Ausgabe 
17.7.1911
 
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Das nette Mädel

Roman von Fedor von Zobeltitz (Nachdruck verboten,), (Fortsetzung.)

Er trug sie, wie man ein Kind,trägt. Und da wär iHv äuf einmal, als spüre sie wieder "die Wärme seiner Ge- ruljrung durch die Kleider. Wo seine Hände ruhten, lief es wie Flammen über ihre Haut. Diese Hitze durchströmte ihren ganzen Körper und jagte ihr Schrecken ein. Und dann kam die Besinnung zurück. Das war ja ein Ueberfall war die Verneinung desabsurden Gedankens" ein Hohn auf die Ritterlichkeit seines Empfindens! Und dann fielen ihr seine Worte ein: da durchraste sie ein bitteres Scham­gefühl, instinktive Scham über sich selbst und zugleich ein wütender Aerger iiber. seine Nichtachtung ihrer ehrlichen Mädchenhaftigkeit und int Nu riß sie sich aus seinen Armen, und als er sie nicht im Augenblick freigab, schlug ie mit geballter Faust auf ihn ein, stieß, ihn vor die Brust, . kürzte aus die Erde, sprang sofort wieder empor und schrie ihn an:,

Lassen Sie mich ! Sind Sie verrückt verrückt?!"

Sie überschrie den Wind. Bebend stand sie vor ihm, von ihrem Haar umwirbelt, die Fäuste erhoben. Sie keuchte, und ihre Augen sprühten.

Aber er lächelte. Er fügte sich ohne weiteres dem Umschwung in der Situation. Er verstand sich auf die Beilegung solcher Scherze.

Sie schlugen mich," sägte er,schlagen Sie mich noch einmal. Es ist eine holde Entehrung, die ich vetdient habe. Die Bestie wollte wieder beit anständigen Menschen würgen. Aber Sie haben eine gute Art, sich der Unver­schämtheit zu erwehren. Mein Respekt wächst. Ich sagte vorhin, -Sie seien ein tapferes Mädchen. Das war eine Phrase apropos. Jetzt meine ich es ehrlich: ich bewundere Ihre Tapferkeit und bitte aufrichtig um Verzeihung."

Können wir weitergehen?" fragte sie.

Wie Sie befehlen."

Wo sind unsere Räder?"

Irgendwo. Ich werde sie suchen lassen. Wenn wir Unfern Train noch erreichen wollen, haben wir keine Zeit mehr, in die Kaninchenlöcher ztt kriechen."

Nun gingen sie wie vorhin schweigend nebeneinander. Die Windstöße kamen ruckweise; vereinzelte schwere Regen­tropfen fielen.

Traute versuchte ihr Haar zu flechten. Es wär keine leichte Arbeit im Weiterschreiten. Und plötzlich prasselte der Regen mit voller Wucht Herab.

Noch fünf Minuten," sagte Eberstedt.Das Munkle da vor uns das ist das Jagerhäuschen."

Er griff in die Tasche.Ich habe ein seidenes Hals­tuch hei miKz gnädiges Fräulein. Ich glaube, es würde

zweckmäßig sein, wenn Sie es als Kopftuch benützen woll­ten. Es schützt wenigstens einigermaßen."

Sie dankte kurz, aber er drängte es ihr auf. Da nahm ie es denn, schlang ihr Haar zusammen und umwand es mit dem Tuch.

Dabei war sie stehen geblieben. Nun aber eckte sie hastiger vorwärts. Durch den Regen blinkte ein sich mäh­lich vergrößerndes rotes Auge.

Unser Zug!" rief sie.

Er wartet drei Minuten."

Und dann fragte er in seinem einschmeichelndsten Tonen­dem nur selten versagenden in der Melodienleiter seiner: erfolgreichen Stimme:

Sind Sie mir noch böse?"

Erlassen Sie es mir, Ihnen darauf Antwort zu geben, Herr Eberstedt," erwiderte sie.

Er biß sich auf die Lippen. Der Birkenhain und die Bosketts, die das Jägerhäuschen umgaben (ein im Som­mer viel besuchtes Restaurant), tauchten vor ihnen auf. Man hörte das Mühselige Heranschnauben der Dampfbahn.

Everstedt war jetzt dicht an der Seite Maules. . Er sammelte alles im Ausdruck seines Gesichts und seiner Stimme, was er an zärtlicher Sorge geben zu können meinte, und sagte:

Fräulein Traute, ich bitte Sie noch einmal herzlich: gehet: Sie nicht ztt Niels Kruse" ...

Ein trotziger Zug glitt um ihre Lippen, auch ein spöttischer.

Doch," antwortete sie,ich werde gehen. Verlassen Sie sich darauf. Sei's auch nur, um meine Unbefattgenheit wieder zu finden ober ein Teilchen von dem, ivas Sie die nachtwandlerische Sicherheit des Nichtwissens nannten."

Der Hohn blickte aus ihrem Auge; ihre Stimme zitterte.

Nun sprach er sie nicht mehr an. Sein eitles Herz zuckte. Er sah ein: sein frecher Uebermut hatte diesmal zu einer Niederlage geführt. Aber wenn er sich auch vornahm, schon morgen die Dummheit von heute vergessen zu wollen: er fühlte ein seltsames zartes und banges Weh, das ihm das Vergessen schwer machen konnte.

Er schüttelte sich, und die Regentropfen stäubten um ihn.

Vor dem Jägerhäuschen hielt der kleine, nur aus einer uralten stöhnenden Lokomotive und zwei Waggons be-> stehende Zug. Everstedt löste die Billetts und gab einem Packträger den Auftrag, nach den liegengebliebenen Rädern zu suchen. Dann riß er die Coupeetür auf. Traute flieg ein. Sie triefte vor Nässe und fühlte sich sehr elend.

*

Am Nächsten Morgen war Traute heiser. Sie hatte auch schlecht geschlafen. Sie war erregt und warf sich hin und her. Und wenn sie für eine halbe Stunde entschlummerte^ sah sie Everstedt int Traume vor sich,

Helene pflegte sie zu wecken, bevor sie zur Schule ging. Sie trat, schon den Ranzen auf dem Rücken, in Trautes Zimmer, zupfte M. ihrer Bettdecke, gab ihr dann einen Kuß