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und begann hieraus in der Stube Umherzuschnüfseln. Das seidene Halstuch Eberstedts hing über einer Stuhllehne; da sollte es trocknen.
Helene nahm es Und betrachtete es aufmerksam.
„Ist das echte Seide?" fragte sie.
Traute steckte den Kopf in die Kissen und antwortete! Nicht.
„Und wirklich von: jungen Eberstedt? fragte Helene weiter.
„Was geht dich denn das an!" rief Traute mit rauher Stimme.
„Es interessiert mich," sagte Helene. „Es hat gestern Noch ein langes Gerede gegeben, als du zu Bett gegangen warst,"
„Zwischen wem? Zwischen den Eltern?"
„Ja. Und Friedrich. Der kam nach dein Abendbrot. Friedrich schimpfte auf Eberstedt. Es sei auch nicht passend gewesen, daß bit allein mit ihm über die Heide ge- radelt wärst."
„Der Esel!" schimpfte Traute. „Der hat eine Ahnung!"
„Mutter hat's ihm auch gegeben . . ." Helene setzte sich aus den Bettrand. ... „Traute, ich glaube, Mutter Bildet sich was ein."
'„Was denn?!"
„Ich glaube, sie denkt, zwischen dir und dem Eberstedt bnudle sich etwas an."
Traute fuhr in die Höhe und sah ganz erschreckt aus. Dann lachte sie. „So ein Unsinn! Ich Frau Eberstedt — ach herrjeh!"
„Er ist doch mächtig reich!"
„Erstens fällt's ihm gar nicht ein, und zweitens mir nicht. Glaubst du, ich würde nur des Geldes wegen 'heiraten? Nee, mein Herzchen, so eilte gemeine Kreatur bin ich nicht. Leuchen, tu mir einen Gefallen: geh mal zu Emma in die Küche und bitte sie, sie möchte mir eine Tasse recht heißer Milch bringen, aber recht heiß. Mir ist so rauh im Hälse. Mutter braucht's nicht zu wissen, ver- stehst du?"
Helene nickte, und Emma brachte die Milch. Aber die Mutter hatte es doch erfahren; sie war in der Küche gewesen und hatte noch einen Löffel Emser Salz in die Milch getan. Sie sei ganz guter Laune, sagte die Emma, und schimpfe gar nicht.
Nun sprang Traute flink ans dem Bett und kleidete sich an. Die gute Laune mußte benutzt werden. Traute hoffte zuversichtlich, die Eltern würden ihr den Modellbesuch bei Niels Kruse erlauben. Darauf brannte sie. Sie wollte Daul Eberstedt ärgern; hätte sie ein Mittel gehabt, ihn noch mehr zu kränken, sie hätte es angewenöet.
Daß sie nachtsüber von ihm geträumt hatte und daß ihre Gedanken immer wieder zu ihm zurückkehrten, machte sie ganz nervös. Erst nachträglich war sie zum vollen Bewußtsein seiner Unverschämtheit gekommen. Wenn sie daran zurückdachte, klopften ihre Pulse stärker, und ihre Stirn rötete sich. Oho, er sollte es fühlen, daß sie sich nicht wie die Bertucci behandeln ließ, oder irgend eine kleine Choristin!
Und während sie sich ankleidete, überlegte sie, wie sie ihm von nun ab gegenübertreten wollte. Eisig natürlich'. Ganz kühl und sehr vornehm; immer abweisend, immer sehr reserviert.
Bon drüben, herüber, aus dem Fenster der Blumen- sabrik, grüßten die beiden hübschen Arbeiterinnen. Die Schwarze hielt eine Photographie hoch, und die Braune lachte dabei und drückte die Hände auf ihre Brust, /als wollte sie andeuten, daß das Bild den Schatz der Freundin darstellte.
Traute winkte freundlich zurück. Und plötzlich fühlte sie einen Stich im Herzen, so daß sie sich setzen mußte. Ihr war ganz sonderbar zumute. Ihre Mundwinkel senkten sich, und Tränen schossen ihr in die Augen. Sie wußte gär nicht, warum sie weinte. Sie schob es auf ihre Nervosität, sprang unmutig auf und fuhr nochmals mit denk nassen Schwamm über ihr Gesicht.
Im Eßzimmer saßen die Eltern noch Beim Frühstück. Helene, Pauline und die Jungen tvaren bereits in der Schule, die kleine Thea kroch auf der Erde Umher und spielte mit einer .Gummipuppe und erneut gestrickten Hampel- Mlcknn.
Die Eltern waren sehr freundlich. Gestern hatten sie sich erschreckt, als Traute, förmlich aufgelöst vor Nässe,
zitternd und fiebrig nach Hause gekommen war, Und sitz hatten sie schleunigst in das Bett gesteckt. Anfänglich hätte die Mutter auch arg geschimpft — bis der Name Eberstedt gefallen war. Der wirkte wie ein Beruhigungsmittel. Und jetzt nun, beim Frühstück, sollte Traute noch einmal erzählens wie alles gewesen wäre.
Gott, da war eigentlich nicht viel zu erzählen! An ihrem Rade war der Gummi geplatzt, und da hatte sie zurückbleiben müssen, und Eberstedt hatte ihr Gesellschaft geleistet, und schließlich wär der Sturm gekommen Und der Regen — kein Regen, eine Sintflut.
