, so tautet Thackerays Bericht, von der Welt zurückgezogen hatte, sah er doch gern Fremde bei sich. Am Teetisch seiner Schwiegertochter war immer Platz für uns offen. Manche Stunde haben wir da gesessen und manchen Abend mit der angenehmsten Unterhaltung und Musik verbracht. Auch lasen wir endlose Romane und Gedichte, französische, englische und deutsche. Ich hatte in jenen Tagen meine Lust daran, Karikaturen für Kinder zu zeichnen, und ich fand nun (so bemerkt der englische Dichter 25 Jahre später) mit wahrer Rührung, daß sie noch nicht vergessen, ja zum Teil noch erhalten waren, und damals als junger Mensch war ich sehr stolz, als ich erfuhr, der große Goethe habe sich einige davon angesehen. Goethe blieb meist ans seinem Zimmer, wo nur sehr wenige begünstigte Personen Zutritt hätten, aber er liest sich alles erzählen, was vorging, und interessierte sich für alle Fremden. Wenn ihm • ein Gesicht gefiel, so war ein Künstler da, der es porträtierte. Er hatte eilte förmliche Galerie von Köpfen, die dieser Künstler in Kreide gezeichnet hatte. Sein Haus war voll von Bildern, Zeichnungen, Abgüssen,