„War der Eberstedt nett zu dir?" fragte die Mutter.
„O ja," sagte Traute. Und dann fiel ihr ein: däsj Wichtigste hatte sie ja zu erzählen vergessen. Niels Kruse! wollte das Maifest arrangieren. Prachtvoll — alle sollten uit Kostüm bekannter Märchengestalten erscheinen. Niels teufe wollte auch die übrigen Wörreshooper Maler dabei! beteiligen. Die hätten sich nämlich mit dem Senat gezankt — wegen irgend etwas — aber nun sei wieder alles in Ordnung. Lili Menkens werde wohl als Rotkäppchen gehen, Und Ellen'Meier als Dornröschen -— aber was sie selbst für ein Kostüm tragen sollte, davon hätte sie noch keine Ahnung. . . . Sie kam nun rascher ins Plaudern, steuerte aber immer noch ans Umwegen auf ihr Ziel los, bis sie plötzlich rief:
„Ach — und denkt euch: der Niels Kruse will mich malen! Ich soll ihm partout sitzen. Er hat ein großes! Gemälde begonnen, wieder eins von seinen berühmten! Märchenbildern, und da fehlt ihm noch ein Mädchenkops« und meiner paßt ihm gerade. Denkt bloß»
(Fortsetzung folgt.)
Die Rigi?
„Das Paradies für Nervöse" und den „Himmel der Alpen" nannte eine große deutsche Zeitung einst das weltbekannte, vom Vierwaldstätter-, Zuger- und Lowerzer-See umspülte Jnselgebirge der Zentralschweiz, zu dessen Höhen alljährlich Hunderttausende empvr- streben, UM nicht nur die entzückende, in der Welt einzig dastehende Rundsicht zu genießen, sondern auch Seele und Leib! in der würzigen, stärkenden Alpenlust gesund zu baden. _ Zahlreiche Wege führen zu diesem Paradiese hinauf; aber der schönste und bequemste, an Abwechslung, prachtvollen Aussichten und! überraschenden Momenten reichste, ist derjenige, den sich die elektrische Arth-Rigi-Bahn von Arth-Goldau ans durch das riesige Trümmerfeld des Goldaner Bergsturzes an rauschenden Wasserfällen nnd abgrundtiefen Schluchten vorbei, durch prächtige Wälder und verschwiegene Tunnels hindurch, über mächtige Felswände und liebliche, blumenreiche Matten zur Höhe des Rigi- Kulm gebahnt hat. Auf dieser Bergfahrt entrollen sich die entzückendsten NaturgemÄde in ununterbrochener Folge und stetigem! Wechsel, immer neue, ungeahnte lloberraschnngen bietend. Die verschiedenartigsten Partieen des eine Quadratmeile, umfassenden! Goldaner Bergsturzgebietes, das reizende Arther Paradies, dest liebliche Zugersee mit seinen wunderbaren Farbcnspiclen, der wilde Roßberg, der imposante Kaiserstock, der stolze Hacken und die kahlen, hoch in die Wolken ragenden Mythen, Steinen, der Geburtsort Stauffachers nut' stillen Lowcrzersec mit der idyllischen Insel Schwanau und den Ruinen der von Stauffacher und seinen Getreuen zerstörten Geßlerburg, das selbst einen Goethe in bewundernde Ekstase versetzende Tal von Schwyz mit seinen Kirchen, Klöstern und Kapellen, 'und dahinter die Riesen des Hochgebirges! Glärnisch, Tödi, Scheerhorn und andere ziehen an uns vorüber.! Und all die schönen Bilder sieht man klar und deutlich, nicht! durch Dampf und Rauch der Lokomotive getrübt.
Mit gelindem Grauen blicken wir über die 150 Meter steil zur Tiefe abstiirzende Kräbelwand hinunter, von der aus man eine wundervolle liebersicht über Arth-Goldau, Zugersee, Lowerzer- See und das ganze Tal genießt: aber die Bahn fährt auf seisen- fester Grundlage ruhiger und sicherer dahin, als rede Talbahn., Bewundernd schauen, wir an den nun kommenden, senkrecht empor- steigeudcn Felsbastionen hinauf, von denen prächtige Wasserfälle! unter kühn angelegten Brücken hindurch zur Tiefe stürzen, wie der Rotefluhbach-, Dvssenbach- nnd Schiltbachfall, oder der Blick wird durch liebliche, wie leichte Silbcrschleier an den rötlichen Fels- wänden herniederrieselnde Wasserstaubbäche gefesselt. Da winkt drüben, jenseits der pittoresken, mit der Muotnschlncht an Schönheit wetteifernden Aabachschlncht von waldiger Höhe das historische Wirtshaus zum Rigidächli, dessen Wirt in der Franzosenzeit die Wertsachen der Rigibewohner an sicherem Ort (im Kessibodenloch auf Rigikulm) verbarg und, weil er das Versteck nicht verraten wollte, sein Leben lassen nrußte. Nnn breitet sich die saftiä grüne obere Dächli-Alp vor uns ans; Herdengeläut und die lebensfrohen Jodler der Aclplcr und Sennerinnen tönen uns ins Ohr, und aus Bannt und Strauch erschallt der vierstimmige, herzerquickende Gesang der gefiederten Sänger des Hochwaldes, während hoch vrW


